{"id":7473,"date":"2015-04-01T18:51:06","date_gmt":"2015-04-01T17:51:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=7473"},"modified":"2015-04-07T16:31:02","modified_gmt":"2015-04-07T15:31:02","slug":"von-vertikaler-und-horizontaler-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2015\/04\/von-vertikaler-und-horizontaler-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Von vertikaler und horizontaler Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Zur Krise der Wissenschaften kann man vieles sagen. Dabei\u00a0wird das\u00a0eher selten gemacht, denn eigenartigerweise ist Wissenschaft nur wenig\u00a0selbst reflexiv. Warum mit immer mehr Wissen und immer mehr Bildung, die eigentliche Wissenschaft &#8211; Aufstellen\u00a0von Hypothesen, \u00dcberpr\u00fcfen\u00a0von\u00a0Sachverhalt und logischen\u00a0Folgerungen &#8211; in den letzten Jahren immer weiter\u00a0abgetreten ist?<!--more-->Hat es nur mit dem schlechten\u00a0Wissensmarketing zu tun (wie es<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/wissenschaft-in-den-medien-streitgespraech-mit-wormer-fischer-luethje-a-1014716.html\"> EP Fischer gerade erw\u00e4hnt hat<\/a>), das zunehmend auch von der Spassguerilla (&#8220;Science Slam&#8221;) gepr\u00e4gt wird?\u00a0Oder ist ganz einfach\u00a0der Neoliberalismus nun\u00a0auch\u00a0in den Biowissenschaften angekommen, ganz\u00a0im Sinn eines Marktliberalismus &#8211; es wird\u00a0produziert, wonach der\u00a0 Markt ruft. Ein Markt von Impaktpunkten, Drittmitteln, Doktor- und Masterarbeiten, Wissenschaftspreisen\u00a0oder was auch immer. Nicht dass irgendetwas davon schlecht ist, es geht darum, da\u00df doch nichts davon einen intrinischen Zweck h\u00e4tte, ausser f\u00fcr den Doktoranden vielleicht. Noch vor wenigen Jahren ging es um die logische Fortf\u00fchrung eines Gedankens, der kritischen \u00a0\u00dcberpr\u00fcfung\u00a0der Aufstiegslinie, wo noch niemand vorher geklettert ist. Stattdessen wabern nur Nebelschwaden des\u00a0Marktliberalismus\u00a0durch das Tal?\u00a0<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/reise\/aktuell\/bergsteigen-und-kommerz-gladiatoren-show-am-achttausender-a-806774.html\">Stephan Orth<\/a> befand dazu<\/p>\n<blockquote><p>Der Businessplan der meisten erfolgreichen Alpinisten basiert auf Einnahmen von Sponsoren, Diashows und Bildb\u00e4nden. Die Erfolgsformel ist simpel: Je spektakul\u00e4rer die eigenen Erfolge am Berg in Szene gesetzt werden, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Aufmerksamkeit, desto gl\u00fccklicher sind die Geldgeber. Ob nun wirklich ein neuer Meilenstein des Bergsteigertums erreicht wurde, ist dabei nicht so wichtig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist in der Wissenschaft auch nicht anders, wenn\u00a0wir mal zwei Texte der letzten Woche aneinander reihen. Da warnt\u00a0<a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/61843\/Transparency-warnt-vor-zu-enger-Verflechtung-von-Unis-und-Unternehmen\">Transparency vor zu enger Verflechtung von Unis und Unternehmen<\/a>. Und die\u00a0klassisch neoliberale Reaktion des HRK Pr\u00e4sidenten kommt umgehend<\/p>\n<blockquote><p>Der kritische Blick auf die Hochschulen ist v\u00f6llig in Ordnung. Wenn allerdings das finanzielle Engagement von Wirtschaftsunternehmen unter Generalverdacht gestellt wird, skandalisiert man eine sinnvolle, f\u00fcr Unternehmen, Hochschulforschung, Studierende und Volkswirtschaft ertragreiche Zusammenarbeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie sollte man auch eine\u00a0ertragreiche Zusammenarbeit kritisieren? Einer macht\u00a0es trotzdem,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-wissen\/2014\/05\/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus\">Byung Chul Han<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Wissenschaftler reflektieren heute nicht den gesellschaftlichen Kontext des Wissens. Sie machen eine positive Forschung. Jedes Wissen findet in einem Herrschaftsverh\u00e4ltnis statt. Ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis, ein neues Dispositiv generiert ein neues Wissen, einen neuen Diskurs. Wissen ist immer eingebettet in eine Herrschaftsstruktur. Man kann einfach positive Forschung betreiben, ohne zu erkennen, dass man unter dem Bann dieser Macht steht, und ohne sich auf die Kontexualit\u00e4t des Wissens zu besinnen.