Archiv der Kategorie: Theology

Mit gemischten Gefühlen

Allgemeine Impfpflicht ja oder nein?

Es keine wissenschaftliche Fragestellung, die Antwort müssen eher Politiker und Juristen finden nachdem auch die Ethikberatung kläglich gescheitert ist.

Ich bin ohne wenn und aber für das Impfen. Und dabei kann auch eine Impfpflicht helfen, Pocken konnte man und Masern könnte man damit ausrotten. Bei Corona ist eine allgemeine Impfpflicht aber dann doch ein stumpfes Schwert, so Malte Thießen mit “Auf Abstand. Eine Gesellschaftsgeschichte der Coronapandemie”.

  • Die Impflicht kann praktisch nur mit unverhältnismässigem Mitteln durchgesetzt werden
  • Der Nutzen bei Omikron ist in Bezug auf Transmission zu gering und kommt zu spät
  • Mit Einführung der Impfpflicht kommt es wohl noch zur weiteren Mobilisierung antisemitischer und antiwissenschaftlicher Kräfte
  • Die Impfpflicht überzeugt ja nicht sondern übt Zwang aus, schafft also nur Distanzierung zum Staat
  • Die Impfpflicht gilt dann immer noch nicht global
  • Sie verbaut dann auch noch zusätzliche Maßnahmen da ja jetzt alle geimpft sind

Weitere Argumente bei

Bonuslink “Der Impfgegner”

Nicht impfen lassen während einer Pandemie ist eine Art biologische Patientenverfügung

Medizinische Entscheidungen wurden schon immer triagiert, am häufigsten natürlich nach Schweregrad der Erkrankung  und wahrscheinlichem Behandlungserfolg. Triageregeln sind immer mit Unrecht verbunden, es ist kein unverrückbares Regelwerk, höchstens ein Mittel der Schadensbegrenzung. Der wichtigste Konflikt liegt  nach meiner Meinung in dem utilitaristischen Bestreben möglichst vielen Menschen zu helfen sowie dem “egalitär deontologischen Aspekt des Hilfe möglichst gerecht verteilen” (Franz-Josef Bormann).

Ein Triage nach Ursache,  selbstverschuldet oder nicht, wurde aber von allen deutschen Medizinethikern unisono abgelehnt. So zuletzt auch wieder die Ethikratsvorsitzende 

So schwer das für die Betroffenen ist: Lebensrettende Maßnahmen vorzuenthalten, weil der Zustand vermeidbar gewesen wäre, widerspricht wichtigen ethischen Prinzipien der Medizin.

Es wird allerdings nicht klar, was denn nun das wirklich vorrangige ethische Prinzip hist. Und vor allem – so die ZEIT –  findet die Triage im Stillen statt was auch nicht für ein vorrangiges medizinethisches Prinzip spricht wenn dann individuell im Stillen entschieden wird. Vielleicht ist die stille Entscheidung gar nicht so schlecht?

Zurück zu den Kriterien. Warum sollten Patienten in der Chirurgie mit Tumoren nach Hause geschickt werden weil zusätzliche internistische Beatmungsbetten für Impfgegner gebraucht werden? Ist das gerecht? Warum es nicht  bei der Kontingentierung von Betten wie in “Friedenszeiten” lassen? Wohlgemerkt wir sind in der 4. Welle wo primär die Impfgegner nun die Beatmung brauchen, nicht die Ungeimpften der 1. Welle.

Die Ursache zu ignorieren, ignoriert die Autonomie der Impfgegner die sich bewusst und in Kenntnis der möglichen Konsequenz gegen eine Impfung entschieden haben. Wenn dann Georg Marckmann als Vorsitzender der Akademie für Ethik in der Medizin meint

Erstens sei im Einzelfall in der Regel nicht hinreichend sicher nachzuweisen, dass die Erkrankung ursächlich auf ein gesundheitsschädigendes Verhalten des Patienten zurückzuführen ist. Zweitens beruhe das Verhalten häufig nicht auf einer freien, selbstbestimmten und damit selbst zu verantwortenden Entscheidung. Drittens fehlen allgemein akzeptierte Standards, für welche selbst verursachten und frei gewählten gesundheitsgefährdenden Handlungen der Einzelne in welchem Ausmaß Verantwortung tragen soll.

so ist kein einziger stichhaltiger Einwand dabei.

Gerade bei COVID-19 ist auch im Einzelfall die schwere intensivpflichtige Infektion  auf die fehlenden Impfung zurückzuführen (vgl auch  RKI Report S.23).  Ein Faktenargument mit Verweis auf den Einzelfall ist zudem immer ein schwaches Argument.

