{"id":26085,"date":"2025-12-24T13:28:43","date_gmt":"2025-12-24T11:28:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=26085"},"modified":"2026-04-06T06:49:40","modified_gmt":"2026-04-06T04:49:40","slug":"von-der-bildmanipulation-zur-millionen-entschadigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2025\/12\/von-der-bildmanipulation-zur-millionen-entschadigung\/","title":{"rendered":"Von der Bildmanipulation zur Millionen Entsch\u00e4digung"},"content":{"rendered":"<p><em>Was der Fall des Dana-Farber Cancer Institute \u00fcber die Grenzen wissenschaftlicher Selbstkontrolle zeigt \u2013 und warum ein solcher Pr\u00e4zedenzfall in Deutschland bislang undenkbar ist<\/em><\/p>\n<p>Es begann unspektakul\u00e4r, mit auff\u00e4lligen Bildern, entdeckt in den Tiefen einer Online-Plattform. Auf PubPeer, einem digitalen Schwarzen Brett f\u00fcr Wissenschaft, \u00fcberpr\u00fcften externe Wissenschaftler \u00fcber Jahre hinweg alte Publikationen des renommierten Dana-Farber Cancer Institute (DFCI) in Boston. Was sie dort fanden, wirkte auf den ersten Blick banal \u2013 Bildausschnitte, die gespiegelt oder gedreht waren, kontrastver\u00e4ndert oder mehrfach recycelt f\u00fcr unterschiedliche Experimente. Doch was in der Welt der biomedizinischen Forschung zun\u00e4chst aussieht wie handwerkliche Nachl\u00e4ssigkeit, entwickelte sich zu einem Fall mit juristischem Nachspiel.<\/p>\n<p>Denn Dana-Farber ist nicht irgendein Institut. Die Einrichtung gilt als eine der weltweit f\u00fchrenden Krebsforschungszentren, eng verbunden mit der Harvard Medical School und seit Jahrzehnten gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt durch das National Institutes of Health (NIH). Und wo so viel Geld flie\u00dft, hat wissenschaftliche Korrektheit auch eine wirtschaftliche Dimension.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst folgte das \u00fcbliche Verfahren: Zeitschriften pr\u00fcften die Vorw\u00fcrfe, ver\u00f6ffentlichten Korrekturen oder zogen einzelne Arbeiten ganz zur\u00fcck. Mehrere der betroffenen Artikel stammten von f\u00fchrenden Mitgliedern des Instituts, einige reichten Jahrzehnte zur\u00fcck. In manchen F\u00e4llen waren die Originaldaten nicht mehr auffindbar, archiviert auf alten Festplatten, in Laborb\u00fcchern oder schlicht verloren. Der wissenschaftliche Schaden lie\u00df sich eingrenzen, der wissenschaftliche Record teilweise bereinigen. In der Regel endet die Geschichte hier.<\/p>\n<p>Doch in den USA nahm sie eine unerwartete Wendung. Ein Blick auf die Antr\u00e4ge, mit denen Dana-Farber F\u00f6rdergelder eingeworben hatte, zeigte: Viele dieser beanstandeten Publikationen hatten als Vorarbeiten gedient \u2013 als Beleg f\u00fcr die Machbarkeit und Exzellenz kommender Projekte. Und genau an dieser Schnittstelle, dort, wo Forschung auf Verwaltung trifft, griff pl\u00f6tzlich das Rechtssystem.<\/p>\n<p>Der englische Postdoc Sholto David, der die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten \u00f6ffentlich gemacht hatte, argumentierte: Wenn eine Institution \u00f6ffentliche Gelder auf Grundlage fragw\u00fcrdiger oder manipulierter Daten erh\u00e4lt, dann hat sie dem Staat faktisch falsche Tatsachen vorgelegt. Juristisch ist das kein Versto\u00df gegen wissenschaftliche Ethik, sondern potenziell ein Fall von Betrug \u2013 und damit ein Fall f\u00fcr den False Claims Act (FCA). Dieses amerikanische Gesetz existiert seit dem 19.\u202fJahrhundert, urspr\u00fcnglich geschaffen, um Betrug bei R\u00fcstungsauftr\u00e4gen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs zu bek\u00e4mpfen (und w\u00e4re damit auch bei Maskendeals anzuwenden). Heute deckt es jeden Fall ab, in dem \u00f6ffentliche Mittel durch T\u00e4uschung erlangt werden. Besonders bemerkenswert: Auch Privatpersonen k\u00f6nnen im Namen des Staates klagen, wenn sie glaubhaft machen, dass Steuergelder missbr\u00e4uchlich verwendet wurden. Im Erfolgsfall steht ihnen ein Anteil der R\u00fcckzahlung zu.