\u001b<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist l\u00e4ngst kein Kontextwissen mehr, was da auf den Slides steht, ein paar Ergebnisse vielleicht, viel\u00a0Eigen- und Fremdmarketing mit \u00a0amateuerhaften von\u00a0F\u00f6rderern und Kooperationspartnern. Selbst der Spiegel redet mitterweile von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/medizin\/lancet-spezial-fuer-mehr-qualitaet-in-der-wissenschaft-a-942328.html\">Forschungsm\u00fcll<\/a>, kein Wunder nach den Ionannides Arbeiten. Noch nie wurden so viele <a href=\"http:\/\/retractionwatch.com\">Artikel zur\u00fcckgezogen<\/a>,\u00a0gerade jetzt erst wieder\u00a0<a href=\"http:\/\/blogs.biomedcentral.com\/bmcblog\/2015\/03\/26\/manipulation-peer-review\/\">43 Artikel auf einen Schlag<\/a>,\u00a0nachdem schon im letzten Jahr Fake\u00a0<a href=\"http:\/\/blogs.biomedcentral.com\/bmcblog\/2014\/11\/26\/who-reviews-the-reviewers\/\">Reviewer<\/a>\u00a0aufgeflogen sind. Wenn man sich die <a href=\"http:\/\/ecodevoevo.blogspot.de\/2015\/03\/bordello-us.html\">Entwicklung in den USA<\/a> und in <a href=\"http:\/\/www.lrb.co.uk\/v37\/n06\/marina-warner\/learning-my-lesson\">England<\/a> ansieht, dann wird sich das wohl\u00a0noch\u00a0weiter\u00a0versch\u00e4rfen.<\/p>\n<blockquote><p>The US has worse issues .. Europe doesn&#8217;t have the Greek (fraternity and sorority) system. Europe doesn&#8217;t have the athletics problem. A recent graphic making the rounds of the internet showed the highest-paid state employees in the US states, and 40 were university coaches with outrageous salaries. Europe doesn&#8217;t (yet) have the fancy-dorms-with-luxury-spas system we are building, which venally corrupt the idea of a serious-level education.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und\u00a0auch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.lrb.co.uk\/v37\/n06\/marina-warner\/learning-my-lesson\">aus England<\/a> kommen kritische T\u00f6ne, nach &#8220;venally corrupt&#8221; k\u00e4uflich und korrupt, \u00a0hier &#8220;ill conceived&#8221; schlecht durchdacht.<\/p>\n<blockquote><p>Although the department was excellent, it was freighted to breaking point with imperious and ill-conceived demands from much higher up the food chain \u2013 from people who don\u2019t teach or do research at all&#8230;\u00a0The incessant emphasis was on cash: write grant applications rather than books and articles in order to fund one\u2019s research \u2026 accept anyone for study who could pay, unethical as that was especially at postgraduate level, where foreign applicants with very poor English were being invited to spend large sums on degrees \u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das nun wirklich eine Systemfrage, eine Frage der falschen Anreize? <a href=\"http:\/\/blogs.biomedcentral.com\/bmcblog\/2015\/03\/26\/manipulation-peer-review\/\">Ginny Barbour<\/a> findet\u00a0dazu deutliche Worte.<\/p>\n<blockquote><p>Science is set up with perverse incentives that reward scientists for \u2018impact\u2019 and \u2018productivity\u2019 rather than for the quality of their research or the ability to replicate studies. These are sentiments which have been stressed by Ginny Barbour, Chair of COPE who cites the recent report from the Nuffield Council on Bioethics on the Culture of Scientific Research in the UK.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Neoliberalismus in der Wissenschaft scheint wohl\u00a0nie genug zu bekommen. Dabei geht die Kommerzialisierung und Industrialisierung l\u00e4ngst\u00a0\u00fcber wissenschaftliche Projekte hinaus, braucht enormee adminstrative Unterst\u00fctzung und\u00a0verschlingt Unsummen\u00a0an\u00a0Ressourcen. <i>Parturient montes, nascetur ridiculus mus. <\/i>Aber es kommen nur kleine M\u00e4use heraus.<\/p>\n<p>Wer hat jemals die M\u00e4r in die Welt gesetzt, da\u00df Wissenschaft eine ernstzunehmende\u00a0Renditeerwartung hat?<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 17.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Krise der Wissenschaften kann man vieles sagen. 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