Zweitens. Die Entscheidung der Impfverweigerung ist unstrittig freiwillig und selbstbestimmt, auch wenn sie auf fehlgeleiteten Ratschlägen von Angehörigen (oder dubiosen Ärzten) beruht. Es fehlt bei der Aussage im übrigen das beweiskräftige Argument, die Behauptung einer nicht verantwortenden Entscheidung steht im luftleeren Raum.

Drittens. Das Argument  der Beliebigkeit von Standards, wen wundert es, ist auch nur ein Strohmann Argument. Wir reden hier nicht über Adipositas oder Fallschirmspringen, sondern über die konkrete Situation von COVID-19 bei Impfgegnern..

Sich nicht impfen zu lassen  trotz der vielen Appelle ist damit eine Art biologische Patientenverfügung, die implizit und  – in einigen Fällen auch explizit – die Verzichterklärung auf intensivmedizinische Massnahmen beinhaltet. Theologen kennen dies im übrigen schon lange als Tun-Ergehen-Zusammenhang, Ethik ist eben doch ein junges Fach.

Interessanterweise betont nun auch eine Juristin die individuelle Verantwortung der individuellen Entscheidung, so Tatjana Hörnle vor einer Woche “Warum der Impfstatus bei der Corona-Triage doch eine Rolle spielen darf” – immer vorausgesetzt natürlich, wir haben eine extreme Ressourcenknappheit.

Mein Argument, warum der Impfstatus kein von vornherein unzulässiges Kriterium ist, behält den Bezug zu betroffenen Individuen. Es geht hier nicht um utilitaristisch zu begründende Gesamtnutzenmaximierung. Dies ist deshalb zu betonen, weil Weyma Lübbe in einem Beitrag zum Verfassungsblog auf utilitaristische Modelle eingeht, die aggregierte Effekte hervorheben, d.h. die größere Zahl rettbarer Leben, wenn Intensivstationen nicht Patienten mit erwartbar langer Behandlungsdauer aufnehmen … Eine rationale Begründung für unabwendbare Priorisierungsentscheidungen ist, dass eine entscheidungsfähige, volljährige Person wesentlich oder gar ausschließlich durch eigenes Verhalten ihre Notlage verursacht hat.

Die Impfentscheidung sollte natürlich nicht das einzige und auch nicht das vorrangige Kriterium bei der Triage sein. Ich meine aber, der Impfstatus sollte mit in die Entscheidung mit einfliessen — also Veto zu Uwe Janssens (Leiter der Arbeitsgruppe Ethik in der DIVI) und  Alena Buyx (Vorsitzende des Ethikrates). Es wird spannend werden, was denn nun das Bundesverfassungsgericht in 5 Tagen dazu sagen wird, insbesondere weil Behindertenverbände gegen die Regeln geklagt haben, die für sie natürlich ein Nachteil darstellen.

 

Nachtrag 29.12.21

Der erste Senat hat entschieden

Mit heute veröffentlichtem Beschluss hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts entschieden, dass der Gesetzgeber Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG verletzt hat, weil er es unterlassen hat, Vorkehrungen zu treffen, damit niemand wegen einer Behinderung bei der Zuteilung überlebenswichtiger, nicht für alle zur Verfügung stehenden intensivmedizinischer Behandlungsressourcen benachteiligt wird.

Ich interpretiere das so, dass der Behandlungserfolg nicht das einzige Kriterium sein kann wie von der DIVI gefordert. Und es steht ja auch explizit da

Dieses Risiko wird auch durch die fachlichen Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) für intensivmedizinische Entscheidungen bei pandemiebedingter Knappheit nicht beseitigt. Die Empfehlungen sind rechtlich nicht verbindlich und auch kein Synonym für den medizinischen Standard im Fachrecht, sondern nur ein Indiz für diesen.

Es ist nun also das zweite große Ethik Fiasko der DIVI nach ihrer Weigerung klinische Daten zu erfassen (“wir behandeln schwerkranke Menschen – alles andere ist für uns unerheblich! Geschlecht, Herkunft, sozialer Status: Das interessiert uns nicht”) oder sie anderen zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Unvergessen sind auch die wissenschaftlichen DIVI Flops, etwa bei den Leitlinien oder der Auswertung.

Da das BVerfG nicht genau sagt, welche Form der Diskriminierung nun verboten ist, und wie die Diskriminierung praktisch verhindert werden soll, steht der Gesetzgeber vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Dazu kommt dass die immer weiter ausufernde Verrechtlichung und Bürokratisierung der medizinischen Versorgung  mehr schadet als nützt.

