{"id":12159,"date":"2019-03-06T16:32:09","date_gmt":"2019-03-06T15:32:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=12159"},"modified":"2020-01-06T09:09:57","modified_gmt":"2020-01-06T09:09:57","slug":"die-dzl-stellungnahme-6000-tote-xxvii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/03\/die-dzl-stellungnahme-6000-tote-xxvii\/","title":{"rendered":"Die DZL Stellungnahme (6000 Tote XXVII)"},"content":{"rendered":"<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die Diskussion endlich befriedigt werden k\u00f6nnte, aber ich f\u00fcrchte, es wird sie nicht mit den vielen Pressemitteilungen. Im Gegenteil, manche Autoren diskreditieren nicht nur sich, sondern auch die Wissenschaft.<\/p>\n<blockquote><p>Die DZL-Jahrestagung in Mannheim zum Anlass nehmend, stellt das DZL hinsichtlich seiner Position folgendes fest:<br \/>\n1) Der gegenw\u00e4rtig intensiv diskutierte Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid je Kubikmeter Luft beruht vor allem auf epidemiologischen Studien. Zum Verst\u00e4ndnis: Epidemiologie ist eine ausgewiesene wissenschaftliche Fachrichtung, welche als eines ihrer wesentlichen Ziele verfolgt, Langzeitrisiken von Umwelt- und Lebensstilfaktoren f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zu erkennen und in ihrer Bedeutung abzusch\u00e4tzen. Gro\u00dfe Beobachtungszahlen, verschiedenartige Beobachtungssituationen und komplexe mathematische Modelle, unterst\u00fctzt durch toxikologische Studien, werden eingesetzt, um urs\u00e4chliche Zusammenh\u00e4nge von zuf\u00e4lligem Zusammentreffen von Ereignissen zu unterscheiden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Muss man Epidemiologie etwa als Fach verteidigen?<br \/>\nDas Problem ist doch gerade, der Widerspruch von Toxikologie und Epidemiologie.<br \/>\nWie kann man hier nur alles durcheinander bringen?<\/p>\n<p>* Studien \u00fcber Regionen k\u00f6nnen (ohne vollst\u00e4ndige individuelle Risikoprofile) nur Vermutungen generieren<br \/>\n* Querschnittsstudien \u00a0\/ Fallkontrollstudien liefern vorl\u00e4ufige Daten, zumindest solange es<br \/>\n* Interventionsstudien bzw Kohortenstudien gibt, die beweisend sind.<\/p>\n<p>Das Wir-haben-tausend-NO2&#8211;Studien-Argument sagt eigentlich nur, dass es keine beweisenden Studie gibt.<\/p>\n<p>Es geht auch nicht um \u201egro\u00dfe Zahlen\u201c und \u201emathematische Modelle\u201c, sondern um einen konkreten Sachverhalt, der von Epidemiologen und Umweltbundesamt in unzul\u00e4ssiger Weise in die \u00d6ffentlichkeit gebracht wurde.<\/p>\n<blockquote><p>2) Zahlreiche Fragestellungen k\u00f6nnen nur mit den Methoden der Epidemiologie beantwortet werden, da niemand Menschen \u00fcber Jahre und Jahrzehnte einem \u201ekontrollierten Versuch\u201c mit Schadstoffexposition aussetzen w\u00fcrde. So stammt z. B. die von niemandem mehr hinterfragte Erkenntnis, dass Rauchen gesundheitssch\u00e4digend ist, aus epidemiologischen Untersuchungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das war nat\u00fcrlich ein Eigentor von Herrn K\u00f6hler. Aber darf jetzt jeder mit gesundem Menschenverstand mitreden? Das geht &#8211; wie vor Gericht &#8211; meistens schief.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich gibt es auch epidemiologische Interventionsstudien, darunter auch einen \u201ekontrollierten Versuch\u201c zu NO2 \u00fcber viele Jahre. In der Verkehrszone London ist die Grenzwert\u00fcberschreitung permanent gesunken, aber die Einschr\u00e4nkungen bei den Lungenfunktionen gleich geblieben (Man m\u00fcsste also etwas anderes messen oder noch tiefere NO2 Grenzwerte ansetzen).<\/p>\n<p>Nicht beantwortet, wurde bisher auch Herrn K\u00f6hlers Frage warum es keine Innenraum NO2 Studie zur Mortalit\u00e4t gibt. W\u00e4re doch einfach zu machen &#8211; Gasherd versus E-Herd. Nach dem ganzen Hype kann ich nur vermuten: so eine Studie ist aufwendig, dauert lange, kostet viel Geld und kommt nichts dabei heraus. Es w\u00e4re ehrlich gewesen, das auch einmal so zu sagen.<\/p>\n<blockquote><p>3) Es besteht wissenschaftlich kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgef\u00e4hrdung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung darstellt, nicht nur hinsichtlich Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Logisch. Aber es ist ein ziemlich durchsichtiges Man\u00f6ver, nach der Kritik an der NO2 Studie nun so zu tun, als w\u00fcrde man die Wirkung von Luftschadstoffen generell anzweifeln. Das tut niemand. Ich kann nur wiederholen<\/p>\n<ul>\n<li>NO2 ist in hoher Konzentration ein Reizgas.<\/li>\n<li>NO2 in niedriger Konzentration ist kein Reizgas.