{"id":9497,"date":"2018-02-09T08:02:56","date_gmt":"2018-02-09T07:02:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=9497"},"modified":"2018-07-25T05:19:34","modified_gmt":"2018-07-25T04:19:34","slug":"gesund-und-krank-diskriminierung-bei-bipolar-i-storung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2018\/02\/gesund-und-krank-diskriminierung-bei-bipolar-i-storung\/","title":{"rendered":"Gesund und krank: Diskriminierung bei Bipolar I St\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Die Bipolar-I-St\u00f6rung ist eine chronisch verlaufende psychiatrische Erkrankung, fr\u00fcher auch als manisch-depressive Psychose bezeichnet und geh\u00f6rt zu den affektiven St\u00f6rungen. Kennzeichen der Erkrankung sind wiederholte manische und depressive Episoden, seltener einer Mischung aus beiden, sowie lange Phasen von unauff\u00e4lligem, situativ angepasstem Verhalten (LUNDBECK.COM). &#8220;Menschen mit Bipolar-I-St\u00f6rung k\u00f6nnen ungew\u00f6hnlich intensive Stimmungen haben, die jeweils \u00fcber einen bestimmten Zeitraum anhalten, der als &#8216;Episode&#8217; bezeichnet wird.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p>Der \u00fcbersteigert positiv \u00fcberdrehte Zustand wird als manische Episode bezeichnet und zeigt ein erh\u00f6htes Energie- und Aktivit\u00e4tsniveau mit \u00fcbersteigertem Selbstbewusstsein und Gedankenflucht, vermindertem Schlafbed\u00fcrfnis, \u00fcberm\u00e4ssigem Reden und einer Neigung zu impulsivem und leichtsinnigem Verhalten.\u00a0Manische Episoden k\u00f6nnen mit l\u00e4ngeren depressiven Episoden wechseln, bei denen eine gedr\u00fcckte Stimmung, passivem Verhalten, Schwarzmalerei, und Verzweiflung \u00a0vorherrscht mit einem insgesamt vermindertem Energie- und Aktivit\u00e4tsniveau (LUNDBECK.COM).<\/p>\n<p>Die Fachliteratur geht von bis zu 2 % der Europ\u00e4er aus, die zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben an einer bipolaren St\u00f6rung leiden, realistisch ist allerdings eher eine Pr\u00e4valenz von 0,1%. Es gibt keine Heilung f\u00fcr die bipolare St\u00f6rung Typ I, den meisten Betroffenen gelingt es aber, mit sinnvoller Lebensf\u00fchrung und einer intermittierenden oder dauernden medikament\u00f6sen \u00a0Behandlung, die Stimmungsschwankungen und ihre Folgen unter Kontrolle zu bringen. Die Ursache ist unbekannt, Familienstudien legen eine Vererbung nahe, ohne dass die funktionelle Zusammenh\u00e4nge mit den identifizierten Genen klar w\u00e4re. Die Bipolar-I-St\u00f6rung ist bei M\u00e4nnern und Frauen gleich h\u00e4ufig und betrifft Menschen aus allen sozialen Schichten und ethnischen Gruppen. Das Risiko f\u00fcr das Auftreten einer bipolaren St\u00f6rung ist bei jungen Erwachsenen am h\u00f6chsten und beginnt in Gro\u00dfteil der F\u00e4lle ums das 25. Lebensjahr.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc4.png\" data-rel=\"key-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9507 size-thumbnail alignleft\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc4-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bereits bei Hippokrates ist die phasenweise Erkrankung belegt. Die moderne Sicht geht auf das umfangreiche Standardwerk des M\u00fcnchner Psychiaters Emil Kraepelin zur\u00fcck. Kraepelin beklagt unter anderem die schwierige Diagnosestellung (KRAEPELIN 1899), dass es schwierig sei, einen einfachen Anfall von der periodisch auftretenden Erkrankung zu unterscheiden \u201edass uns hier die Thatsache der Wiederkehr allein nicht helfen kann, liegt auf der Hand; wir m\u00fcssten ja sonst unter Umst\u00e4nden 30 und mehr Jahre warten, bis wir unserer Diagnose gewiss w\u00e4ren\u201c.\u00a0<strong>Lange v\u00f6llig symptomfreie Intervalle waren und sind also die Regel und nicht die Ausnahme<\/strong>, auch wenn sich die klinische Psychiatrie aus einsichtigem Grund nur f\u00fcr die Krankheitsphasen interessiert.