 

Nachtrag 4.1.22

Prantl, wie so häufig in der Pandemie, ergeht sich nun in schönen aber leeren Sätzen, denen man zwar nicht widersprechen kann, die aber an der Realität vorbeigehen, solange sie keine Alternativen anbieten.

Nein, der Wert eines Lebens kann und darf nicht gemessen werden. Nein, die medizinische Behandlung darf nicht vom Lebenswandel des Kranken abhängig gemacht werden. Nein, das Lebensrecht darf nicht von politischen Einstellungen des Kranken oder von sonstigen utilitaristischen Erwägungen abhängig gemacht werden. Nein, das Krankenhaus darf kein Ort werden, an dem Sanktionen vollzogen werden.

Pathologies in religion and science

excerpt from the Ratzinger and Habermas meeting 19. Januar 2004  (translated by Tham 2018, p5)

We have seen that there exist pathologies in religion that are extremely dangerous and that make it necessary to see the divine light of reasons as “controlling organ”. Religion must continually allow itself to be purified and structured by reason … There are also pathologies of reason, although mankind in general is not as conscious of this fact today. There is a hubris of reason that is no less dangerous. This why reason, too, must be warned to keep within its proper limits, and it must learn a willingness to listen to the great religious tradition of mankind.

Die Kirchen tun sich schwer mit Weihnachten

Was für Schlagzeilen!

Innerhalb von nur 3 Tagen lese ich: “Bischöfe kämpfen für die Christmette” und heute “Kirche hält Triage für zulässig”. Weder der Logik noch der Konsequenz kann man dabei widersprechen. Die Kirchen tun sich schwer mit Weihnachten weiterlesen

Corona als Strafe Gottes?

Allein die Frage ist schon reichlich schräg.

Für den Menschen der Antike war der Zusammenhang allerdings klar: Auf jede Gesetzesübertretung folgt Strafe. So etwa die Abschiedsreden des Mose an das versammelte Volk Israel, das sich gerade auf die Überquerung des Jordan vorbereitete

Wenn du aber nicht gehorchen wirst der Stimme des Herrrn, deines Gottes, und wirst nicht halten und tun alle seine Gebote und Rechte, die ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen… Der Herr wird dich schlagen mit ägyptischem Geschwür, Beulen, Krätze und Ausschlag, dass du nicht geheilt werden kannst.

Das Volk wusste, wovon Mose da redete. Denn bei den zehn Plagen in Ägypten, die sie durchgemacht hatten, waren auch die schwarze Blattern dabei, wohl eine besonders schwere Verlaufsform der Pocken (die Plage hatte Mose im übrigen der Quelle nach mit Russpulver erzeugt).

Heute wissen wir, was die Ursache ist. Es sind in der Tat submikroskopisch kleine Partikel. Viren bestehen aber nicht nur aus Kohlenstoff, sondern auch Phosphatsäureresten, Russpulver ist  dennoch nicht schlecht für eine 3000 Jahre alte Beschreibung. Damals wurden solche Gebote den Menschen mit überirdischer Anordnung  überbracht, weil sie sonst nicht durchzusetzen gewesen wären (viele Gebote waren eigentlich nur Regeln des Infektionsschutzes), heute kann sie jeder verstehen, der etwas Verständnis von Wissenschaft hat.

Eines aber ist gleich – die eigenartige Affinitiät des Virus für Menschen in bestimmten Situationen. Was damals als Strafe für die jeweilige Situation angesehen wurde – verbotene Sklaverei, Hurerei, Landdiebstahl – wird heute wieder als Strafe von ultrarechten amerikanischen Evangelikalen gepredigt [1, 2, 3].

For some conservative Evangelical Christian leaders like Jeffress, the frenzy surrounding the spread of coronavirus—an international pandemic according to the World Health Organization—has provided fertile ground for inserting an absolutist religious narrative with an emphasis on punishment. Along with Jeffress, evangelist Rick Wiles called coronavirus a “death angel” sent in retaliation for sin—“God is about to purge a lot of sin off of this planet,” he warned.

Nicht anderes war es schon 1918 bei der Influenza, so Laura Spinney über den berüchtigten Bischof Ballano

On 
30 
September,
 Bishop
 Álvaro
y 
Ballano 
defied 
the 
health authorities by
 ordering
 a
 novena–evening
 prayers
 on
 nine
 consecutive
 days–in
 honour of 
St 
Rocco, 
the
 patron 
saint 
of 
plague
and 
pestilence,
 because
 the 
evil 
that had
 befallen 
Zamoranos
 was
‘due 
to 
our 
sins 
and 
ingratitude,
 for
 which 
the avenging
 arm
 of
 eternal
 justice
 has
 been
 brought
 down
 upon
 us’.

