Das "Performance Paradox" wird in der Literatur unterschiedlich definiert: Zum Einen als PhĂ€nomen, daĂ Organisationen die Kontrolle ĂŒber etwas haben, das sie nicht genau kennen. In einem Sammelband der Leopoldina hingegen ist das die Tendenz aller Leistungskriterien, mit der Zeit ihre Relevanz zu verlieren. So Margit Osterloh (S.104) zu dem “perversen Lerneffekt”, der sich bei dem Impaktfaktor eingestellt hat:
Dieser tritt dann auf, wenn man den Fokus auf den Leistungsindikator legt und nicht auf das, was er messen soll: "When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure." Menschen sind besonders kreativ, wenn es darum geht, bei Kennzahlen gut abzuschneiden, ohne die tatsaÌchlich relevante Leistung zu erhoÌhen.
Nachdem ich bei Kollegen schon CVs gesehen habe, die ĂŒber 1.000 eigene Artikel aufzĂ€hlen (aber keine nennenswerte Preise bekommen haben), dann hat Osterloh recht, wenn ich diese Pseudoleistung mit dem phĂ€nomenalen Arthur Kornberg vergleiche, von dem ich gerade die Biographie lese und der quantitativ nicht annĂ€hernd so viel publiziert hat.
Osterloh kann jedenfalls auch recht gut erklÀren, warum der Betrug immer hÀufiger wird.
Wenn die intrinsische durch eine extrinsische Motivation verdraÌngt worden ist, werden auch noch Manipulationsversuche wahrscheinlicher.
“Gaming the System”: Ich glaube langsam, das ist der grösste Umbruch in der Wissenschaft in den letzten 50 Jahren. Mit der Vervielfachung der mittel- und unterklassigen Forschung plus Performance Paradox ist der Nettoertrag wissenschaftlichen Fortschritts kaum gestiegen, auch wenn das zig-fache Finanzvolumen in die Forschung fliesst.
Osterloh beschreibt Forschung als systemisches “Marktversagen”, denn Forschung ist dadurch gekennzeichnet
dass sie öffentliche GĂŒter erzeugt, die durch NichtausschlieĂbarkeit und NichtrivalitĂ€t im Konsum charakterisiert sind, weshalb der Markt hier nicht funktioniert.
Weil mit der inhĂ€renten Unsicherheit primĂ€rer Forschungsergebnisse niemand weiss, ob es stimmt, was ich gerade schreibe, kann ich mich selbst mit gefakten Veröffentlichungen lĂ€ngere Zeit am “Markt” halten. Ein möglicher Nutzen stellt sich sowieso nur spĂ€t ein und mit vielen Ko-Autoren ist eine Leistungsmessung fast unmöglich.
Gibt es Alternativen? Sicher, ab S. 109:
Boykott der Indikatoren.
Und zurĂŒck zur Gelehrtenrepublik (das ist auch kein Widerspruch zur Bildung fĂŒr alle).
Hat man dieses "Eintrittsticket" in die "Gelehrtenrepublik" aufgrund einer rigorosen PruÌfung erworben, dann kann und sollte weitgehende Autonomie gewaÌhrt werden. Dies sollte eine angemessene Grundausstattung einschlieĂen, welche es den Forschenden freistellt, sich am Wettlauf um Drittmittel zu beteiligen oder nicht.
CC-BY-NC Science Surf , accessed 24.08.2026