{"id":13298,"date":"2019-09-08T10:40:51","date_gmt":"2019-09-08T10:40:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=13298"},"modified":"2019-09-13T05:52:47","modified_gmt":"2019-09-13T05:52:47","slug":"das-abschlussmemorandum-zur-freiheit-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2019\/09\/das-abschlussmemorandum-zur-freiheit-der-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Das Abschlussmemorandum zur Freiheit der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>(Quelle: <a href=\"https:\/\/wissenschaftsfreiheit.de\/abschlussmemorandum-der-kampagne\/\">https:\/\/wissenschaftsfreiheit.de\/abschlussmemorandum-der-kampagne<\/a> )<\/p>\n<p>\u201eKunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung\u201c \u2013 so lautet Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes, das vor 70 Jahren in Kraft getreten ist. Wissenschaftsfreiheit ist ein Grundrecht, zugleich ist sie Pfeiler der liberalen Demokratie und Voraussetzung f\u00fcr wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Dabei steht dieses Grundrecht auch im Spannungsverh\u00e4ltnis zu anderen verfassungsrechtlich gesch\u00fctzten Grundrechten und Zielen. Die Gew\u00e4hrung rechtlicher Autonomie und die Bereitstellung finanzieller Mittel durch den Staat, die f\u00fcr eine freie Wissenschaft unverzichtbar sind, gehen einher mit der Verpflichtung, die m\u00f6glichen Auswirkungen von Forschung mit zu bedenken. Forscherinnen und Forscher ebenso wie wissenschaftliche Einrichtungen sind sich der Verantwortung bewusst, die aus ihrer gro\u00dfen Freiheit erw\u00e4chst.<!--more--><\/p>\n<p>Die Wissenschaft in Deutschland hat in diesem Jubil\u00e4umsjahr eine gemeinsame Kampagne zur verfassungsrechtlich gesch\u00fctzten Wissenschaftsfreiheit durchgef\u00fchrt. Unter dem Titel \u201eFreiheit ist unser System. Gemeinsam f\u00fcr die Wissenschaft. 70 Jahre Grundgesetz\u201c wurden in zahlreichen Veranstaltungen, Reden, Debatten und Beitr\u00e4gen in den Medien die Bedeutung freier Forschung und Lehre betont, Entwicklungen innerhalb der Wissenschaft kritisch beleuchtet sowie Risiken f\u00fcr die Wissenschaftsfreiheit im In- und Ausland in den Blick ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Das vorliegende Memorandum versteht sich als Selbstverpflichtung der Wissenschaft in Deutschland, die Freiheit der Wissenschaft zu sch\u00fctzen, sich gegen ihre Beschr\u00e4nkungen zur Wehr zu setzen und sie f\u00fcr k\u00fcnftige Herausforderungen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>1. WISSENSCHAFTSFREIHEIT WELTWEIT F\u00d6RDERN<br \/>\nIn nicht wenigen Staaten ist die Freiheit der Wissenschaft akut gef\u00e4hrdet, teilweise werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Regimegegner verfolgt oder gar verhaftet. Hier gilt es f\u00fcr die Wissenschaftsorganisationen, die schwierige Balance zu wahren, diesen Gef\u00e4hrdungen entgegenzutreten und zugleich bestehende Kooperationen als wertvolle Freir\u00e4ume f\u00fcr die Forschenden zu erhalten. Die Wissenschaft in Deutschland verpflichtet sich, in ihren eigenen Organisationen weiterhin und verst\u00e4rkt Schutz und Perspektiven f\u00fcr gef\u00e4hrdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland zu bieten und sich aktiv an Programmen und Netzwerken wie Academy in Exile oder Scholars at Risk zu beteiligen. Mobilit\u00e4t und freier Austausch sind Bedingungen einer erfolgreichen Wissenschaft.