{"id":126,"date":"2006-08-23T07:57:13","date_gmt":"2006-08-23T05:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/146.107.134.84\/wordpress\/index.php\/2006\/08\/23\/best-of-heinrich-heine-german\/"},"modified":"2006-09-15T17:13:41","modified_gmt":"2006-09-15T15:13:41","slug":"best-of-heinrich-heine-german","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2006\/08\/best-of-heinrich-heine-german\/","title":{"rendered":"Best of &#8212; Heinrich Heine [German]"},"content":{"rendered":"<p>http:\/\/www.heinrich-heine.net<\/p>\n<p>Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland<\/p>\n<p>Die Franzosen glaubten in der letzten Zeit zu einer<br \/>\nVerst\u00e4ndnis Deutschlands zu gelangen, wenn sie sich<br \/>\nmit den Erzeugnissen unserer sch\u00f6nen Literatur be-<br \/>\nkannt machten. Hierdurch haben sie sich aber aus<br \/>\ndem Zustande g\u00e4nzlicher Ignoranz nur erst zur Ober-<br \/>\nfl\u00e4chlichkeit erhoben. Denn die Erzeugnisse unserer<br \/>\nsch\u00f6nen Literatur bleiben f&uuml;r sie nur stumme Blumen,<br \/>\nder ganze deutsche Gedanke bleibt f&uuml;r sie ein unwirt-<br \/>\nliches R\u00e4tsel, solange sie die Bedeutung der Religion<br \/>\nund der Philosophie in Deutschland nicht kennen.<br \/>\nIndem ich nun &uuml;ber diese beiden einige erl\u00e4uternde<br \/>\nAuskunft zu erteilen suche, glaube ich ein n&uuml;tzliches<br \/>\nWerk zu unternehmen. Dieses ist f&uuml;r mich keine<br \/>\nleichte Aufgabe. Es gilt zun\u00e4chst, die Ausdr&uuml;cke einer<br \/>\nSchulsprache zu vermeiden, die den Franzosen g\u00e4nz-<br \/>\nlich unbekannt ist. Und doch habe ich weder die Sub-<br \/>\ntilit\u00e4ten der Theologie noch die der Metaphysik so tief<br \/>\nergr&uuml;ndet, da\u00df ich imstande w\u00e4re, dergleichen nach<br \/>\nden Bed&uuml;rfnissen des franz\u00f6sischen Publikums ganz<br \/>\neinfach und ganz kurz zu formulieren. Ich werde<br \/>\ndaher nur von den gro\u00dfen Fragen handeln, die in der<br \/>\ndeutschen Gottesgelahrtheit und Weltweisheit zur<br \/>\nSprache gekommen, ich werde nur ihre soziale Wich-<br \/>\ntigkeit beleuchten, und immer werde ich die<br \/>\nBeschr\u00e4nktheit meiner eigenen Verdeutlichungsmittel<br \/>\nund das Fassungsverm\u00f6gen des franz\u00f6sischen Lesers<br \/>\nber&uuml;cksichtigen.<br \/>\nGro\u00dfe deutsche Philosophen, die etwa zuf\u00e4llig<br \/>\neinen Blick in diese Bl\u00e4tter werfen, werden vornehm<br \/>\ndie Achseln zucken &uuml;ber den d&uuml;rftigen Zuschnitt alles<br \/>\ndessen, was ich hier vorbringe. Aber sie m\u00f6gen gef\u00e4l-<br \/>\nligst bedenken, da\u00df das wenige, was ich sage, ganz<br \/>\nklar und deutlich ausgedr&uuml;ckt ist, w\u00e4hrend ihre eignen<br \/>\nWerke zwar sehr gr&uuml;ndlich, unerme\u00dfbar gr&uuml;ndlich,<br \/>\nsehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unver-<br \/>\nst\u00e4ndlich sind. Was helfen dem Volke die verschlos-<br \/>\nsenen Kornkammern, wozu es keinen Schl&uuml;ssel hat?<br \/>\nDas Volk hungert nach Wissen und dankt mir f&uuml;r das<br \/>\nSt&uuml;ckchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.<br \/>\nIch glaube, es ist nicht Talentlosigkeit, was die<br \/>\nmeisten deutschen Gelehrten davon abh\u00e4lt, &uuml;ber Reli-<br \/>\ngion und Philosophie sich popul\u00e4r auszusprechen. Ich<br \/>\nglaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen<br \/>\nDenkens, die sie nicht wagen, dem Volke mitzuteilen.<br \/>\nIch, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Ge-<br \/>\nlehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter,<br \/>\nich geh\u00f6re nicht zu den siebenhundert Weisen<br \/>\nDeutschlands. Ich stehe mit dem gro\u00dfen Haufen vor<br \/>\nden Pforten ihrer Weisheit, und ist da irgendeine<br \/>\nWahrheit durchgeschl&uuml;pft und ist diese Wahrheit bis<br \/>\nzu mir gelangt, dann ist sie weit genug: &#8211; ich schreibe<br \/>\nsie mit h&uuml;bschen Buchstaben auf Papier und gebe sie<br \/>\ndem Setzer; der setzt sie in Blei und gibt sie dem<br \/>\nDrucker; dieser druckt sie, und sie geh\u00f6rt dann der<br \/>\nganzen Welt.<br \/>\nDie Religion, deren wir uns in Deutschland erfreu-<br \/>\nen, ist das Christentum. Ich werde also zu erz\u00e4hlen<br \/>\nhaben, was das Christentum ist, wie es r\u00f6mischer Ka-<br \/>\ntholizismus geworden, wie aus diesem der Protestan-<br \/>\ntismus und aus dem Protestantismus die deutsche Phi-<br \/>\nlosophie hervorging.<br \/>\nIndem ich nun mit Besprechung der Religion be-<br \/>\nginne, bitte ich im voraus alle frommen Seelen, sich<br \/>\nbeileibe nicht zu \u00e4ngstigen. F&uuml;rchtet nichts, fromme<br \/>\nSeelen! Keine profanierende Scherze sollen euer Ohr<br \/>\nverletzen. Diese sind allenfalls noch n&uuml;tzlich in<br \/>\nDeutschland, wo es gilt, die Macht der Religion f&uuml;r<br \/>\nden Augenblick zu neutralisieren. Wir sind n\u00e4mlich<br \/>\ndort in derselben Lage wie ihr vor der Revolution, als<br \/>\ndas Christentum im untrennbarsten B&uuml;ndnisse stand<br \/>\nmit dem alten Regime. Dieses konnte nicht zerst\u00f6rt<br \/>\nwerden, solange noch jenes seinen Einflu\u00df &uuml;bte auf<br \/>\ndie Menge. Voltaire mu\u00dfte sein scharfes Gel\u00e4chter er-<br \/>\nheben, ehe Sanson sein Beil fallen lassen konnte. Je-<br \/>\ndoch wie durch dieses Beil, so wurde auch durch<br \/>\njenes Lachen im Grunde nichts bewiesen, sondern nur<br \/>\nbewirkt. Voltaire hat nur den Leib des Christentums<br \/>\nverletzen k\u00f6nnen. Alle seine Sp\u00e4\u00dfe, die aus der<br \/>\nKirchengeschichte gesch\u00f6pft, alle seine Witze &uuml;ber<br \/>\nDogmatik und Kultus, &uuml;ber die Bibel, dieses heiligste<br \/>\nBuch der Menschheit, &uuml;ber die Jungfrau Maria, diese<br \/>\nsch\u00f6nste Blume der Poesie, das ganze Diktion\u00e4r phi-<br \/>\nlosophischer Pfeile, das er gegen Klerus und Priester-<br \/>\nschaft losscho\u00df, verletzte nur den sterblichen Leib des<br \/>\nChristentums, nicht dessen inneres Wesen, nicht des-<br \/>\nsen tieferen Geist, nicht dessen ewige Seele.<br \/>\nDenn das Christentum ist eine Idee und als solche<br \/>\nunzerst\u00f6rbar und unsterblich wie jede Idee. Was ist<br \/>\naber diese Idee?<br \/>\nEben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen<br \/>\nund \u00c4u\u00dferlichkeiten f&uuml;r die Hauptsache gehalten hat,<br \/>\ngibt es noch keine Geschichte des Christentums. Zwei<br \/>\nentgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchenge-<br \/>\nschichte und widersprechen sich best\u00e4ndig, doch die<br \/>\neine, ebensowenig wie die andere, wird jemals be-<br \/>\nstimmt aussagen, was eigentlich jene Idee ist, die dem<br \/>\nChristentum als Mittelpunkt dient, die sich in dessen<br \/>\nSymbolik, im Dogma wie im Kultus, und in dessen<br \/>\nganzer Geschichte zu offenbaren strebt und im wirkli-<br \/>\nchen Leben der christlichen V\u00f6lker manifestiert hat!<br \/>\nWeder Baronius, der katholische Kardinal, noch der<br \/>\nprotestantische Hofrat Schr\u00f6ckh entdeckt uns, was ei-<br \/>\ngentlich jene Idee war. Und wenn ihr alle Folianten<br \/>\nder Mansischen Konziliensammlung, des Assemani-<br \/>\nschen Kodex der Liturgien und die ganze Historia<br \/>\necclesiastica von Saccharelli durchbl\u00e4ttert, werdet ihr<br \/>\ndoch nicht einsehen, was eigentlich die Idee des Chri-<br \/>\nstentums war. Was seht ihr denn in den Historien der<br \/>\norientalischen und der okzidentalischen Kirchen? In<br \/>\njener, der orientalischen Kirchengeschichte, seht ihr<br \/>\nnichts als dogmatische Spitzf&uuml;ndigkeiten, wo sich die<br \/>\naltgriechische Sophistik wieder kundgibt; in dieser, in<br \/>\nder okzidentalischen Kirchengeschichte, seht ihr<br \/>\nnichts als disziplinarische, die kirchlichen Interessen<br \/>\nbetreffende Zwiste, wobei die altr\u00f6mische Rechtska-<br \/>\nsuistik und Regierungskunst, mit neuen Formeln und<br \/>\nZwangsmitteln, sich wieder geltend machen. In der<br \/>\nTat, wie man in Konstantinopel &uuml;ber den Logos stritt,<br \/>\nso stritt man in Rom &uuml;ber das Verh\u00e4ltnis der weltli-<br \/>\nchen zur geistlichen Macht; und wie etwa dort &uuml;ber<br \/>\nhomousios, so befehdete man sich hier &uuml;ber Investi-<br \/>\ntur. Aber die byzantinischen Fragen: ob der Logos<br \/>\ndem Gott-Vater homousios sei? ob Maria Gottgeb\u00e4re-<br \/>\nrin hei\u00dfen soll oder Menschengeb\u00e4rerin? ob Christus<br \/>\nin Ermangelung der Speise hungern mu\u00dfte oder nur<br \/>\ndeswegen hungerte, weil er hungern wollte? alle diese<br \/>\nFragen haben im Hintergrund lauter Hofintrigen,<br \/>\nderen L\u00f6sung davon abh\u00e4ngt, was in den Gem\u00e4chern<br \/>\ndes Sacri Palatii gezischelt und gekichert wird, ob z.<br \/>\nB. Eudoxia f\u00e4llt oder Pulcheria; &#8211; denn diese Dame<br \/>\nha\u00dft den Nestorius, den Verr\u00e4ter ihrer Liebesh\u00e4ndel,<br \/>\njene ha\u00dft den Cyrillus, welchen Pulcheria besch&uuml;tzt,<br \/>\nalles bezieht sich zuletzt auf lauter Weiber- und H\u00e4m-<br \/>\nlingsgekl\u00e4tsche, und im Dogma wird eigentlich der<br \/>\nMann und im Manne eine Partei verfolgt oder bef\u00f6r-<br \/>\ndert. Ebenso geht&#8217;s im Okzident; Rom wollte herr-<br \/>\nschen; &#8220;als seine Legionen gefallen, schichte es Dog-<br \/>\nmen in die Provinzen&#8221;; alle Glaubenszwiste hatten r\u00f6-<br \/>\nmische Usurpationen zum Grunde; es galt, die Ober-<br \/>\ngewalt des r\u00f6mischen Bischofs zu konsolidieren. Die-<br \/>\nser war &uuml;ber eigentliche Glaubenspunkte immer sehr<br \/>\nnachsichtig, spie aber Feuer und Flamme, sobald die<br \/>\nRechte der Kirche angegriffen wurden; er disputierte<br \/>\nnicht viel &uuml;ber die Personen in Christus, sondern &uuml;ber<br \/>\ndie Konsequenzen der Isidorschen Dekretalen; er zen-<br \/>\ntralisierte seine Gewalt durch kanonisches Recht, Ein-<br \/>\nsetzung der Bisch\u00f6fe, Herabw&uuml;rdigung der f&uuml;rstlichen<br \/>\nMacht, M\u00f6nchsorden, Z\u00f6libat usw. Aber war dieses<br \/>\ndas Christentum? Offenbart sich uns aus der Lekt&uuml;re<br \/>\ndieser Geschichten die Idee des Christentums? Was<br \/>\nist diese Idee?<br \/>\nWie sich diese Idee historisch gebildet und in der<br \/>\nErscheinungswelt manifestiert, lie\u00dfe sich wohl schon<br \/>\nin den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt ent-<br \/>\ndecken, wenn wir namentlich in der Geschichte der<br \/>\nManich\u00e4er und der Gnostiker vorurteilsfrei nachfor-<br \/>\nschen. Obgleich erstere verketzert und letztere ver-<br \/>\nschrien sind und die Kirche sie verdammt hat, so er-<br \/>\nhielt sich doch ihr Einflu\u00df auf das Dogma, aus ihrer<br \/>\nSymbolik entwickelte sich die katholische Kunst, und<br \/>\nihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der<br \/>\nchristlichen V\u00f6lker. Die Manich\u00e4er sind ihrer letzten<br \/>\nGr&uuml;nde nach nicht sehr verschieden von den Gnosti-<br \/>\nkern. Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten<br \/>\nund dem b\u00f6sen, die sich bek\u00e4mpfen, ist beiden eigen.<br \/>\nDie einen, die Manich\u00e4er, erhielten diese Lehre aus<br \/>\nder altpersischen Religion, wo Ormuz, das Licht, dem<br \/>\nAriman, der Finsternis, feindlich entgegengesetzt ist.<br \/>\nDie anderen, die eigentlichen Gnostiker, glaubten<br \/>\nvielmehr an die Pr\u00e4existenz des guten Prinzips und<br \/>\nerkl\u00e4rten die Entstehung des b\u00f6sen Prinzips durch<br \/>\nEmanation, durch Generationen von \u00c4onen, die, je<br \/>\nmehr sie von ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto<br \/>\ntr&uuml;ber verschlechtert. Nach Cerinthus war der Er-<br \/>\nschaffer unserer Welt keineswegs der h\u00f6chste Gott,<br \/>\nsondern nur eine Emanation desselben, einer von den<br \/>\n\u00c4onen, der eigentliche Demiurgos, der allm\u00e4hlich<br \/>\nausgeartet ist und jetzt, als b\u00f6ses Prinzip, dem aus<br \/>\ndem h\u00f6chsten Gott unmittelbar entsprungenen Logos,<br \/>\ndem guten Prinzip, feindselig gegen&uuml;berstehe. Diese<br \/>\ngnostische Weltansicht ist urindisch, und sie f&uuml;hrte<br \/>\nmit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der<br \/>\nAbt\u00f6tung des Fleisches, vom geistigen Insichselbst-<br \/>\nversenken, sie gebar das asketisch beschauliche<br \/>\nM\u00f6nchsleben, welches die reinste Bl&uuml;te der christli-<br \/>\nchen Idee. Diese Idee hat sich in der Dogmatik nur<br \/>\nsehr verworren und im Kultus nur sehr tr&uuml;be ausspre-<br \/>\nchen k\u00f6nnen. Doch sehen wir &uuml;berall die Lehre von<br \/>\nden beiden Prinzipien hervortreten; dem guten Chri-<br \/>\nstus steht der b\u00f6se Satan entgegen; die Welt des Gei-<br \/>\nstes wird durch Christus, die Welt der Materie durch<br \/>\nSatan repr\u00e4sentiert; jenem geh\u00f6rt unsere Seele, die-<br \/>\nsem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die<br \/>\nNatur, ist demnach urspr&uuml;nglich b\u00f6se, und Satan, der<br \/>\nF&uuml;rst der Finsternis, will uns damit ins Verderben<br \/>\nlocken, und es gilt, allen sinnlichen Freuden des Le-<br \/>\nbens zu entsagen, unsern Leib, das Lehn Satans, zu<br \/>\npeinigen, damit die Seele sich desto herrlicher empor-<br \/>\nschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende<br \/>\nReich Christi.