{"id":25844,"date":"2025-10-29T18:25:21","date_gmt":"2025-10-29T16:25:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=25844"},"modified":"2025-11-18T13:30:51","modified_gmt":"2025-11-18T11:30:51","slug":"rhetorik-statt-reflexion-eine-replik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2025\/10\/rhetorik-statt-reflexion-eine-replik\/","title":{"rendered":"Rhetorik statt Reflexion: Eine Replik"},"content":{"rendered":"<p>Zu dem\u00a0 SZ-Gastbeitrag \u201eDie Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit gef\u00e4hrdet die Demokratie\u201c (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/wissenschaftsfreiheit-beschraenkung-demokratie-usa-li.3266762\">Nassehi &amp; Tsch\u00f6p 2025<\/a>), hier\u00a0 eine Kritik in zehn Punkten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Vermischung normativer und analytischer Argumente<\/span><\/p>\n<p>Der Text springt zwischen moralischer Emp\u00f6rung (\u201eAngriff auf die Wissenschaftsfreiheit\u201c) und theoretischer Begr\u00fcndung (Bezug auf Weber, Jaspers) hin und her. Dadurch bleibt unklar, ob die Autoren nun eine soziologische Analyse liefern oder eine politische Stellungnahme formulieren wollen. Dieser Zickzack Kurs schw\u00e4cht die argumentative Klarheit. Eine klare Trennung der analytischen Ebene \u201eWelche gesellschaftlichen Mechanismen bedrohen Wissenschaftsfreiheit?\u201c und des normativen Teils: \u201eWarum sie f\u00fcr Demokratie unverzichtbar ist?\u201c mit Beleg durch empirische Beispiele oder Forschung w\u00e4re \u00fcberzeugender gewesen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zirkularit\u00e4t der Hauptthese<\/span><\/p>\n<p>Die Kernbehauptung lautet sinngem\u00e4\u00df da\u00df \u201eWissenschaft nur in Freiheit gedeihen kann und Freiheit gibt es nicht ohne Wissenschaft.\u201c\u00a0 Das ist logisch zirkul\u00e4r, denn es wird nicht gezeigt, warum denn Freiheit nun zwingend von Wissenschaft abh\u00e4ngt. Die Behauptung steht tautologisch im Raum, ohne empirische oder historische Belege. \u00dcberzeugend w\u00e4re gewesen, warum Freiheit f\u00fcr Wissenschaft n\u00f6tig ist (methodische Offenheit, Peer Review, Kritikf\u00e4higkeit, Weiterentwicklung). Und dann liesse sich auch unschwer empirisch zeigen, da\u00df wissenschaftliche Rationalit\u00e4t demokratische Verfahren st\u00e4rken kann (z. B. evidenzbasierte Politik, deliberative \u00d6ffentlichkeit) und eine\u00a0 gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit entsteht. Alles andere ist die aufgebl\u00e4hte Rhetorik einer Proseminar Arbeit.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00dcbertragungsfehler auf allgemeine Demokratietheorie<\/span><\/p>\n<p>Die Erregung mag ja nun verst\u00e4ndlich sein an der gr\u00f6ssten deutschen Universit\u00e4t. Der Artikel st\u00fctzt sich auf die US-Politik unter Trump\/Kennedy, zieht daraus aber weitreichende Schl\u00fcsse \u00fcber Demokratien im Allgemeinen. Der \u00dcbergang von einem spezifischen und zugegeben unangenehmen Fall zu einer universellen Diagnose\u00a0 (\u201eauch hierzulande droht Gefahr\u201c) bleibt unbegr\u00fcndet.\u00a0 Besser w\u00e4re ein komparativer Vergleich gewesen statt der praktizierten Erregungskultur: Beispiele aus Polen, Ungarn, Brasilien, T\u00fcrkei zeigen das Muster von politischer Instrumentalisierung zu Einschr\u00e4nkung der Autonomie \u00fcber den Vertrauensverlust bis hin zur &#8220;Demolierung der Demokratie&#8221;.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Idealisiertes Wissenschaftsbild<\/span><\/p>\n<p>Die Autoren zeichnen ein idealisiertes, fast schon sakrales Bild von Wissenschaft (\u201eFakten bleiben bestehen, auch wenn alles Wissen vernichtet wird\u201c). Damit werden methodische und institutionelle Fehlbarkeit weitgehend ausgeblendet \u2013 z. B. Machtstrukturen, Gender Bias,\u00a0 Publikationszw\u00e4nge, Reproduzierbarkeitskrise. Der Text reflektiert zwar kurz \u201eSelbstkritik\u201c, aber nur oberfl\u00e4chlich und mehr pflichtschuldig. Wissenschaft sollte realistischer als soziales System mit Fehlanreizen, Macht, Hierarchie und Interessen beschrieben werden. Gerade weil Wissenschaft fehleranf\u00e4llig ist, braucht sie Freiheit zur Korrektur.