Evangelikale in Deutschland 2020 steht dem nicht nach (genausowenig wie katholische und orthodoxe Hardliner) Corona als Strafe Gottes [1, 2] zu verkünden

Gott kann Sünde nicht ungestraft lassen … vertritt der Dekan am Bibelseminar Bonn, Prof. Friedhelm Jung. Nach seinen Worten werden sowohl im Alten wie im Neuen Testament Epidemien als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen gesehen … Doch wer am biblischen Gottesbild festhalte, wisse um die Heiligkeit des Schöpfers, „der (wie eine gerechte Regierung) Sünde nicht ungestraft lassen kann. Weil viele Menschen gottlos und in schweren Sünden leben (Stolz, Lüge, Pornografie, Diebstahl, Homosexualität usw.), schickt Gott Strafen.

(die akademische Bezeichnung “Prof.” stammt im übrigen von einer privaten US Einrichtung in Texas und die akademische Bezeichnungen “Dekan” und “Seminar” von dem eingetragenen Verein eines russlanddeutschen “Bundes taufgesinnter Gemeinden”). Wie geht das nur zusammen, auf der einen Seite Viren als wissenschaftliche molekularbiologische Beschreibung zu akzeptieren, aber die epidemiologische Ausbreitungsdynamik als Strafe anzusehen?

Interessanterweise lässt die Interpretation als Strafe aber nun plötzlich nach, da Corona eine Krankheit ist, die bevorzugt Gottesdienstbesucher von russischstämmigen evangelikalen Gemeinden trifft, nach Frankfurt jetzt auch Bremerhaven.

Es bleibt natürlich das Theodizee Problem, immer wieder und mit jedem neuen Toten. Auch wenn es theologisch üblich ist, dann solche Sachen zu sagen wie

Darum sollten wir vorsichtig sein, die Corona-Pandemie religiös aufzuladen … Dass diese Sinnknoten sich einmal lösen werden –das ist eine der Verheißungen für das Ende aller Zeiten.

Dabei wäre es doch nicht schlecht gewesen, einmal so ein direktes Zeichen vom Himmel, dass Fluggesellschaften nicht ungestraft mit Abgasen das Klima zerstören dürfen genausowenig wie die Automobilkonzerne.

So ein direktes Zeichen vom Himmel, dass Großschlachtereien, die von Menschenhandel und Tierquälerei leben, nun ihre Rechnung bekommen.

So ein direktes Zeichen vom Himmel, dass gottlose brasilianische und amerikanische Präsidenten nun von ihrem Thron gestürzt werden.

Mene mene tekel u-pharsin

Mene tekel – die Unheil verkündende Warnung der Propheten wurde noch nie gerne gehört. Die Propheten nehmen, wenn auch nur selten in den Kirchen über sie gepredigt wird, einen wichtigen Teil der alttestamentlichen Literatur ein  ( προφήτης griechisch die „Fürsprecher“, „Sendbote“, „Voraussager“). Dazu gehören zum einen die vier großen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel, dazu die “kleinen” Propheten des Zwölfprophetenbuches; aber auch Prophetinnen wie Debora. Mirjam und andere.

Propheten:innen bezogen ihre Legitimation als Gesandte Gottes während sich aus den überlieferten Aussagen ergibt, dass sie aus der intellektuelle Schicht des Volkes stammten, die komplexe Zusammenhänge deuten konnten. Wikipedia

Eine große Vielfalt altorientalischer Texte enthalten oder sind Weissagungen oder Prophezeiungen. Viele dienten dazu, eine Dynastie nachträglich als gottgewollt zu legitimieren. Einige führen sich auf ein Offenbarungserlebnis zurück und geben eine Gottesbotschaft an bestimmte Adressaten weiter. Die Sprecher sind meist im Umfeld des Königshofes und zentraler Staatskulte angesiedelt. Sie haben meist das Heil und Wohl der jeweiligen Herrscher zum Thema und richten sich nie direkt an das gesamte Volk oder die Völker. Sie kritisieren gelegentlich Einzelaspekte der Kultausübungen, aber massive Unheilsprophetie, Kritik an Königen, ihrer Politik und Sozialkritik fehlen.

Das trifft allerdings nicht für die alttestamentlichen Propheten:innen zu, die massive Kritik an König und Volk übten, so wibilex

Grundlegendes Vorbild für die literarische Form ist das Gerichtsverfahren, das in der prophetischen Verkündigung in übertragener Verwendung auftaucht – ähnlich wie die Botenrolle in der Botenformel. Das bevorstehende Unheil wird mit Hilfe des Modells des Gerichtsverfahrens gedeutet als richtendes und strafendes Handeln Gottes. Dieses Muster kommt auch in den Gerichtsworten an ein Kollektiv zur Anwendung.

