{"id":26656,"date":"2026-08-11T21:13:25","date_gmt":"2026-08-11T19:13:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=26656"},"modified":"2026-08-25T18:50:07","modified_gmt":"2026-08-25T16:50:07","slug":"zwei-schichten-in-der-logienquelle-eine-ai-basierte-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2026\/08\/zwei-schichten-in-der-logienquelle-eine-ai-basierte-analyse\/","title":{"rendered":"Zwei Schichten in der Logienquelle: Eine AI basierte Analyse"},"content":{"rendered":"<p>Die Logienquelle Q ist ein hypothetisches Dokument: jene rund 235 Verse, welche die Evangelisten Matth\u00e4us und Lukas teilen, ohne dass sie bei Markus stehen. Von den 661 Markus-Versen finden sich etwa 600 bei Matth\u00e4us und rund 350 bei Lukas wieder, wobei die genauen Zahlen je nach Z\u00e4hlweise (w\u00f6rtliche Parallele oder inhaltliche Entsprechung) schwanken. Diskutiert wird, ob Q noch vor dem Markusevangelium entstanden und zumindest in seinen Anf\u00e4ngen in Galil\u00e4a zusammengestellt worden ist.<\/p>\n<p>Als ich 1979 Theologie studierte, war Q nur als singul\u00e4rer Corpus bekannt. John Kloppenborg hat dann 1987 eine einflussreiche Schichtenanalyse vorgelegt: Q1 als \u00e4ltere weisheitliche Unterweisung (Feldrede, Aussendungsrede, Vaterunser, Sorget-nicht-Worte) und Q2 als sp\u00e4tere redaktionelle Gerichtsschicht (T\u00e4uferpredigt, Beelzebul, Jonazeichen, Weherufe, Menschensohn-Worte), dazu Q3 als sp\u00e4te Erg\u00e4nzung mit der Versuchungserz\u00e4hlung. Die These beruht auf literarkritischen Argumenten: charakteristische Formen, charakteristische Motive und impliziertes Publikum. \u00dcbereinstimmungsraten zwischen Matth\u00e4us und Lukas spielen bei Kloppenborgs Zuordnung keine Rolle, ein Test daran ist also nicht zirkul\u00e4r.<\/p>\n<p>Eine unabh\u00e4ngige, quantitative \u00dcberpr\u00fcfung fehlt meines Wissens; mir war es immer zu aufwendig, Texte einzulesen, n-gram und \u00dcbereinstimmungen zu rechnen.\u00a0 F\u00fcr Details zum Textbestand siehe das Internationale Q-Projekt im Anhang.<\/p>\n<p>Die \u00fcberpr\u00fcfbare Hypothese: Wenn Q1 und Q2 unterschiedliche Entstehungs- oder \u00dcberlieferungsgeschichten haben, k\u00f6nnte sich das in der w\u00f6rtlichen \u00dcbereinstimmung zwischen Matth\u00e4us und Lukas niederschlagen. Diese \u00dcbereinstimmung gilt seit langem als bimodal, manche Perikopen sind im Griechischen fast identisch, andere teilen nur den Inhalt. Verteilt sich diese Bimodalit\u00e4t zuf\u00e4llig \u00fcber das Material, oder folgt sie den Schichten?<\/p>\n<p><strong>Methode.<\/strong> Textgrundlage ist der SBLGNT (griechischer Text, dekodiert aus einem SWORD-Modul). Klassifiziert wird nach der vers weisen Zuordnung von Kloppenborg: 19 Perikopen Q1, 25 Q2, 1 Q3. F\u00fcr jede Perikope wurde die \u00dcbereinstimmung zwischen dem Lukas- und dem Matth\u00e4ustext berechnet: l\u00e4ngste gemeinsame Teilfolge (LCS) auf Wortebene, normalisiert auf die mittlere Perikopenl\u00e4nge, sowie der Jaccard-Index gemeinsamer 4-grams. Verglichen wurden die Verteilungen per Mann-Whitney-Test, erg\u00e4nzt um einen Permutationstest und Kontrollen f\u00fcr L\u00e4nge, Gattung und Position im Matth\u00e4usevangelium.