{"id":11729,"date":"2019-01-30T09:16:43","date_gmt":"2019-01-30T09:16:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=11729"},"modified":"2020-01-01T10:34:09","modified_gmt":"2020-01-01T10:34:09","slug":"wissenschaftsjournalismus-6000-tote-xiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/01\/wissenschaftsjournalismus-6000-tote-xiv\/","title":{"rendered":"Wissenschaftsjournalismus (6000 Tote XIV)"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem zu Beginn der Diskussion die FAZ Wissenschaftsredaktion \u00a0\u00d6l ins Feuer gegossen hat, versucht sich nun <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/diagnose\/lungenaerzte-zu-feinstaub-und-stickoxiden-die-einen-sagen-so-die-anderen-so-a-1250412.html\">Nina Weber<\/a> an einer Schadensbegrenzung.<\/p>\n<p>Eine logischen Dekonstruktion k\u00f6nnte in der Tat helfen, leider macht auch Frau Weber den Fehler,\u00a0Feinstaub und Stickoxide in der Diskussion nicht zu trennen. Aber tun wir mal nun so, als w\u00fcrden wir nur \u00fcber Feinstaub reden. Hier die beiden Aussagen<\/p>\n<blockquote><p>Gesundheitssch\u00e4dliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbev\u00f6lkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen <s>gut<\/s> untersucht und belegt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Stimmt.<\/p>\n<blockquote><p>Lungen\u00e4rzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese (durch Zigarettenrauch bedingte) Todesf\u00e4lle an COPD und Lungenkrebs t\u00e4glich; jedoch Tote durch Feinstaub <s>und NOx<\/s>, auch bei sorgf\u00e4ltiger Anamnese, nie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Stimmt.<\/p>\n<p>Die epidemiologische Untersuchung in Aussage 1 hat mit der klinischen Untersuchung in 2. das Objekt, n\u00e4mlich die Toten gemeinsam (sagen wir 100.000 im ersten Fall und 100 im zweiten Fall). Nicht gemeinsam ist die Methode. Nicht gemeinsam ist der Schluss, der daraus gezogen wird.<\/p>\n<p>In kontr\u00e4rem Gegensatz stehen in der Logik zwei Aussagen gegen\u00fcber, die sich gegenseitig ausschlie\u00dfen, jedoch einen gemeinsamen \u00fcbergeordneten Gattungsbegriff besitzen.\u00a0Es gibt zwar hier einen gemeinsamen \u00fcbergeordneten Gattungsbegriff, womit die Aussagen kontr\u00e4r w\u00e4ren. Bei genauerem Hinsehen widersprechen sie sich aber nicht. Mit der Anamnese bei ein paar Todesf\u00e4llen kann der Arzt in Schmallenberg das niedrige Risiko nicht erkennen. Allerdings heisst das aber nicht, dass es dieses Risiko nicht gibt, denn er hat keine Methode, ein Risiko zu erkennen, das erst bei 101 Personen zu erkennen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aussage 2 ist also nicht die Negation von Aussage 1. Die Konjunktion ist richtig: sowohl Aussage 1 als auch Aussage 2 ist richtig.<\/p>\n<p>Auf Deutsch, hier reden zwei Menschen aneinander vorbei.<\/p>\n<p>(Abseits von der Logik, gibt es noch mehr Unterschiede, zum Beispiel aus psychologischer Sicht. Aussage 1 ist mehr der Wissenschaft und Abstraktion zuzuorden, Aussage 2 mehr der praktischer Erfahrung. Eine Typologiefrage also, wer nun welcher Aussage prim\u00e4r zuneigt. Und auch politisch gibt es Unterschiede: Der &#8220;gesunde Menschenverstand&#8221; der Aussage 2 f\u00e4llt mehr in die Kategorie &#8220;das muss man doch mal sagen d\u00fcrfen&#8221;, die vor allem im rechten Spektrum bedient wird).<\/p>\n<p>(Logik f\u00fcr Fortgeschrittene: Auch Aussage 1 beruht auf Modellannahmen und nicht der Wirklichkeit. Was ist dabei &#8220;gut&#8221; &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ethisches_Gut\">einem Begriff aus der Ethik<\/a>? Aussage 2 zu Rauchen beruht auf der geschm\u00e4hten Methode von Aussage 1, siehe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/British_Doctors_Study\">British Doctors Study<\/a>).<\/p>\n<p>Kommen wir zu Frau Weber zur\u00fcck: Was sie im Spiegel mit <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/False_balance\">false balance<\/a> als Erkl\u00e4rungsmodell will, ist gut gemeint. Nur leider bedeutet der Begriff etwas ganz anderes:<\/p>\n<blockquote><p>False balance, also bothsidesism, is a media bias in which journalists present an issue as being more balanced between opposing viewpoints than the evidence supports. Journalists may present evidence and arguments out of proportion to the actual evidence for each side, or may omit information that would establish one side&#8217;s claims as baseless.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8220;False balance&#8221; ist also ein Medienbias, bei dem Journalisten parteiisch sind, nicht objektiv berichten. Also Meta-ebene, nicht Objekt-ebene. Der Spiegel Artikel ist damit selbst zu einem unfreiwilligen Beispiel von &#8220;false balance&#8221; geworden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Thema. Wir haben \u00a0also zwei richtige Aussagen. Bleibt die Frage: Sind die Aussagen \u00fcberhaupt relevant? <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/01\/die-munchner-luft-6000-tote-xv\/\">Das darf jetzt jeder selbst entscheiden<\/a>.<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 15.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem zu Beginn der Diskussion die FAZ Wissenschaftsredaktion \u00a0\u00d6l ins Feuer gegossen hat, versucht sich nun Nina Weber an einer Schadensbegrenzung. Eine logischen Dekonstruktion k\u00f6nnte in der Tat helfen, leider macht auch Frau Weber den Fehler,\u00a0Feinstaub und Stickoxide in der Diskussion nicht zu trennen. 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