<br \/>\nDiese Weltansicht, die eigentliche Idee des Chri-<br \/>\nstentums, hatte sich, unglaublich schnell, &uuml;ber das<br \/>\nganze r\u00f6mische Reich verbreitet, wie eine anstecken-<br \/>\nde Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten<br \/>\ndie Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspan-<br \/>\nnung, und wir Modernen f&uuml;hlen noch immer Kr\u00e4mpfe<br \/>\nund Schw\u00e4che in den Gliedern. Ist auch mancher von<br \/>\nuns schon genesen, so kann er doch der allgemeinen<br \/>\nLazarettluft nicht entrinnen, und er f&uuml;hlt sich ungl&uuml;ck-<br \/>\nlich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen.<br \/>\nEinst, wenn die Menschheit ihre v\u00f6llige Gesundheit<br \/>\nwiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und<br \/>\nSeele wiederhergestellt und sie wieder in<br \/>\nurspr&uuml;nglicher Harmonie sich durchdringen, dann<br \/>\nwird man den k&uuml;nstlichen Hader, den das Christen-<br \/>\ntum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen k\u00f6n-<br \/>\nnen. Die gl&uuml;cklichern und sch\u00f6neren Generationen,<br \/>\ndie, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Re-<br \/>\nligion der Freude emporbl&uuml;hen, werden wehm&uuml;tig l\u00e4-<br \/>\ncheln &uuml;ber ihre armen Vorfahren, die sich aller Ge-<br \/>\nn&uuml;sse dieser sch\u00f6nen Erde tr&uuml;bsinnig enthielten und,<br \/>\ndurch Abt\u00f6tung der warmen farbigen Sinnlichkeit,<br \/>\nfast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja, ich<br \/>\nsage es bestimmt, unsere Nachkommen werden sch\u00f6-<br \/>\nner und gl&uuml;cklicher sein als wir. Denn ich glaube an<br \/>\nden Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur<br \/>\nGl&uuml;ckseligkeit bestimmt, und ich hege also eine gr\u00f6-<br \/>\n\u00dfere Meinung von der Gottheit als jene frommen<br \/>\nLeute, die da w\u00e4hnen, er habe den Menschen nur zum<br \/>\nLeiden erschaffen. Schon hier auf Erden m\u00f6chte ich,<br \/>\ndurch die Segnungen freier politischer und industriel-<br \/>\nler Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach<br \/>\nder Meinung der Frommen, erst am J&uuml;ngsten Tage, im<br \/>\nHimmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso<br \/>\nwie dieses eine t\u00f6richte Hoffnung, und es gibt keine<br \/>\nAuferstehung der Menschheit, weder im politisch-mo-<br \/>\nralischen noch im apostolisch-katholischen Sinne.<br \/>\nDie Menschheit ist vielleicht zu ewigem Elend be-<br \/>\nstimmt, die V\u00f6lker sind vielleicht auf ewig verdammt,<br \/>\nvon Despoten zertreten, von den Spie\u00dfgesellen<br \/>\nderselben exploitiert und von den Lakaien verh\u00f6hnt<br \/>\nzu werden.<br \/>\nAch, in diesem Falle m&uuml;\u00dfte man das Christentum,<br \/>\nselbst wenn man es als Irrtum erkannt, dennoch zu er-<br \/>\nhalten suchen, man m&uuml;\u00dfte in der M\u00f6nchskutte und<br \/>\nbarfu\u00df durch Europa laufen und die Nichtigkeit aller<br \/>\nirdischen G&uuml;ter und Entsagung predigen und den ge-<br \/>\ngei\u00dfelten und verspotteten Menschen das tr\u00f6stende<br \/>\nKruzifix vorhalten und ihnen nach dem Tode, dort<br \/>\noben, alle sieben Himmel versprechen.<br \/>\nVielleicht eben weil die Gro\u00dfen dieser Erde ihrer<br \/>\nObermacht gewi\u00df sind und im Herzen beschlossen<br \/>\nhaben, sie ewig zu unserem Ungl&uuml;ck zu mi\u00dfbrauchen,<br \/>\nsind sie von der Notwendigkeit des Christentums f&uuml;r<br \/>\nihre V\u00f6lker &uuml;berzeugt, und es ist im Grunde ein zartes<br \/>\nMenschlichkeitsgef&uuml;hl, da\u00df sie sich f&uuml;r die Erhaltung<br \/>\ndieser Religion so viele M&uuml;he geben!<br \/>\nDas endliche Schicksal des Christentums ist also<br \/>\ndavon abh\u00e4ngig, ob wir dessen noch bed&uuml;rfen. Diese<br \/>\nReligion war eine Wohltat f&uuml;r die leidende Mensch-<br \/>\nheit w\u00e4hrend achtzehn Jahrhunderten, sie war provi-<br \/>\ndentiell, g\u00f6ttlich, heilig. Alles, was sie der Zivilisati-<br \/>\non gen&uuml;tzt, indem sie die Starken z\u00e4hmte und die<br \/>\nZahmen st\u00e4rkte, die V\u00f6lker verband durch gleiches<br \/>\nGef&uuml;hl und gleiche Sprache, und was sonst noch von<br \/>\nihren Apologeten hervorger&uuml;hmt wird, das ist sogar<br \/>\nnoch unbedeutend in Vergleichung mit jener gro\u00dfen<br \/>\nTr\u00f6stung, die sie durch sich selbst den Menschen an-<br \/>\ngedeihen lassen. Ewiger Ruhm geb&uuml;hrt dem Symbol<br \/>\njenes leidenden Gottes, des Heilands mit der Dornen-<br \/>\nkrone, des gekreuzigten Christus, dessen Blut gleich-<br \/>\nsam der lindernde Balsam war, der in die Wunden der<br \/>\nMenschheit herabrann. Besonders der Dichter wird<br \/>\ndie schauerliche Erhabenheit dieses Symbols mit Ehr-<br \/>\nfurcht anerkennen. Das ganze System von Symbolen,<br \/>\ndie sich ausgesprochen in der Kunst und im Leben<br \/>\ndes Mittelalters, wird zu allen Zeiten die Bewunde-<br \/>\nrung der Dichter erregen. In der Tat, welche kolossale<br \/>\nKonsequenz in der christlichen Kunst, namentlich in<br \/>\nder Architektur! Diese gotischen Dome, wie stehen<br \/>\nsie im Einklang mit dem Kultus, und wie offenbart<br \/>\nsich in ihnen die Idee der Kirche selber! Alles strebt<br \/>\nda empor, alles transsubstanziiert sich: der Stein<br \/>\nspro\u00dft aus in \u00c4sten und Laubwerk und wird Baum;<br \/>\ndie Frucht des Weinstocks und der \u00c4hre wird Blut<br \/>\nund Fleisch; der Mensch wird Gott; Gott wird reiner<br \/>\nGeist! Ein ergiebiger, unversiegbar kostbarer Stoff f&uuml;r<br \/>\ndie Dichter ist das christliche Leben im Mittelalter.<br \/>\nNur durch das Christentum konnten auf dieser Erde<br \/>\nsich Zust\u00e4nde bilden, die so kecke Kontraste, so bunte<br \/>\nSchmerzen und so abenteuerliche Sch\u00f6nheiten enthal-<br \/>\nten, da\u00df man meinen sollte, dergleichen habe niemals<br \/>\nin der Wirklichkeit existiert und das alles sei ein ko-<br \/>\nlossaler Fiebertraum, es sei der Fiebertraum eines<br \/>\nwahnsinnigen Gottes. Die Natur selber schien sich<br \/>\ndamals phantastisch zu vermummen; indessen, ob-<br \/>\ngleich der Mensch, befangen in abstrakten Gr&uuml;belei-<br \/>\nen, sich verdrie\u00dflich von ihr abwendete, so weckte sie<br \/>\nihn doch manchmal mit einer Stimme, die so schauer-<br \/>\nlich s&uuml;\u00df, so entsetzlich liebevoll, so zaubergewaltig<br \/>\nwar, da\u00df der Mensch unwillk&uuml;rlich aufhorchte und l\u00e4-<br \/>\nchelte und erschrak und gar zu Tode erkrankte. Die<br \/>\nGeschichte von der Baseler Nachtigall kommt mir<br \/>\nhier ins Ged\u00e4chtnis, und da ihr sie wahrscheinlich<br \/>\nnicht kennt, so will ich sie erz\u00e4hlen.<br \/>\nIm Mai 1433, zur Zeit des Konzils, ging eine Ge-<br \/>\nsellschaft Geistlicher in einem Geh\u00f6lze bei Basel spa-<br \/>\nzieren, Pr\u00e4laten und Doktoren, M\u00f6nche von allen Far-<br \/>\nben, und sie disputierten &uuml;ber theologische Streitig-<br \/>\nkeiten und distinguierten und argumentierten oder<br \/>\nstritten &uuml;ber Annaten, Exspektativen und Reservatio-<br \/>\nnen oder untersuchten, ob Thomas von Aquino ein<br \/>\ngr\u00f6\u00dferer Philosoph sei als Bonaventura, was wei\u00df<br \/>\nich! Aber pl\u00f6tzlich, mitten in ihren dogmatischen und<br \/>\nabstrakten Diskussionen, hielten sie inne und blieben<br \/>\nwie angewurzelt stehen vor einem bl&uuml;henden Linden-<br \/>\nbaum, worauf eine Nachtigall sa\u00df, die in den weich-<br \/>\nsten und z\u00e4rtlichsten Melodien jauchzte und schluchz-<br \/>\nte. Es ward den gelehrten Herren dabei so wunderse-<br \/>\nlig zumute, die warmen Fr&uuml;hlingst\u00f6ne drangen ihnen<br \/>\nin die scholastisch verklausulierten Herzen, ihre<br \/>\nGef&uuml;hle erwachten aus dem dumpfen Winterschlaf,<br \/>\nsie sahen sich an mit staunendem Entz&uuml;cken; &#8211; als<br \/>\nendlich einer von ihnen die scharfsinnige Bemerkung<br \/>\nmachte, da\u00df solches nicht mit rechten Dingen zugehe,<br \/>\nda\u00df diese Nachtigall wohl ein Teufel sein k\u00f6nne, da\u00df<br \/>\ndieser Teufel sie mit seinen holdseligen Lauten von<br \/>\nihren christlichen Gespr\u00e4chen abziehen und zu Wol-<br \/>\nlust und sonstig s&uuml;\u00dfen S&uuml;nden verlocken wolle, und<br \/>\ner hub an zu exorzieren, wahrscheinlich mit der da-<br \/>\nmals &uuml;blichen Formel: adjuro te per eum, qui ventu-<br \/>\nrus est, judicare vivos et mortuos etc. etc. Bei dieser<br \/>\nBeschw\u00f6rung, sagt man, habe der Vogel geantwortet:<br \/>\n&#8220;Ja, ich bin ein b\u00f6ser Geist!&#8221; und sei lachend davon-<br \/>\ngeflogen; diejenigen aber, die seinen Gesang geh\u00f6rt,<br \/>\nsollen noch selbigen Tages erkrankt und bald darauf<br \/>\ngestorben sein.<br \/>\nDiese Geschichte bedarf wohl keines Kommentars.<br \/>\nSie tr\u00e4gt ganz das grauenhafte Gepr\u00e4ge einer Zeit, die<br \/>\nalles, was s&uuml;\u00df und lieblich war, als Teufelei verschrie.<br \/>\nDie Nachtigall sogar wurde verleumdet, und man<br \/>\nschlug ein Kreuz, wenn sie sang. Der wahre Christ<br \/>\nspazierte mit \u00e4ngstlich verschlossenen Sinnen, wie ein<br \/>\nabstraktes Gespenst, in der bl&uuml;henden Natur umher.<br \/>\nDieses Verh\u00e4ltnis des Christen zur Natur werde ich<br \/>\nvielleicht in einem sp\u00e4teren Buche weitl\u00e4ufiger er\u00f6r-<br \/>\ntern, wenn ich, zum Verst\u00e4ndnis der neuromantischen<br \/>\nLiteratur, den deutschen Volksglauben gr&uuml;ndlich<br \/>\nbesprechen mu\u00df. Vorl\u00e4ufig kann ich nur bemerken,<br \/>\nda\u00df franz\u00f6sische Schriftsteller, mi\u00dfleitet durch deut-<br \/>\nsche Autorit\u00e4ten, in gro\u00dfem Irrtume sind, wenn sie<br \/>\nannehmen, der Volksglauben sei w\u00e4hrend des Mittel-<br \/>\nalters &uuml;berall in Europa derselbe gewesen. Nur &uuml;ber<br \/>\ndas gute Prinzip, &uuml;ber das Reich Christi, hegte man in<br \/>\nganz Europa dieselben Ansichten; daf&uuml;r sorgte die r\u00f6-<br \/>\nmische Kirche, und wer hier von der vorgeschriebe-<br \/>\nnen Meinung abwich, war ein Ketzer. Aber &uuml;ber das<br \/>\nb\u00f6se Prinzip, &uuml;ber das Reich des Satans, herrschten<br \/>\nverschiedene Ansichten in den verschiedenen L\u00e4n-<br \/>\ndern, und im germanischen Norden hatte man ganz<br \/>\nandere Vorstellungen davon wie im romanischen<br \/>\nS&uuml;den. Dieses entstand dadurch, da\u00df die christliche<br \/>\nPriesterschaft die vorgefundenen alten Nationalg\u00f6tter<br \/>\nnicht als leere Hirngespinste verwarf, sondern ihnen<br \/>\neine wirkliche Existenz einr\u00e4umte, aber dabei behaup-<br \/>\ntete, alle diese G\u00f6tter seien lauter Teufel und Teufe-<br \/>\nlinnen gewesen, die durch den Sieg Christi ihre Macht<br \/>\n&uuml;ber die Menschen verloren und sie jetzt durch Lust<br \/>\nund List zur S&uuml;nde verlocken wollen. Der ganze<br \/>\nOlymp wurde nun eine luftige H\u00f6lle, und wenn ein<br \/>\nDichter des Mittelalters die griechischen G\u00f6tterge-<br \/>\nschichten noch so sch\u00f6n besang, so sah der fromme<br \/>\nChrist darin doch nur Spuk und Teufel. Der d&uuml;stere<br \/>\nWahn der M\u00f6nche traf am h\u00e4rtesten die arme Venus;<br \/>\nabsonderlich diese galt f&uuml;r eine Tochter Beelzebubs,<br \/>\nund der gute Ritter Tannh&uuml;ser sagt ihr sogar ins Ge-<br \/>\nsicht:<\/p>\n<p>Oh, Venus, sch\u00f6ne Fraue mein,<br \/>\nIhr seid eine Teufelinne!<\/p>\n<p>Den Tannh&uuml;ser hatte sie n\u00e4mlich verlockt in jene<br \/>\nwunderbare H\u00f6hle, welche man den Venusberg hie\u00df<br \/>\nund wovon die Sage ging, da\u00df die sch\u00f6ne G\u00f6ttin dort<br \/>\nmit ihren Fr\u00e4ulein und Gesponsen, unter Spiel und<br \/>\nT\u00e4nzen, das l&uuml;derlichste Leben f&uuml;hre. Die arme Diana<br \/>\nsogar, trotz ihrer Keuschheit, war vor einem \u00e4hnlichen<br \/>\nSchicksal nicht sicher, und man lie\u00df sie n\u00e4chtlich mit<br \/>\nihren Nymphen durch die W\u00e4lder ziehen, und daher<br \/>\ndie Sage von dem w&uuml;tenden Heer, von der Wilden<br \/>\nJagd. Hier zeigt sich noch ganz die gnostische An-<br \/>\nsicht von der Verschlechterung des ehemals G\u00f6ttli-<br \/>\nchen, und in dieser Umgestaltung des fr&uuml;heren Natio-<br \/>\nnalglaubens manifestiert sich am tiefsinnigsten die<br \/>\nIdee des Christentums.<br \/>\nDer Nationalglaube in Europa, im Norden noch<br \/>\nviel mehr als im S&uuml;den, war pantheistisch, seine My-<br \/>\nsterien und Symbole bezogen sich auf einen Natur-<br \/>\ndienst, in jedem Elemente verehrte man wunderbare<br \/>\nWesen, in jedem Baume atmete eine Gottheit, die<br \/>\nganze Erscheinungswelt war durchg\u00f6ttert; das Chri-<br \/>\nstentum verkehrte diese Ansicht, und an die Stelle<br \/>\neiner durchg\u00f6tterten Natur trat eine durchteufelte. Die<br \/>\nheiteren, durch die Kunst versch\u00f6nerten Gebilde der<br \/>\ngriechischen Mythologie, die mit der r\u00f6mischen Zivi-<br \/>\nlisation im S&uuml;den herrschte, hat man jedoch nicht so<br \/>\nleicht in h\u00e4\u00dfliche, schauerliche Satanslarven verwan-<br \/>\ndeln k\u00f6nnen wie die germanischen G\u00f6ttergestalten,<br \/>\nworan freilich kein besonderer Kunstsinn gemodelt<br \/>\nhatte und die schon vorher so mi\u00dfm&uuml;tig und tr&uuml;be<br \/>\nwaren wie der Norden selbst. Daher hat sich bei euch,<br \/>\nin Frankreich, kein so finsterschreckliches Teufelstum<br \/>\nbilden k\u00f6nnen wie bei uns, und das Geister- und Zau-<br \/>\nberwesen selber erhielt bei euch eine heitere Gestalt.