Category Archives: Philosophy

Libet Experiment (Freie Wille, Bewusstseinsmodelle VII)

Das berühmte Libet Experiment gilt heute als obsolet

Das gemessene „Bereitschaftspotential“ sei jedenfalls kein Beweis dafür, dass der Mensch seine Entscheidungen durch das Gehirn diktiert bekommt. „Diesen Determinismus gibt es nicht.“ Nichts spricht bisher dafür, dass diese Hirnströme das Handeln steuern, dass unser freie Wille eine Illusion ist.

Die fundierte Kritik wurde von Clarke zusammengefasst

Most of the criticism focused on difficulties of judging the time of awareness, of interpreting the RP or of philosophical interpretation.

Spannend ist  der “point of no return” wobei ich einen etwas anderen Versuchsaufbau wählen würde. Verkehrssituation über Video mit Annäherung an eine Ampel einspielen, welche mit Gelb eine Entscheidung erzwingt, zwischen weiter fahren oder bremsen. Gelbe Leuchtzeit vom Ampelabstand/Geschwindigkeit varieren, wobei die Reaktionsart bzw Reaktionszeit weniger wichtig sind wie die jeweiligen APs sind. In der zweiten Runde dann Bewusstsein einschränken (Müdigkeit, C2H5OH, THC…)

Is science self-correcting?

This was the recent (friendly) response of an editor. He wrote to me, that if any real errors, would be corrected by later papers.

I don’t think so. Even if somebody else will notice the errors, it will not be published. Even if published it will not be noticed. @aceilalkhatib pointed me to Sci Eng Ethics (2017) 23:1213–1226 “Fortifying the Corrective Nature of Post-publication Peer Review: Identifying Weaknesses, Use of Journal Clubs, and Rewarding Conscientious Behavior”, a great paper that clearly says

Science is currently not a spontaneously self-corrective process because moral values will always fluctuate or because there will always be deficits in credibility, in part as a result of the wide social background or economic status of scientists around the world. Rather, the correction of science, and its literature, is a pro-active process that requires the involvement of conscientious individuals who would like to replicate studies and who intend to engage with each other to see such errors eliminated.

 

 

Graphical abstracts: dangerous and ugly

I see all these graphical abstracts in Elsevier papers along with instructions like “please use Times, Arial, Courier or Symbol font”. The intention behind these drawings is probably a “cut & paste template” for busy congress speakers. But there are strong and weak arguments against this practice.
The strong argument: It is my task as a speaker to carefully read an article, find out out strengths and weakness, and put the results into context. Just cut & paste a graphical abstract is inacceptable sloppiness.
And the weak argument: As drawn by lay people, most of these graphical abstracts are ugly, hard to understand and biased. They often steal other ideas and concepts, making art directors, illustrators, typesetter, typographer, and designer unemployed.
For a more in depth analysis see an essay by Nico Pitrelli...

Makroskopische Anatomie (Bewusstseinsmodelle VI)

Währen des Updates eines früheren Blogeintrages über “social pain” fiel mir ein Artikel über die anatomische Basis des “Selbst” aus dem Jahr 2018 in die Hand. Die Lokalisation hier war in der Insula bzw anteriorem Gyrus cingulus, damit also Brodmann-Areale 24, 32 und 33, alles Areale die seit langem auch mit der Schizophrenie in Verbindung gebracht werden.

Viele Menschen lokalisieren ihr “bewusstes Selbst” irgendwo zwischen den Augen hinter der Glabella, die in der Mythologie oft auch als drittes Auge (chakra) bezeichnet wird. In der Wissenschaft des post Phrenologie Zeitalter ist in die Lokalisation allerdings “frustriend vage” (“frustratingly diaphanous“). In meiner kleinen Umfrage gaben einige auch eine Lokalisation im oberen Brustbereich mit Atmung/Herzschlag an; andere hatten keine permanente , Kinder und eine (blinde) Person überhaupt keine Lokalisation.

Mehr zu dem “verkörperten Bewusstsein” bei Thomas Fuchs oder auch bei Goethe “Nichts ist drinnen, nichts ist draußen; denn was innen, das ist außen“. Irritierend bleibt jedenfalls wie leicht die Selbstwahrnehmung gestört werden kann, sei es durch Schlaf, LSD oder Datenbrille [1, 2]

Vielleicht müsste man auch besser nach der anatomischen Selbstlokalisation von “Seele” oder “Mind” suchen? Zumindest für die historische Klärung würde das weiter führen. Immerhin , Leonardo lokalisierte auch für oberhalb des Chiasma opticum.

