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Endlich (6000 Tote XXX)

Dass Benziner dreckiger sind als Diesel hat sich nun also doch herum gesprochen.

Entgegen der landläufigen Meinung sind Dieselfahrzeuge nicht die Hauptverursacher von Feinstaub. Seit 2011 werden in Europa alle neuen Selbstzünder serienmäßig mit einem geschlossenen Rußsieb meist aus Keramik ausgerüstet. In dreckigen Städten wirken sie daher wie Staubsauger, die partikelhaltige Außenluft filtern. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit geht die weitaus größere Feinstaubgefahr seit Jahren von Benzindirekteinspritzern aus. Die vermeintlichen Saubermänner, die im Zuge des Diesel-Abgasskandals viele “dreckige” Selbstzünder ersetzt haben, entpuppen sich in Tests als gravierende Rußschleudern. Bereits vor zwei Jahren haben Schweizer Forscher festgestellt, dass moderne Benziner mit Direkteinspritzung so viele Rußpartikel ausstoßen wie alte Diesel vor 15 Jahren. An diesen Partikeln hängen zudem verschiedene krebserregende Substanzen, die über die Partikel in die Blutbahn gelangen können…Jeder der getesteten Benziner stieß zehn- bis hundertmal mehr feine Rußpartikel aus, als der zum Vergleich gemessene Diesel-Peugeot 4008 mit Partikelfilter”, so Forschungsleiter Norbert Heeb. Der Peugeot Baujahr 2013 auf der älteren Emissionsstufe Euro 5b war das mit Abstand sauberste Fahrzeug im Test, während selbst die Euro-6-Benziner den EU-Grenzwert deutlich überschritten.

Und auch die Leopoldina hat ihr Gutachten abgegeben in nahezu perfekten Konjunktiven jedenfalls was die NO2 Diskussion angeht. Die FAZ

Nun stellt die Nationalakademie Leopoldina genau diesem Weg kein gutes Zeugnis aus. Die Wissenschaftler warnen davor, nur auf die Stickstoffdioxide zu schauen. Feinstaub halten sie für deutlich schädlicher für die Gesundheit. Von kleinräumigen Fahrverboten erwarten sie keine wesentliche Entlastung. Stattdessen sei eine bundesweite, ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung erforderlich.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften kritisiert aber nicht nur die Konzentration auf Stickoxide und Fahrverbote. Sie moniert auch die Platzierung der Messstationen und den verengten Blick auf den Verkehr. Wer glaubt, nun könnten endlich alle Belastungen für die Autofahrer abgeschüttelt werden, irrt. Denn auch die Akademie sagt: Luftverschmutzung ist der wichtigste Umweltfaktor, der zu Erkrankungen und zur Verkürzung der Lebenszeit beiträgt. Das heißt: Man muss weiterhin an vielen Stellschrauben drehen – und das mit langem Atem.

Simmank hat allerdings nur recht, was Köhler angeht.

Zum Streiten waren die drei Professoren der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, nicht zur Bundespressekonferenz gekommen. Auch eine öffentliche Bloßstellung des Lungenfacharztes Dieter Köhler gab es nicht. Ihn kann man als Auslöser für das von der Bundeskanzlerin in Auftrag gegebene Gutachten zu Luftschadstoffen bezeichnen, das die drei Experten nun präsentierten. Alle, die gern weitergestritten hätten, mag das ärgern. Alle, die sich gern auf dem sicheren Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse bewegen, dürfen sich freuen. Denn endlich, so darf man zumindest hoffen, kommt mit dem Gutachten der Leopoldina wieder Wissenschaftlichkeit und Menschenverstand in eine Debatte, die gehörig entgleist ist.

Die Autoren der 6000 Toten dürfen sich nicht freuen, wenn nun in dem Gutachten steht, dass eine Verschärfung der NO2-Grenzwerte “aus wissenschaftlicher Sicht nicht vordringlich” sei.
Schön jedenfalls der Appell zu einer nachhaltigen Verkehrswende!