<\/p>\n<p>Diese juristische Hebelwirkung f\u00fchrte schlie\u00dflich zu einem Vergleich zwischen Dana-Farber und dem US-Justizministerium. Das Institut zahlte 15\u202fMillionen\u202fUS-Dollar, ohne ein offizielles Schuldeingest\u00e4ndnis, aber mit der Anerkennung, dass \u201eproblematische Daten\u201c Teil von F\u00f6rderantr\u00e4gen gewesen waren. Ein Teil des Vergleichsbetrags ging an den Hinweisgeber. Die Summe war bemerkenswert \u2013 nicht wegen ihrer H\u00f6he, sondern wegen des Prinzips dahinter. Der Staat erhob keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern einen schlichten rechtlichen: Wer Forschungsmittel beantragt, schuldet dem Staat Wahrheit.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke hat in Deutschland bislang keinen Platz. Ein vergleichbarer Fall w\u00fcrde hier voraussichtlich im System der wissenschaftlichen Selbstkontrolle versanden \u2013 in Ombudsverfahren, internen Untersuchungen und gelegentlichen Korrekturen, irgendwann, irgendwo, meist folgenlos. Bei einem Fall an der Universit\u00e4t Gie\u00dfen ebenfalls mit zahlreicher Manipulationsbefunde auf PubPeer, folgten nach Jahren nur einige wenige Korrekturen. Aber selbst wenn Bundes- oder Landesmittel betroffen w\u00e4ren, fehlt eine systematische Pr\u00fcfung, ob sie auf falschen Tatsachen beruhten.<\/p>\n<p>Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die zentrale F\u00f6rderinstitution f\u00fcr Grundlagenforschung, versteht sich nicht als Ermittlungsbeh\u00f6rde. Ihre Verfahren sind auf wissenschaftliche Selbstkontrolle ausgelegt, nicht auf rechtliche Durchsetzung. R\u00fcckforderungen erfolgen nur bei formalen Verst\u00f6\u00dfen \u2013 etwa, wenn Mittel zweckwidrig verwendet wurden. Ob eine Forschungsidee auf gesch\u00f6nten Daten beruhte, spielt keine Rolle. Der Staat als Geldgeber tritt dabei selten oder praktisch nie als gesch\u00e4digte Partei in Erscheinung.<\/p>\n<p>Auch Hinweisgeber, die Missst\u00e4nde entdecken, stehen in Deutschland weitgehend allein. Das 2023 verabschiedete Hinweisgeberschutzgesetz bietet ihnen gegen\u00fcber Arbeitgebern einen gewissen Schutz, schafft aber weder Anreize noch rechtliche M\u00f6glichkeiten, unrechtm\u00e4\u00dfig erlangte F\u00f6rdermittel einzuklagen. Ein Pendant zum amerikanischen qui tam-Recht, das Whistleblowern eine aktive und belohnte Rolle einr\u00e4umt, existiert nicht.<\/p>\n<p>Der Kontrast k\u00f6nnte deutlicher kaum sein. In den USA machte ein einzelner Forscher publik, dass die Grenze zwischen wissenschaftlicher Unachtsamkeit und T\u00e4uschung dort endet, wo Steuergelder betroffen sind. In Deutschland hingegen bleibt wissenschaftliches Fehlverhalten meist eine interne Angelegenheit \u2013 geregelt durch Ethik, nicht durch Recht.<\/p>\n<p>Der Fall Dana-Farber ist mehr als eine amerikanische Episode. Er ist ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr die Durchsetzung wissenschaftlicher Redlichkeit mit Haushaltsrecht. Wo Milliarden an F\u00f6rdermitteln vergeben werden, gen\u00fcgt Selbstkontrolle allein nicht mehr. Ohne ein rechtliches Instrument, das die Wahrheitspflicht gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit durchsetzbar macht, bleibt wissenschaftliche Integrit\u00e4t allenfalls ein freundlicher Appell.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/retractionwatch.com\/2025\/12\/16\/dana-farber-settlement-false-claims-act-image-manipulation\">https:\/\/retractionwatch.com\/2025\/12\/16\/dana-farber-settlement-false-claims-act-image-manipulation<\/a><\/p>\n<p>David Sholto zu <a href=\"https:\/\/forbetterscience.com\/2026\/01\/06\/scientific-reports-2025-a-year-in-review\/\">Sci Rep<\/a> und dem Honorar<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ioRtnMEV46Y?si=3Z_FP1ixYnBC8p4K\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 08.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was der Fall des Dana-Farber Cancer Institute \u00fcber die Grenzen wissenschaftlicher Selbstkontrolle zeigt \u2013 und warum ein solcher Pr\u00e4zedenzfall in Deutschland bislang undenkbar ist Es begann unspektakul\u00e4r, mit auff\u00e4lligen Bildern, entdeckt in den Tiefen einer Online-Plattform. 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