{"id":10504,"date":"2018-09-29T09:06:35","date_gmt":"2018-09-29T08:06:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=10504"},"modified":"2019-06-16T11:06:28","modified_gmt":"2019-06-16T10:06:28","slug":"das-judische-bioethik-paradox","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2018\/09\/das-judische-bioethik-paradox\/","title":{"rendered":"Das j\u00fcdische Bioethik Paradox"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein interessantes Ph\u00e4nomenon.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite gibt es kein liberaleres Land f\u00fcr Stammzellforschung, genetische Tests, IVF und Abtreibung. Gleichzeitig aber wird assistierten Suizid und Sterbehilfe abgelehnt.<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufigste Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist die j\u00fcdische Einstellung <em>pro Science<\/em>. So etwa hat in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tikun_Olam\">Tikkun Olam<\/a>\u00a0die Verpflichtung auf eine bessere Welt eine lange Tradition. &#8220;<a href=\"https:\/\/bibeltext.com\/text\/genesis\/30.htm\">Gentechnik<\/a>&#8221; gab es schon 1.800 v. Chr. in der Jakobsgeschichte. Das erkl\u00e4rt allerdings nicht die Ablehnung der Sterbehilfe.<\/p>\n<p>Dmit kommen wir zum n\u00e4chste n Punkt: Das Judentum ist auch <em>pro vita<\/em> eingestellt, alles ist gut, was Leben schafft und bewahrt. Der Genesis Auftrag heisst &#8220;fruchtbar zu sein und sich zu mehren&#8221;.<\/p>\n<p>Allerdings spricht die Freigabe der Abtreibung (auf Entscheidung eines Komitees) dann doch gegen eine reine Vermehrungsstrategie..\u00a0Wie kann nur eine &#8220;konservative&#8221; Religion eine so &#8220;progressive&#8221; Ansichten hervorbringen? <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Religion-bioethischen-Diskursen-Interdisziplin\u00e4re-internationale\/dp\/3110224372\">Shai Navi<\/a> bietet daf\u00fcr zwei Erkl\u00e4rungen. \u00a0Zum einen unterscheidet das Rabbinertum deutlich zwischen Mittel und Zweck. Mittel und Zweck lassen sich trennen, damit l\u00e4uft im Endeffekt doch alles auf der <em>pro vita<\/em> Schiene.<\/p>\n<p>Die folgende Erkl\u00e4rung dagegen scheint mir am \u00fcberzeugendsten: Rabbiner folgen einer alten <em>ph\u00e4nomenologischen \u00dcberlieferung<\/em>\u00a0und nicht der modernen <em>wissenschaftlich ontologischen Tradition<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>The Jewish position concerning the status of the fertilized egg is based on the Talmud which says that before the 40th day the fetus is &#8220;mayim be alma&#8221; no more than plain water<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nSeveral leading Orthodox rabbis have rejected the modern definition of brain death and have insisted on maintaining the traditional definition of the cessation of respiration and heart beat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wasser bleibt Wasser, selbst wenn man mit dem Mikroskop darin etwas lebendiges erkennen kann. Aber ein Mensch, der atmet, ist niemals tot, selbst wenn sein EEG nur eine Nulllinie zeigt.<br \/>\nDas ist in der Tat eine konsistente ph\u00e4nomenologische Argumentation.<\/p>\n<p>Die Ph\u00e4nomenologie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ma\u00dfgeblich von Edmund Husserl gepr\u00e4gt. Und Husserl ist im Alter von 27 Jahren vom Judentum zum Protestantismus \u00fcbergetreten&#8230;<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 29.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein interessantes Ph\u00e4nomenon. Auf der einen Seite gibt es kein liberaleres Land f\u00fcr Stammzellforschung, genetische Tests, IVF und Abtreibung. Gleichzeitig aber wird assistierten Suizid und Sterbehilfe abgelehnt. Die h\u00e4ufigste Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist die j\u00fcdische Einstellung pro Science. 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