Die Osterbotschaft 2019

Die Osterbotschaft in diesem Jahr kommt von Christian Nürnberger und steht in der ZEIT: Was wenn Jesus wieder kommt? Ein grossartiger Text

Die bloße Einhaltung von Gesetzen ändert diese Welt im Prinzip nicht. Das Leben wird zwar durch Rechtsstaatlichkeit erträglicher, und das soll man nicht gering schätzen, aber es wird nicht so prinzipiell anders, wie sich das dieser jüdische Gott mit seinem Volk vorgestellt hatte. Er wollte ja eigentlich, dass die Menschen ohne Polizei, Richter und Gefängnisse miteinander auskommen. Warum es nicht gelang, hatte Jesus erkannt. Darum sagte er: Schau in dein eigenes Herz.
Wer das tut, hat drei Möglichkeiten. Erstens: wegsehen, nicht wahrhaben wollen, verdrängen, vergessen und sich lieber über die Abgründe der anderen erregen – die normale Reaktion. Zweitens: versuchen, Macht über die eigenen Abgründe zu erlangen, ein Heiliger zu werden – die Reaktion des religiös Eitlen, des Mönchs, der den drei Teufeln Geld, Sex und Macht abschwört, indem er Armut, Keuschheit, Gehorsam gelobt und am Ende doch der Versuchung erliegt. Dritte Möglichkeit: Reue, Scham, Demut, Bitte um Vergebung, Annahme der Vergebung – die Reaktion des Zöllners und all derer, die verstanden haben, worum es Jesus ging.

Schau in Dein eigens Herz! Heribert Prantl in der SZ kann sich auch  nicht mit dem Wegschauen abfinden.

Fern ist das Jahr 2015, als das Foto der angespülten Leiche des kleinen Aylan Kurdi um die Welt ging. Staatliche Rettungsaktionen gibt es nicht mehr. Private Rettungsaktionen auch kaum noch, weil die Seenotrettung der Hilfsorganisationen von der Politik behindert und verleumdet wird. Und Handelsschiffe, die Flüchtlinge aufnehmen, werden von den Behörden so schikaniert, dass sie das nicht mehr tun.
Die Klage des Jona ist die Klage vieler Tausend Menschen, die das Meer verschlungen hat, weil niemand hilft; weil die Schiffe an den ertrinkenden Flüchtlingen vorbeifahren; weil die Flugzeuge über sie hinwegfliegen; weil Leute wie der italienische Innenminister Salvini der Meinung sind, Menschenopfer müssten sein, um die “Flüchtlingswelle” zu beruhigen. Christliche Politiker haben nicht widersprochen; sie haben keine “Allianz der Hilfsbereiten” gebildet. Europa hat die Flüchtlinge verurteilt: zur Internierung in Lagern oder zum Tod durch Ertrinken.

Immer alberner (6000 Tote XXIX)

Schweine sind gefährlicher als Dieselautos, war in der Tagesschau im Januar unter Berufung auf eine Studie des Mainzer MPI für Chemie zu hören. Die vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub kommen angeblich durch Ammoniak-Ausgasungen aus der Gülle zustande und verbinden sich in der Atmosphäre mit anderen Gasen zu Feinstaub.

NH3 is also a major alkaline gas in the atmosphere and plays an important role in neutralizing acids in the aerosol and cloud liquid phase, forming ammo- nium sulfate and ammonium nitrate (ammonium salts) (Behera et al., 2013). Therefore NH3 contributes to secondary aerosol formation and the overall particulate matter burden, and decreases the acidity of the aerosols, which in turn increases the solubility of weak acids (e.g., HCOOH, SO2).

Nun ja, Aerosole sind eher im <1 μm Bereich und PM 2.5 Partikel doch etwas grösser. Aber das Problem ist mehr die Statistik, genauer die Unstatistik des Monats 2/2019

Zunächst stirbt in Deutschland kein einziger Mensch an Feinstaub, sondern an Erkrankungen, die durch Feinstaub (mit) verursacht sein können, es aber nicht sein müssen. Das Max-Planck-Institut untersucht in dieser Studie auch gar nicht, ob Feinstaub die Gesundheit von Menschen beeinflusst, sondern setzt voraus, dass dies der Fall ist und darüber hinaus sogar quantifiziert werden kann….
Eine Aussage über die durchschnittliche Zahl verlorener Lebensjahre pro Person [ist] vernünftig, aber eine Aussage über die Zahl vorzeitiger Todesfälle durch Feinstaub ist es nicht.

