{"id":25810,"date":"2025-10-28T15:36:46","date_gmt":"2025-10-28T13:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=25810"},"modified":"2025-11-03T21:51:08","modified_gmt":"2025-11-03T19:51:08","slug":"die-unangenehme-wahrheit-des-mai-thi-videos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2025\/10\/die-unangenehme-wahrheit-des-mai-thi-videos\/","title":{"rendered":"Die unangenehme Wahrheit des Mai Thi Videos"},"content":{"rendered":"<p>Mai Thi Nguyen-Kim &#8211; laut\u00a0 dem Kommunikationsdienst der Medienbranche Turi2 <a href=\"https:\/\/www.turi2.de\/index\/koepfe\/nguyen-kim-mai-thi\/\">Deutschlands bekannteste Wissenschaftsjournalistin<\/a> &#8211; brachte in der Vergangenheit immer wieder spannende Videos. Allerdings hat sie sich bei dem Thema Genetik \u00fcberhoben und ist offensichtlich auch nicht gut in der Wissenschaftsszene vernetzt. Anders sind ihre Aussagen zur Genetik jedenfalls nicht zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ihr Zweifel an dem Rassenbegriff ist ja v\u00f6llig berechtigt, denn nur Rassisten reden von Rassen. Wir reden schon lange nicht mehr von Rassen bei Menschen, sondern von Populationen, Volksgruppen, Ethnien oder was auch immer (Rassen sind ansonsten die gezielt gez\u00fcchtete Tier- oder Pflanzenarten, die\u00a0 sich durch Selektion auf bestimmte Eigenschaften vermehrt haben). Wir reden deshalb nicht mehr davon, weil die Anfang des letzten Jahrhunderts von Anthropologen beschriebenen \u00e4usseren Merkmale von Menschen eben nicht mit den Ergebnissen der modernen Genetik \u00fcberein stimmen. Aber statt\u00a0 dann wenigstens bei dem Thema Populationsgenetik in ihrem Video zu bleiben, zieht sie auch noch eine direkte Linie zum Kolonialismus. Und stellt dann auch noch eine Verbindung zur Kriminalstatistik her.\u00a0 Das ist unseri\u00f6s und nur der Aufmerksamkeits\u00f6konomie geschuldet..<!--more--><\/p>\n<p>Seit Wochen habe ich das <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/MaiThi.txt\">Transkript<\/a> hier liegen und kommentiere es nun mit Referenz auf <a href=\"https:\/\/openlibrary.org\/books\/OL22552888M\/Population_genetics\">Mathew Hamilton<\/a>, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1101\/083915\">Ochoa &amp; Storey<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S0169534705001692\">Beaumont<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/nrg2611\">Holsinger &amp; Weir<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/FGAyYl3ZICw?si=Qg_ZTGTsHCj1Muvm\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Fangen wir also an.<\/p>\n<blockquote><p>4:23- 4:31 In jedem Dorf finde ich mehr genetische Vielfalt, als es Gruppenunterschiede zwischen Kontinenten gibt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mai Thi argumentiert hier mit F<sub>ST\u00a0<\/sub>&#8211;\u00a0 einem statistischen Parameter f\u00fcr die genetische Differenzierung zwischen Populationen. Er beschreibt, wie stark die Allelfrequenzen (also die H\u00e4ufigkeiten genetischer Varianten) zwischen Gruppen voneinander abweichen, relativ zur Variation innerhalb der Gruppen. F<sub>ST<\/sub> = 0 steht f\u00fcr vollst\u00e4ndige Mischung (keine Gruppenunterschiede) und F<sub>ST<\/sub> = 1 f\u00fcr vollst\u00e4ndigeTrennung. Typische Werte beim Menschen innerhalb\u00a0 einer Region sind F<sub>ST<\/sub> \u2248 0.001\u20130.005, zwischen\u00a0europ\u00e4ischen L\u00e4ndern F<sub>ST<\/sub> \u2248 0.01 und zwischen Kontinenten (Afrika, Europa, Ostasien) F<sub>ST<\/sub> \u2248 0.05\u20130.10.<\/p>\n<p>Das heisst also, da\u00df 90 % der gesamten genetischen Variation\u00a0 sich innerhalb von \u00a0L\u00e4ndergrenzen findet und nur etwa 10 % zwischen Kontinenten. Soweit so richtig und\u00a0 soweit so gut.\u00a0 Dass jedes Dorf damit aber buchst\u00e4blich mehr Variation aufweist als der kontinentale Vergleich, ist dann aber doch nicht richtig. F<sub>ST<\/sub> beschreibt durchschnittliche Varianz<span style=\"text-decoration: underline;\">verh\u00e4ltnisse<\/span>, nicht die konkrete \u201eVielfalt in jedem Dorf\u201c.\u00a0\u00a0Genetische Unterschiede bei H. sapiens sind \u00fcberhaupt extrem klein. Dazu kommt, da\u00df wenn man nur kleine Gruppen (z. B. ein Dorf mit 50 Personen) vergleicht,\u00a0 der\u00a0 genetische Drift zuf\u00e4llige Unterschiede oft st\u00e4rker hervortreten l\u00e4sst. Deshalb definiert man auch in der\u00a0 Populationsgenetik statistisch hinreichend gro\u00dfe Einheiten (z. B. Regionen mit mehreren Hundert bis Tausend Personen) und nicht kleine D\u00f6rfer. F<sub>ST <\/sub>wird im \u00fcbrigen stark von h\u00e4ufigen Allelen dominiert. Und ein global niedriger F<sub>ST<\/sub>\u00a0 Wert t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass einzelne funktionelle Varianten mit gro\u00dfer Auswirkung sehr zwischen Populationen differieren k\u00f6nnen. F<sub>ST <\/sub>sagt nichts dar\u00fcber aus, ob der Genotyp ( die Gen Eigenschaft ) mit einem konkreten \u00e4u\u00dferen Merkmal ( dem Ph\u00e4notyp ) zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Mai Thi fragt, ob es \u201ebiologisch klar abgrenzbare Gruppen\u201c innerhalb H. sapiens gibt. Nein, nat\u00fcrlich nicht, wenn man F<sub>ST<\/sub> Werte ansieht, da gibt es keine klar trennbaren genetische Gruppen &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%9Cbermensch\">Nietzsche<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.vr-elibrary.de\/doi\/10.13109\/9783666310874.126\">Lenz<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark\">Sloterdijk<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/technology\/archive\/2025\/07\/new-grok-racism-elon-musk\/683515\/\">Musk<\/a> zum Trotz. Menschlichen Genvariationen bilden ein Kontinuum ohne Blockbildung. Auff\u00e4llige Merkmale wie Hautfarbe oder Laktosevertr\u00e4glichkeit beruhen auf einzelnen Genen oder Gengruppen, die sich regional angepasst haben. Sie sagen aber nichts \u00fcber die Gesamtverwandtschaft aus. Menschen mit \u00e4hnlicher Hautfarbe k\u00f6nnen genetisch weiter voneinander entfernt sein, als Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe, das stimmt. Solche Merkmale sind regionale Umweltanpassungen, keine Rassenmerkmale.<\/p>\n<p>Statistische Parameter wie F<sub>ST<\/sub> sagen aber \u00a0nichts \u00fcber Verhalten oder Kriminalit\u00e4t aus. Allein schon diese Verbindung in dem Video ist abwegig. Genetik erkl\u00e4rt keine soziale oder kulturelle Ph\u00e4nomene. Biologische und soziologische Aspekte sollten immer strikt getrennt betrachtet werden. Ein interdisziplin\u00e4res Ansatz ist nur sinnvoll, wenn die Begriffe von Natur und Kultur nicht unreflektiert vermischt werden \u2013 eine gemeinsame Diskussion im gleichen Rahmen ist h\u00f6chst problematisch.<\/p>\n<p>Es sind die vielen kleinen, wenn auch popul\u00e4ren Ungenauigkeiten die das Video so unwissenschaftlich machen, etwa die Aussage, da\u00df sich vor 100.000 Jahren H. sapiens in verschiedenen Wellen von Afrika aus \u00fcber die Welt verteilt habe. In Wirklichkeit zeigen genetische Daten <span style=\"text-decoration: underline;\">st\u00e4ndige<\/span> Wanderungen. Die menschliche Populationsentwicklung ist kontinuierlich, es gibt keine getrennten evolution\u00e4re Linien. Nach moderner Populationsgenetik geh\u00f6ren alle Menschen zu einer genetisch gemischten, kontinuierlichen Population. Biologische \u201eRassen\u201c gibt es nicht \u2013 nur soziale Konstruktionen.<\/p>\n<p>Das Video ist im Grundtenor zwar antirassistisch und gut gemeint, aber biologisch h\u00e4ufig unpr\u00e4zise und in der selektiven Darstellung dann letzlich unrichtig. Denn unabh\u00e4ngig von F<sub>ST<\/sub> kann man nat\u00fcrlich auch \u00fcber bestimmte Allelkombinationen individuelle geographische Herkunft\u00a0 rekonstruieren (Stichwort 23andme), man wird immer genetische Unterschiede zwischen Populationen finden (Stichwort Laktoseintoleranz) und nicht zuletzt auch unz\u00e4hlige Krankheitsdispositionen ermitteln k\u00f6nnen. In der genetischen Epidemiologie hat man diese &#8220;founder&#8221; oder &#8220;isolate&#8221;-Populationen auch direkt f\u00fcr Studien gesucht &#8211; Island, Finnland, Amish, Ashkenazi, Sardinien, usw.\u00a0 Das alles aber unterschl\u00e4gt Mai Thi in dem Video.<\/p>\n<p>Die Vernachl\u00e4ssigung unterschiedlicher Populationsgruppen \u2013 die sich teils deutlich im Sozialverhalten unterscheiden \u2013 und die ausschlie\u00dfliche Betrachtung des globalen F<sub>ST <\/sub>Wertes konterkariert damit die eigentliche Intention des Videos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Postskript<\/p>\n<p>Ian Holmes hat im \u00fcbrigen bereits 2018 einen interessanten Artikel dazu geschrieben &#8220;<a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/science\/archive\/2018\/04\/reich-genetics-racism\/558818\/\">What Happens When Geneticists Talk Sloppily About Race<\/a>&#8221; der den Kern trifft.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"p1\">Due to concerns\u00a0of political correctness, [<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/03\/23\/opinion\/sunday\/genetics-race.html\">David Reich<\/a>] argued,\u00a0 scientists are unwilling to do research on &#8211; or, in some cases, even discuss &#8211; genetic\u00a0variation between human populations, despite the fact that genetic variations do\u00a0 exist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 24.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mai Thi Nguyen-Kim &#8211; laut\u00a0 dem Kommunikationsdienst der Medienbranche Turi2 Deutschlands bekannteste Wissenschaftsjournalistin &#8211; brachte in der Vergangenheit immer wieder spannende Videos. 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