<\/p>\n<p>Als Eichung dient die Dreifach\u00fcberlieferung. Dort, wo Matth\u00e4us und Lukas nachweislich dieselbe erhaltene schriftliche Quelle kopieren, n\u00e4mlich Markus, l\u00e4sst sich mit derselben Metrik messen, wie das Kopieren einer gemeinsamen Schriftquelle quantitativ aussieht. 27 Perikopen, dieselbe Rechnung.<\/p>\n<p><strong>Ergebnis.<\/strong> Die beiden Schichten unterscheiden sich in der Wortlauttreue nicht signifikant. LCS-\u00dcbereinstimmung liegt im Median bei 0,34 (Q1) gegen 0,47 (Q2), p = 0,17. Beim 4-gram-Jaccard Test 0,03 gegen 0,12, p = 0,045, also gerade so an der Signifikanzgrenze und ohne Korrektur f\u00fcr multiples Testen. Was in der Doppel\u00fcberlieferung bimodal streut, streut nicht entlang der Schichtgrenze.<\/p>\n<p>Die Markus-Baseline liegt bei einem Median von 0,349 (Mt gegen Mk 0,46, Lk gegen Mk 0,43). Die urspr\u00fcngliche Erwartung von 0,5 bis 0,6 trifft nicht zu; die Mt-Lk-\u00dcbereinstimmung ist die Schnittmenge zweier unabh\u00e4ngiger Redaktionen und liegt damit unter der Wortlauttreue jeder einzelnen Redaktion.<\/p>\n<p>Gemessen daran ist Q1 (0,343) von der Baseline statistisch ununterscheidbar. Q1-Material verh\u00e4lt sich also exakt so, wie zwei Evangelisten eine gemeinsame schriftliche Quelle mit normaler redaktioneller Freiheit kopieren. Die niedrige Q1-\u00dcbereinstimmung ist kein Argument gegen eine Schriftquelle. Q2 (0,473) liegt \u00fcber der Baseline, mit p = 0,043 gerade wieder signifikant.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2.png\" rel=\"key\" data-rel=\"key-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-26666 size-large\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2-719x500.png\" alt=\"\" width=\"719\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2-719x500.png 719w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2-620x431.png 620w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2-768x534.png 768w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2-1536x1069.png 1536w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_strata_agreement_de_v2.png 1725w\" sizes=\"auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Interessanter ist eine Grenze quer dazu. Q2 ist intern bimodal. Kurze Orakelspr\u00fcche unter 160 W\u00f6rtern liegen bei Median 0,62: R\u00fcckkehr des unreinen Geistes 0,83, Otterngez\u00fccht-Predigt des T\u00e4ufers 0,82, Jerusalem-Klage 0,81, Jubelruf 0,77, Dieb in der Nacht 0,77, treuer Knecht 0,74.<\/p>\n<p>Die langen Gleichnisse derselben Schicht liegen bei 0,42 und darunter: Gastmahl 0,15, verschlossene T\u00fcr 0,17, Pfunde 0,22. Derselbe Gradient findet sich in Q1 (kurz 0,38, lang 0,29) und in der Markus-Baseline, wo die spruchlastigsten Perikopen die Liste anf\u00fchren (Feigenbaum-Gleichnis 0,57, Vollmachtsfrage 0,54, Leidensank\u00fcndigung 0,53) und reine Erz\u00e4hlung bei nur 0,2 bis 0,4 liegt.<\/p>\n<p><strong>Interpretation.