TBC

Vorbildlicher Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten

Mittlerweile gibt es Checklisten, wie wissenschaftliches Fehlverhalten schon frühzeitig beim Review erkannt werden kann. Wie gehen Institutionen aber mit bereits zurückliegendem Fehlverhalten um? Allgemeine Richtlinien gibt es bei der DFG, aber wie sieht das Vorgehen dpraktisch aus? An einem Leibnitz Zentrum in Borstel ist in mühsamer persönlicher Erfahrung ein Leitfaden entwickelt worden, der anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen eine Hilfe sein kann [link].
Er bestätigt unter anderem, dass es um so schwieriger ist, Fehlverhalten zu ahnden, je höher in der Hierarchie jemand bereits aufgestiegen ist. Stefan Ehlers:

Die Ahndung wissenschaftlichen Fehlverhaltens bei unbefristet angestellten Gruppenleiter/innen oder gar Beamt/innen erfolgt häufig jedoch durch „Rügen“ oder „Abmahnungen“ oder Geldbußen unterschiedlicher Höhe. Dies ist zwar dem derzeitigen Vertragsrecht bzw. Beamtenrecht geschuldet: bei letzterem sind für eine Enthebung aus dem Amt quasi strafrechtlich relevante Tatbestände Voraussetzung (und hierbei handelt es sich bei wissenschaftlichen Fehlverhalten ohne unmittelbar bezifferbaren wirtschaftlichen Schaden meist nicht).

Das stimmt obwohl es erste Anzeichen gibt daß sich das ändern wird.

Performance Paradox durch den “perversen Lerneffekt”

Das „Performance Paradox“ wird in der Literatur unterschiedlich definiert: Zum Einen als Phänomen, daß Organisationen die Kontrolle über etwas haben, das sie nicht genau kennen. In einem Sammelband der Leopoldina hingegen ist das die Tendenz aller Leistungskriterien, mit der Zeit ihre Relevanz zu verlieren. So Margit Osterloh (S.104) zu dem “perversen Lerneffekt”, der sich bei dem Impaktfaktor eingestellt hat:

Dieser tritt dann auf, wenn man den Fokus auf den Leistungsindikator legt und nicht auf das, was er messen soll: „When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.“ Menschen sind besonders kreativ, wenn es darum geht, bei Kennzahlen gut abzuschneiden, ohne die tatsächlich relevante Leistung zu erhöhen.

Nachdem ich bei Kollegen schon CVs gesehen habe, die über 1.000 eigene Artikel aufzählen (aber keine nennenswerte Preise bekommen haben), dann hat Osterloh recht, wenn ich diese Pseudoleistung mit dem phänomenalen Arthur Kornberg vergleiche, von dem ich gerade die Biographie lese und der quantitativ nicht annähernd so viel publiziert hat.
Osterloh kann jedenfalls auch recht gut erklären, warum der Betrug immer häufiger wird.

Wenn die intrinsische durch eine extrinsische Motivation verdrängt worden ist, werden auch noch Manipulationsversuche wahrscheinlicher.

“Gaming the System”: Ich glaube langsam, das ist der grösste Umbruch in der Wissenschaft in den letzten 50 Jahren. Mit der Vervielfachung der mittel- und unterklassigen Forschung plus Performance Paradox ist der Nettoertrag wissenschaftlichen Fortschritts kaum gestiegen, auch wenn das zig-fache Finanzvolumen in die Forschung fliesst.
Osterloh beschreibt Forschung als systemisches “Marktversagen”, denn Forschung ist dadurch gekennzeichnet

dass sie öffentliche Güter erzeugt, die durch Nichtausschließbarkeit und Nichtrivalität im Konsum charakterisiert sind, weshalb der Markt hier nicht funktioniert.

Weil mit der inhärenten Unsicherheit primärer Forschungsergebnisse niemand weiss, ob es stimmt, was ich gerade schreibe, kann ich mich selbst mit gefakten Veröffentlichungen längere Zeit am “Markt” halten. Ein möglicher Nutzen stellt sich sowieso nur spät ein und mit vielen Ko-Autoren ist eine Leistungsmessung fast unmöglich.

Gibt es Alternativen? Sicher, ab S. 109:

Boykott der Indikatoren.

Und zurück zur Gelehrtenrepublik (das ist auch kein Widerspruch zur Bildung für alle).

Hat man dieses „Eintrittsticket“ in die „Gelehrtenrepublik“ aufgrund einer rigorosen Prüfung erworben, dann kann und sollte weitgehende Autonomie gewährt werden. Dies sollte eine angemessene Grundausstattung einschließen, welche es den Forschenden freistellt, sich am Wettlauf um Drittmittel zu beteiligen oder nicht.

Kriterien nachhaltiger Wissenschaft

Im letzten CCC Vortrag über Deep Learning war auch ein interessantes Slide zu sehen, das wissenschaftliche Nachhaltigkeit auf sechs Kriterien basiert

  • Relevanz
  • Wiederholbarkeit/Replikation
  • Wiederverwendbarkeit/Ressourcenteilung
  • Konkurrenzfähigkeit
  • Systematik
  • Aussagekraft

Das Thema nachhaltige Wissenschaft scheint mehr aus dem Bereich Klima und Umwelt zu stammen, geht aber weit darüber hinaus vor allem wenn sich die Nachhaltigkeit auf die Wissenschaft selbst bezieht, Wissenschaft also gleichzeitig Subjekt und Objekt ist. Continue reading Kriterien nachhaltiger Wissenschaft

Prost Neujahr

 

Ist es nicht tragisch, wenn das nicht mehr selbstverständlich ist?