<\/li>\n<li>Niedriges NO2 ist ein guter Marker f\u00fcr Abgase direkt an der Strasse.<\/li>\n<li>Niedriges NO2 nicht an der Strasse gemessen ist kein guter Marker f\u00fcr Abgasbelastung.<\/li>\n<\/ul>\n<blockquote><p>4) Es gibt jedoch keine Methode, die es einem Arzt erm\u00f6glichen w\u00fcrde, an einem lungenerkrankten Patienten festzustellen, inwieweit Komponenten der Luftverschmutzung zu der Erkrankung beigetragen haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt dazu (einige vorl\u00e4ufige Daten) zur Genmethylierung durch einzelne Schadstoffe, es k\u00f6nnte also bald solche Methoden geben.<\/p>\n<blockquote><p>5) Ausgew\u00e4hlte Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen bewerten in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden den aktuellen Wissensstand in einem internationalen Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die von der WHO auf dieser Basis empfohlenen Richtwerte f\u00fcr die einzelnen Luftschadstoffe haben das Ziel, das Gesundheitsrisiko f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung so weit wie m\u00f6glich zu minimieren. Die wissenschaftliche Kompetenz des an der WHO angesiedelten hochkar\u00e4tig besetzten internationalen Bewertungsgremiums steht au\u00dfer Frage.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein ad hominem Argument, das genauso ins Leere l\u00e4uft, genauso wie die Kritik an K\u00f6hler, er sei ein Exot. Siehe auch die <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/03\/ein-missverstandnis-6000-tote-xxviii\/\">Geschichte des Grenzwertes<\/a>.<\/p>\n<blockquote><p>6) F\u00fcr Stickstoffdioxid, welches gleichzeitig Indikator f\u00fcr weitere Luftverschmutzungskomponenten ist, betr\u00e4gt dieser Richtwert zurzeit 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Ein solcher Wert muss auch f\u00fcr besonders empfindliche Menschen (u. a. Kinder, \u00e4ltere Menschen, Patienten mit Lungen- und Herzerkrankungen) im Bereich des Zumutbaren liegen, da sich der Einatmung der Umgebungsluft \u2013 24 Stunden pro Tag \u2013 niemand entziehen kann. Dem DZL liegen keinerlei belastbare neue Erkenntnisse vor, die dazu Anlass geben w\u00fcrden, diesen Richtwert gegenw\u00e4rtig nach oben zu korrigieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Kinder-Kranke-Alte-Behinderte-Schwangere Argument ist kein wirklich wissenschaftliches Argument sondern Stimmungsmache, solange nicht umfassende Innen- und Aussenraum Expositionsdaten zu diesen Gruppen existieren.<\/p>\n<blockquote><p>7) Der in Deutschland geltende Grenzwert orientiert sich an den Richtwert-Empfehlungen der WHO, ber\u00fccksichtigen aber auch zus\u00e4tzliche Faktoren, wie z. B. die technische Realisierbarkeit. Es ist zudem eine politische Entscheidung, welche Ma\u00dfnahmen in welchem Umfang und in welcher zeitlichen Abfolge ergriffen werden, um regionalen \u00dcberschreitungen der Grenzwerte zu begegnen. Selbstverst\u00e4ndlich muss hierbei die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Mittel im Auge behalten werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Isolierte Diesel Aussperrungen wegen Grenzwert \u00dcberschreitungen? Ist das verh\u00e4ltnism\u00e4ssig?<br \/>\n&#8211; kurzfristig f\u00fchrt das zu Ausweichverkehr mit mehr Stop &amp; Go und mehr Abgasen<br \/>\n&#8211; langfristig ist das eine gigantische Ressourcen- und Energieverschwendung<br \/>\nWenn dann auch (noch h\u00f6her) motorisierte Benziner gekauft werden, k\u00f6nnen wir uns auf h\u00f6here Partikelzahlen und Treibhausgase einstellen<\/p>\n<blockquote><p>8) In der gegenw\u00e4rtigen Stickoxiddiskussion erfuhren wissenschaftspopulistische Aussagen eine rasante mediale Aufwertung. Das \u201eklassische\u201c Reaktionsmuster der Wissenschaft, Bev\u00f6lkerung und Entscheidungstr\u00e4gern wohl\u00fcberlegte und ausgewogene Stellungnahmen in ausgesuchten Publikationsorganen anzubieten, geriet demgegen\u00fcber vollkommen ins Hintertreffen. Es wird zu \u00fcberlegen sein, wie die betroffenen Wissenschaftsorganisationen diesem Ph\u00e4nomen in Zukunft besser vorbereitet begegnen k\u00f6nnen, da politische Entscheidungen auf dem Boden solider wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dann dieser Schlusssatz? Nach einer weitgehend wissenschaftsfreien Argumentation?<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 06.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die Diskussion endlich befriedigt werden k\u00f6nnte, aber ich f\u00fcrchte, es wird sie nicht mit den vielen Pressemitteilungen. 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