<\/strong> Die \u00dcberlieferungstreue folgt mehr Form und L\u00e4nge, nicht der Schicht. Kurze, stark strukturierte prophetische Rede mit Parallelismen und Reihungen l\u00e4sst sich wohl nicht gut paraphrasieren, ohne sie zu zerst\u00f6ren &#8211; sie wird also zitiert, nicht nacherz\u00e4hlt. Lange Erz\u00e4hlgleichnisse und Mahnrede werden dagegen umformuliert. Beide Evangelisten haben denselben Reflex, und deshalb bleibt die Schnittmenge bei formelhaftem Kurzmaterial hoch, unabh\u00e4ngig davon, aus welcher Schicht es stammt. Dass die Weherufe gegen die Pharis\u00e4er, ein Kernst\u00fcck von Q2, mit 0,26 zu den niedrigsten Werten \u00fcberhaupt geh\u00f6ren, passt auch dazu, denn es ist der l\u00e4ngste Block im ganzen Material.<\/p>\n<p>Damit st\u00fctzt die Messung die Zwei-Schichten-Hypothese nicht unbedingt. Sie widerlegt sie auch nicht, denn Kloppenborgs Argumente sind literarkritisch und stehen oder fallen nicht an Wortlautstatistik. Sie h\u00e4tte aber eine Signatur haben k\u00f6nnen, die hier nicht gefunden wurde. Unter der Farrer-Hypothese (Lukas benutzt Matth\u00e4us, kein Q) lesen sich dieselben Zahlen ohnehin genauso: Lukas zitiert kurze Gerichtsworte w\u00f6rtlich und baut lange Erz\u00e4hlst\u00fccke um. Die Messung diskriminiert nicht zwischen gemeinsamer Quelle und direkter Abh\u00e4ngigkeit, sie ist kein Existenzbeweis f\u00fcr Q, keine Datierung und auch keine Richtungsentscheidung.<\/p>\n<p>Bemerkenswert bleibt aber der Q1-Befund. Q1 ist fast reines Spruchmaterial, liegt aber auf dem Niveau, das Matth\u00e4us und Lukas dem Markus-Erz\u00e4hlstoff angedeihen lie\u00dfen, also niedrig f\u00fcr Spruchgut. Ob das an einer variantenreicheren Vorgeschichte liegt, an divergenten Rezensionen, an unabh\u00e4ngigen \u00dcbersetzungen aram\u00e4ischer Vorlagen oder schlicht daran, dass Par\u00e4nese Gebrauchstext ist, das l\u00e4sst sich hier nicht entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Weitere Einschr\u00e4nkungen.<\/strong> Die Baseline setzt voraus, dass beiden Evangelisten ein Markustext nahe dem kanonischen vorlag. Die Diskussion um Proto- und Deuteromarkus und die minor agreements stellt das in Frage. Die Metrik setzt schlie\u00dflich eine gemeinsame griechische Vorlage voraus.<\/p>\n<p>Anzumerken ist, dass Markus Tiwald in seiner Einf\u00fchrung von 2016 die Kloppenborg-Stratigraphie nicht \u00fcbernimmt. Er spricht von Wachstumsringen in Q, von schriftlichen Vorstufen und von &#8220;secondary orality&#8221; und l\u00f6st die Unterscheidung weisheitlich gegen prophetisch als zwei Aspekte derselben Sichtweise auf, nicht als zwei Schichten. Die Pr\u00e4misse dieses Tests ist also im deutschsprachigen Schrifttum auch nicht Konsens.<\/p>\n<p>Alle Analyse Skripte (SWORD-Dekoder, Analysepipeline, Markus-Baseline) stehen <a href=\"sftp:\/\/home181https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/q_pipeline.zip\">hier zur Verf\u00fcgung<\/a>.<\/p>\n<ol>\n<li>Arnal, William E., &#8220;The Rhetoric of Marginality: Apocalypticism, Gnosticism, and Sayings Gospels&#8221;,\u00a0<em>Harvard Theological Review<\/em>\u00a088 (1995) 471-494. Enth\u00e4lt in Anm. 12 die hier verwendete versweise Tabellierung der Kloppenborg-Schichten.