Wenn man den Begriff der Propheten etwas weiter fasst, so fällt darunter auch die Totenklage und das Heilsversprechen.  Worauf ich in der aktuellen Krise hinaus will? Es zeigt sich, dass unsere “Wissensgesellschaft” nur sehr begrenzt wissensbasiert ist, wenn die Politik jetzt mehr nach populistischen Strömungen statt nach wissenschaftlichen Ratschlag entscheidet. Damit meine ich nicht so sehr die 3000 Menschen, die sich gestern hier auf dem Marienplatz getroffen haben, die Corona Leugner, Anti-Vaxxer,  Verschwörungstheoretiker und vereinzelte Psychopathen, aus einem breiten politischen Spektrum von FDP und AfD; ich meine damit mehr die Wissenschaftskollegen, die sich abschätzig über Virologen und Epidemiologen äussern.  So musste ich gestern schon wieder auf den Einwand antworten, dass es in Deutschland keine Übersterblichkeit gibt

Erstens gibt es sie wenn auch nur leicht, zweitens haben wir gerade maximale Anstrengung hinter uns, sie zu vermeiden (deswegen liegen wir so viel besser als Bergamo, London oder New York), drittens gibt es positive Effekte des Shutdowns auch auf auslaufende Influenza, weniger Verkehr, etc bei vierten bekannten technischen Problemen (Meldeverzögerung, fehlenden Autopsien, fehlenden Virusnachweis).

Das “kreuzige ihn” ist offensichtlich nicht nur bei den Propheten des Alten Bundes erschallt sondern trifft nun auch uns moderne Weissager, die sich mehr auf Computermodelle beziehen. Jesaija wurde der Legende nach in zwei Teile zersägt; Jeremia kam in Haft, ging dann in Exil; Daniel wurde Tieren zum Frass vorgeworfen; Ezechiel der Legende nach gevierteilt.
Und noch eine interessante Parallele zu den Propheten damals und Wissenschaft von heute auf wibilex

In den meisten Fällen bedient sich ja die Gottheit eines Propheten, um einer dritten Partei etwas ausrichten zu lassen, weil diese nicht von sich aus dem Gotteswillen entspricht. Wird sie mit dem Propheten konfrontiert, so stellen sich in aller Regel Widerstände ein. Für die Adressaten, die die göttliche Sendung des Propheten nicht überprüfen können, ist es besonders verwirrend, wenn mehrere Propheten auftreten, deren Botschaften sich widersprechen.

Falsche Propheten:innen gab es also auch schon früher. Auch heute stellen sich falsche Propheten recht schnell heraus, man muss einfach nur ihre Prognosen mit etwas Zeitabstand überprüfen.

Wenn Kirchen vorübergehend schliessen müssen

Es passierte nur einmal vor 100 Jahren, dass die Kirchen vorübergehend wegen einer Pandemie schliessen mussten.

Dabei geht es eigentlich nicht um Kirchenschliessungen – Gotteshäuser kann man offen lassen – es geht um Veranstaltungen und Gottesdienste, bei der Menschen die Infektion weitergeben können.

Schulen und Kitas in Bayern sind diese Woche geschlossen worden. Auch der Kirchenvorstand meiner evangelischen Gemeinde setzte letzte Woche alle Veranstaltungen aus, ebenso die katholische Kirche im Ort, nachdem das Erzbistum München Freising in der letzten Woche alle Gottesdienste zentral abgesagt hat.

Nur die evangelischen Dekanate bis hinauf zum Landesbischof und EKD Vorsitzendenden tun sich schwer mit dieser einfachen Entscheidung. Der Regionalbischof schreibt mir zwar, sie würden die Sorgen der Menschen ernst nehmen, aber die Empfehlung, die dann anschliessend an die Gemeinden verschickt wird, widerspricht nicht nur jeder Empfehlung sondern auch dem gesunden Menschenverstand: “Wir empfehlen, wie bisher Gottesdienste anzubieten und dabei auf größeren Sitzabstand zu achten; gegebenenfalls auch eine Beschränkung der Teilnehmendenzahl”.

Der Landesbischof verteilt dazu Durchhalteparolen auf Twitter, ekd.de und eine Kanzelabkündigung “Gott hat uns nicht gegeben ein Geist der Furcht”.

Mein Einwand, auch in Korea wurde die Infektion primär über eine Kirche verbreitet wird von @EKD auf Twitter geblockt… Dabei habe ich nicht einmal gesagt, daß Bedford-Strom auf dem Tempelberg besser etwas weniger, dafür jetzt aber etwas mehr Furcht gezeigt hätte.