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Mangelnde Differenzierung von \u201eFreiheit\u201c<\/span><\/p>\n<p>\u201eWissenschaftsfreiheit\u201c wird als absoluter Wert dargestellt, ohne zwischen \u00e4u\u00dferer Freiheit (also vor politischer Zensur) und innerer Freiheit\u00a0 (etwa durch \u00f6konomische, institutionelle oder soziale Zw\u00e4nge) zu unterscheiden. Die Autoren erw\u00e4hnen zwar die \u201eSchere im Kopf\u201c, analysieren diese aber nicht weiter \u2013 das Argument bleibt im luftleeren Raum stehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Appell statt Argumentation<\/span><\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile des Textes bestehen aus Appell- und Bekenntnisrhetorik (\u201eWir haben viel zu verlieren\u201c). Es werden kaum Belege, empirische Beispiele oder Gegenargumente pr\u00e4sentiert. So ist der Beitrag dann doch eher Pl\u00e4doyer mit Pathos\u00a0 im Schlussabschnitt &#8211; um Wirkung zu entfalten, aber nicht um rational zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Widerspruch zwischen Selbstkritik und Autorit\u00e4tsanspruch<\/span><\/p>\n<p>Am Schluss fordern die Autoren zwar \u201emehr Selbstkritik\u201c und \u201ewissenschaftliche Kl\u00e4rung\u201c ein, ohne aber\u00a0 ihre eigenen normativen Pr\u00e4missen zu hinterfragen. Das schw\u00e4cht den Anspruch *wissenschaftlich* \u00fcber Wissenschaft zu sprechen. Es ist eine verpasste Chance, explizit die eigenen institutionellen Rolle reflektieren, wie sie an der Spitze des Wissenschaftsbetriebs profitieren von Macht und Geld und Strukturen, die Kritik erschweren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fehlende Auseinandersetzung mit legitimer Wissenschaftskritik<\/span><\/p>\n<p>Un nicht zuletzt: Die \u201eElitenkritik\u201c wird erw\u00e4hnt, doch die Autoren behandeln sie vor allem als Gefahr, nicht als m\u00f6glicherweise berechtigte gesellschaftliche R\u00fcckmeldung. Dadurch wirkt der Text selbst elit\u00e4r \u2013 ein blinder Fleck im Hinblick auf das von ihnen geforderte \u201eVertrauen in Wissenschaft\u201c. Vertrauen sollte nicht nur <em data-start=\"4206\" data-end=\"4217\">gefordert<\/em>, sondern muss <em data-start=\"4227\" data-end=\"4237\">verdient<\/em> werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Wissenschaftliche Unredlichkeit wird ignoriert<\/span><\/p>\n<p>\u00dcbersehen wird dabei die eigentliche Vulnerabilit\u00e4t der Wissenschaft \u2013 die Faulgase im Inneren des Systems: erfundene Daten und gef\u00e4lschte Grafiken, Plagiate und mehrfach verwertete Daten, Zitierkartelle, Paper Mills und nicht zuletzt hochgradig selektive Darstellungen als Ursache der Replikationskrise. All das unterwandert die Idee wissenschaftlicher Redlichkeit von innen heraus und bedrohen ihre Glaubw\u00fcrdigkeit weit st\u00e4rker als der gesellschaftliche Erwartungsdruck, vor dem die Autoren warnt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Finis<\/span><\/p>\n<p>Der Text stammt offensichtlich von Nassehi; von Tsch\u00f6p sind bisher nur Versuchsbeschreibungen von \u00fcbergewichtigen M\u00e4usen \u00fcberliefert. Fr\u00fchere Nassehi Rezensionen haben angemerkt, dass er zuweilen in einer stark theoretischen und abstrakten Weise argumentiert \u2013 etwa in seinen \u00dcberlegungen zur digitalen Gesellschaft, wo weitreichende Thesen formuliert werden, ohne auf eine solide empirische Fundierung zur\u00fcckzugreifen. Charakteristisch ist sein wiederholter Appell an ein gesteigertes Bewusstsein f\u00fcr Komplexit\u00e4t, Ambiguit\u00e4t und Perspektivendifferenz, verbunden mit einer Skepsis gegen\u00fcber \u201egro\u00dfen Gesten\u201c. Paradoxerweise verf\u00e4llt er jedoch in diesem Text selbst in eben jene rhetorische Haltung, vor der er sonst gerne warnt.