<br \/>\nWie sch\u00f6n, klar und farbenreich sind eure Volkssagen<br \/>\nin Vergleichung mit den unsrigen, diesen Mi\u00dfgebur-<br \/>\nten, die aus Blut und Nebel bestehen und uns so grau<br \/>\nund grausam angrinsen. Unsere mittelalterlichen<br \/>\nDichter, indem sie meistens Stoffe w\u00e4hlten, die ihr, in<br \/>\nder Bretagne und in der Normandie, entweder erson-<br \/>\nnen oder zuerst behandelt habt, verliehen ihren Wer-<br \/>\nken, vielleicht absichtlich, soviel als m\u00f6glich von<br \/>\njenem heiter altfranz\u00f6sischen Geiste. Aber in unseren<br \/>\nNationaldichtungen und in unseren m&uuml;ndlichen<br \/>\nVolkssagen blieb jener d&uuml;ster nordische Geist, von<br \/>\ndem ihr kaum eine Ahnung habt. Ihr habt, ebenso wie<br \/>\nwir, mehrere Sorten von Elementargeistern, aber die<br \/>\nunsrigen sind von den eurigen so verschieden wie ein<br \/>\nDeutscher von einem Franzosen. Die D\u00e4monen in<br \/>\neuren Fabliaux und Zauberromanen, wie hellfarbig<br \/>\nund besonders wie reinlich sind sie in Vergleichung<br \/>\nmit unserer grauen und sehr oft unfl\u00e4tigen Geisterka-<br \/>\nnaille. Eure Feen und Elementargeister, woher ihr sie<br \/>\nauch bezogen, aus Cornwallis oder aus Arabien, sie<br \/>\nsind doch ganz naturalisiert, und ein franz\u00f6sischer<br \/>\nGeist unterscheidet sich von einem deutschen, wie<br \/>\netwa ein Dandy, der mit gelben Glac\u00e9handschuhen<br \/>\nauf dem Boulevard Coblence flaniert, sich von einem<br \/>\nschweren deutschen Sacktr\u00e4ger unterscheidet. Eure<br \/>\nNixen, z.B. die Melusine, sind von den unsrigen<br \/>\nebenso verschieden wie eine Prinzessin von einer W\u00e4-<br \/>\nscherin. Die Fee Morgana, wie w&uuml;rde sie erschrecken,<br \/>\nwenn sie etwa einer deutschen Hexe begegnete, die<br \/>\nnackt, mit Salben beschmiert und auf einem Besen-<br \/>\nstiel nach dem Brocken reitet. Dieser Berg ist kein<br \/>\nheiteres Avalon, sondern ein Rendezvous f&uuml;r alles,<br \/>\nwas w&uuml;st und h\u00e4\u00dflich ist. Auf dem Gipfel des Bergs<br \/>\nsitzt Satan in der Gestalt eines schwarzen Bocks. Jede<br \/>\nvon den Hexen naht sich ihm mit einer Kerze in der<br \/>\nHand und k&uuml;\u00dft ihn hinten, wo der R&uuml;cken aufh\u00f6rt.<br \/>\nNachher tanzt die verruchte Schwesterschaft um ihn<br \/>\nherum und singt: &#8220;Donderemus, Donderemus!&#8221; Es<br \/>\nmeckert der Bock, es jauchzt der infernale Chahut. Es<br \/>\nist ein b\u00f6ses Omen f&uuml;r die Hexe, wenn sie bei diesem<br \/>\nTanze einen Schuh verliert; das bedeutet, da\u00df sie noch<br \/>\nim selbigen Jahr verbrannt wird. Doch alle ahnende<br \/>\nAngst &uuml;bert\u00e4ubt die tolle echtberliozische Sabbatmu-<br \/>\nsik; &#8211; und wenn die arme Hexe des Morgens aus ihrer<br \/>\nBerauschung erwacht, liegt sie nackt und m&uuml;de in der<br \/>\nAsche, neben dem verglimmenden Herde.<br \/>\nDie beste Auskunft &uuml;ber diese Hexen findet man in<br \/>\nder &#8220;D\u00e4monologie&#8221; des ehrenfesten und hochgelahr-<br \/>\nten Doktor Nicolai Remigii, des durchlauchtigsten<br \/>\nHerzogs von Lothringen Kriminalrichter. Dieser<br \/>\nscharfsinnige Mann hatte f&uuml;rwahr die beste Gelegen-<br \/>\nheit, das Treiben der Hexen kennenzulernen, da er in<br \/>\nihren Prozessen instruierte und zu seiner Zeit allein in<br \/>\nLothringen achthundert Weiber den Scheiterhaufen<br \/>\nbestiegen, nachdem sie der Hexerei &uuml;berwiesen wor-<br \/>\nden. Diese Beweisf&uuml;hrung bestand meistens darin:<br \/>\nMan band ihnen H\u00e4nde und F&uuml;\u00dfe zusammen und warf<br \/>\nsie ins Wasser. Gingen sie unter und ersoffen, so<br \/>\nwaren sie unschuldig, blieben sie aber schwimmend<br \/>\n&uuml;ber dem Wasser, so erkannte man sie f&uuml;r schuldig,<br \/>\nund sie wurden verbrannt. Das war die Logik jener<br \/>\nZeit.<br \/>\nAls Grundzug im Charakter der deutschen D\u00e4mo-<br \/>\nnen sehen wir, da\u00df alles Idealische von ihnen abge-<br \/>\nstreift, da\u00df in ihnen das Gemeine und Gr\u00e4\u00dfliche ge-<br \/>\nmischt ist. Je plump vertraulicher sie an uns herantre-<br \/>\nten, desto grauenhafter ihre Wirkung. Nichts ist un-<br \/>\nheimlicher als unsere Poltergeister, Kobolde und<br \/>\nWichtelm\u00e4nnchen. Pr\u00e4torius in seinem<br \/>\n&#8220;Anthropodemus&#8221; enth\u00e4lt in dieser Beziehung eine<br \/>\nStelle, die ich nach Dobeneck hier mitteile:<br \/>\n&#8220;Die Alten haben nicht anders von den Poltergei-<br \/>\nstern halten k\u00f6nnen, als da\u00df es rechte Menschen sein<br \/>\nm&uuml;ssen, in der Gestalt wie kleine Kinder, mit einem<br \/>\nbunten R\u00f6cklein oder Kleidchen. Etliche setzen dazu,<br \/>\nda\u00df sie teils Messer in den R&uuml;cken haben sollen, teils<br \/>\nnoch anders und gar greulich gestaltet w\u00e4ren; nach-<br \/>\ndem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument<br \/>\nvorzeiten umgebracht seien. Denn die Abergl\u00e4ubi-<br \/>\nschen halten daf&uuml;r, da\u00df es derer vorweilen im Hause<br \/>\nermordeten Leute Seelen sein sollen. Und schwatzen<br \/>\nsie von vielen Historien, da\u00df, wenn die Kobolde<br \/>\ndenen M\u00e4gden und K\u00f6chinnen eine Weile im Hause<br \/>\ngute Dienste getan und sich ihnen beliebt gemacht<br \/>\nhaben; da\u00df manches Mensch daher gegen die Kobolde<br \/>\neine solche Affektion bekommen, da\u00df sie solche<br \/>\nKnechtchen auch zu sehen inbr&uuml;nstig gew&uuml;nscht und<br \/>\nvon ihnen begehrt haben: worin aber die Poltergeister<br \/>\nniemals gerne willigen wollen, mit der Ausrede, da\u00df<br \/>\nman sie nicht sehen k\u00f6nne, ohne sich dar&uuml;ber zu ent-<br \/>\nsetzen. Doch wenn dennoch die l&uuml;sternen M\u00e4gde<br \/>\nnicht haben nachlassen k\u00f6nnen, so sollen die Kobolde<br \/>\njenen einen Ort im Hause benannt haben, wo sie sich<br \/>\nleibhaft pr\u00e4sentieren wollen; aber man m&uuml;sse zugleich<br \/>\neinen Eimer kaltes Wasser mitbringen. Da habe es<br \/>\nsich denn begeben, da\u00df ein solcher Kobold, etwa auf<br \/>\ndem Boden, in einem Kissen, nackt gelegen und ein<br \/>\ngro\u00dfes Schlachtmesser im R&uuml;cken steckend gehabt<br \/>\nhabe. Hier&uuml;ber manche Magd so sehr erschrocken<br \/>\nwar, da\u00df sie eine Ohnmacht bekommen hat. Darauf<br \/>\ndas Ding alsbald aufgesprungen ist, das Wasser ge-<br \/>\nnommen und das Mensch damit &uuml;ber und &uuml;ber begos-<br \/>\nsen hat, damit sie wieder zu sich selbst kommen<br \/>\nk\u00f6nne. Worauf die M\u00e4gde hernach ihre Lust verloren<br \/>\nund lieb Chimgen niemals weiter zu schauen begehrt<br \/>\nhaben. Die Kobolde n\u00e4mlich sollen auch alle beson-<br \/>\ndere Namen f&uuml;hren, insgemein aber Chim hei\u00dfen. So<br \/>\nsollen sie auch f&uuml;r die Knechte und M\u00e4gde, welchen<br \/>\nsie sich etwa ergeben, alle Hausarbeit tun: die Pferde<br \/>\nstriegeln, f&uuml;ttern, den Stall ausmisten, alles aufscheu-<br \/>\nern, die K&uuml;che sauber halten und, was sonsten im<br \/>\nHause zu tun ist, sehr wohl in acht nehmen, und das<br \/>\nVieh soll auch von ihnen zunehmen und gedeihen.<br \/>\nDaf&uuml;r m&uuml;ssen die Kobolde auch von dem Gesinde ka-<br \/>\nressiert werden; da\u00df sie ihnen nur im geringsten<br \/>\nnichts zuleide tun, weder mit Auslachen oder Vers\u00e4u-<br \/>\nmung im Speisen. Hat n\u00e4mlich eine K\u00f6chin das Ding<br \/>\nzu ihrem heimlichen Geh&uuml;lfen einmal im Hause ange-<br \/>\nnommen, so mu\u00df sie t\u00e4glich um eine gewisse Zeit und<br \/>\nan einem bestimmten Ort im Hause sein bereitetes<br \/>\nSch&uuml;sselchen voll gutes Essen hinsetzen und ihren<br \/>\nWeg wieder gehen; sie kann hernach immer faulen-<br \/>\nzen, auf den Abend zeitig schlafen gehen, sie wird<br \/>\ndennoch fr&uuml;hmorgens ihre Arbeit beschickt finden.<br \/>\nVergi\u00dft sie aber ihre Pflicht einmal, etwa die Speise<br \/>\nunterlassend, so bleibt ihr wieder ihre Arbeit allein zu<br \/>\nverrichten, und sie hat allerhand Mi\u00dfgeschick: da\u00df sie<br \/>\nsich entweder im hei\u00dfen Wasser verbrennt, die T\u00f6pfe<br \/>\nund das Geschirr zerbricht, das Essen umgesch&uuml;ttet<br \/>\noder gefallen ist usw., da\u00df sie also notwendig von der<br \/>\nHausfrau oder dem Herrn zur Strafe ausgescholten<br \/>\nwerden; wor&uuml;ber man auch zum \u00f6ftern den Kobold<br \/>\nsoll kichern oder lachen geh\u00f6rt haben. Und so ein Ko-<br \/>\nbold soll stets in seinem Hause verblieben sein, wenn-<br \/>\ngleich sich das Gesinde ver\u00e4ndert hat. Ja, es hat eine<br \/>\nabziehende Magd ihrer Nachfolgerin den Kobold re-<br \/>\nkommandieren und aufs beste anbefehlen m&uuml;ssen, da\u00df<br \/>\njene seiner auch also wartete. Hat diese nun nicht ge-<br \/>\nwollt, so hat es ihr auch an kontinuierlichem Ungl&uuml;ck<br \/>\nnicht gemangelt, und sie hat zeitig genug das Haus<br \/>\nwieder r\u00e4umen m&uuml;ssen.&#8221;<br \/>\nVielleicht zu den grauenhaftesten Geschichten ge-<br \/>\nh\u00f6rt folgende kleine Erz\u00e4hlung:<br \/>\nEine Magd hatte jahrelang einen unsichtbaren<br \/>\nHausgeist bei sich am Herde sitzen, wo sie ihm ein<br \/>\neignes St\u00e4ttchen einger\u00e4umt und wo sie sich die lan-<br \/>\ngen Winterabende hindurch mit ihm unterhielt. Nun<br \/>\nbat einmal die Magd das Heinzchen, denn also hie\u00df<br \/>\nsie den Geist, er solle sich doch einmal sehen lassen,<br \/>\nwie er von Natur gestaltet sei. Aber das Heinzlein<br \/>\nweigerte sich dessen. Endlich aber willigte es ein und<br \/>\nsagte, sie m\u00f6chte in den Keller hinabgehen, dort solle<br \/>\nsie ihn sehen. Da nimmt die Magd ein Licht, steigt<br \/>\nhinab in den Keller, und dort, in einem offenen Fasse,<br \/>\nsieht sie ein totes Kindlein in seinem Blute schwim-<br \/>\nmen. Die Magd hatte aber vor vielen Jahren ein un-<br \/>\neheliches Kind geboren und es heimlich ermordet und<br \/>\nin ein Fa\u00df gesteckt.<br \/>\nIndessen, wie die Deutschen nun einmal sind, sie<br \/>\nsuchen oft im Granen selbst ihren besten Spa\u00df, und<br \/>\ndie Volkssagen von den Kobolden sind manchmal<br \/>\nvoll erg\u00f6tzlicher Z&uuml;ge. Besonders am&uuml;sant sind die<br \/>\nGeschichten von H&uuml;deken, einem Kobold, der, im<br \/>\nzw\u00f6lften Jahrhundert, zu Hildesheim sein Wesen ge-<br \/>\ntrieben und von welchem in unseren Spinnstuben und<br \/>\nGeisterromanen soviel die Rede ist. Eine schon oft<br \/>\nabgedruckte Stelle aus einer alten Chronik gibt von<br \/>\nihm folgende Kunde:<br \/>\n&#8220;Um das Jahr 1132 erschien ein b\u00f6ser Geist eine<br \/>\nlange Zeit hindurch vielen Menschen im Bistum Hil-<br \/>\ndesheim in der Gestalt eines Bauern mit einem Hut<br \/>\nauf dem Kopfe: weshalb die Bauern ihn in s\u00e4chsischer<br \/>\nSprache H&uuml;deken nannten. Dieser Geist fand ein Ver-<br \/>\ngn&uuml;gen daran, mit Menschen umzugehen, sich ihnen<br \/>\nbald sichtbar, bald unsichtbar zu offenbaren, ihnen<br \/>\nFragen vorzulegen und zu beantworten. Er beleidigte<br \/>\nniemanden ohne Ursache. Wenn man ihn aber<br \/>\nauslachte oder sonst beschimpfte, so vergalt er das<br \/>\nempfangene Unrecht mit vollem Ma\u00dfe. Da der Graf<br \/>\nBurchard de Luka von dem Grafen Hermann von<br \/>\nWiesenburg erschlagen wurde und das Land des letz-<br \/>\nteren in Gefahr kam, eine Beute der R\u00e4cher zu wer-<br \/>\nden, so weckte der H&uuml;deken den Bischof Bernhard<br \/>\nvon Hildesheim aus dem Schlafe und redete ihn mit<br \/>\nfolgenden Worten an: >Stehe auf, Kahlkopf! Die Graf-<br \/>\nschaft Wiesenburg ist durch Mord verlassen und erle-<br \/>\ndigt und wird also leicht von dir besetzt werden k\u00f6n-<br \/>\nnen.> Der Bischof versammelte schnell seine Krieger,<br \/>\nfiel in das Land des schuldigen Grafen und vereinigte<br \/>\nes, mit Bewilligung des Kaisers, mit seinem Stift. Der<br \/>\nGeist warnte den genannten Bischof h\u00e4ufig ungebeten<br \/>\nvor nahen Gefahren und zeigte sich besonders oft in<br \/>\nder Hofk&uuml;che, wo er mit den K\u00f6chen redete und ihnen<br \/>\nallerlei Dienste erwies. Da man allm\u00e4hlich mit dem<br \/>\nH&uuml;deken vertraut geworden war, so wagte es ein K&uuml;-<br \/>\nchenjunge, ihn, sooft er erschien, zu necken und ihn<br \/>\nsogar mit unreinem Wasser zu begie\u00dfen. Der Geist<br \/>\nbat den Hauptkoch oder den K&uuml;chenmeister, da\u00df er<br \/>\ndem unartigen Knaben seinen Mutwillen untersagen<br \/>\nm\u00f6chte. Der Meisterkoch antwortete: >Du bist ein<br \/>\nGeist und f&uuml;rchtest dich vor einem Buben!>, worauf<br \/>\nH&uuml;deken drohend erwiderte: >Weil du den Knaben<br \/>\nnicht strafen willst, so werde ich dir in wenigen Tagen<br \/>\nzeigen, wie sehr ich mich vor ihm f&uuml;rchte.> Bald<br \/>\nnachher sa\u00df der Bube, der den Geist beleidigt hatte,<br \/>\nganz allein schlafend in der K&uuml;che. In diesem Zustand<br \/>\nergriff ihn der Geist, erdrosselte ihn, zerri\u00df ihn in<br \/>\nSt&uuml;cken und setzte diese in T\u00f6pfen ans Feuer. Da der<br \/>\nKoch diesen Streich entdeckte, da fluchte er dem<br \/>\nGeist, und nun verdarb H&uuml;deken am folgenden Tage<br \/>\nalle Braten, die am Spie\u00dfe gesteckt waren, durch das<br \/>\nGift und Blut von Kr\u00f6ten, welches er dar&uuml;ber aus-<br \/>\nsch&uuml;ttete. Die Rache veranla\u00dfte den Koch zu neuen<br \/>\nBeschimpfungen, nach welchen der Geist ihn endlich<br \/>\n&uuml;ber eine falsche vorgezauberte Br&uuml;cke in einen tiefen<br \/>\nGraben st&uuml;rzte. Zugleich machte er die Nacht durch,<br \/>\nauf den Mauern und T&uuml;rmen der Stadt, flei\u00dfig die<br \/>\nRunde und zwang die W\u00e4chter zu einer best\u00e4ndigen<br \/>\nWachsamkeit. Ein Mann, der eine untreue Frau hatte,<br \/>\nsagte einst, als er verreisen wollte, im Scherze zu dem<br \/>\nH&uuml;deken: >Guter Freund, ich empfehle dir meine<br \/>\nFrau, h&uuml;te sie sorgf\u00e4ltig.