Irgendwie sieht Pubmed mit dem Pubpeer Plugin doch viel intelligenter aus.

Ich gehöre zu den 96%

Axel Bojanowski “Journalisten im Klimakrieg” zitiert Stephan Russ-Mohl “Immer dieselben Wissenschaftler am Mikrofon”, der wiederum Mike Schäfer zitiert

Seinen Zählungen zufolge sind es immer dieselben wenigen Wissenschaftler, die in den Massenmedien vorkommen. Die überwältigende Mehrheit der Professoren, rund 96 Prozent, erhält so gut wie keine Medienaufmerksamkeit. Ihre Abwesenheit sorgt für Verzerrung, denn in die Öffentlichkeit drängen nicht unbedingt jene Gelehrten mit ausgleichendem Gemüt. Vielmehr sind es häufig Forscher mit Sendungsbewusstsein oder Karriereinstinkt, die mit starken Thesen den journalistischen Opportunismus füttern.

Audiatur et altera pars?

Moralisierung wissenschaftlicher Konflikte bietet den Vorteil, dass sie die Auseinandersetzung erspart – mit dem Bösen redet man nicht, über das Gute lässt sich nicht verhandeln. Soziologen sprechen von der “Noble Cause Corruption”, wenn für die Überzeugung von als wichtig empfundenen Zielen Dinge verschwiegen werden, die die eigene Argumentation schwächen könnten.

Gegen wen richtet sich der Zorn in der Klimadiskussion?

Jem Bendell hat einen interessanten Aufsatz vor einer Woche veröffentlicht, in dem er dieser Frage nach geht. Die Menschen haben mitterweile so unglaublich viel auf der Erde zerstört. Der Ärger ist, so Bendell, verständlich. Aber wer ist nun dafür verantwortlich? Eine einzelne Person ist es ja eher nicht, eher eine Gruppe von Personen. Und selbst da ist die Antwort unmöglich. Ist es das Management der Ölfirmen? Oder die Aktienkäufer dieser Firmen? Oder die private Rentenversicherung, die über Fonds an Aktien beteiligt ist? Oder bin ich es, der eine private Rentenversicherung bezahlt?
Wir sind alle in einem System der Zerstörung mit eingebunden, auch wenn wir versuchen, einen nachhaltigen Lebensstil zu praktizieren. Gegen wen richtet sich eigentlich der Ärger in der Klimadiskussion? So viel Streit war nie, sagte der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache.

Superforecaster

Sind Wissenschaftler auch gute Propheten? Philip E Telock laut Deutschlandfunk meint

Den entscheidenden Grund für diesen Vorsprung sehen die Autoren nicht in der Intelligenz oder im Vorwissen der … Analysten, sondern in einer Denk- und Arbeitsweise, die jeder trainieren kann. Dazu gehören Bescheidenheit und Teamgeist, Zugriff auf viele verschiedene Informationsquellen sowie die Bereitschaft, eigene Ansichten zu hinterfragen und anhand neuer Erkenntnisse zu aktualisieren.

Im Detail sind Superforecaster

– pragmatisch und nicht von einer bestimmten Ideologie geprägt
– sie gehören zu den intelligentesten 20 Prozent der Bevölkerung
– sind offen für neue Erfahrungen
– beginnen mit eine realistischen Schätzung der Wahrscheinlichkeiten
– suchen vor allem nach Argumenten, die gegen ihre Aussage stehen
– sind zahlenaffin
– korrigieren ihre Prognosen und üben systematisch um sich zu verbessern
– sind selbstkritisch, verstehen Denkfehler und Emotionen
– können komplexere Probleme auf lösbare Unterprobleme herunterbrechen

The reason for retraction

Having a discussion recently with the editor of a small journal, I think it is worth to repeat that withdrawal of a paper is not always a sign of deliberate fraud as it could be just an honest error.  Science had an analysis last year of the retractiondatabase that clearly showed the relationship.

https://www.sciencemag.org/news/2018/10/what-massive-database-retracted-papers-reveals-about-science-publishing-s-death-penalty

How much wisdom is there in the scientific crowd?

Every day, we are piling up incredible amounts of data that nobody is overseeing anymore. AI is the poposed solution but who is overseeing AI?

Screenshot 19-12-19 www.algorithmwatch.org seems to be working this morning.

We are flooded every day with results, but does anyone care? Ecosystem declined by 47%, what’s next? We are already reading and writing too much with retrograde amnesia as nothing matters within the context of the replication crisis.

WIRED had a nice summery some time ago about “200 Researchers, 5 Hypotheses, No Consistent Answers. Just how much wisdom is there in the scientific crowd?”

The crowdsourced study is a dramatic demonstration of an idea that’s been widely discussed in light of the reproducibility crisis—the notion that subjective decisions researchers make while designing their studies can have an enormous impact on their observed results. Whether through p-hacking or via the choices they make as they wander the garden of forking paths, researchers may intentionally or inadvertently nudge their results toward a particular conclusion.

The Landy Study is my personal favorite of 2019.