In dem Zusammenhang auch noch Niebuhr zitieren  als Beleg für Gelassenheit, Mut und Weisheit, ist auch etwas geschichtsvergessen. Reinhold Niebuhr war 1918 Pfarrer in Detroit / Michigan als die spanische Grippe wütete. Er schreibt in Faith and history, Scribners 1949 auf S.199 ff

This negative attitude toward the structures and institutions of social and political life is integral to a wide tendency in Christian thought … An individualistic and pietistic version of the Christian faith obscures the moral and social meaning of human existence and evades man’s responsibility for achieving a tolerable accord with his neighbors … If Lutheranism gives a classical expression of the error in Christian thought, derived from the fact that the individual transcends every social structure and community and is therefore tempted to regard its moral ambiguities as proof of the unredeemable character of man’s social existence, both Catholicism and Calvinism are safe against this error. They have a lively sense of the individual’s responsibility for the whole of his common life.

Die negative Haltung gegenüber sozialen, politischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen scheint also doch eine längere protestantischen Tradition zu haben gegen die der Katholizismus nicht ganz so anfällig ist.

Corona Leugner Wodarg: “Bleiben Sie besonnen”
Bayern evangelisch:  “Landesbischof ruft zu Besonnenheit auf”

Kritische Stimmen zu dem Urteil des Bundesverfassunggerichtes

Dass der Sterbehilfe-Paragraph 217 nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, mag rechtstherotisch nachvollziehbar sein, zerstört aber einen mühsam ausgehandelten gesellschaftlichen Kompromiss.

 

 

Bundesärztekammer: Wir brauchen Zeit für Zuwendung

Betont werden muss auch heute, dass die Beteiligung an Selbsttötungen nicht zu den ärztlichen Aufgaben zählt. Es ist vielmehr Aufgabe von Ärzten, das Leben zu erhalten, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Daher sollten ärztliche Handlungen auf eine lebensorientierte Behandlung abzielen und Leiden durch eine geeignete schmerzmedizinische Versorgung lindern. Gerade die Palliativmedizin stellt eine adäquate Form der ärztlichen Sterbebegleitung dar.

 

Ethikrat: Der Lebensschutz wiegt nichts

(Frage) Ein 18-Jähriger mit Liebeskummer, gemobbt und ohne Lehrstelle, sagt: Ich will ernsthaft nicht mehr leben – und sucht sich einen Sterbehilfeverein. Wäre das durch das Urteil gedeckt?
(Antwort) Ja. Es sagt ausdrücklich, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben könne nicht auf schwere Krankheitszustände und bestimmte Lebensphasen eingeschränkt werden, es bestehe “in jeder Phase menschlicher Existenz”. Das Verfassungsgericht legt dann dem Gesetzgeber nahe, Prozeduren zu entwickeln, um die Ernsthaftigkeit eines solchen Wunsches zu prüfen und die Seriosität einer Sterbehilfeorganisation. Aber grundsätzlich gilt: Das Verwirklichungsrecht des jungen Mannes auf assistierten Suizid darf nicht beeinträchtigt werden. Wollen wir, dass unsere Rechtsordnung so schrankenlos ist?

 

Kirchen: Mit großer Sorge

Mit großer Sorge haben wir zur Kenntnis genommen, dass das Bundesverfassungsgericht am heutigen Tag (26. Februar 2020) das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217 StGB) aufgehoben hat. Dieses Urteil stellt einen Einschnitt in unsere auf Bejahung und Förderung des Lebens ausgerichtete Kultur dar. Wir befürchten, dass die Zulassung organisierter Angebote der Selbsttötung alte oder kranke Menschen auf subtile Weise unter Druck setzen kann, von derartigen Angeboten Gebrauch zu machen.

The works of the Lord are great, sought out of all them that have pleasure therein

which is the Coverdale version of Great are the works of the Lord, studied by all who delight in them. The works of the Lord are great, sought out of all them that have pleasure therein weiterlesen

Nahtod (Bewusstseinsmodelle V)

Interessant wäre es, sich dazu einmal die Nahhtod Forschung anzusehen, zumal es ganze Webseiten dazu gibt, wie die Near Death Experience Research Foundation. Hinter dem hochtrabenden Namen verbergen sich allerdings nur Erfahrungsberichte, die wenig objektivierbar sind. Es gibt – wie sollte es auch – keine prospektive Studie und schon gar keine Interventionsstudie.