<\/p>\n<p>(verfasst mit chatGPT 5 Support)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Postscriptum<\/span><\/p>\n<p>Und was ist eine der ersten Amtshandlungen des neuen Pr\u00e4sidenten, nur zwei Wochen nach der Inauguration? Nach<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-csu-nahost-veranstaltung-lmu-palaestina-streit-li.3339309\"> Kritik aus der CDU<\/a> und einer <a href=\"https:\/\/n-j-h.de\/offener-brief-zur-geplanten-veranstaltung-the-targeting-of-the-palestinian-academia-am-28-november\/\">Interessengruppe<\/a> an einer geplanten Veranstaltung kommt nun diese \u00a0<a href=\"https:\/\/www.lmu.de\/de\/newsroom\/newsuebersicht\/news\/die-lmu-als-ort-des-pluralistischen-diskurses.html\">Pressemitteilung<\/a> heraus &#8220;LMU als Ort des pluralistischen Diskurses&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>Zu dem an der LMU geplanten Seminar \u201eThe Targeting of the Palestinian Academia\u201c hat die Hochschulleitung sich mit dem Veranstalter Professor Andreas Kaplony, Lehrstuhl f\u00fcr Arabistik und Islamwissenschaft, ausgetauscht. Hierbei wurden sowohl der wissenschaftliche Charakter der Veranstaltung als auch Sicherheitsbedenken er\u00f6rtert. Daraus resultierte folgende einvernehmliche Vorgehensweise:<\/p>\n<ul>\n<li>Die f\u00fcr den 28.11.2025 terminierte Veranstaltung findet nicht statt.<\/li>\n<li>Zeitnah werden Professor Kaplony, Mitglieder der Hochschulleitung und der Fakult\u00e4t f\u00fcr Kulturwissenschaften damit beginnen, geeignete wissenschaftliche Formate auch f\u00fcr derart aufgeladene Themen zu entwickeln.<\/li>\n<li>Ein solches Format soll in absehbarer Zeit umgesetzt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die LMU hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und die relevanten wissenschaftlichen und rechtlichen Aspekte abgewogen. Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, es bestanden in diesem Fall aber Zweifel, ob es sich um eine wissenschaftliche Veranstaltung auf dem erforderlichen Niveau gehandelt h\u00e4tte. Die LMU tr\u00e4gt dabei ihrem Anspruch Rechnung, die Freiheit der Wissenschaft, die freie Rede, die sachliche Austragung von Konflikten, sowie Respekt gegen\u00fcber unterschiedlichen Auffassungen zu leben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was auch immer auf dieser universit\u00e4ren Veranstaltung h\u00e4tte diskutiert werden sollen, ob hier wom\u00f6glich zu Rechtsbruch aufgerufen worden w\u00e4re,\u00a0 das kann ich alles nicht sagen. Aber wir k\u00f6nnen festhalten, da\u00df die Pressemitteilung behauptet, die LMU sei ein \u201eOrt des pluralistischen Diskurses\u201c, aber gleichzeitig eine geplante Diskussion absagt. Sie betont die \u201eFreiheit der Wissenschaft\u201c, kn\u00fcpft diese jedoch an eine interne Bewertung des \u201ewissenschaftlichen Niveaus\u201c \u2013 und schr\u00e4nkt damit gerade jene Freiheit ein, die vor wenigen Monaten noch so hoch gehalten wurde.<\/p>\n<blockquote><p>Die j\u00fcngsten Attacken der US-Regierung gegen die Universit\u00e4ten sind nicht weniger als ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Das ist eine ernst zu nehmende Gefahr. Denn Wissenschaft kann nur in Freiheit gedeihen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Anstatt Debatten zu erm\u00f6glichen, wird der Diskurs verschoben und durch unbestimmte, zuk\u00fcnftige Formate ersetzt. Sicherheits- und Qualit\u00e4tsargumente dienen dabei als Vorwand, kontroverse Inhalte nicht zuzulassen. So hat die Pressemitteilung das fatale Ergebnis, dass sie Offenheit verspricht aber faktisch Wissenschaftsfreiheit unterl\u00e4uft.<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 24.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu dem\u00a0 SZ-Gastbeitrag \u201eDie Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit gef\u00e4hrdet die Demokratie\u201c (Nassehi &amp; Tsch\u00f6p 2025), hier\u00a0 eine Kritik in zehn Punkten. Vermischung normativer und analytischer Argumente Der Text springt zwischen moralischer Emp\u00f6rung (\u201eAngriff auf die Wissenschaftsfreiheit\u201c) und theoretischer Begr\u00fcndung (Bezug auf Weber, Jaspers) hin und her. 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