<\/p>\n<p>2. VERTRAUEN IN WISSENSCHAFTLICHE ERKENNTNISSE ST\u00c4RKEN<br \/>\nWissenschaftliche Erkenntnisse sind keine blo\u00dfe \u201eMeinungs\u00e4u\u00dferung\u201c. Die Wissenschaft hat daher auch die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den Unterschied zwischen Meinungen und wissenschaftlich \u00fcberpr\u00fcfbaren Erkenntnissen zu verdeutlichen, bei der Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse auf Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Verst\u00e4ndlichkeit zu achten und populistisch motivierter Faktenverzerrung den Boden zu entziehen. Dabei muss sie immer wieder die Grenzen gesicherter Erkenntnis und die Bedeutung wissenschaftlicher Kontroversen sichtbar machen. So kann das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft und damit in ihr grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Wissenschaftsfreiheit gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>3. BESONDERE FREIHEITSRECHTE ERFORDERN BESONDERE SELBSTKONTROLLE<br \/>\nIn einem \u00fcberwiegend \u00f6ffentlich finanzierten Wissenschaftssystem muss sich die Gesellschaft auf die funktionierende Selbstkontrolle der Wissenschaft verlassen k\u00f6nnen. Betrugsf\u00e4lle, Machtmissbrauch oder \u201aFake Science\u2018 untergraben das Vertrauen der Gesellschaft in den verantwortungsvollen Umgang der Wissenschaft mit ihren besonderen Freiheitsrechten. Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden ihrer Verantwortung gerecht, indem sie hohe Standards guter wissenschaftlicher Praxis, Integrit\u00e4t, Compliance, Rechtssicherheit und Mitarbeiterschutz erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>4. FREIHEIT HEISST NICHT FREI VON REGELN<br \/>\nFreie Wissenschaft steht nicht \u00fcber dem Gesetz. Rechtliche und ethische Grenzen der Forschung werden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und Debatten festgelegt und auf den Pr\u00fcfstand gestellt \u2013 etwa wenn es um Tierversuche, um Fragen humaner Genomforschung oder K\u00fcnstlicher Intelligenz geht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler m\u00fcssen bei ethisch sensibler Forschung stets sorgf\u00e4ltig Chancen und Risiken ihres Tuns abw\u00e4gen. Wissenschaftliche Einrichtungen unterst\u00fctzen diese Prozesse mit Ethik-Kommissionen und Beratungsstrukturen.<\/p>\n<p>5. FREIE WAHL VON FORSCHUNGSGEGENST\u00c4NDEN GEW\u00c4HRLEISTEN<br \/>\nDie Orientierung an Trends kann helfen, Expertise im Wissenschaftssystem zu b\u00fcndeln und interdisziplin\u00e4re Forschung zu bef\u00f6rdern, wie es derzeit etwa beim Thema K\u00fcnstliche Intelligenz geschieht. Dennoch ist eine grunds\u00e4tzliche Freiheit bei der Wahl von Forschungsgegenst\u00e4nden erforderlich, um die Vielfalt des Systems zu erhalten. Daf\u00fcr ist es wichtig, dass ausreichende Mittel f\u00fcr Forschungsgegenst\u00e4nde au\u00dferhalb aktueller Trends verf\u00fcgbar sind, dass hochrangige wissenschaftliche Journale auch Replikationsstudien oder negative Forschungsergebnisse ver\u00f6ffentlichen. Forschung darf nicht ausschlie\u00dflich \u00f6konomischen Nutzen oder konkrete Anwendungsm\u00f6glichkeiten ergeben \u2013 die Bedeutung der gesamten Wirkungskette von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung muss disziplin\u00fcbergreifend zur Geltung gebracht und in die Gesellschaft kommuniziert werden.<\/p>\n<p>6. WISSENSCHAFTSFREIHEIT GILT AUCH F\u00dcR WISSENSTRANSFER<br \/>\nKooperationen der Wissenschaft mit externen Partnern wie Unternehmen und anderen Akteuren sind wichtig, um die Innovationsf\u00e4higkeit von Wirtschaft und Gesellschaft zu st\u00e4rken und gleichzeitig Impulse aus der Praxis f\u00fcr die Forschung zu nutzen. Dieses heute immer wichtigere Rollenverst\u00e4ndnis der Wissenschaft stellt neue Anforderungen an die Transferleistung au\u00dferuniversit\u00e4rer und universit\u00e4rer Wissenschaftseinrichtungen. Die Sicherung der Wissenschaftsfreiheit ist hier bei Kooperationen mit Unternehmen besonders relevant: Die Nachvollziehbarkeit der in den Kooperationen entstandenen Forschungsergebnisse und deren Unabh\u00e4ngigkeit m\u00fcssen angemessen gew\u00e4hrleistet sein.