{"id":13127,"date":"2019-08-01T10:48:50","date_gmt":"2019-08-01T10:48:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=13127"},"modified":"2019-08-08T15:45:35","modified_gmt":"2019-08-08T15:45:35","slug":"bildung-und-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/08\/bildung-und-freiheit\/","title":{"rendered":"Bildung und Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Das neue Laborjournal hat rechtzeitig zum 25. Geburtstag eine ganze Reihe interessanter Artikel &#8211; herzlicher Gl\u00fcckwunsch!<\/p>\n<p>Ein buntes Allerlei, unter welch prek\u00e4ren Bedingungen fetales K\u00e4lberserum gewonnen wird (Lindl), zur Spezifit\u00e4t von Antik\u00f6rpern (Odenwald), RNA Editierung (Stafforst) hin zu mehr theoretischen Essays, wie man Tierversuchsgegegner \u00fcberzeugt (Gr\u00fcninger), \u00dcberleben einer Doktorandin in der Replikationskrise (Tkotz), hin zur Gro\u00dfwetterlage der Biotechlandschaft (Heinrich). \u00dcberzeugend vor allem das Pl\u00e4doyer der Genommedizin, nicht komplett den Anschluss zu verlieren Krawczak) in der Neuaufstellung der Medizin (Kroemer). Ebenfalls gut beobachtet: die Unf\u00e4higkeit der Protagonisten und Defizite des Wissenschaftsjournalismus in der NO2 Diskussion (G\u00fcnther). Drei der Essays sind aber besonders herausragend:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.laborjournal.de\/rubric\/essays\/essays2019\/e19_02.php\">Bildung und Freiheit<\/a> (Pfeilschifter)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.laborjournal.de\/rubric\/essays\/essays2019\/e19_03.php\">Disruption der Forschungsf\u00f6rderung<\/a> (Heller, R\u00fcmpel)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.laborjournal.de\/rubric\/essays\/essays2019\/e19_04.php\">Metrik-Wahn<\/a> (Morgenstern)<br \/>\nEigentlich ist ja nichts daran wirklich neu, aber so konkret auf den Punkt gebracht, sind die Essays im deutschen Sprachraum einzigartig.<br \/>\nFreiheit wird meist nur im Kontext einer grundgesetzlich garantierten Forschungsfreiheit zitiert, meist nur salbungsvoll an hohen Festtagen. Pfeilschifter und Wicht zitieren Adorno (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/reise\/vor-fuenfzig-jahren-starb-der-philosoph-theodor-w-adorno-in-den-bergen-von-zermatt-16315691-p3.html\">dessen 50. Todestag sich gerade j\u00e4hrt<\/a>)<\/p>\n<blockquote><p>&#8230; in seiner \u00e4tzenden \u201eKritik der Halbbildung\u201d von 1959 [schreibt]: \u201eDas einzige Ma\u00df des heutigen Schlechten ist das fr\u00fchere.\u201d So geht das, gut negativ- dialektisch. Nat\u00fcrlich war fr\u00fcher nicht alles besser, sondern nur anders schlecht \u2026<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Karl Jaspers besitzt noch 1946 die \u2013 aus heutiger Sicht \u2013 Frechheit, gleich dreien der vier klassischen universit\u00e4ren Fakult\u00e4ten das wissenschaftliche Fundament abzusprechen, indem sie nicht frei seien, sondern Zwecken dienten. Zweck der Medizin sei das Leibeswohl, das der Theologie das Seelenheil, der Zweck der Juristerei sei es, ein wohlgeordnetes Staatswesen mit Rechtsexperten zu versehen \u2013 einzig die philosophische Fakult\u00e4t sei zweckfrei, und daher rein wissenschaftlich<\/span>.\u00a0Jenseits des Zwecks aber \u2013 was ist das, diese akademische Freiheit? Erneut Jaspers, krass formuliert und ex negativo gedacht: Es ist auch die Freiheit des Scheiterns. Man muss scheitern k\u00f6nnen. Als Forscher. Als Student. Heutzutage jedoch \u2013 Studierbarkeit, Minimierung der Abbrecherquoten, alle m\u00f6glichen staatlichen Eingriffe, mit dem Ziel: jedem sein Zertifikat. Die Scheiternsquote im Medizinstudium liegt bei weniger als zehn Prozent. Ist ein Studium, das jeder bestehen muss, noch frei? Ist ein Forscher, in dessen Zielvereinbarung soundso viele Impact- Punkte stehen, noch frei?