{"id":11674,"date":"2019-01-26T10:06:08","date_gmt":"2019-01-26T10:06:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=11674"},"modified":"2020-01-01T10:34:27","modified_gmt":"2020-01-01T10:34:27","slug":"die-meinung-der-epidemiologen-6000-tote-xi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/01\/die-meinung-der-epidemiologen-6000-tote-xi\/","title":{"rendered":"Die Meinung der Epidemiologen (6000 Tote XI)"},"content":{"rendered":"<p>Joachim M\u00fcller Jung <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/starker-tobak-fuer-die-lungenaerzte-16008412.html\">l\u00e4sst in der FAZ<\/a>\u00a0&#8220;unabh\u00e4ngige&#8221; Experten zu Wort kommen.<\/p>\n<blockquote><p>Das \u201eScience Media Center\u201c, das unabh\u00e4ngig von klassischen Medien, Institutionen und Verb\u00e4nden recherchiert, hat Stimmen internationaler Forscher eingeholt, die \u2013 anders als die Verfasser der Stellungnahme \u2013 mit der Erforschung der Gesundheitsgefahren von Luftschadstoffen befasst sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unabh\u00e4ngig von klassischen Medien, wie geht das? Und Position beziehen, bereits im ersten Satz? Ich geh\u00f6re nicht zu den Unterzeichnern der Stellungnahme, aber nat\u00fcrlich haben viele der Unterzeichner auch zu\u00a0Luftschadstoffen gearbeitet.<\/p>\n<p>Trotzdem solle es jetzt nicht zu Wissenschaftsjournalismus gehen, sondern zu den\u00a0Experten aus der Umweltepidemiologie. Ganz so unabh\u00e4ngig sind sie nicht wie angenommen, denn sie bekommen ihre Flugkosten, Vortragshonorare und Arbeitsgruppen nicht von der Autoindustrie bezahlt (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/auto\/aktuell\/stickoxide-co-autor-des-positionspapiers-ist-diesel-entwickler-a-1249946.html\">was man gerade den \u00c4rzten vorwirft<\/a>), sondern von EU, WHO, BMBF oder UBA (<a href=\"https:\/\/www.naturefund.de\/wissen\/co2_alt\/flugzeug\/\">vielleicht kann jemand mal die CO2 Bilanz der WHO Experten recherchieren?<\/a>).<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich gibt es auch da ein Gef\u00e4lligkeitsrecycling: das UBA braucht Positivergebnisse zum Existenznachweis. Was soll das Amt auch mit Negativberichten anfangen? (Das UBA k\u00f6nnte auch mal offen legen, warum es gerade eine bestimmte Arbeitsgruppe f\u00f6rdert). Eine unvoreingenommene Zusammenfassung des Berichtes w\u00e4re schliesslich auch gewesen &#8220;Es gibt keine erh\u00f6hte Mortalit\u00e4t&#8221;. WHO, EU und EPA raten davon ab, <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/01\/die-meinung-der-lungenfacharzte-6000-tote-x\/\">f\u00fcr NO2 Mortalit\u00e4tsziffern zu publizieren,<\/a>\u00a0warum macht das dann das UBA?<\/p>\n<p>Statt zu deeskalieren, die vielen Fehler des UBA Reports einzur\u00e4umen, gehen die Umweltepidemiologen nun \u00a0in den Gegenangriff. Sie merken nicht, dass sie damit in einen Skandal schlittern,\u00a0<a href=\"http:\/\/science.sciencemag.org\/content\/291\/5513\/2536\">der dem Epidemiologie Skandal vor 20 Jahren um nichts nach steht<\/a>. Epidemiologen sind schon immer gern gegen die Toxikologen zu Felde gezogen (im Endeffekt geht die Diskussion ja auch um den Konflikt beider Disziplinen &#8211; <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/politik\/article213276021\/Abgastests-Wie-unabhaengig-sind-Forscher-von-der-Wirtschaft.html\">erinnern wir uns an die Kritik der Affentests<\/a>).