> Sobald der Mann entfernt<br \/>\nwar, lie\u00df das ehebrecherische Weib einen Liebhaber<br \/>\nnach dem andern kommen. Allein H&uuml;deken lie\u00df kei-<br \/>\nnen zu ihr, sondern warf sie alle aus dem Bette auf<br \/>\nden Boden hin. Als der Mann von seiner Reise zu-<br \/>\nr&uuml;ckkam, da ging ihm der Geist weit entgegen und<br \/>\nsagte zu dem Wiederkehrenden: >Ich freue mich sehr<br \/>\n&uuml;ber deine Ankunft, damit ich von dem schweren<br \/>\nDienst frei werde, den du mir auferlegt hast. Ich habe<br \/>\ndeine Frau mit uns\u00e4glicher M&uuml;he vor wirklicher<br \/>\nUntreue geh&uuml;tet. Ich bitte dich aber, da\u00df du sie mir<br \/>\nnie wieder anvertrauen m\u00f6gest. Lieber wollte ich alle<br \/>\nSchweine in ganz Sachsenland h&uuml;ten als ein Weib,<br \/>\ndas durch R\u00e4nke in die Arme ihrer Buhlen zu kom-<br \/>\nmen sucht.>&#8221;<br \/>\nDer Genauigkeit wegen mu\u00df ich bemerken, da\u00df<br \/>\nH&uuml;dekens Kopfbedeckung von dem gew\u00f6hnlichen<br \/>\nKost&uuml;me der Kobolde abweicht. Diese sind meistens<br \/>\ngrau gekleidet und tragen ein rotes K\u00e4ppchen. Wenig-<br \/>\nstens sieht man sie so im D\u00e4nischen, wo sie heutzuta-<br \/>\nge am zahlreichsten sein sollen. Ich war ehemals der<br \/>\nMeinung, die Kobolde lebten deshalb so gern in D\u00e4-<br \/>\nnemark, weil sie am liebsten rote &#8220;Gr&uuml;tze&#8221; \u00e4\u00dfen.<br \/>\nAber ein junger d\u00e4nischer Dichter, Herr Andersen,<br \/>\nden ich das Vergn&uuml;gen hatte diesen Sommer hier in<br \/>\nParis zu sehen, hat mir ganz bestimmt versichert, die<br \/>\nNissen, wie man in D\u00e4nemark die Kobolde nennt,<br \/>\n\u00e4\u00dfen am liebsten &#8220;Brei&#8221; mit Butter. Wenn diese Ko-<br \/>\nbolde sich mal in einem Hause eingenistet, so sind sie<br \/>\nauch nicht so bald geneigt, es zu verlassen. Indessen,<br \/>\nsie kommen nie unangemeldet, und wenn sie irgend<br \/>\nwohnen wollen, machen sie dem Hausherrn auf fol-<br \/>\ngende Art davon Anzeige: Sie tragen des Nachts aller-<br \/>\nlei Holzsp\u00e4ne ins Haus, und in die Milchf\u00e4sser streu-<br \/>\nen sie Mist von Vieh. Wenn nun der Hausherr diese<br \/>\nHolzsp\u00e4ne nicht wieder wegwirft oder wenn er mit<br \/>\nseiner Familie von jener beschmutzten Milch trinkt,<br \/>\ndann bleiben die Kobolde auf immer bei ihm. Dieses<br \/>\nist manchem sehr mi\u00dfbehaglich geworden. Ein armer<br \/>\nJ&uuml;tl\u00e4nder wurde am Ende so verdrie\u00dflich &uuml;ber die Ge-<br \/>\nnossenschaft eines solchen Kobolds, da\u00df er sein Haus<br \/>\nselbst aufgeben wollte und seine Siebensachen auf<br \/>\neine Karre lud und damit nach dem n\u00e4chsten Dorfe<br \/>\nfuhr, um sich dort niederzulassen. Unterwegs aber, als<br \/>\ner sich mal umdrehte, erblickte er das rotbem&uuml;tzte<br \/>\nK\u00f6pfchen des Kobolds, der aus einer von den leeren<br \/>\nB&uuml;tten hervorguckte und ihm freundlich zurief: &#8220;Wi<br \/>\nfl&uuml;tten!&#8221; (Wir ziehen aus.)<br \/>\nIch habe mich vielleicht zu lange bei diesen kleinen<br \/>\nD\u00e4monen aufgehalten, und es ist Zeit, da\u00df ich wieder<br \/>\nzu den gro\u00dfen &uuml;bergehe. Aber alle diese Geschichten<br \/>\nillustrieren den Glauben und den Charakter des deut-<br \/>\nschen Volks. Jener Glaube war in den verflossenen<br \/>\nJahrhunderten ebenso gewaltig wie der Kirchenglau-<br \/>\nbe. Als der gelehrte Doktor Remigius sein gro\u00dfes<br \/>\nBuch &uuml;ber das Hexenwesen beendigt hatte, glaubte er<br \/>\nseines Gegenstandes so kundig zu sein, da\u00df er sich<br \/>\neinbildete, jetzt selber hexen zu k\u00f6nnen; und, ein ge-<br \/>\nwissenhafter Mann, wie er war, ermangelte er nicht,<br \/>\nsich selber bei den Gerichten als Hexenmeister anzu-<br \/>\ngehen, und infolge dieser Angabe wurde er als Hexen-<br \/>\nmeister verbrannt.<br \/>\nDiese Greuel entstanden nicht direkt durch die<br \/>\nchristliche Kirche, sondern indirekt dadurch, da\u00df<br \/>\ndiese die altgermanische Nationalreligion so t&uuml;ckisch<br \/>\nverkehrt, da\u00df sie die pantheistische Weltansicht der<br \/>\nDeutschen in eine pand\u00e4monische umgebildet, da\u00df sie<br \/>\ndie fr&uuml;heren Heiligt&uuml;mer des Volks in h\u00e4\u00dfliche Teufe-<br \/>\nlei verwandelt hatte. Der Mensch l\u00e4\u00dft aber nicht gern<br \/>\nab von dem, was ihm und seinen Vorfahren teuer und<br \/>\nlieb war, und heimlich kr\u00e4mpen sich seine Empfin-<br \/>\ndungen daran fest, selbst wenn man es verderbt und<br \/>\nentstellt hat. Daher erh\u00e4lt sich jener verkehrte Volks-<br \/>\nglaube vielleicht noch l\u00e4nger als das Christentum in<br \/>\nDeutschland, welches nicht wie jener in der Nationali-<br \/>\nt\u00e4t wurzelt. Zur Zeit der Reformation schwand sehr<br \/>\nschnell der Glaube an die katholischen Legenden,<br \/>\naber keineswegs der Glaube an Zauber und Hexerei.<br \/>\nLuther glaubt nicht mehr an katholische Wunder,<br \/>\naber er glaubt noch an Teufelswesen. Seine &#8220;Tischre-<br \/>\nden&#8221; sind voll kurioser Geschichtchen von Sa-<br \/>\ntansk&uuml;nsten, Kobolden und Hexen. Er selber in seinen<br \/>\nN\u00f6ten glaubte manchmal mit dem leibhaftigen Gott-<br \/>\nseibeiuns zu k\u00e4mpfen. Auf der Wartburg, wo er das<br \/>\nNeue Testament &uuml;bersetzte, ward er so sehr vom Teu-<br \/>\nfel gest\u00f6rt, da\u00df er ihm das Tintenfa\u00df an den Kopf<br \/>\nschmi\u00df. Seitdem hat der Teufel eine gro\u00dfe Scheu vor<br \/>\nTinte, aber noch weit mehr vor Druckerschw\u00e4rze.<br \/>\nVon der Schlauheit des Teufels wird in den erw\u00e4hnten<br \/>\nTischreden manch erg\u00f6tzliches St&uuml;cklein erz\u00e4hlt, und<br \/>\nich kann nicht umhin, eins davon mitzuteilen.<br \/>\n&#8220;Doktor Martin Luther erz\u00e4hlte, da\u00df einmal gute<br \/>\nGesellen beieinander in einer Zeche gesessen waren.<br \/>\nNun war ein wild w&uuml;stes Kind unter ihnen, der hatte<br \/>\ngesagt: Wenn einer w\u00e4re, der ihm eine gute Zeche<br \/>\nWeins schenkte, wollte er ihm daf&uuml;r seine Seele ver-<br \/>\nkaufen.<br \/>\nNicht lange darauf k\u00f6mmt einer in die Stuben zu<br \/>\nihm, setzet sich bei ihm nieder und zecht mit ihm und<br \/>\nspricht unter anderen zu dem, der sich also viel ver-<br \/>\nmessen gehabt:<br \/>\n>H\u00f6re, du sagst zuvor, wenn einer dir eine Zeche<br \/>\nWeins gebe, so wollest du ihm daf&uuml;r deine Seele ver-<br \/>\nkaufen?><br \/>\nDa sprach er nochmals: >Ja, ich will&#8217;s tun, la\u00df mich<br \/>\nheute recht schlemmen, demmen und guter Dinge<br \/>\nsein.><br \/>\nDer Mann, welcher der Teufel war, sagte ja, und<br \/>\nbald darnach verschlich er sich wieder von ihm. Als<br \/>\nnun derselbige Schlemmer den ganzen Tag fr\u00f6hlich<br \/>\nwar und zuletzt auch trunken wurde, da kommt der<br \/>\nvorige Mann, der Teufel, wieder und setzt sich zu ihm<br \/>\nnieder und fragt die anderen Zechbr&uuml;der und spricht:<br \/>\n>Lieben Herren, was d&uuml;nket euch, wenn einer ein<br \/>\nPferd kauft, geh\u00f6rt ihm der Sattel und Zaum nicht<br \/>\nauch dazu?> Dieselbigen erschraken alle. Aber letz-<br \/>\nlich sprach der Mann:<br \/>\n>Nun sagt&#8217;s flugs.> Da bekannten sie und sagten:<br \/>\n>Ja, der Sattel und Zaum geh\u00f6rt ihm auch dazu.> Da<br \/>\nnimmt der Teufel denselbigen wilden, rohen Gesellen<br \/>\nund f&uuml;hret ihn durch die Decke hindurch, da\u00df nie-<br \/>\nmand gewu\u00dft, wo er war hinkommen.&#8221;<br \/>\nObgleich ich f&uuml;r unsern gro\u00dfen Meister Martin Lu-<br \/>\nther den gr\u00f6\u00dften Respekt hege, so will es mich doch<br \/>\nbed&uuml;nken, als habe er den Charakter des Satans ganz<br \/>\nverkannt. Dieser denkt durchaus nicht mit solcher Ge-<br \/>\nringsch\u00e4tzung vom Leibe, wie hier erw\u00e4hnt wird. Was<br \/>\nman auch B\u00f6ses vom Teufel erz\u00e4hlen mag, so hat<br \/>\nman ihm doch nie nachsagen k\u00f6nnen, da\u00df er ein Spi-<br \/>\nritualist sei.<br \/>\nAber mehr noch als die Gesinnung des Teufels ver-<br \/>\nkannte Martin Luther die Gesinnung des Papstes und<br \/>\nder katholischen Kirche. Bei meiner strengen Unpar-<br \/>\nteilichkeit mu\u00df ich beide, ebenso wie den Teufel,<br \/>\ngegen den allzu eifrigen Mann in Schutz nehmen. Ja,<br \/>\nwenn man mich aufs Gewissen fr&uuml;ge, w&uuml;rde ich ein-<br \/>\ngestehn, da\u00df der Papst, Leo X., eigentlich weit ver-<br \/>\nn&uuml;nftiger war als Luther und da\u00df dieser die letzten<br \/>\nGr&uuml;nde der katholischen Kirche gar nicht begriffen<br \/>\nhat. Denn Luther hatte nicht begriffen, da\u00df die Idee<br \/>\ndes Christentums, die Vernichtung der Sinnlichkeit,<br \/>\ngar zu sehr in Widerspruch war mit der menschlichen<br \/>\nNatur, als da\u00df sie jemals im Leben ganz ausf&uuml;hrbar<br \/>\ngewesen sei; er hatte nicht begriffen, da\u00df der Katholi-<br \/>\nzismus gleichsam ein Konkordat war zwischen Gott<br \/>\nund dem Teufel, d.h. zwischen dem Geist und der Ma-<br \/>\nterie, wodurch die Alleinherrschaft des Geistes in der<br \/>\nTheorie ausgesprochen wird, aber die Materie in den<br \/>\nStand gesetzt wird, alle ihre annullierten Rechte in der<br \/>\nPraxis auszu&uuml;ben. Daher ein kluges System von Zu-<br \/>\ngest\u00e4ndnissen, welche die Kirche zum Besten der<br \/>\nSinnlichkeit gemacht hat, obgleich immer unter For-<br \/>\nmen, welche jeden Akt der Sinnlichkeit fletrieren und<br \/>\ndem Geiste seine h\u00f6hnischen Usurpationen verwah-<br \/>\nren. Du darfst den z\u00e4rtlichen Neigungen des Herzens<br \/>\nGeh\u00f6r geben und ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen umarmen,<br \/>\naber du mu\u00dft eingestehn, da\u00df es eine sch\u00e4ndliche<br \/>\nS&uuml;nde war, und f&uuml;r diese S&uuml;nde mu\u00dft du Abbu\u00dfe tun.<br \/>\nDa\u00df diese Abbu\u00dfe durch Geld geschehen konnte, war<br \/>\nebenso wohlt\u00e4tig f&uuml;r die Menschheit wie n&uuml;tzlich f&uuml;r<br \/>\ndie Kirche. Die Kirche lie\u00df sozusagen Wergeld be-<br \/>\nzahlen f&uuml;r jeden fleischlichen Genu\u00df, und da entstand<br \/>\neine Taxe f&uuml;r alle Sorten von S&uuml;nden, und es gab hei-<br \/>\nlige Kolporteurs, welche, im Namen der r\u00f6mischen<br \/>\nKirche, die Abla\u00dfzettel f&uuml;r jede taxierte S&uuml;nde im<br \/>\nLande feilboten, und ein solcher war jener Tetzel, wo-<br \/>\ngegen Luther zuerst auftrat. Unsere Historiker mei-<br \/>\nnen, dieses Protestieren gegen den Abla\u00dfhandel sei<br \/>\nein geringf&uuml;giges Ereignis gewesen, und erst durch<br \/>\nr\u00f6mischen Starrsinn sei Luther, der anfangs nur gegen<br \/>\neinen Mi\u00dfbrauch der Kirche geeifert, dahin getrieben<br \/>\nworden, die ganze Kirchenautorit\u00e4t in ihrer h\u00f6chsten<br \/>\nSpitze anzugreifen. Aber das ist eben ein Irrtum, der<br \/>\nAbla\u00dfhandel war kein Mi\u00dfbrauch, er war eine Konse-<br \/>\nquenz des ganzen Kirchensystems, und indem Luther<br \/>\nihn angriff, hatte er die Kirche selbst angegriffen, und<br \/>\ndiese mu\u00dfte ihn als Ketzer verdammen. Leo X., der<br \/>\nfeine Florentiner, der Sch&uuml;ler des Polizian, der Freund<br \/>\ndes Raffael, der griechische Philosoph mit der dreifa-<br \/>\nchen Krone, die ihm das Konklav vielleicht deshalb<br \/>\nerteilte, weil er an einer Krankheit litt, die keineswegs<br \/>\ndurch christliche Abstinenz entsteht und damals noch<br \/>\nsehr gef\u00e4hrlich war&#8230; Leo von Medicis, wie mu\u00dfte er<br \/>\nl\u00e4cheln &uuml;ber den armen, keuschen, einf\u00e4ltigen M\u00f6nch,<br \/>\nder da w\u00e4hnte, das Evangelium sei die Charte des<br \/>\nChristentums und diese Charte m&uuml;sse eine Wahrheit<br \/>\nsein! Er hat vielleicht gar nicht gemerkt, was Luther<br \/>\nwollte, indem er damals viel zu sehr besch\u00e4ftigt war<br \/>\nmit dem Bau der Peterskirche, dessen Kosten eben<br \/>\nmit den Abla\u00dfgeldern bestritten wurden, so da\u00df die<br \/>\nS&uuml;nde ganz eigentlich das Geld hergab zum Bau die-<br \/>\nser Kirche, die dadurch gleichsam ein Monument<br \/>\nsinnlicher Lust wurde, wie jene Pyramide, die ein<br \/>\n\u00e4gyptisches Freudenm\u00e4dchen f&uuml;r das Geld erbaute,<br \/>\ndas sie durch Prostitution erworben. Von diesem Got-<br \/>\nteshause k\u00f6nnte man vielleicht eher als von dem K\u00f6l-<br \/>\nner Dome behaupten, da\u00df es durch den Teufel erbaut<br \/>\nworden. Diesen Triumph des Spiritualismus, da\u00df der<br \/>\nSensualismus selber ihm seinen sch\u00f6nsten Tempel<br \/>\nbauen mu\u00dfte, da\u00df man eben f&uuml;r die Menge Zuge-<br \/>\nst\u00e4ndnisse, die man dem Fleische machte, die Mittel<br \/>\nerwarb, den Geist zu verherrlichen, dieses begriff man<br \/>\nnicht im deutschen Norden. Denn hier, weit eher als<br \/>\nunter dem gl&uuml;henden Himmel Italiens, war es m\u00f6g-<br \/>\nlich, ein Christentum auszu&uuml;ben, das der Sinnlichkeit<br \/>\ndie allerwenigsten Zugest\u00e4ndnisse macht. Wir Nord-<br \/>\nl\u00e4nder sind k\u00e4lteren Blutes, und wir bedurften nicht<br \/>\nsoviel Abla\u00dfzettel f&uuml;r fleischliche S&uuml;nden, als uns der<br \/>\nv\u00e4terlich besorgte Leo zugeschickt hatte. Das Klima<br \/>\nerleichtert uns die Aus&uuml;bung der christlichen Tugen-<br \/>\nden, und am 31. Oktober 1517, als Luther seine The-<br \/>\nsen gegen den Abla\u00df an die T&uuml;re der Augustinerkir-<br \/>\nche anschlug, war der Stadtgraben von Wittenberg<br \/>\nvielleicht schon zugefroren, und man konnte dort<br \/>\nSchlittschuhe laufen, welches ein sehr kaltes Vergn&uuml;-<br \/>\ngen und also keine S&uuml;nde ist.