<\/p>\n<p>7. FREIE WISSENSCHAFT BRAUCHT VERL\u00c4SSLICHE RAHMENBEDINGUNGEN<br \/>\nInstitutionelle Autonomie und verl\u00e4ssliche Finanzierung sind notwendige Voraussetzungen f\u00fcr freie Wissenschaft. Nur durch eine angemessene Grundfinanzierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen kann sichergestellt werden, dass Forscherinnen und Forscher vielf\u00e4ltigen Fragestellungen nach eigenem Ermessen und gesellschaftlichen Bedarfen nachgehen und zu nicht vorhersehbaren Erkenntnissen gelangen k\u00f6nnen. Verl\u00e4ssliche Finanzierung ist zudem Grundvoraussetzung f\u00fcr den Ausbau strukturierter und attraktiver Karrierewege in der Wissenschaft.<\/p>\n<p>8. FORSCHUNGSLEISTUNG BEWERTEN OHNE DIE WISSENSCHAFTSFREIHEIT EINZUSCHR\u00c4NKEN<br \/>\nAnreiz- und Belohnungssysteme der Wissenschaft d\u00fcrfen freie Forschung nicht einschr\u00e4nken, sondern m\u00fcssen sie bef\u00f6rdern. Wissenschaftsfreiheit gedeiht besonders gut, wenn Leistung und Erfolg in der Wissenschaft an Qualit\u00e4t und nicht haupts\u00e4chlich an Quantit\u00e4t bemessen werden. Originelle Forschung geht nicht immer mit einer hohen Zitationsquote einher \u2013 letztere jedoch dominiert heute die Bewertung des Erfolgs von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Auch Vorgaben und Bewertungsinstrumente der wissenschaftlichen Verlage m\u00fcssen kritisch hinterfragt werden, inwiefern sie die Freiheit der Wissenschaft bef\u00f6rdern oder behindern.<\/p>\n<p>9. FREIHEIT DER WISSENSCHAFT ERFORDERT EINE DEBATTENKULTUR<br \/>\nOffene Diskurse und die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden sind ein wesentliches Fundament der Wissenschaftsfreiheit. Studierenden aller Disziplinen muss der hohe Wert einer freien wissenschaftlichen Debatte vermittelt werden \u2013 sie sollen lernen, sich mit unterschiedlichen Perspektiven kritisch auseinanderzusetzen, auch mit der eigenen. Diese Erfahrungen mit wissenschaftlicher Kontroverse tragen auch zur St\u00e4rkung der Grundwerte der liberalen Demokratie bei, die f\u00fcr umfassende Wissenschaftsfreiheit wiederum unverzichtbar sind.<\/p>\n<p>10. WISSENSCHAFTSFREIHEIT BRAUCHT DEN DISKURS IN DER GESELLSCHAFT<br \/>\nIn Deutschland ist freie Wissenschaft ein so hoch gesch\u00e4tztes Gut, dass ihre politische und gesellschaftliche Wertsch\u00e4tzung selbstverst\u00e4ndlich scheinen mag. Diese Position kann die Wissenschaftsfreiheit jedoch nur behalten, wenn sie als lebendige, dynamische Idee f\u00fcr die Zukunft adaptiert wird und sich den neuen Herausforderungen und Anspr\u00fcchen stellt. Wissenschaftsfreiheit ist eng gebunden an einen aktiven Austausch und Diskurs in der Gesellschaft. Einer umfassenden Wissenschaftskommunikation kommt deshalb die Aufgabe zu, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren in einen steten Austausch \u00fcber die Wirkung und die Erkenntnisse sowie die Grenzen von Wissenschaft zu treten.<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 13.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Quelle: https:\/\/wissenschaftsfreiheit.de\/abschlussmemorandum-der-kampagne ) \u201eKunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung\u201c \u2013 so lautet Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes, das vor 70 Jahren in Kraft getreten ist. 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