{"id":9790,"date":"2018-03-20T19:00:20","date_gmt":"2018-03-20T18:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wjst.de\/blog\/?p=9790"},"modified":"2019-03-24T09:57:55","modified_gmt":"2019-03-24T08:57:55","slug":"allergen-immuntherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2018\/03\/allergen-immuntherapie\/","title":{"rendered":"Allergen Immuntherapie"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_9792\" aria-describedby=\"caption-attachment-9792\" style=\"width: 591px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen.png\" data-rel=\"key-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9792 size-full\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen.png\" alt=\"\" width=\"591\" height=\"582\" srcset=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen.png 591w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen-508x500.png 508w\" sizes=\"auto, (max-width: 591px) 100vw, 591px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-9792\" class=\"wp-caption-text\">Spam Email<\/figcaption><\/figure>\n<p>Science Spam nimmt immer mehr zu. Die Abbildung zeigt eine Spam-Email, die ich letzte Woche bekommen habe. Fake Konferenzen. Predatory Journals. Nonsense Papers. Es wird immer schwieriger, den \u00dcberblick zu behalten.<\/p>\n<p>Schauen wir uns also auf Wunsch der Firma Stallergenes einen Artikel an:\u00a0<em>Allergy 2018 Jan;73(1):165-177.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/28561266\">Sublingual immunotherapy provides long-term relief in allergic rhinitis and reduces the risk of asthma: A retrospective, real-world database analysis<\/a>.\u00a0Zielen S, Devillier P, Heinrich J, Richter H, Wahn U.<!--more--><\/em><\/p>\n<p>Seit langem versucht die <a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/sciencesurf\/2018\/02\/was-ist-die-leitlinie-zur-immuntherapie-von-allergien-wert\/\">Pharmaindustrie<\/a>, positive Langzeiteffekte der Immuntherapie nachzuweisen. Immerhin ist der Aufwand hoch, jahrelang eine Therapie durchzuf\u00fchren. \u00a0Dabei sollte es auch nicht allzu schwer sein, ein Beobachtungsstudie an eine klinische Studie anzuh\u00e4ngen, es gibt ja gen\u00fcgend <em>Clinical Trials<\/em>.<\/p>\n<p>Hom\u00f6opathie wird seit 1805, Allergen-Immuntherapie seit 1911 durchgef\u00fchrt. \u00a0Seit 1980 sind die Allergenmischungen standardisiert, es sollte\u00a0also in den letzten 38 Jahren m\u00f6glich gewesen sein, Follow-up Studien aufzusetzen. Eine Follow-up Studie sollte auch nicht mit wackligen Symptom-Scores, sondern mit eindeutigen Endpunkten durchgef\u00fchrt werden, zum Beispiel, ob der Patient 10 Jahre nach Therapie noch Heuschnupfen hat. Sind bei bei Pollenflug die Schleimh\u00e4ute noch entz\u00fcndet? Es gibt gen\u00fcgend Pollenfallen und auch gen\u00fcgend HNO \u00c4rzte, die in die Nase schauen k\u00f6nnen. Da der Patient aber nach Abschluss eines <em>Clinical Trials<\/em> gew\u00f6hnlich informiert wird, welche Behandlung er hatte, m\u00fcsste auch eine nicht behandelte Gruppe mitlaufen. Und das ganze Projekt sollte\u00a0pharma-unabh\u00e4ngig sein, jedenfalls in der Theorie.<\/p>\n<p>In der Praxis findet man dann aber dubiose Auswertungen wie in dem neuen &#8220;Allergy&#8221; Artikel. Er ist mit &#8220;real world&#8221; \u00fcberschrieben, um Zweifel zu zerstreuen, \u00a0den es erstmal gar nicht gibt.