<br \/>\nIch habe mich oben vielleicht schon mehrmals der<br \/>\nWorte Spiritualismus und Sensualismus bedient;<br \/>\ndiese Worte beziehen sich aber hier nicht, wie bei den<br \/>\nfranz\u00f6sischen Philosophen, auf die zwei verschiede-<br \/>\nnen Quellen unserer Erkenntnisse, ich gebrauche sie<br \/>\nvielmehr, wie schon aus dem Sinne meiner Rede<br \/>\nimmer von selber hervorgeht, zur Bezeichnung jener<br \/>\nbeiden verschiedenen Denkweisen, wovon die eine<br \/>\nden Geist dadurch verherrlichen will, da\u00df sie die Ma-<br \/>\nterie zu zerst\u00f6ren strebt, w\u00e4hrend die andere die<br \/>\nnat&uuml;rlichen Rechte der Materie gegen die Usurpatio-<br \/>\nnen des Geistes zu vindizieren sucht.<br \/>\nAuf obige Anf\u00e4nge der lutherischen Reformation,<br \/>\ndie schon den ganzen Geist derselben offenbaren,<br \/>\nmu\u00df ich ebenfalls besonders aufmerksam machen, da<br \/>\nman hier in Frankreich &uuml;ber die Reformation noch die<br \/>\nalten Mi\u00dfbegriffe hegt, die Bossuet durch seine &#8220;Hi-<br \/>\nstoire des variations&#8221; verbreitet hat und die sich sogar<br \/>\nbei heutigen Schriftstellern geltend machen. Die Fran-<br \/>\nzosen begriffen nur die negative Seite der Reformati-<br \/>\non, sie sahen darin nur einen Kampf gegen den Ka-<br \/>\ntholizismus und glaubten manchmal, dieser Kampf sei<br \/>\njenseits des Rheines immer aus denselben Gr&uuml;nden<br \/>\ngef&uuml;hrt worden wie diesseits, in Frankreich. Aber die<br \/>\nGr&uuml;nde waren dort ganz andere als hier und ganz ent-<br \/>\ngegengesetzte. Der Kampf gegen den Katholizismus<br \/>\nin Deutschland war nichts anders als ein Krieg, den<br \/>\nder Spiritualismus begann, als er einsah, da\u00df er nur<br \/>\nden Titel der Herrschaft f&uuml;hrte und nur de jure<br \/>\nherrschte, w\u00e4hrend der Sensualismus, durch herge-<br \/>\nbrachten Unterschleif, die wirkliche Herrschaft aus&uuml;b-<br \/>\nte und de facto herrschte; &#8211; die Abla\u00dfkr\u00e4mer wurden<br \/>\nfortgejagt, die h&uuml;bschen Priesterkonkubinen wurden<br \/>\ngegen kalte Eheweiber umgetauscht, die reizenden<br \/>\nMadonnenbilder wurden zerbrochen, es entstand hie<br \/>\nund da der sinnenfeindlichste Puritanismus. Der<br \/>\nKampf gegen den Katholizismus in Frankreich, im<br \/>\nsiebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert, war hin-<br \/>\ngegen ein Krieg, den der Sensualismus begann, als er<br \/>\nsah, da\u00df er de facto herrschte und dennoch jeder Akt<br \/>\nseiner Herrschaft von dem Spiritualismus, der de jure<br \/>\nzu herrschen behauptete, als illegitim verh\u00f6hnt und in<br \/>\nder empfindlichsten Weise fletriert wurde. Statt da\u00df<br \/>\nman nun in Deutschland mit keuschem Ernste k\u00e4mpf-<br \/>\nte, k\u00e4mpfte man in Frankreich mit schl&uuml;pfrigem<br \/>\nSpa\u00dfe; und statt da\u00df man dort eine theologische Dis-<br \/>\nputation f&uuml;hrte, dichtete man hier irgendeine lustige<br \/>\nSatire. Der Gegenstand dieser letzteren war gew\u00f6hn-<br \/>\nlich, den Widerspruch zu zeigen, worin der Mensch<br \/>\nmit sich selbst ger\u00e4t, wenn er ganz Geist sein will;<br \/>\nund da erbl&uuml;hten die k\u00f6stlichsten Historien von from-<br \/>\nmen M\u00e4nnern, welche ihrer tierischen Natur unwill-<br \/>\nk&uuml;rlich unterliegen oder gar alsdann den Schein der<br \/>\nHeiligkeit retten wollen und zur Heuchelei ihre Zu-<br \/>\nflucht nehmen. Schon die K\u00f6nigin von Navarra schil-<br \/>\nderte in ihren Novellen solche Mi\u00dfst\u00e4nde, das Ver-<br \/>\nh\u00e4ltnis der M\u00f6nche zu den Weibern ist ihr gew\u00f6hnli-<br \/>\nches Thema, und sie will alsdann nicht blo\u00df unser<br \/>\nZwerchfell, sondern auch das M\u00f6nchstum ersch&uuml;ttern.<br \/>\nDie boshafteste Bl&uuml;te solcher komischen Polemik ist<br \/>\nunstreitig der &#8220;Tart&uuml;ff&#8221; von Moli\u00e8re; denn dieser ist<br \/>\nnicht blo\u00df gegen den Jesuitismus seiner Zeit gerichtet,<br \/>\nsondern gegen das Christentum selbst, ja gegen die<br \/>\nIdee des Christentums, gegen den Spiritualismus. In<br \/>\nder Tat, durch die affichierte Angst vor dem nackten<br \/>\nBusen der Dorine, durch die Worte<\/p>\n<p>Le ciel d\u00e9fend, de vrai, certains contentements,<br \/>\nMais on trouve avec lui des accomodements -,<\/p>\n<p>dadurch wurde nicht blo\u00df die gew\u00f6hnliche Scheinhei-<br \/>\nligkeit persifliert, sondern auch die allgemeine L&uuml;ge,<br \/>\ndie aus der Unausf&uuml;hrbarkeit der christlichen Idee<br \/>\nnotwendig entsteht; persifliert wurde dadurch das<br \/>\nganze System von Konzessionen, die der Spiritualis-<br \/>\nmus dem Sensualismus machen mu\u00dfte. Wahrlich, der<br \/>\nJansenismus hatte immer weit mehr Grund als der Je-<br \/>\nsuitismus, sich durch die Darstellung des &#8220;Tart&uuml;ff&#8221;<br \/>\nverletzt zu f&uuml;hlen, und Moli\u00e8re d&uuml;rfte den heutigen<br \/>\nMethodisten noch immer so mi\u00dfbehagen wie den ka-<br \/>\ntholischen Devoten seiner Zeit. Darum eben ist Mo-<br \/>\nli\u00e8re so gro\u00df, weil er, gleich Aristophanes und Cer-<br \/>\nvantes, nicht blo\u00df temporelle Zuf\u00e4lligkeiten, sondern<br \/>\ndas Ewig-L\u00e4cherliche, die Urschw\u00e4chen der Mensch-<br \/>\nheit, persifliert. Voltaire, der immer nur das Zeitliche<br \/>\nund Unwesentliche angriff, mu\u00df ihm in dieser Bezie-<br \/>\nhung nachstehen.<br \/>\nJene Persiflage aber, namentlich die Voltairesche,<br \/>\nhat in Frankreich ihre Mission erf&uuml;llt, und wer sie<br \/>\nweiter fortsetzen wollte, handelte ebenso unzeitgem\u00e4\u00df<br \/>\nwie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren<br \/>\nReste des Katholizismus vertilgen w&uuml;rde, k\u00f6nnte es<br \/>\nsich leicht ereignen, da\u00df die Idee desselben sich in<br \/>\neine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib fl&uuml;ch-<br \/>\ntet und, sogar den Namen Christentum ablegend, in<br \/>\ndieser Umwandlung uns noch weit verdrie\u00dflicher be-<br \/>\nl\u00e4stigen k\u00f6nnte als in ihrer jetzigen gebrochenen, rui-<br \/>\nnierten und allgemein diskreditierten Gestalt. Ja, es<br \/>\nhat sein Gutes, da\u00df der Spiritualismus durch eine Re-<br \/>\nligion und eine Priesterschaft repr\u00e4sentiert werde,<br \/>\nwovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und<br \/>\nletztere mit dem ganzen Freiheitsenthusiasmus unse-<br \/>\nrer Zeit in direkter Opposition steht.<br \/>\nAber warum ist uns denn der Spiritualismus so<br \/>\nsehr zuwider? Ist er etwas so Schlechtes? Keines-<br \/>\nwegs. Rosen\u00f6l ist eine kostbare Sache, und ein<br \/>\nFl\u00e4schchen desselben ist erquicksam, wenn man in<br \/>\nden verschlossenen Gem\u00e4chern des Harem seine Tage<br \/>\nvertrauern mu\u00df. Aber wir wollen dennoch nicht, da\u00df<br \/>\nman alle Rosen dieses Lebens zertrete und zerstamp-<br \/>\nfe, um einige Tropfen Rosen\u00f6l zu gewinnen, und<br \/>\nm\u00f6gen diese noch so tr\u00f6stsam wirken. Wir sind viel-<br \/>\nmehr wie die Nachtigallen, die sich gern an der Rose<br \/>\nselber erg\u00f6tzen und von ihrer err\u00f6tend bl&uuml;henden Er-<br \/>\nscheinung ebenso beseligt werden wie von ihrem un-<br \/>\nsichtbaren Dufte.<br \/>\nIch habe oben ge\u00e4u\u00dfert, da\u00df es eigentlich der Spiri-<br \/>\ntualismus war, welcher bei uns den Katholizismus<br \/>\nangriff. Aber dieses gilt nur vom Anfang der Refor-<br \/>\nmation; sobald der Spiritualismus in das alte Kirchen-<br \/>\ngeb\u00e4ude Bresche geschossen, st&uuml;rzte der Sensualis-<br \/>\nmus hervor mit all seiner lang verhaltenen Glut, und<br \/>\nDeutschland wurde der wildeste Tummelplatz von<br \/>\nFreiheitsrausch und Sinnenlust. Die unterdr&uuml;ckten<br \/>\nBauern hatten in der neuen Lehre geistliche Waffen<br \/>\ngefunden, mit denen sie den Krieg gegen die Aristo-<br \/>\nkratie f&uuml;hren konnten; die Lust zu einem solchen<br \/>\nKriege war schon seit anderthalb Jahrhundert vorhan-<br \/>\nden. Zu M&uuml;nster lief der Sensualismus nackt durch<br \/>\ndie Stra\u00dfen, in der Gestalt des Jan van Leiden, und<br \/>\nlegte sich mit seinen zw\u00f6lf Weibern in jene gro\u00dfe<br \/>\nBettstelle, welche noch heute auf dem dortigen Rat-<br \/>\nhause zu sehen ist. Die Klosterpforten \u00f6ffneten sich<br \/>\n&uuml;berall, und Nonnen und M\u00f6nchlein st&uuml;rzten sich in<br \/>\ndie Arme und schn\u00e4belten sich. Ja, die \u00e4u\u00dfere Ge-<br \/>\nschichte jener Zeit besteht fast aus lauter sensuali-<br \/>\nschen Emeuten; wie wenig Resultate davon geblieben,<br \/>\nwie der Spiritualismus jene Tumultuanten wieder un-<br \/>\nterdr&uuml;ckte, wie er allm\u00e4hlich im Norden seine Herr-<br \/>\nschaft sicherte, aber durch einen Feind, den er im ei-<br \/>\ngenen Busen erzogen, n\u00e4mlich durch die Philosophie,<br \/>\nzu Tode verwundet wurde, sehen wir sp\u00e4ter. Es ist<br \/>\ndieses eine sehr verwickelte Geschichte, schwer zu<br \/>\nentwirren. Der katholischen Partei wird es leicht, nach<br \/>\nBelieben die schlimmsten Motive hervorzukehren,<br \/>\nund wenn man sie sprechen h\u00f6rt, galt es nur, die<br \/>\nfrechste Sinnlichkeit zu legitimieren und die Kirchen-<br \/>\ng&uuml;ter zu pl&uuml;ndern. Freilich, die geistigen Interessen<br \/>\nm&uuml;ssen immer mit den materiellen Interessen eine Al-<br \/>\nlianz schlie\u00dfen, um zu siegen. Aber der Teufel hatte<br \/>\ndie Karten so sonderbar gemischt, da\u00df man &uuml;ber die<br \/>\nIntentionen nichts Sicheres mehr sagen kann.<br \/>\nDie erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichs-<br \/>\nsaale zu Worms versammelt waren, mochten wohl al-<br \/>\nlerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Wider-<br \/>\nspruch standen mit den Worten ihres Mundes. Da sa\u00df<br \/>\nein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher Herr-<br \/>\nscherwonne, in seinen neuen Purpurmantel wickelte<br \/>\nund sich heimlich freute, da\u00df der stolze R\u00f6mer, der<br \/>\ndie Vorg\u00e4nger im Reiche so oft mi\u00dfhandelt und noch<br \/>\nimmer seine Anma\u00dfungen nicht aufgegeben, jetzt die<br \/>\nwirksamste Zurechtweisung gefunden. Der Repr\u00e4sen-<br \/>\ntant jenes R\u00f6mers hatte seinerseits wieder die gehei-<br \/>\nme Freude, da\u00df ein Zwiespalt unter jenen Deutschen<br \/>\nentstand, die, wie betrunkene Barbaren, so oft das<br \/>\nsch\u00f6ne Italien &uuml;berfallen und ausgepl&uuml;ndert und es<br \/>\nnoch immer mit neuen \u00c3\u0153berf\u00e4llen und Pl&uuml;nderungen<br \/>\nbedrohten. Die weltlichen F&uuml;rsten freuten sich, da\u00df<br \/>\nsie mit der neuen Lehre sich auch zu gleicher Zeit die<br \/>\nalten Kircheng&uuml;ter zu Gem&uuml;te f&uuml;hren konnten. Die<br \/>\nhohen Pr\u00e4laten &uuml;berlegten schon, ob sie nicht ihre<br \/>\nK\u00f6chinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bist&uuml;mer<br \/>\nund Abteien auf ihre m\u00e4nnlichen Spr\u00f6\u00dflinge vererben<br \/>\nk\u00f6nnten. Die Abgeordneten der St\u00e4dte freuten sich<br \/>\neiner neuen Erweiterung ihrer Unabh\u00e4ngigkeit. Jeder<br \/>\nhatte hier was zu gewinnen und dachte heimlich an<br \/>\nirdische Vorteile.<br \/>\nDoch ein Mann war dort, von dem ich &uuml;berzeugt<br \/>\nbin, da\u00df er nicht an sich dachte, sondern nur an die<br \/>\ng\u00f6ttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser<br \/>\nMann war Martin Luther, der arme M\u00f6nch, den die<br \/>\nVorsehung auserw\u00e4hlt, jene r\u00f6mische Weltmacht zu<br \/>\nbrechen, wogegen schon die st\u00e4rksten Kaiser und<br \/>\nk&uuml;hnsten Weisen vergeblich angek\u00e4mpft. Aber die<br \/>\nVorsehung wei\u00df sehr gut, auf welche Schultern sie<br \/>\nihre Lasten legt; hier war nicht blo\u00df eine geistige,<br \/>\nsondern auch eine physische Kraft n\u00f6tig. Eines durch<br \/>\nkl\u00f6sterliche Strenge und Keuschheit von Jugend auf<br \/>\ngest\u00e4hlten Leibes bedurfte es, um die M&uuml;hseligkeiten<br \/>\neines solchen Amtes zu ertragen. Unser teurer Meister<br \/>\nwar damals noch mager und sah sehr bla\u00df aus, so da\u00df<br \/>\ndie roten, wohlgef&uuml;tterten Herren des Reichstags fast<br \/>\nmit Mitleid auf den armseligen Mann in der schwar-<br \/>\nzen Kutte herabsahen. Aber er war doch ganz gesund,<br \/>\nund seine Nerven waren so fest, da\u00df ihn der gl\u00e4nzen-<br \/>\nde Tumult nicht im mindesten einsch&uuml;chterte, und gar<br \/>\nseine Lunge mu\u00df stark gewesen sein. Denn nachdem<br \/>\ner seine lange Verteidigung gesprochen, mu\u00dfte er,<br \/>\nweil der Kaiser kein Hochdeutsch verstand, sie in<br \/>\nlateinischer Sprache wiederholen. Ich \u00e4rgere mich je-<br \/>\ndesmal, wenn ich daran denke; denn unser teurer Mei-<br \/>\nster stand neben einem offenen Fenster, der Zugluft<br \/>\nausgesetzt, w\u00e4hrend ihm der Schwei\u00df von der Stirne<br \/>\ntroff. Durch das lange Reden mochte er wohl sehr er-<br \/>\nm&uuml;det und sein Gaumen mochte wohl etwas trocken<br \/>\ngeworden sein. >Der mu\u00df jetzt gro\u00dfen Durst haben>,<br \/>\ndachte gewi\u00df der Herzog von Braunschweig; wenig-<br \/>\nstens lesen wir, da\u00df er dem Martin Luther drei Kan-<br \/>\nnen des besten Eimbecker Biers in die Herberge zu-<br \/>\nschickte. Ich werde diese edle Tat dem Hause Braun-<br \/>\nschweig nie vergessen.