<\/p>\n<p>KRAEPELIN f\u00e4hrt fort \u201eDie einzelnen Anf\u00e4lle des manisch-depressiven Irreseins sind, wie schon aus der klinischen Schilderung hervorgeht, untereinander nicht gleich, sondern k\u00f6nnen sich recht unterschiedlich gestalten\u201c. In der englischen Ausgabe (KRAEPELIN 1921) zeigt er viele handgezeichnete Verl\u00e4ufe, alle mit vielj\u00e4hrigen symptomfreien Intervallen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc1.png\" data-rel=\"key-image-1\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9500 size-thumbnail alignleft\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc2.png\" data-rel=\"key-image-2\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9501 size-thumbnail alignleft\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/sc2-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Niemals sp\u00e4ter wurde das Krankheitsbild so genau beschrieben; auch hat sich an diesem Kenntnisstand bis heute nicht viel ge\u00e4ndert. So kommt die deutsche WIKIPEDIA zu dem Schluss \u201eZwischen diesen Episoden kehrt der Betroffene in der Regel immer in einen unauff\u00e4lligen Normalzustand zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Das fasst korrekt den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen, wiedergegeben in einer \u00dcbersicht in der britischen \u00c4rztezeitschrift Lancet (GRANDE 2016): \u201crecurrence is normal\u201c.\u00a0Leider sind aber Studien wegen der geringen Fallzahlen und den doch sehr individuellen Verl\u00e4ufen nur bedingt auswertbar. Eine L\u00e4ngsschnittstudie an 160 Patienten mit Bipolar I Erkrankungen (ANGST 2003) zeigt, dass 81% der Lebenszeit die Patienten symptomfrei waren. Symptomfreier Zustand ist also die Norm, selbst wenn es ausnahmsweise individuelle Verl\u00e4ufe gibt, welche nicht in dieses Raster fallen.<\/p>\n<p>Und auch wenn Patienten in der symptomfreien Zeit voll arbeitsf\u00e4hig sind, kommt die deutsche Leitlinie (PFENNING 2013) zu dem bedr\u00fcckenden Schluss \u201eBipolare St\u00f6rungen sind jedoch mit einem hohen Ma\u00df an Arbeits- oder gar Erwerbsminderung- bzw. unf\u00e4higkeit und vorzeitiger Berentung assoziiert, was f\u00fcr die Betroffenen bedr\u00fcckend ist, eine ad\u00e4quate Teilhabe verhindert und wiederum den Erkrankungsverlauf negativ beeinflussen kann\u201c.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielgestaltig, ein Hauptgrund ist sicherlich der geringe Kenntnisstand deutscher Gerichte, die weder den episodischen Charakter der Bipolar I St\u00f6rung verstehen, noch dass es auf den individuellen Krankheitsverlauf ankommt.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lundbeck.com\/de\/gehirnerkrankungen\/psychosen\/bipolar-i-stoerung\">http:\/\/www.lundbeck.com\/de\/gehirnerkrankungen\/psychosen\/bipolar-i-stoerung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/psychiatrieeinl00kraegoog\">Kraepelin, E.: Psychiatrie. Ein Lehrbuch f\u00fcr Studirende und Aerzte . Sechste, vollst\u00e4ndig umgearbeitete Auflage. 2 Bde. Leipzig: J. A. Barth 1899, S.405<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/manicdepressivei00krae\">Manic-depressive insanity and paranoia. Kraepelin, Emil Manic-depressive illness, Paranoia, Psychiatry E. &amp; S. Livingstone, Edinburgh 1921, S.147<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bipolare_St\u00f6rung\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bipolare_St\u00f6rung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(15)00241-X\/fulltext\">Bipolar disorder. Grande I, Berk M, Birmaher B, Vieta E. Lancet. 2016 Apr 9;387(10027):1561-72. doi: 10.1016\/S0140-6736(15)00241-X<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs00406-003-0437-2\">Recurrence of bipolar disorders and major depression. A life-long perspective. Angst J, Gamma A, Sellaro R, Lavori PW, Zhang H. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2003 Oct;253(5):236-40<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/int\/archive\/article?id=134325\">The diagnosis and treatment of bipolar disorder: Recommendations from the current s3 guideline. Pfennig A1, Bschor T, Falkai P, Bauer M. Dtsch Arztebl Int. 2013 Feb;110(6):92-100<\/a><\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 17.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bipolar-I-St\u00f6rung ist eine chronisch verlaufende psychiatrische Erkrankung, fr\u00fcher auch als manisch-depressive Psychose bezeichnet und geh\u00f6rt zu den affektiven St\u00f6rungen. 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