<\/p>\n<p>Aber raten wir, wer den Artikel konzipiert, die Daten ausgewertet und den Text geschrieben hat. Das ist meist wichtiger, als was danach kommt. Laut Impressum waren alle Autoren an der Studie beteiligt. Von ihrem bisherigen CV schliesse ich allerdings Erst-, Zweit- und Letztautor davon eher aus. Man braucht ja etwas methodischen Background oder auch Programmierkenntnisse f\u00fcr so eine Auswertung.\u00a0Bleiben Dritt- und Viertautor \u00fcbrig. Da der Viertautor laut Postskript den Drittautor bezahlt hat und zudem die Korrespondenzaddresse stellt, ist er wohl der alleinige Urheber. Die Quintiles IMS GmbH &amp; Co. oHG aus Frankfurt am Main, vermarktet sich im Internet. Zitat<\/p>\n<blockquote><p>QuintilesIMS (NYSE: Q) ist ein f\u00fchrender internationaler Anbieter von integrierten Informations- und Technologiel\u00f6sungen, der Kunden im Gesundheitsbereich dabei unterst\u00fctzt, ihre klinischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Ergebnisse zu verbessern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wissenschaftliche Ergebnisse verbessern? Das h\u00f6rt sich nicht gut an.\u00a0Unter &#8220;Copyediting&#8221; ganz am Ende des Artikels wird noch eine weitere Firma (Biotech Communications SARL) genannt, die <a href=\"http:\/\/www.biotechcommunication.com\/fr-profile.htm\">vermutlich den eigentlichen Autor gestellt hat<\/a>, wer weiss.<\/p>\n<p>Aber nun zum Artikel.\u00a0Das Zitat f\u00fcr die angeblichen Langzeit-Effekte ist die Nr 17, ein Selbstzitat zu \u00a0einem weiteren industrie-gesponsorten Artikel. Dieses Review \u00a0schickt einem dann weiter zu Nr 20 (einem Positionspapier), Nr 21 (einem weiteren Konsensus Report) und Nr 22 (einer uralt Arbeit aus 1997 mit 22 Kindern). F\u00fcr irgendwelche Langzeiteffekt m\u00fcsste man also weiter suchen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Daten der aktuellen Studie. Sie kommen aus einer Verordnungsdatenbank der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland. Diese nicht \u00f6ffentliche Datenbank enth\u00e4lt selbst keine Diagnosen, sondern nur Medikamentenverordnungen. Das ist schon das erste gr\u00f6\u00dfere Problem &#8211; Diagnosen werden in dieser Studie nur aus Verordnungen vermutet. Bei Krankheiten mit hoher Dunkelziffer wie Asthma und Heuschnupfen ist das aber schwierig, Epidemiologen k\u00f6nnen ein Lied davon singen.<\/p>\n<p>Dann betrifft diese Datenbank auch nur 90% der Bev\u00f6lkerung. Mitglieder der privaten Krankenkasse sind ausgeklammert. Ebenso werden alle OTC (= over the counter) Medikationen weggelassen, was bei der h\u00e4ufigen Selbstmedikation zudem problematisch ist.\u00a0Die Meldung an die Datenbank ist dazu auch nicht sonderlich \u00a0hoch mit nur 60% Erfassung in manchen Regionen. Die Datenbasis ist also nur bregrenzt repr\u00e4sentativ und l\u00e4sst allenfalls indirekte Schl\u00fcsse auf Diagnosen zu.<\/p>\n<p>Die Datenqualit\u00e4t ist zudem schlecht, wenn von 15.552.000 Datens\u00e4tzen bei 15.405.000 das Datum fehlt. Bei den verbliebenen Datens\u00e4tzen fehlt in 10% das Alter oder ist fehlerhaft. In 27% fehlt das Geschlecht. Die Datenqualit\u00e4t ist also \u00a0ungen\u00fcgend.<\/p>\n<p>In 50% wurde die Immuntherapie nur \u00fcber eine Saison durchgef\u00fchrt. Die Gr\u00fcnde wissen wir nicht, etwa weil die Therapie nicht funktioniert hat? Oder waren es inakzeptable Nebenwirkungen? Diese Patienten wurden jedenfalls von der Auswertung ausgeschlossen, kein Wunder dass man positive Ergebnisse f\u00fcr eine Therapie bekommt, wenn man die Therapieversager und Therapieverweigerer ausschliesst. Genau das w\u00fcrde ich machen, wenn ich ein Ergebnis tricksen will.