<br \/>\nWie von der Reformation, so hat man auch von<br \/>\nihren Helden sehr falsche Begriffe in Frankreich. Die<br \/>\nn\u00e4chste Ursache dieses Nichtbegreifens liegt wohl<br \/>\ndarin, da\u00df Luther nicht blo\u00df der gr\u00f6\u00dfte, sondern auch<br \/>\nder deutscheste Mann unserer Geschichte ist; da\u00df in<br \/>\nseinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deut-<br \/>\nschen aufs gro\u00dfartigste vereinigt sind, da\u00df er auch<br \/>\npers\u00f6nlich das wunderbare Deutschland repr\u00e4sentiert.<br \/>\nDann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten ver-<br \/>\neinigt finden und die wir gew\u00f6hnlich sogar als feindli-<br \/>\nche Gegens\u00e4tze antreffen. Er war zugleich ein tr\u00e4ume-<br \/>\nrischer Mystiker und ein praktischer Mann in der Tat.<br \/>\nSeine Gedanken hatten nicht blo\u00df Fl&uuml;gel, sondern<br \/>\nauch H\u00e4nde; er sprach und handelte. Er war nicht<br \/>\nblo\u00df die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit.<br \/>\nAuch war er zugleich ein kalter scholastischer Wort-<br \/>\nklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet.<br \/>\nWenn er des Tags &uuml;ber mit seinen dogmatischen Di-<br \/>\nstinktionen sich m&uuml;hsam abgearbeitet, dann griff er<br \/>\ndes Abends zu seiner Fl\u00f6te und betrachtete die Sterne<br \/>\nund zerflo\u00df in Melodie und Andacht. Derselbe Mann,<br \/>\nder wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte<br \/>\nauch weich sein wie eine zarte Jungfrau. Er war<br \/>\nmanchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwur-<br \/>\nzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephir, der<br \/>\nmit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten<br \/>\nGottesfurcht, voll Aufopferung zu Ehren des Heiligen<br \/>\nGeistes, er konnte sich ganz versenken ins reine<br \/>\nGeisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herr-<br \/>\nlichkeiten dieser Erde und wu\u00dfte sie zu sch\u00e4tzen, und<br \/>\naus seinem Munde erbl&uuml;hte der famose Wahlspruch:<br \/>\n&#8220;Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der<br \/>\nbleibt ein Narr sein Leben lang.&#8221; Er war ein komplet-<br \/>\nter Mensch, ich m\u00f6chte sagen, ein absoluter Mensch,<br \/>\nin welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn<br \/>\neinen Spiritualisten zu nennen w\u00e4re daher ebenso<br \/>\nirrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll<br \/>\nich sagen, er hatte etwas Urspr&uuml;ngliches, Unbegreifli-<br \/>\nches, Mirakul\u00f6ses, wie wir es bei allen providentiel-<br \/>\nlen M\u00e4nnern finden, etwas Schauerlich-Naives, etwas<br \/>\nT\u00f6lpelhaft-Kluges, etwas Erhaben-Borniertes, etwas<br \/>\nUnbezwingbar-D\u00e4monisches.<br \/>\nLuthers Vater war Bergmann zu Mansfeld, und da<br \/>\nwar der Knabe oft bei ihm in der unterirdischen<br \/>\nWerkstatt, wo die m\u00e4chtigen Metalle wachsen und die<br \/>\nstarken Urquellen rieseln, und das junge Herz hatte<br \/>\nvielleicht unbewu\u00dft die geheimsten Naturkr\u00e4fte in<br \/>\nsich eingesogen oder wurde gar gefeit von den Berg-<br \/>\ngeistern. Daher mag auch soviel Erdstoff, soviel Lei-<br \/>\ndenschaftschlacke an ihm klebengeblieben sein, wie<br \/>\nman dergleichen ihm hinl\u00e4nglich vorwirft. Man hat<br \/>\naber unrecht, ohne jene irdische Beimischung h\u00e4tte er<br \/>\nnicht ein Mann der Tat sein k\u00f6nnen. Reine Geister<br \/>\nk\u00f6nnen nicht handeln. Erfahren wir doch aus Jung-<br \/>\nStillings Gespensterlehre, da\u00df die Geister sich zwar<br \/>\nrecht farbig und bestimmt versichtbaren k\u00f6nnen, auch<br \/>\nwie lebendige Menschen zu gehen, zu laufen, zu tan-<br \/>\nzen und alle m\u00f6glichen Geb\u00e4rden zu machen verste-<br \/>\nhen, da\u00df sie aber nichts Materielles, nicht den klein-<br \/>\nsten Nachttisch, von seiner Stelle fortzubewegen ver-<br \/>\nm\u00f6gen.<br \/>\nRuhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren<br \/>\nManne, dem wir die Rettung unserer edelsten G&uuml;ter<br \/>\nverdanken und von dessen Wohltaten wir noch heute<br \/>\nleben! Es ziemt uns wenig, &uuml;ber die Beschr\u00e4nktheit<br \/>\nseiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den<br \/>\nSchultern des Riesen steht, kann freilich weiter schau-<br \/>\nen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille auf-<br \/>\ngesetzt; aber zu der erh\u00f6hten Anschauung fehlt das<br \/>\nhohe Gef&uuml;hl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneig-<br \/>\nnen k\u00f6nnen. Es ziemt uns noch weniger, &uuml;ber seine<br \/>\nFehler ein herbes Urteil zu f\u00e4llen; diese Fehler haben<br \/>\nuns mehr genutzt als die Tugenden von tausend an-<br \/>\ndern. Die Feinheit des Erasmus und die Milde des<br \/>\nMelanchthon h\u00e4tten uns nimmer so weit gebracht wie<br \/>\nmanchmal die g\u00f6ttliche Brutalit\u00e4t des Bruder Martin.<br \/>\nJa, der Irrtum in betreff des Beginnes, wie ich ihn<br \/>\noben angedeutet, hat die kostbarsten Fr&uuml;chte getra-<br \/>\ngen, Fr&uuml;chte, woran sich die ganze Menschheit er-<br \/>\nquickt. Von dem Reichstage an, wo Luther die Auto-<br \/>\nrit\u00e4t des Papstes leugnet und \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, &#8220;da\u00df<br \/>\nman seine Lehre durch die Ausspr&uuml;che der Bibel<br \/>\nselbst oder durch vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde widerlegen<br \/>\nm&uuml;sse!&#8221;, da beginnt ein neues Zeitalter in Deutsch-<br \/>\nland. Die Kette, womit der heilige Bonifaz die deut-<br \/>\nsche Kirche an Rom gefesselt, wird entzweigehauen.<br \/>\nDiese Kirche, die vorher einen integrierenden Teil der<br \/>\ngro\u00dfen Hierarchie bildete, zerf\u00e4llt in religi\u00f6se Demo-<br \/>\nkratien. Die Religion selber wird eine andere; es ver-<br \/>\nschwindet daraus das indisch-gnostische Element, und<br \/>\nwir sehen, wie sich wieder das jud\u00e4isch-deistische<br \/>\nElement darin erhebt. Es entsteht das evangelische<br \/>\nChristentum. Indem die notwendigsten Anspr&uuml;che der<br \/>\nMaterie nicht blo\u00df ber&uuml;cksichtigt, sondern auch legi-<br \/>\ntimiert werden, wird die Religion wieder eine Wahr-<br \/>\nheit. Der Priester wird Mensch und nimmt ein Weib<br \/>\nund zeugt Kinder, wie Gott es verlangt. Dagegen Gott<br \/>\nselbst wird wieder ein himmlischer Hagestolz ohne<br \/>\nFamilie; die Legitimit\u00e4t seines Sohnes wird bestritten;<br \/>\ndie Heiligen werden abgedankt; den Engeln werden<br \/>\ndie Fl&uuml;gel beschnitten; die Muttergottes verliert alle<br \/>\nihre Anspr&uuml;che an die himmlische Krone, und es wird<br \/>\nihr untersagt, Wunder zu tun. \u00c3\u0153berhaupt von nun an,<br \/>\nbesonders seit die Naturwissenschaften so gro\u00dfe Fort-<br \/>\nschritte machen, h\u00f6ren die Wunder auf. Sei es nun,<br \/>\nda\u00df es den lieben Gott verdrie\u00dft, wenn ihm die Physi-<br \/>\nker so mi\u00dftrauisch auf die Finger sehen, sei es auch,<br \/>\nda\u00df er nicht gern mit Bosco konkurrieren will: sogar<br \/>\nin der j&uuml;ngsten Zeit, wo die Religion so sehr gef\u00e4hrdet<br \/>\nist, hat er es verschm\u00e4ht, sie durch irgendein eklatan-<br \/>\ntes Wunder zu unterst&uuml;tzen. Vielleicht wird er von<br \/>\njetzt an, bei allen neuen Religionen, die er auf dieser<br \/>\nErde einf&uuml;hrt, sich auf gar keine heiligen Kunstst&uuml;cke<br \/>\nmehr einlassen und die Wahrheiten der neuen Lehren<br \/>\nimmer durch die Vernunft beweisen; was auch am<br \/>\nvern&uuml;nftigsten ist. Wenigstens beim Saint-Simonis-<br \/>\nmus, welcher die neueste Religion, ist gar kein Wun-<br \/>\nder vorgefallen, ausgenommen etwa, da\u00df eine alte<br \/>\nSchneiderrechnung, die Saint-Simon auf Erden schul-<br \/>\ndig geblieben, zehn Jahr nach seinem Tode von seinen<br \/>\nSch&uuml;lern bar bezahlt worden ist. Noch sehe ich, wie<br \/>\nder vortreffliche P\u00e8re Olinde in der Salle Taitbout be-<br \/>\ngeistrungsvoll sich erhebt und der er, staunten<br \/>\nGemeinde die quittierte Schneiderrechnung vorh\u00e4lt.<br \/>\nJunge Epiciers stutzten ob solchem &uuml;bernat&uuml;rlichen<br \/>\nZeugnis. Die Schneider aber fingen schon an zu glau-<br \/>\nben!<br \/>\nIndessen wenn bei uns in Deutschland, durch den<br \/>\nProtestantismus, mit den alten Mirakeln auch sehr<br \/>\nviele andere Poesie verlorenging, so gewannen wir<br \/>\ndoch mannigfaltigen Ersatz. Die Menschen wurden<br \/>\ntugendhafter und edler. Der Protestantismus hatte den<br \/>\ng&uuml;nstigsten Einflu\u00df auf jene Reinheit der Sitten und<br \/>\njene Strenge in der Aus&uuml;bung der Pflichten, welche<br \/>\nwir gew\u00f6hnlich Moral nennen; ja, der Protestantismus<br \/>\nhat in manchen Gemeinden eine Richtung genommen,<br \/>\nwodurch er am Ende mit dieser Moral ganz zusam-<br \/>\nmenf\u00e4llt und das Evangelium nur als sch\u00f6ne Parabel<br \/>\ng&uuml;ltig bleibt. Besonders sehen wir jetzt eine erfreuli-<br \/>\nche Ver\u00e4nderung im Leben der Geistlichen. Mit dem<br \/>\nZ\u00f6libat verschwanden auch fromme Unz&uuml;chten und<br \/>\nM\u00f6nchslaster. Unter den protestantischen Geistlichen<br \/>\nfinden wir nicht selten die tugendhaftesten Menschen,<br \/>\nMenschen, vor denen selbst die alten Stoiker Respekt<br \/>\nh\u00e4tten. Man mu\u00df zu Fu\u00df, als armer Student, durch<br \/>\nNorddeutschland wandern, um zu erfahren, wieviel<br \/>\nTugend, und damit ich der Tugend ein sch\u00f6nes Bei-<br \/>\nwort gebe, wieviel evangelische Tugend manchmal in<br \/>\nso einer scheinlosen Pfarrerwohnung zu finden ist.<br \/>\nWie oft, des Winterabends, fand ich da eine gastfreie<br \/>\nAufnahme, ich, ein Fremder, der keine andere Emp-<br \/>\nfehlung mitbrachte, au\u00dfer da\u00df ich Hunger hatte und<br \/>\nm&uuml;de war. Wenn ich dann gut gegessen und gut ge-<br \/>\nschlafen hatte und des Morgens weiterziehen wollte,<br \/>\nkam der alte Pastor im Schlafrock und gab mir noch<br \/>\nden Segen auf den Weg, welches mir nie Ungl&uuml;ck ge-<br \/>\nbracht hat; und die gutm&uuml;tig geschw\u00e4tzige Frau Pa-<br \/>\nstorin steckte mir einige Butterbr\u00f6te in die Tasche,<br \/>\nwelche mich nicht minder erquickten; und in schwei-<br \/>\ngender Ferne standen die sch\u00f6nen Predigert\u00f6chter mit<br \/>\nihren err\u00f6tenden Wangen und Veilchenaugen, deren<br \/>\nsch&uuml;chternes Feuer, noch in der Erinnerung, f&uuml;r den<br \/>\nganzen Wintertag mein Herz erw\u00e4rmte.<br \/>\nIndem Luther den Satz aussprach, da\u00df man seine<br \/>\nLehre nur durch die Bibel selber oder durch vern&uuml;nfti-<br \/>\nge Gr&uuml;nde widerlegen m&uuml;sse, war der menschlichen<br \/>\nVernunft das Recht einger\u00e4umt, die Bibel zu erkl\u00e4ren,<br \/>\nund sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in<br \/>\nallen religi\u00f6sen Streitfragen anerkannt. Dadurch ent-<br \/>\nstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit<br \/>\noder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit.<br \/>\nDas Denken ward ein Recht, und die Befugnisse der<br \/>\nVernunft wurden legitim. Freilich, schon seit einigen<br \/>\nJahrhunderten hatte man ziemlich frei denken und<br \/>\nreden k\u00f6nnen, und die Scholastiker haben &uuml;ber Dinge<br \/>\ndisputiert, wovon wir kaum begreifen, wie man sie im<br \/>\nMittelalter auch nur aussprechen durfte. Aber dieses<br \/>\ngeschah vermittelst der Distinktion, welche man zwi-<br \/>\nschen theologischer und philosophischer Wahrheit<br \/>\nmachte, eine Distinktion, wodurch man sich gegen<br \/>\nKetzerei ausdr&uuml;cklich verwahrte; und das geschah<br \/>\nauch nur innerhalb den H\u00f6rs\u00e4len der Universit\u00e4ten<br \/>\nund in einem gotisch abstrusen Latein, wovon doch<br \/>\ndas Volk nichts verstehen konnte, so da\u00df wenig Scha-<br \/>\nden f&uuml;r die Kirche dabei zu bef&uuml;rchten war. Dennoch<br \/>\nhatte die Kirche solches Verfahren nie eigentlich er-<br \/>\nlaubt, und dann und wann hat sie auch wirklich einen<br \/>\narmen Scholastiker verbrannt. Jetzt aber, seit Luther,<br \/>\nmachte man gar keine Distinktion mehr zwischen<br \/>\ntheologischer und philosophischer Wahrheit, und man<br \/>\ndisputierte auf \u00f6ffentlichem Markt und in der deut-<br \/>\nschen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die<br \/>\nF&uuml;rsten, welche die Reformation annahmen, haben<br \/>\ndiese Denkfreiheit legitimisiert, und eine wichtige,<br \/>\nweltwichtige Bl&uuml;te derselben ist die deutsche Philoso-<br \/>\nphie.