<\/p>\n<p>Die Toxikologie ist das \u00e4ltere und wissenschaftlich arrivierte Fach, klassische Experimente sind eben schwer zu widerlegen. Und Stickstoffdioxid f\u00e4llt als Gas eben doch mehr in die Dom\u00e4ne der Toxikologie. Statt sich aber nun um eine integrative W\u00fcrdigung toxikologischer Positionen zu bem\u00fchen, war die Umweltepidemiologie immer schon eine eingeschworene und kritikresistente Fraktion, das zeigt sich jetzt in der Stellungnahme von Nino K\u00fcnzli<\/p>\n<blockquote><p>Die Grenzwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO beruhen auf der gesamten weltweit verf\u00fcgbaren wissenschaftlichen Evidenz zu den Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit. Diese experimentelle und epidemiologische Forschung schl\u00e4gt sich allein in den letzten 30 Jahren in etwa 70.000 wissenschaftlichen Arbeiten nieder. Diese Literatur wird von gro\u00dfen interdisziplin\u00e4ren Fachgremien regelm\u00e4\u00dfig neu beurteilt. Die Herren K\u00f6hler, Hetzel (zwei der Autoren der Stellungnahme; Anm. d. Red.) und ihre J\u00fcnger sucht man in dieser Wissenschaftsgemeinde vergeblich. Sie haben noch nie zu diesem Thema geforscht, weshalb sie auch noch nie in wissenschaftlichen Gremien zu diesen Fragestellungen t\u00e4tig sein durften. In diesen Gremien wird Sachwissen verlangt. K\u00f6hler, Hetzel und Co. verf\u00fcgen \u00fcber keinerlei epidemiologische Ausbildung, die sie dazu bef\u00e4higen w\u00fcrde, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Umweltepidemiologie sachkundig zu beurteilen. Das sogenannte \u201aPositionspapier\u2018 dieser \u00c4rzte entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und argumentativer Koh\u00e4renz. Leider fehlt K\u00f6hler, Hetzel und Co. nicht nur die F\u00e4higkeit, diese Wissenschaft kritisch zu w\u00fcrdigen, sondern auch die Einsicht \u00fcber die Grenzen der eigenen Kompetenzen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>K\u00fcnzli argumentiert<\/p>\n<ul>\n<li>ad personam (&#8220;fehlt die Einsicht&#8221;)<\/li>\n<li>macht sich unanfechtbar (&#8220;weltweit verf\u00fcgbaren wissenschaftlichen Evidenz&#8221;)<\/li>\n<li>nur seine <em>peer group<\/em> ist qualifiziert (&#8220;von gro\u00dfen interdisziplin\u00e4ren Fachgremien&#8221;)<\/li>\n<li>welche die Qualifikationen vorgibt (&#8220;\u00fcber keinerlei epidemiologische Ausbildung&#8221;)<\/li>\n<li>und \u00fcber Logik entscheidet (&#8220;entbehrt argumentativer Koh\u00e4renz&#8221;)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Irgendwie ist das wohl das genaue Gegenteil von dem was zur <a href=\"https:\/\/www.start.umd.edu\/sites\/default\/files\/files\/publications\/UnderstandingRiskCommunicationTheory.pdf\">Kommunikation bei Krisen<\/a> geraten wird.<br \/>\nFakten sehen ich in der Stellungnahme allerdings nur wenige. Unter den polemisch bezeichneten &#8220;J\u00fcngern&#8221; sind auch viele renommierte Lehrstuhlinhaber und fr\u00fchere Koautoren von mir. Eine Zahl von 70.000 epidemiologischen Arbeiten zu Langzeiteffekten von NO2 bezweifle ich jedenfalls, oder wird hier jetzt auch alles in einen Topf geworfen? Es geht doch auch nicht um Quantit\u00e4t, sondern um Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich versuche das Problem an einem (weitgehend unpolitischen) Beispiel zu erkl\u00e4ren. Zur Assoziation von Vitamin D Spiegel im Blut mit diversen Krankheiten gibt es eine riesige Zahl von Studien. Die genaue Zahl weiss ich nicht, vermutlich aber auch in der Gr\u00f6ssenordung von 50.000 Studien. Es gibt so viele Studien, dass es insgesamt 74 Metaanalysen von Beobachtungsstudien und 87 Metaanalysen von randomisierten klinischen Studien erschienen sind. Wer soll das jemals noch \u00fcberschauen? 2014 ist dann die wohl erste <a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/348\/bmj.g2035\">Metaanalyse der Metananalysen<\/a> erschienen. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich die in Beobachtungsstudien berichteten Effekte nicht in klinischen Studien beweisen lassen.\u00a0Was auch immer inhaltlich dahinter steht, eines ist unmissverst\u00e4ndlich: Qualitativ bessere Studien machen Studien mit geringerer Qualit\u00e4t obsolet.