<\/p>\n<p>Vom Studiendesign h\u00e4tte ich eigentlich auch erwartet, dass erst mal alle F\u00e4lle definiert werden und dann solche mit Therapie solchen ohne Therapie nach Schweregrad und Verschreiber gematcht gegen\u00fcber gestellt werden.<\/p>\n<p>In der Studie werden aber F\u00e4lle aufgrund der Behandlung und nicht auf Grund der &#8220;Diagnose&#8221; ausgew\u00e4hlt. \u00a0Wer wohl von den \u00c4rzten f\u00fcr die Therapie ausgew\u00e4hlt wurde? Wieder k\u00f6nnen wir nur raten &#8211; ich vermute, es waren weniger die schweren F\u00e4lle, da die alternative Therapie mit Spritzen doch viel mehr verbreitet \u00a0ist.<\/p>\n<p>Als Kontrolle gegen\u00fcber gestellt werden Probanden mit mindest einer Verschreibung der Klasse ATC R01 (Rhinologika Nasenmittel) Untergruppe A1 (Kortisonhaltig ). Jetzt k\u00f6nnen wir auch nur raten, ob das mit Kortison eher die schweren Heuschnupfenf\u00e4lle sind? Ich vermute die schwereren F\u00e4lle.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen-2.png\" data-rel=\"key-image-1\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9817\" src=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen-2.png\" alt=\"\" width=\"435\" height=\"767\" srcset=\"https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen-2.png 435w, https:\/\/www.wjst.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/screen-2-284x500.png 284w\" sizes=\"auto, (max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Richtig geraten. Nach Tabelle 1 stehen 3.65 Verordnungen in der Kontrollgruppe im Vorjahr gegen 2.01 Verordnungen in der Therapiegruppe. Und maximal 19 Verordnungen gegen maximal 73 Verordnungen, ist ja wohl auch eine klare Aussage.\u00a0Der Therapiegruppe ging es also deutlich besser, sie hat nur etwas \u00fcber halb so viele Verordnungen im Vorjahr! Damit haben wir nun auch die zweite Verzerrung identifiziert: die Therapiegruppe hat die leichteren F\u00e4lle mit der besseren Prognose und die Kontrollgruppe die schwereren F\u00e4lle mit der schlechteren Prognose.<\/p>\n<p>Zusammengefasst haben wir also nicht repr\u00e4sentative, l\u00fcckenhafte Daten und eine Gruppenbildung die mehrfach zu Gunsten eines bestimmten Ergebnisses manipuliert wurde.<\/p>\n<p>Dass die Prozentzahlen in Tabelle 1 nicht ganz stimmen, geschenkt. Aber dass nach Fig. 1 alle Asthmatiker ausgeschlossen wurden und dann doch noch 21% in Tabelle 1 Asthma haben, geschenkt. Der Unsinn, den Intercept als Odds Ratio anzugeben, geschenkt. Die odds ratio auf 3 Stellen hinter dem Komma anzugeben, geschenkt. Oder &#8220;unknown&#8221; als Referenzkategorie, geschenkt. Den P-Wert nicht exakt, sondern <a href=\"http:\/\/ebm.bmj.com\/content\/10\/5\/133\">mit &lt;0.001 anzugeben<\/a>, geschenkt. Auch dass die Unterschiede zwischen Oralair(R) \/ Stallergenes und Grazax (R) \/ALK verschwiegen werden, geschenkt.<\/p>\n<p>Um eine Studie gekonnt zu faken, h\u00e4tte man sich mehr anstrengen m\u00fcssen.<\/p>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"bottom-note\">\n  <span class=\"mod1\">CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.04.2026<\/span>\n <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Science Spam nimmt immer mehr zu. Die Abbildung zeigt eine Spam-Email, die ich letzte Woche bekommen habe. Fake Konferenzen. Predatory Journals. Nonsense Papers. Es wird immer schwieriger, den \u00dcberblick zu behalten. 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