<br \/>\nIn der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der<br \/>\nmenschliche Geist sich so frei aussprechen k\u00f6nnen<br \/>\nwie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahr-<br \/>\nhunderts bis zur franz\u00f6sischen Invasion. Namentlich<br \/>\nin Preu\u00dfen herrschte eine grenzenlose Gedankenfrei-<br \/>\nheit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen,<br \/>\nda\u00df er, der nur durch das protestantische Prinzip ein<br \/>\nlegitimer K\u00f6nig von Preu\u00dfen sein konnte, auch die<br \/>\nprotestantische Denkfreiheit aufrechterhalten mu\u00dfte.<br \/>\nSeitdem freilich haben sich die Dinge ver\u00e4ndert,<br \/>\nund der nat&uuml;rliche Schirmvogt unserer protestanti-<br \/>\nschen Denkfreiheit hat sich, zur Unterdr&uuml;ckung<br \/>\nderselben, mit der ultramontanen Partei verst\u00e4ndigt,<br \/>\nund er benutzt oft dazu die Waffe, die das Papsttum<br \/>\nzuerst gegen uns ersonnen und angewandt: die Zen-<br \/>\nsur.<br \/>\nSonderbar! Wir Deutschen sind das st\u00e4rkste und<br \/>\ndas kl&uuml;gste Volk. Unsere F&uuml;rstengeschlechter sitzen<br \/>\nauf allen Thronen Europas, unsere Rothschilde be-<br \/>\nherrschen alle B\u00f6rsen der Welt, unsere Gelehrten re-<br \/>\ngieren in allen Wissenschaften, wir haben das Pulver<br \/>\nerfunden und die Buchdruckerei; &#8211; und dennoch, wer<br \/>\nbei uns eine Pistole losschie\u00dft, bezahlt drei Taler<br \/>\nStrafe, und wenn wir in den &#8220;Hamburger Korrespon-<br \/>\ndent&#8221; setzen wollen: &#8220;Meine liebe Gattin ist in Wo-<br \/>\nchen gekommen, mit einem T\u00f6chterlein, sch\u00f6n wie<br \/>\ndie Freiheit!&#8221;, dann greift der Herr Doktor Hoffmann<br \/>\nzu seinem Rotstift und streicht uns &#8220;die Freiheit&#8221;.<br \/>\nWird dieses noch lange geschehen k\u00f6nnen? Ich<br \/>\nwei\u00df nicht. Aber ich wei\u00df, die Frage der Pre\u00dffreiheit,<br \/>\ndie jetzt in Deutschland so heftig diskutiert wird,<br \/>\nkn&uuml;pft sich bedeutungsvoll an die obigen Betrachtun-<br \/>\ngen, und ich glaube, ihre L\u00f6sung ist nicht schwer,<br \/>\nwenn man bedenkt, da\u00df die Pre\u00dffreiheit nichts ande-<br \/>\nres ist als die Konsequenz der Denkfreiheit und<br \/>\nfolglich ein protestantisches Recht. F&uuml;r Rechte dieser<br \/>\nArt hat der Deutsche schon sein bestes Blut gegeben,<br \/>\nund er d&uuml;rfte wohl dahin gebracht werden, noch ein-<br \/>\nmal in die Schranken zu treten.<br \/>\nDasselbe ist anwendbar auf die Frage von der aka-<br \/>\ndemischen Freiheit, die jetzt so leidenschaftlich die<br \/>\nGem&uuml;ter in Deutschland bewegt. Seit man entdeckt zu<br \/>\nhaben glaubt, da\u00df auf den Universit\u00e4ten am meisten<br \/>\npolitische Aufregung, n\u00e4mlich Freiheitsliebe,<br \/>\nherrscht, seitdem wird den Souver\u00e4nen von allen Sei-<br \/>\nten insinuiert, da\u00df man diese Institute unterdr&uuml;cken<br \/>\noder doch wenigstens in gew\u00f6hnliche Unterrichtsan-<br \/>\nstalten verwandeln m&uuml;sse. Da werden nun Plane ge-<br \/>\nschmiedet und das Pro und Kontra diskutiert. Die \u00f6f-<br \/>\nfentlichen Gegner der Universit\u00e4ten, ebensowenig wie<br \/>\ndie \u00f6ffentlichen Verteidiger, die wir bisher vernom-<br \/>\nmen, scheinen aber die letzten Gr&uuml;nde der Frage nicht<br \/>\nzu verstehen. Jene begreifen nicht, da\u00df die Jugend<br \/>\n&uuml;berall und unter allen Disziplinen f&uuml;r die Interessen<br \/>\nder Freiheit begeistert sein wird und da\u00df, wenn man<br \/>\ndie Universit\u00e4ten unterdr&uuml;ckt, jene begeisterte Jugend<br \/>\nanderswo und vielleicht in Verbindung mit der Jugend<br \/>\ndes Handelsstands und der Gewerbe sich desto tat-<br \/>\nkr\u00e4ftiger aussprechen wird. Die Verteidiger suchen<br \/>\nnur zu beweisen, da\u00df mit den Universit\u00e4ten auch die<br \/>\nBl&uuml;te der deutschen Wissenschaftlichkeit zugrunde<br \/>\nginge, da\u00df eben die akademische Freiheit den Studien<br \/>\nso n&uuml;tzlich sei, da\u00df die Jugend dadurch so h&uuml;bsch<br \/>\nGelegenheit finde, sich vielseitig auszubilden usw.<br \/>\nAls ob es auf einige griechische Vokabeln oder einige<br \/>\nRoheiten mehr oder weniger hier ankomme!<br \/>\nUnd was g\u00f6lte den F&uuml;rsten alle Wissenschaft, Stu-<br \/>\ndien oder Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer<br \/>\nThrone gef\u00e4hrdet st&uuml;nde! Sie waren heroisch genug,<br \/>\nalle jene relativen G&uuml;ter f&uuml;r das einzig Absolute, f&uuml;r<br \/>\nihre absolute Herrschaft aufzuopfern. Denn diese ist<br \/>\nihnen von Gott anvertraut, und wo der Himmel gebie-<br \/>\ntet, m&uuml;ssen alle irdischen R&uuml;cksichten weichen.<br \/>\nMi\u00dfverstand ist sowohl auf seiten der armen Pro-<br \/>\nfessoren, die als Vertreter, wie auf seiten der Regie-<br \/>\nrungsbeamten, die als Gegner der Universit\u00e4ten \u00f6f-<br \/>\nfentlich auftreten. Nur die katholische Propaganda in<br \/>\nDeutschland begreift die Bedeutung derselben, diese<br \/>\nfrommen Obskuranten sind die gef\u00e4hrlichsten Gegner<br \/>\nunseres Universit\u00e4tssystems, diese wirken dagegen<br \/>\nmeuchlerisch mit Lug und Trug, und gar wenn sich<br \/>\neiner von ihnen den liebevollen Anschein gibt, als<br \/>\nwollte er den Universit\u00e4ten das Wort reden, offenbart<br \/>\nsich die jesuitische Intrige. Wohl wissen diese feigen<br \/>\nHeuchler, was hier auf dem Spiel steht, zu gewinnen.<br \/>\nDenn mit den Universit\u00e4ten f\u00e4llt auch die protestanti-<br \/>\nsche Kirche, die seit der Reformation nur in jenen<br \/>\nwurzelt, so da\u00df die ganze protestantische Kirchenge-<br \/>\nschichte der letzten Jahrhunderte fast nur aus den<br \/>\ntheologischen Streitigkeiten der Wittenberger, Leipzi-<br \/>\nger, T&uuml;binger und halleschen Universit\u00e4tsgelehrten<br \/>\nbesteht. Die Konsistorien sind nur der schwache Ab-<br \/>\nglanz der theologischen Fakult\u00e4t, sie verlieren mit<br \/>\ndieser allen Halt und Charakter und sinken in die \u00f6de<br \/>\nAbh\u00e4ngigkeit der Ministerien oder gar der Polizei.<br \/>\nDoch la\u00dft uns solchen melancholischen Betrach-<br \/>\ntungen nicht zuviel Raum geben, um so mehr, da wir<br \/>\nhier noch von dem providentiellen Manne zu reden<br \/>\nhaben, durch welchen so Gro\u00dfes f&uuml;r das deutsche<br \/>\nVolk geschehen. Ich habe oben gezeigt, wie wir durch<br \/>\nihn zur gr\u00f6\u00dften Denkfreiheit gelangt. Aber dieser<br \/>\nMartin Luther gab uns nicht blo\u00df die Freiheit der Be-<br \/>\nwegung, sondern auch das Mittel der Bewegung, dem<br \/>\nGeist gab er n\u00e4mlich einen Leib. Er gab dem Gedan-<br \/>\nken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache.<br \/>\nDieses geschah, indem er die Bibel &uuml;bersetzte.<br \/>\nIn der Tat, der g\u00f6ttliche Verfasser dieses Buchs<br \/>\nscheint es ebensogut wie wir andere gewu\u00dft zu haben,<br \/>\nda\u00df es gar nicht gleichg&uuml;ltig ist, durch wen man &uuml;ber-<br \/>\nsetzt wird, und er w\u00e4hlte selber seinen \u00c3\u0153bersetzer und<br \/>\nverlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten<br \/>\nSprache, die gleichsam schon begraben war, in eine<br \/>\nandere Sprache zu &uuml;bersetzen, die noch gar nicht<br \/>\nlebte.<br \/>\nMan besa\u00df zwar die Vulgata, die man verstand,<br \/>\nsowie auch die Septuaginta, die man schon verstehen<br \/>\nkonnte. Aber die Kenntnis des Hebr\u00e4ischen war in der<br \/>\nchristlichen Welt ganz erloschen. Nur die Juden, die<br \/>\nsich, hie und da, in einem Winkel dieser Welt verbor-<br \/>\ngen hielten, bewahrten noch die Traditionen dieser<br \/>\nSprache. Wie ein Gespenst, das einen Schatz be-<br \/>\nwacht, der ihm einst im Leben anvertraut worden, so<br \/>\nsa\u00df dieses gemordete Volk, dieses Volk-Gespenst, in<br \/>\nseinen dunklen Gettos und bewahrte dort die hebr\u00e4i-<br \/>\nsche Bibel; und in diese verrufenen Schlupfwinkel sah<br \/>\nman die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen,<br \/>\num den Schatz zu heben, um die Kenntnis der hebr\u00e4i-<br \/>\nschen Sprache zu erwerben. Als die katholische Geist-<br \/>\nlichkeit merkte, da\u00df ihr von dieser Seite Gefahr droh-<br \/>\nte, da\u00df das Volk auf diesem Seitenweg zum wirkli-<br \/>\nchen Wort Gottes gelangen und die r\u00f6mischen F\u00e4l-<br \/>\nschungen entdecken konnte, da h\u00e4tte man gern auch<br \/>\ndie j&uuml;dische Tradition unterdr&uuml;ckt, und man ging<br \/>\ndamit um, alle hebr\u00e4ischen B&uuml;cher zu vernichten, und<br \/>\nam Rhein begann die B&uuml;cherverfolgung, wogegen<br \/>\nunser vortrefflicher Doktor Reuchlin so glorreich ge-<br \/>\nk\u00e4mpft hat. Die K\u00f6lner Theologen, die damals agier-<br \/>\nten, besonders Hoogstraeten, waren keineswegs so<br \/>\ngeistesbeschr\u00e4nkt, wie der tapfere Mitk\u00e4mpfer Reuch-<br \/>\nlins, Ritter Ulrich von Hutten, sie in seinen &#8220;Litteris<br \/>\nobscurorum virorum&#8221; schildert. Es galt die Unter-<br \/>\ndr&uuml;ckung der hebr\u00e4ischen Sprache. Als Reuchlin sieg-<br \/>\nte, konnte Luther sein Werk beginnen. In einem<br \/>\nBriefe, den dieser damals an Reuchlin schrieb, scheint<br \/>\ner schon zu f&uuml;hlen, wie wichtig der Sieg war, den<br \/>\njener erfochten, und in einer abh\u00e4ngig schwierigen<br \/>\nStellung erfochten, w\u00e4hrend er, der Augustinerm\u00f6nch,<br \/>\nganz unabh\u00e4ngig stand; sehr naiv sagt er in diesem<br \/>\nBriefe: &#8220;Ego nihil timeo, quia nihil habeo.&#8221;<br \/>\nWie aber Luther zu der Sprache gelangt ist, worin<br \/>\ner seine Bibel &uuml;bersetzte, ist mir bis auf diese Stunde<br \/>\nunbegreiflich. Der altschw\u00e4bische Dialekt war, mit<br \/>\nder Ritterpoesie der Hohenstaufenschen Kaiserzeit,<br \/>\ng\u00e4nzlich untergegangen. Der alts\u00e4chsische Dialekt,<br \/>\ndas sogenannte Plattdeutsche, herrschte nur in einem<br \/>\nTeile des n\u00f6rdlichen Deutschlands und hat sich, trotz<br \/>\naller Versuche, die man gemacht, nie zu liter\u00e4rischen<br \/>\nZwecken eignen wollen. Nahm Luther zu seiner Bi-<br \/>\nbel&uuml;bersetzung die Sprache, die man im heutigen<br \/>\nSachsen sprach, so h\u00e4tte Adelung recht gehabt, zu be-<br \/>\nhaupten, da\u00df der s\u00e4chsische, namentlich der mei\u00dfen-<br \/>\nsche Dialekt unser eigentliches Hochdeutsch, d.h. un-<br \/>\nsere Schriftsprache sei. Aber dieses ist l\u00e4ngst wider-<br \/>\nlegt worden, und ich mu\u00df dieses hier um so sch\u00e4rfer<br \/>\nerw\u00e4hnen da solcher Irrtum in Frankreich noch immer<br \/>\ng\u00e4ng und g\u00e4be ist. Das heutige S\u00e4chsische war nie ein<br \/>\nDialekt des deutschen Volks, ebensowenig wie etwa<br \/>\ndas Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch<br \/>\nslawische F\u00e4rbung. Ich bekenne daher offenherzig,<br \/>\nich wei\u00df nicht, wie die Sprache, die wir in der<br \/>\nLutherischen Bibel finden, entstanden ist. Aber ich<br \/>\nwei\u00df, da\u00df durch diese Bibel, wovon die junge Presse,<br \/>\ndie schwarze Kunst, Tausende von Exemplaren ins<br \/>\nVolk schleuderte, die Lutherische Sprache in wenigen<br \/>\nJahren &uuml;ber ganz Deutschland verbreitet und zur all-<br \/>\ngemeinen Schriftsprache erhoben wurde. Diese<br \/>\nSchriftsprache herrscht noch immer in Deutschland<br \/>\nund gibt diesem politisch und religi\u00f6s zerst&uuml;ckelten<br \/>\nLande eine liter\u00e4rische Einheit. Ein solches unsch\u00e4tz-<br \/>\nbares Verdienst mag uns bei dieser Sprache daf&uuml;r ent-<br \/>\nsch\u00e4digen, da\u00df sie, in ihrer heutigen Ausbildung,<br \/>\netwas von jener Innigkeit entbehrt, welche wir bei<br \/>\nSprachen, die sich aus einem einzigen Dialekt gebil-<br \/>\ndet, zu finden pflegen. Die Sprache in Luthers Bibel<br \/>\nentbehrt jedoch durchaus nicht einer solchen Innig-<br \/>\nkeit, und dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der<br \/>\nVerj&uuml;ngung f&uuml;r unsere Sprache. Alle Ausdr&uuml;cke und<br \/>\nWendungen, die in der Lutherischen Bibel stehn, sind<br \/>\ndeutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch ge-<br \/>\nbrauchen; und da dieses Buch in den H\u00e4nden der \u00e4rm-<br \/>\nsten Leute ist, so bed&uuml;rfen diese keiner besonderen<br \/>\ngelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen<br \/>\nzu k\u00f6nnen.<br \/>\nDieser Umstand wird, wenn bei uns die politische<br \/>\nRevolution ausbricht, gar merkw&uuml;rdige Erscheinun-<br \/>\ngen zur Folge haben. Die Freiheit wird &uuml;berall spre-<br \/>\nchen k\u00f6nnen, und ihre Sprache wird biblisch sein.<br \/>\nLuthers Originalschriften haben ebenfalls dazu bei-<br \/>\ngetragen, die deutsche Sprache zu fixieren. Durch ihre<br \/>\npolemische Leidenschaftlichkeit drangen sie tief in<br \/>\ndas Herz der Zeit. Ihr Ton ist nicht immer sauber.<br \/>\nAber man macht auch keine religi\u00f6se Revolution mit<br \/>\nOrangenbl&uuml;te. Zu dem groben Klotz geh\u00f6rt manchmal<br \/>\nein grober Keil. In der Bibel ist Luthers Sprache, aus<br \/>\nEhrfurcht vor dem gegenw\u00e4rtigen Geist Gottes, immer<br \/>\nin eine gewisse W&uuml;rde gebannt. In seinen Streitschrif-<br \/>\nten hingegen &uuml;berl\u00e4\u00dft er sich einer plebejischen Ro-<br \/>\nheit, die oft ebenso widerw\u00e4rtig wie grandios ist.