<\/p>\n<p>Die Hierarchie der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Evidenzgrad\">Evidenzlevel<\/a> kann man auf Wikipedia nachlesen:<\/p>\n<ul>\n<li>Stufe Ia: Wenigstens eine Metaanalyse auf der Basis methodisch hochwertiger randomisierter, kontrollierter Studien<\/li>\n<li>Stufe Ib: wenigstens ein ausreichend gro\u00dfer, methodisch hochwertiger RCT<\/li>\n<li>Stufe IIa: wenigstens eine hochwertige Studie ohne Randomisierung<\/li>\n<li>Stufe IIb: wenigstens eine hochwertige Studie eines anderen Typs, quasi-experimenteller Studie<\/li>\n<li>Stufe III: mehr als eine methodisch hochwertige nichtexperimentelle Studie wie etwa Vergleichsstudien, Korrelationsstudien oder Fall-Kontroll-Studien<\/li>\n<li>Stufe IV: Meinungen und \u00dcberzeugungen von angesehenen Autorit\u00e4ten (aus klinischer Erfahrung); Expertenkommissionen; beschreibende Studien<\/li>\n<li>Stufe V: Fallserie oder eine oder mehrere Expertenmeinungen<\/li>\n<\/ul>\n<p>70.000 Studien auf Stufe IV sind also nichts mehr wert, wenn es eine bessere Studie auf Stufe I gibt. Das verstehe ich unter &#8220;argumentativer Koh\u00e4renz&#8221;.<\/p>\n<p>Schauen wir uns also nun den <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2018\/03\/die-mar-6000-tote-i\/\">UBA Bericht<\/a> noch einmal an. Schwierig zu sagen, ob das nun IV oder III ist. Ich entscheide auf IV, da nicht methodisch hochwertig. Schauen\u00a0wir dann die letzte Studie zu <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/01\/das-killer-argument-gegen-den-no2-grenzwert-6000-tote-vi\/\">\u201cBackground\u201d-NO<sub>2<\/sub> Wert von 40 \u00b5g\/m<sup>3<\/sup><\/a>\u00a0an. Nach meiner Meinung ist das IIa.<\/p>\n<p>(Die outcomes sind unterschiedlich, einger\u00e4umt, aber es k\u00e4me auch niemand auf die Idee die Toten in London zu z\u00e4hlen).\u00a0IIa ist jedenfalls h\u00f6her als IV, vergessen wir die 40 \u00b5g\/m<sup>3<\/sup>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11696\" aria-describedby=\"caption-attachment-11696\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-11.png\" data-rel=\"key-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11696 size-medium\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-11-620x408.png\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-11-620x408.png 620w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-11.png 649w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11696\" class=\"wp-caption-text\">Scholar Abfrage &#8220;traffic + health effects&#8221; 24.1.2019<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_11707\" aria-describedby=\"caption-attachment-11707\" style=\"width: 339px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/mediathek.daserste.de\/Anne-Will\/Streit-um-Abgaswerte-sind-Fahrverbote-\/Video?bcastId=328454&amp;documentId=59759302\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11707\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-12-620x421.png\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-12-620x421.png 620w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-12-768x521.png 768w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-12-737x500.png 737w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/screen-12.png 1005w\" sizes=\"auto, (max-width: 339px) 100vw, 339px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11707\" class=\"wp-caption-text\">Sie Exot! Sie Exot!<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 07.05.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim M\u00fcller Jung l\u00e4sst in der FAZ\u00a0&#8220;unabh\u00e4ngige&#8221; Experten zu Wort kommen. Das \u201eScience Media Center\u201c, das unabh\u00e4ngig von klassischen Medien, Institutionen und Verb\u00e4nden recherchiert, hat Stimmen internationaler Forscher eingeholt, die \u2013 anders als die Verfasser der Stellungnahme \u2013 mit der Erforschung der Gesundheitsgefahren von Luftschadstoffen befasst sind. Unabh\u00e4ngig von klassischen Medien, wie geht das? 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