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/harvard-theological-review\/article\/abs\/rhetoric-of-marginality-apocalypticism-gnosticism-and-sayings-gospels1\/0DA303ABBB012C362D2CB5A4BB1B4A65\">Cambridge Core<\/a><\/li>\n<li>Carlston, Charles E. \/ Norlin, Dennis A., &#8220;Once More: Statistics and Q&#8221;,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/259401519_Once_More_-_Statistics_and_Q\"><em>Harvard Theological Review<\/em>\u00a064 (1971) 59-78<\/a>.<\/li>\n<li>Carlston, Charles E. \/ Norlin, Dennis A., &#8220;Statistics and Q: Some Further Observations&#8221;,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/1561152\"><em>Novum Testamentum<\/em>\u00a041 (1999) 108-123<\/a>.<\/li>\n<li>Goodacre, Mark,\u00a0<em>The Case Against Q: Studies in Markan Priority and the Synoptic Problem<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Case-Against-Studies-Priority-Synoptic\/dp\/1563383349\">Harrisburg 2002<\/a>.<\/li>\n<li>Holmes, Michael W. (Hg.),\u00a0<em>The Greek New Testament: SBL Edition<\/em>, Society of Biblical Literature \/ Logos Bible Software 2010. Einleitung unter\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sblgnt.com\/about\/introduction\/\">sblgnt.com\/about\/introduction<\/a><\/li>\n<li>Howes, Llewellyn, &#8220;Make an Effort to Get Loose: Reconsidering the Redaction of Q 12:58-59&#8221;,\u00a0<em>Pharos Journal of Theology<\/em>\u00a098 (2017).\u00a0<a href=\"https:\/\/www.pharosjot.com\/uploads\/7\/1\/6\/3\/7163688\/article_21_vol_98_2017.pdf\">Volltext (PDF)<\/a><\/li>\n<li>Ingolfsland, Dennis, &#8220;Kloppenborg&#8217;s Stratification of Q and Its Significance for Historical Jesus Studies&#8221;,\u00a0<em>Journal of the Evangelical Theological Society<\/em>\u00a046\/2 (2003) 217-232.\u00a0<a href=\"https:\/\/etsjets.org\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/files_JETS-PDFs_46_46-2_46-2-pp217-232_JETS.pdf\">Volltext (PDF)<\/a><\/li>\n<li>Kloppenborg, John S.,\u00a0<em>The Formation of Q: Trajectories in Ancient Wisdom Collections<\/em>, Philadelphia 1987.\u00a0<a href=\"https:\/\/books.google.com\/books\/about\/The_Formation_of_Q.html?id=t5N5lUEqy3wC\">Google Books<\/a><\/li>\n<li>Kloppenborg Verbin, John S.,\u00a0<em>Excavating Q: The History and Setting of the Sayings Gospel<\/em>, Minneapolis 2000.<\/li>\n<li>Robinson, James M. \/ Hoffmann, Paul \/ Kloppenborg, John S. (Hg.),\u00a0<a href=\"https:\/\/www.persee.fr\/doc\/ether_0014-2239_2001_num_76_3_4812_t1_0427_0000_3\"><em>The Critical Edition of Q<\/em>, Leuven \/ Minneapolis 2000<\/a>.<\/li>\n<li>Tiwald, Markus,\u00a0<em>Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie<\/em>, Stuttgart 2016. \u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.17433\/978-3-17-025628-6\">doi:10.17433\/978-3-17-025628-6<\/a><\/li>\n<li>Q-Bibliographie mit Volltextnachweisen:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.reconstructingq.com\/bibliography.php\">reconstructingq.com<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 01.09.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Logienquelle Q ist ein hypothetisches Dokument: jene rund 235 Verse, welche die Evangelisten Matth\u00e4us und Lukas teilen, ohne dass sie bei Markus stehen. 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