<br \/>\nSeine Ausdr&uuml;cke und Bilder gleichen dann jenen rie-<br \/>\nsenhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder<br \/>\n\u00e4gyptischen Tempelgrotten finden und deren grelles<br \/>\nKolorit und abenteuerliche H\u00e4\u00dflichkeit uns zugleich<br \/>\nabst\u00f6\u00dft und anzieht. Durch diesen barocken Felsenstil<br \/>\nerscheint uns der k&uuml;hne M\u00f6nch manchmal wie ein re-<br \/>\nligi\u00f6ser Danton, ein Prediger des Berges, der, von der<br \/>\nH\u00f6he desselben, die bunten Wortbl\u00f6cke hinabschmet-<br \/>\ntert auf die H\u00e4upter seiner Gegner.<br \/>\nMerkw&uuml;rdiger und bedeutender als diese prosai-<br \/>\nschen Schriften sind Luthers Gedichte, die Lieder, die,<br \/>\nin Kampf und Not, aus seinem Gem&uuml;te entsprossen.<br \/>\nSie gleichen manchmal einer Blume, die auf einem<br \/>\nFelsen w\u00e4chst, manchmal einem Mondstrahl, der &uuml;ber<br \/>\nein bewegtes Meer hinzittert. Luther liebte die Musik,<br \/>\ner hat sogar einen Traktat &uuml;ber diese Kunst<br \/>\ngeschrieben, und seine Lieder sind daher au\u00dferordent-<br \/>\nlich melodisch. Auch in dieser Hinsicht geb&uuml;hrt ihm<br \/>\nder Name: Schwan von Eisleben. Aber er war nichts<br \/>\nweniger als ein milder Schwan in manchen Ges\u00e4ngen,<br \/>\nwo er den Mut der Seinigen anfeuert und sich selber<br \/>\nzur wildesten Kampflust begeistert. Ein Schlachtlied<br \/>\nwar jener trotzige Gesang, womit er und seine Beglei-<br \/>\nter in Worms einzogen. Der alte Dom zitterte bei die-<br \/>\nsen neuen Kl\u00e4ngen, und die Raben erschraken in ihren<br \/>\nobskuren Turmnestern. Jenes Lied, die Marseiller<br \/>\nHymne der Reformation, hat bis auf unsere Tage seine<br \/>\nbegeisternde Kraft bewahrt.<\/p>\n<p>Eine feste Burg ist unser Gott,<br \/>\nEin&#8217; gute Wehr und Waffen,<br \/>\nEr hilft uns frei aus aller Not,<br \/>\nDie uns jetzt hat betroffen.<br \/>\nDer alte b\u00f6se Feind,<br \/>\nMit Ernst er&#8217;s jetzt meint,<br \/>\nGro\u00df Macht und viel List<br \/>\nSein grausam R&uuml;stung ist,<br \/>\nAuf Erd&#8217; ist nicht sein&#8217;sgleichen.<\/p>\n<p>Mit unsrer Macht ist nichts getan,<br \/>\nWir sind gar bald verloren,<br \/>\nEs streit&#8217;t f&uuml;r uns der rechte Mann,<br \/>\nDen Gott selbst hat erkoren.<br \/>\nFragst du, wer es ist?<br \/>\nEr hei\u00dft Jesus Christ,<br \/>\nDer Herr Zebaoth,<br \/>\nUnd ist kein andrer Gott,<br \/>\nDas Feld mu\u00df er behalten.<\/p>\n<p>Und wenn die Welt voll Teufel w\u00e4r<br \/>\nUnd wollten uns verschlingen,<br \/>\nSo f&uuml;rchten wir uns nicht so sehr,<br \/>\nEs soll uns doch gelingen;<br \/>\nDer F&uuml;rst dieser Welt,<br \/>\nWie sauer er sich stellt,<br \/>\nTut er uns doch nicht,<br \/>\nDas macht, er ist gericht&#8217;t,<br \/>\nEin W\u00f6rtlein kann ihn f\u00e4llen.<\/p>\n<p>Das Wort sie sollen lassen stahn,<br \/>\nUnd keinen Dank dazu haben,<br \/>\nEs ist bei uns wohl auf dem Plan<br \/>\nMit seinem Geist und Gaben.<br \/>\nNehmen sie uns den Leib,<br \/>\nGut, Ehr&#8217;, Kind und Weib,<br \/>\nLa\u00df fahren dahin,<br \/>\nSie haben&#8217;s kein Gewinn,<br \/>\nDas Reich mu\u00df uns doch bleiben.<\/p>\n<p>Ich habe gezeigt, wie wir unserm teuern Doktor<br \/>\nMartin Luther die Geistesfreiheit verdanken, welche<br \/>\ndie neuere Literatur zu ihrer Entfaltung bedurfte. Ich<br \/>\nhabe gezeigt, wie er uns auch das Wort schuf, die<br \/>\nSprache, worin diese neue Literatur sich aussprechen<br \/>\nkonnte. Ich habe jetzt nur noch hinzuzuf&uuml;gen, da\u00df er<br \/>\nauch selber diese Literatur er\u00f6ffnet, da\u00df diese und<br \/>\nganz eigentlich die sch\u00f6ne Literatur mit Luther be-<br \/>\nginnt, da\u00df seine geistlichen Lieder sich als die ersten<br \/>\nwichtigen Erscheinungen derselben ausweisen und<br \/>\nschon den bestimmten Charakter derselben kundge-<br \/>\nben. Wer &uuml;ber die neuere deutsche Literatur reden<br \/>\nwill, mu\u00df daher mit Luther beginnen und nicht etwa<br \/>\nmit einem N&uuml;remberger Spie\u00dfb&uuml;rger, namens Hans<br \/>\nSachs, wie aus unredlichem Mi\u00dfwollen von einigen<br \/>\nromantischen Literatoren geschehen ist. Hans Sachs,<br \/>\ndieser Troubadour der ehrbaren Schusterzunft, dessen<br \/>\nMeistergesang nur eine l\u00e4ppische Parodie der fr&uuml;he-<br \/>\nren Minnelieder und dessen Dramen nur eine t\u00f6lpel-<br \/>\nhafte Travestie der alten Mysterien, dieser pedantische<br \/>\nHanswurst, der die freie Naivit\u00e4t des Mittelalters<br \/>\n\u00e4ngstlich nach\u00e4fft, ist vielleicht als der letzte Poet der<br \/>\n\u00e4lteren Zeit, keineswegs aber als der erste Poet der<br \/>\nneueren Zeit zu betrachten. Es wird dazu keines wei-<br \/>\nteren Beweises bed&uuml;rfen, als da\u00df ich den Gegensatz<br \/>\nunserer neuen Literatur zur \u00e4lteren mit bestimmten<br \/>\nWorten er\u00f6rtere.<br \/>\nBetrachten wir daher die deutsche Literatur, die vor<br \/>\nLuther bl&uuml;hte, so finden wir:<br \/>\n1. Ihr Material, ihr Stoff ist, wie das Leben des<br \/>\nMittelalters selbst, eine Mischung zweier heterogener<br \/>\nElemente, die in einem langen Zweikampf sich so ge-<br \/>\nwaltig umschlungen, da\u00df sie am Ende ineinander ver-<br \/>\nschmolzen, n\u00e4mlich: die germanische Nationalit\u00e4t und<br \/>\ndas indisch-gnostische, sogenannte katholische Chri-<br \/>\nstentum.<br \/>\n2. Die Behandlung oder vielmehr der Geist der Be-<br \/>\nhandlung in dieser \u00e4lteren Literatur ist romantisch.<br \/>\nAbusive sagt man dasselbe auch von dem Material<br \/>\njener Literatur, von allen Erscheinungen des Mittelal-<br \/>\nters, die durch die Verschmelzung der erw\u00e4hnten bei-<br \/>\nden Elemente, germanische Nationalit\u00e4t und katholi-<br \/>\nsches Christentum, entstanden sind. Denn wie einige<br \/>\nDichter des Mittelalters die griechische Geschichte<br \/>\nund Mythologie ganz romantisch behandelt haben, so<br \/>\nkann man auch die mittelalterlichen Sitten und Legen-<br \/>\nden in klassischer Form darstellen. Die Ausdr&uuml;cke<br \/>\n&#8220;klassisch&#8221; und &#8220;romantisch&#8221; beziehen sich also nur<br \/>\nauf den Geist der Behandlung. Die Behandlung ist<br \/>\nklassisch, wenn die Form des Dargestellten ganz<br \/>\nidentisch ist mit der Idee des Darzustellenden, wie<br \/>\ndieses der Fall ist bei den Kunstwerken der Griechen,<br \/>\nwo daher in dieser Identit\u00e4t auch die gr\u00f6\u00dfte Harmonie<br \/>\nzwischen Form und Idee zu finden. Die Behandlung<br \/>\nist romantisch, wenn die Form nicht durch Identit\u00e4t<br \/>\ndie Idee offenbart, sondern parabolisch diese Idee er-<br \/>\nraten l\u00e4\u00dft. Ich gebrauche hier das Wort &#8220;parabolisch&#8221;<br \/>\nlieber als das Wort &#8220;symbolisch&#8221;. Die griechische<br \/>\nMythologie hatte eine Reihe von G\u00f6ttergestalten,<br \/>\nderen jede, bei aller Identit\u00e4t der Form und der Idee,<br \/>\ndennoch eine symbolische Bedeutung bekommen<br \/>\nkonnte. Aber in dieser griechischen Religion war eben<br \/>\nnur die Gestalt der G\u00f6tter bestimmt, alles andere, ihr<br \/>\nLeben und Treiben, war der Willk&uuml;r der Poeten zur<br \/>\nbeliebigen Behandlung &uuml;berlassen. In der christlichen<br \/>\nReligion hingegen gibt es keine so bestimmte Gestal-<br \/>\nten, sondern bestimmte Fakta, bestimmte heilige Er-<br \/>\neignisse und Taten, worin das dichtende Gem&uuml;t des<br \/>\nMenschen eine parabolische Bedeutung legen konnte.<br \/>\nMan sagt, Homer habe die griechischen G\u00f6tter erfun-<br \/>\nden; das ist nicht wahr, sie existierten schon vorher in<br \/>\nbestimmten Umrissen, aber er erfand ihre Geschich-<br \/>\nten. Die K&uuml;nstler des Mittelalters hingegen wagten<br \/>\nnimmermehr, in dem geschichtlichen Teil ihrer Religi-<br \/>\non das mindeste zu erfinden; der S&uuml;ndenfall, die<br \/>\nMenschwerdung, die Taufe, die Kreuzigung u. dgl.<br \/>\nwaren unantastbare Tatsachen, woran nicht gemodelt<br \/>\nwerden durfte, worin aber das dichtende Gem&uuml;t der<br \/>\nMenschen eine parabolische Bedeutung legen konnte.<br \/>\nIn diesem parabolischen Geist wurden nun auch alle<br \/>\nK&uuml;nste im Mittelalter behandelt, und diese Behand-<br \/>\nlung ist romantisch. Daher in der Poesie des<br \/>\nMittelalters jene mystische Allgemeinheit; die Gestal-<br \/>\nten sind so schattenhaft, was sie tun, ist so unbe-<br \/>\nstimmt, alles ist darin so d\u00e4mmernd, wie von wech-<br \/>\nselndem Mondlicht beleuchtet; die Idee ist in der<br \/>\nForm nur wie ein R\u00e4tsel angedeutet, und wir sehen<br \/>\nhier eine vage Form, wie sie eben zu einer spirituali-<br \/>\nstischen Literatur geeignet war. Da ist nicht wie bei<br \/>\nden Griechen eine sonnenklare Harmonie zwischen<br \/>\nForm und Idee; sondern manchmal &uuml;berragt die Idee<br \/>\ndie gegebene Form, und diese strebt verzweiflungs-<br \/>\nvoll, jene zu erreichen, und wir sehen dann bizarre,<br \/>\nabenteuerliche Erhabenheit: manchmal ist die Form<br \/>\nganz der Idee &uuml;ber den Kopf gewachsen, ein l\u00e4ppisch<br \/>\nwinziger Gedanke schleppt sich einher in einer kolos-<br \/>\nsalen Form, und wir sehen groteske Farce; fast immer<br \/>\nsehen wir Unf\u00f6rmlichkeit.<br \/>\n3. Der allgemeine Charakter jener Literatur war,<br \/>\nda\u00df sich in allen Produkten derselben jener feste, si-<br \/>\nchere Glaube kundgab, der damals in allen weltlichen<br \/>\nwie geistlichen Dingen herrschte. Basiert auf Autori-<br \/>\nt\u00e4ten waren alle Ansichten der Zeit; der Dichter wan-<br \/>\ndelte, mit der Sicherheit eines Maulesels, l\u00e4ngs den<br \/>\nAbgr&uuml;nden des Zweifels, und es herrscht in seinen<br \/>\nWerken eine k&uuml;hne Ruhe, eine selige Zuversicht, wie<br \/>\nsie sp\u00e4ter unm\u00f6glich war, als die Spitze jener Autori-<br \/>\nt\u00e4ten, n\u00e4mlich die Autorit\u00e4t des Papstes, gebrochen<br \/>\nwar und alle anderen nachst&uuml;rzten. Die Gedichte des<br \/>\nMittelalters haben daher alle denselben Charakter, es<br \/>\nist, als habe sie nicht der einzelne Mensch, sondern<br \/>\ndas ganze Volk gedichtet; sie sind objektiv, episch<br \/>\nund naiv.<br \/>\nIn der Literatur hingegen, die mit Luther empor-<br \/>\nbl&uuml;ht, finden wir ganz das Gegenteil:<br \/>\n1. Ihr Material, der Stoff, der behandelt werden<br \/>\nsoll, ist der Kampf der Reformationsinteressen und<br \/>\nAnsichten mit der alten Ordnung der Dinge. Dem<br \/>\nneuen Zeitgeist ist jener Mischglaube, der aus den er-<br \/>\nw\u00e4hnten zwei Elementen, germanische Nationalit\u00e4t<br \/>\nund indisch-gnostisches Christentum, entstanden ist,<br \/>\ng\u00e4nzlich zuwider; letzteres d&uuml;nkt ihm heidnische G\u00f6t-<br \/>\nzendienerei, an dessen Stelle die wahre Religion des<br \/>\njud\u00e4isch-deistischen Evangeliums treten soll. Eine<br \/>\nneue Ordnung der Dinge gestaltet sich; der Geist<br \/>\nmacht Erfindungen, die das Wohlsein der Materie be-<br \/>\nf\u00f6rdern; durch das Gedeihen der Industrie und durch<br \/>\ndie Philosophie wird der Spiritualismus in der \u00f6ffent-<br \/>\nlichen Meinung diskreditiert; der dritte Stand erhebt<br \/>\nsich; die Revolution grollt schon in den Herzen und<br \/>\nK\u00f6pfen; und was die Zeit f&uuml;hlt und denkt und bedarf<br \/>\nund will, wird ausgesprochen, und das ist der Stoff<br \/>\nder modernen Literatur.<br \/>\n2. Der Geist der Behandlung ist nicht mehr roman-<br \/>\ntisch, sondern klassisch. Durch das Wiederaufleben<br \/>\nder alten Literatur verbreitete sich &uuml;ber ganz Europa<br \/>\neine freudige Begeisterung f&uuml;r die griechischen und<br \/>\nr\u00f6mischen Schriftsteller, und die Gelehrten, die einzi-<br \/>\ngen, welche damals schrieben, suchten den Geist des<br \/>\nklassischen Altertums sich anzueignen oder wenig-<br \/>\nstens in ihren Schriften die klassischen Kunstformen<br \/>\nnachzubilden. Konnten sie nicht, gleich den Griechen,<br \/>\neine Harmonie der Form und der Idee erreichen, so<br \/>\nhielten sie sich doch desto strenger an das \u00c4u\u00dfere der<br \/>\ngriechischen Behandlung, sie schieden, nach griechi-<br \/>\nscher Vorschrift, die Gattungen, enthielten sich jeder<br \/>\nromantischen Extravaganz, und in dieser Beziehung<br \/>\nnennen wir sie klassisch.<br \/>\n3. Der allgemeine Charakter der modernen Litera-<br \/>\ntur besteht darin, da\u00df jetzt die Individualit\u00e4t und die<br \/>\nSkepsis vorherrschen. Die Autorit\u00e4ten sind niederge-<br \/>\nbrochen; nur die Vernunft ist jetzt des Menschen ein-<br \/>\nzige Lampe, und sein Gewissen ist sein einziger Stab<br \/>\nin den dunkeln Irrg\u00e4ngen dieses Lebens. Der Mensch<br \/>\nsteht jetzt allein seinem Sch\u00f6pfer gegen&uuml;ber und singt<br \/>\nihm sein Lied. Daher beginnt diese Literatur mit<br \/>\ngeistlichen Ges\u00e4ngen. Aber auch sp\u00e4ter, wo sie welt-<br \/>\nlich wird, herrscht darin das innigste Selbstbewu\u00dft-<br \/>\nsein, das Gef&uuml;hl der Pers\u00f6nlichkeit. Die Poesie ist<br \/>\njetzt nicht mehr objektiv, episch und naiv, sondern<br \/>\nsubjektiv, lyrisch und reflektierend.<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 15.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>http:\/\/www.heinrich-heine.net Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland Die Franzosen glaubten in der letzten Zeit zu einer Verst\u00e4ndnis Deutschlands zu gelangen, wenn sie sich mit den Erzeugnissen unserer sch\u00f6nen Literatur be- kannt machten. Hierdurch haben sie sich aber aus dem Zustande g\u00e4nzlicher Ignoranz nur erst zur Ober- fl\u00e4chlichkeit erhoben. 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