Long hat mit den Büchern Evidence for the Afterlife und God and the Afterlife allerdings Bestseller geschrieben, so manipogo

Jeffrey Long legt jedem, der eine Nahtod-Erfahrung gemacht hat, 140 Fragen vor. Die Ergebnisse hat er aufgeschlüsselt. Da gibt es zum Beispiel 22 Nahtod-Erfahrung in Vollnarkose. Diese Leute berichteten von Bildern und Dialogen, die sie mitgekriegt hatten. Sollte es nicht geben. »Absolut unerklärlich«, sagt Doktor Long.

Aber das ist alles so eine Sache, vom einfachen Schwindel, bis zur Hypoxie des Gehirns oder dem implantierbaren Gedächtnis.


Nahtod ist eben nicht Tod.  Objektivierbare Verfahren sind jedenfalls gescheitert, so  “Militant Agnostic

In 1907 a Massachusetts physician named Duncan MacDougall tried to find out by weighing six dying patients before and after their death. He reported in the medical journal American Medicine that there was a 21-gram difference. Even though his measurements were crude and varying, and no one has been able to replicate his findings, it has nonetheless grown to urban legendary status.

Genetische Ausnahmslosigkeit?

Peter Dabrock im Deutschen Ärzteblatt

Die Keimbahn als solche ist nicht sakrosankt. Das mag auf den ersten Eindruck erstaunen, weil viele Menschen die Keimbahn als etwas Besonderes einschätzen. Aber der Mensch geht in seiner Keimbahn nicht auf – das wäre eine ethisch unstatthafte Biologisierung menschlichen Daseins.

Die Keimbahn sakrosankt? Es ist ein klassische Strohmann Argument hier: irgendetwas behaupten, widerlegen und einen Schluss zu ziehen, der nicht gerechtfertigt ist.

Ohne hier einen genetischen Exzeptionalismus zu vertreten, ist die Keimbahn natürlich etwas Besonderes – der individuelle Code des Lebens, der Blueprint von drei Milliarden Basenpaaren anhand derer sich durch einen mehrfach abgesicherten Mechanismen jeder Mensch entwickelt hat. Und zwar indivduell, jeder Mensch einzigartig, als Kind seiner Eltern, das schätzen die meisten Menschen auch völlig richtig ein.

In der Keimbahn geht der Mensch nicht auf, er entwickelt sich daraus. Hier ist dann auch noch Ursache und Wirkung vertauscht, um das vernichtende Argument abzugeben – ethisch unstatthaft – mit entsprechenden Konsequenzen.

Die Menschwerdung ist etwas Besonderes, wie es Karl Eibl es wunderbar einmal beschrieben hat.

Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.” (1. Mose 2,7). Diese alte Geschichte gibt knapp und schmeichelhaft Auskunft über die Stellung des Menschen in der Natur, aber sie wird in der Regel nur am Sonntag erzählt. Die andere, neuere und werktagsgeeignete Geschichte trägt so unangenehm plärrende Titel wie “Der nackte Affe” oder “Der dritte Schimpanse” oder “Von Menschen und anderen Tieren”. Sie hat zwar einige Plausibilität, wenn wir das Verhalten unserer Mitmenschen ansehen, aber uns selbst und ein paar Freunde würden wir gerne ausnehmen, sprechen deshalb lieber von Bewusstsein, Emanzipation von Naturzwängen, Emergenz und ähnlichen schwer definierbaren Kostbarkeiten, die uns letzten Endes doch eine Sonderstellung im Kosmos sichern sollen. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Auch der Elefant ist nicht irgendein Dahergelaufener, und wenn er sprechen könnte, würde er uns vielleicht ärgerlich versichern, dass auch er eine Sonderstellung im Kosmos hat. Eigentlich ist jede Gattung oder Art etwas Besonderes, sonst könnten wir sie ja nicht von anderen unterscheiden. Die Frage ist eher, ob das Besondere des Menschen ein besonders Besonderes, ein ganz Anderes ist.

 

Peter Dabrock zu Keimbahneingriffen

O-Ton Peter Dabrock “Apothekenschau” gestern (30.10.2019)  Darf man Erbgut korrigieren?

Herr Professor Dabrock, kürzlich wurden die ersten Menschen mit korrigierten Genen geboren. Was halten Sie davon?
Ich halte das aus mehrerern Gründen für verwerflich. So könnte das Ausschalten dieses speziellen Gens die Lebenserwartung bei den gerade geborenen Mädchen um zehn Jahre verkürzen.
Zudem wissen wir generell zu wenig über die Nebeneffekte von Genscheren. Denn sie schneiden das Erbgut nicht nur an der beabsichtigten Stelle. Niemand kennt die Folgen, die sich daraus ergeben. Auch deshalb hält keiner der führenden Wissenschaftler Genkorrekturen an der Keimbahn für verantwortbar.