<\/p><\/blockquote>\n<p>Noch detaillierter Ihre Kritik dann am Ende<\/p>\n<blockquote><p>Universit\u00e4ten sind keine Nivellierungs-, sondern Differenzmaschinen, das ganze Bildungssystem ist eine. Nat\u00fcrlich ist Chancengleichheit herzustellen. Aber ebenso, wie der Satz \u201eAlle Menschen sind vor dem Gesetz gleich\u201d (Artikel 3 des Grundgesetzes) nicht besagt, dass alle Menschen gleich seien, sondern vielmehr sogar impliziert, dass das Gesetz sie ungleich macht, indem es sie in die scheidet, die ihm gen\u00fcgen, und jene, die es \u00fcbertreten, so tritt der Mensch auch nicht vor seine Bildungsm\u00f6glichkeiten, um gleichgemacht zu werden, sondern um zu erfahren, wer er sei, was sein empirischer Charakter sei. Wer alle \u00fcberallhin inkludierend mitnehmen will, leugnet die Individuation, es ist vielmehr ein totalit\u00e4res Unterfangen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Heller und R\u00fcmpel beschreiben in dem folgenden Essay den Versuch, die Forschungsf\u00f6rderung von Output auf Outcome Orientierung umzustellen und &#8211; das wusste ich nicht &#8211; dass es die partielle Lotterie bei der Volkswagenstiftung schon gibt.<\/p>\n<p>Morgenstern findet die Idee, wissenschaftliche Leistung quantitativ zu bewerten, merkw\u00fcrdig. Man kann ja nur gleiche Merkmale miteinander vergleichen und was ist bei Forschung schon ein gleiches Merkmal?<\/p>\n<blockquote><p>Welche gemeinsame messbare Eigenschaft aber k\u00f6nnen verschiedene wissenschaftliche Leistungen haben? Ein wissenschaftliches Ergebnis ist seiner Natur nach etwas prinzipiell Neues \u2013 jedenfalls dann, wenn es um Wissenschaft im eigentlichen Sinn geht, also um Grundlagenforschung. Dass Entdeckung A doppelt so gut oder doppelt so gro\u00df w\u00e4re wie Entdeckung B \u2013 ein solcher quantitativer Vergleich w\u00e4re selbst innerhalb einer wissenschaftlichen Teildisziplin absurd, und erst recht zwischen verschiedenen Disziplinen. So, wie sich die Resultate verschiedener wissenschaftlicher T\u00e4tigkeiten nicht zahlenm\u00e4\u00dfig vergleichen lassen, weil sie eben kein gleiches Merkmal haben, das sich messen lie\u00dfe, so lassen sich auch die Forschungsleistungen nicht quantitativ vergleichen, die diese \u2013 grunds\u00e4tzlich nicht vergleichbaren \u2013 Resultate zustande bringen. Der Versuch, wissenschaftliche Leistungen quantitativ zu messen, ist daher ziemlich widersinnig\u2026<br \/>\nAuch hier gehen die zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen offenbar davon aus, dass niemand irgendetwas aus eigenem Antrieb tun w\u00fcrde \u2013 wom\u00f6glich aus Interesse an der Sache, oder weil man ihre Notwendigkeit einsehen w\u00fcrde. So sind Wissenschaftspolitiker darauf verfallen, Forschungsmittel nicht mehr einfach zur Verf\u00fcgung zu stellen, sondern Systeme von Belohnungen und Schikanen einzuf\u00fchren, um Forschende und Lehrende ordentlich auf Trab zu bringen \u2013 von selbst tun diese Faulpelze ja nichts.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das neue Laborjournal hat rechtzeitig zum 25. Geburtstag eine ganze Reihe interessanter Artikel &#8211; herzlicher Gl\u00fcckwunsch! 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