Die Antwort enthält mehrere Fehler (wobei es natürlich schwierig ist, für einen evangelischen Theologen über Wissenschaft zu reden, die er nur vom Hörensagen kennt).
1. Die Lebenserwartung wird durch die Ausschaltung von CCR5 nicht verringert. Die einzige Arbeit, die das behauptet hat, wurde am 8.10.2019 zurückgezogen. Das sollte man wissen, wenn man darüber redet.
2. Die zweite Aussage ist auch falsch, denn wir wissen ziemlich genau, was die Genscheren für Nebeneffekte haben. Ich habe das für die Crispr Cas Twins vorgerechnet, sowohl für den Phänotyp als auch für die off-target Effekte. Die Folgen sind katastrophal, vermutlich der Grund, warum keiner die Kinder untersuchen darf.
3. Leider ist die ganze Diskussion Schnee vom letzten Jahr. Neuere prime editing Verfahren sind sehr präzise und können nach aktuellem Hochrechnung 90% der bekannten Mutationen reparieren. Damit ist aus technischer Sicht eine Genkorrektur verantwortbar.

Und wie steht es um die grundsätzliche Frage, ob man das darf?
Wir erreichen eine Schwelle, an der die Menschheit in der Lage ist, ihre eigenen biologischen Gurndlagen technisch zu manipulieren. Es ist eine Menschheitsfrage zu klären, ob wir das wollen oder nicht. Und darüber müssen wir zunächst eine gesellschaftliche Debatte führen. Deshalb halte ich es für ein ethisch niederes Motiv, wenn einzelne Forscher aus Ruhmsucht vorpreschen.

Der erste Satz antwortet nicht auf die “grundsätzliche” Frage ebensowenig wie der zweite  Satz.
Die “Menschheit” hat im übrigen eine Meinung dazu: Keine der großen Weltreligionen erlaubt solche Eingriffe (wie wir in einer noch nicht veröffentlichten Arbeit zeigen werden).
Und drittens, woher kennt Peter Dabrock idie ethische Motivation von He Jiankui, den er nie getroffen hat? Kollegen, die JK kennen, beschreiben seine Motivationslage als komplex, er ist in einr Gegend aufgewachsen in der ganze Dörfer an AIDS litten.

Der Deutsche Ethikrat fordert aktuell den globalen Stopp solcher Eingriffe. Hält er sie jedoch eventuell in der Zukunft für angemessen?
Ja, angenommen wir erreichen den Punkt, an dem wir solche Korrekturen für verantwortbar halten. Dann wäre es bei schweren Krankheiten sogar geboten, die Keimbahn zu korrigieren, wenn das die Chance bietet, Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen. Diesen Standpunkt vertritt die Mehrheit des Deutschen Ethikrats.

Ethik per Mehrheitsentscheidung hängt davon ab, wo die Mehrheiten gerade liegen. Heute hier, morgen da. Die Entscheidungen sollen zwar unpolitisch sein (§5 Ethikratgesetz) aber da die Mitglieder je zur Hälfte auf Vorschlag des Deutschen Bundestags und der Bundesregierung gewählt sind, ist jedes Statement des Ethikrates auch ein politisches Statement. C F Gethmann kritisiert ja auch unseren Problem-Monismus, dass die jeweiligen Wissenschaften sich jeweils auf ihr Problem konzentrieren müssen, während politisches Handeln bzw ethische Berwertung ein multidimensionales”Problemgefüge” bewältigen muss. Nur leider liegt der Ethikrat an so  vielen anderen Stellen immer wieder daneben, vermutlich weil ihm die Sachkenntnis der “Monisten” fehlt.

Es soll nun also geboten sein, die Keimbahn zu korrigieren? Auch von ethischer Seite sind die Interviewantworten von Dabrock so dubios, wie von medizinisch-biologischer Seite. Liegen hier nicht unüberwindbare Konfliktmöglichkeiten?  Es findet kaum ein Behinderter gut, was der Ethikrat sich hier ausgedacht hat. Es gibt zu viele Gründe, die gegen Keimbahneingriffe sprechen, im übrigen deutlich mehr, als der Ethikrat in seiner Stellungnahme aufgezählt hat.

Rhetorisch ist das Argument zudem schwach, denn um Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen, verhindert man auch nicht, dass sie sich schneller als 30 km/h bewegen.

Und spricht Peter Dabrock hier eigentlich für den Ethikrat (sprich, ist das Interview autorisiert?) Spricht er für die evangelische Kirche? Oder für die evangelische Theologie? Oder ist das Thema eigentlich völlig egal und  Dabrock spricht nur für sich selbst?

Und hat er nicht 2017 gesagt, wir sind “meilenweit von einem Designerbaby entfernt”?

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.