Ganz stimmt das auch nicht – eine Staublunge gibt es wohl bei Bergleuten – wobei man bei Feinstaub in der Tat aber von Mitverursachung reden muss, vielleicht sogar von Alleinverursachung.

Die DZL Stellungnahme (6000 Tote XXVII)

Es wäre schön, wenn die Diskussion endlich befriedigt werden könnte, aber ich fürchte, es wird sie nicht mit den vielen Pressemitteilungen. Im Gegenteil, manche Autoren diskreditieren nicht nur sich, sondern auch die Wissenschaft.

Die DZL-Jahrestagung in Mannheim zum Anlass nehmend, stellt das DZL hinsichtlich seiner Position folgendes fest:
1) Der gegenwärtig intensiv diskutierte Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid je Kubikmeter Luft beruht vor allem auf epidemiologischen Studien. Zum Verständnis: Epidemiologie ist eine ausgewiesene wissenschaftliche Fachrichtung, welche als eines ihrer wesentlichen Ziele verfolgt, Langzeitrisiken von Umwelt- und Lebensstilfaktoren für die Bevölkerung zu erkennen und in ihrer Bedeutung abzuschätzen. Große Beobachtungszahlen, verschiedenartige Beobachtungssituationen und komplexe mathematische Modelle, unterstützt durch toxikologische Studien, werden eingesetzt, um ursächliche Zusammenhänge von zufälligem Zusammentreffen von Ereignissen zu unterscheiden.

Muss man Epidemiologie etwa als Fach verteidigen?
Das Problem ist doch gerade, der Widerspruch von Toxikologie und Epidemiologie.
Wie kann man hier nur alles durcheinander bringen?

* Studien über Regionen können (ohne vollständige individuelle Risikoprofile) nur Vermutungen generieren
* Querschnittsstudien  / Fallkontrollstudien liefern vorläufige Daten, zumindest solange es
* Interventionsstudien bzw Kohortenstudien gibt, die beweisend sind.

Das Wir-haben-tausend-NO2–Studien-Argument sagt eigentlich nur, dass es keine beweisenden Studie gibt.

Es geht auch nicht um „große Zahlen“ und „mathematische Modelle“, sondern um einen konkreten Sachverhalt, der von Epidemiologen und Umweltbundesamt in unzulässiger Weise in die Öffentlichkeit gebracht wurde.

2) Zahlreiche Fragestellungen können nur mit den Methoden der Epidemiologie beantwortet werden, da niemand Menschen über Jahre und Jahrzehnte einem „kontrollierten Versuch“ mit Schadstoffexposition aussetzen würde. So stammt z. B. die von niemandem mehr hinterfragte Erkenntnis, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist, aus epidemiologischen Untersuchungen.

Das war natürlich ein Eigentor von Herrn Köhler. Aber darf jetzt jeder mit gesundem Menschenverstand mitreden? Das geht – wie vor Gericht – meistens schief.

Denn natürlich gibt es auch epidemiologische Interventionsstudien, darunter auch einen „kontrollierten Versuch“ zu NO2 über viele Jahre. In der Verkehrszone London ist die Grenzwertüberschreitung permanent gesunken, aber die Einschränkungen bei den Lungenfunktionen gleich geblieben (Man müsste also etwas anderes messen oder noch tiefere NO2 Grenzwerte ansetzen).

Nicht beantwortet, wurde bisher auch Herrn Köhlers Frage warum es keine Innenraum NO2 Studie zur Mortalität gibt. Wäre doch einfach zu machen – Gasherd versus E-Herd. Nach dem ganzen Hype kann ich nur vermuten: so eine Studie ist aufwendig, dauert lange, kostet viel Geld und kommt nichts dabei heraus. Es wäre ehrlich gewesen, das auch einmal so zu sagen.

3) Es besteht wissenschaftlich kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung darstellt, nicht nur hinsichtlich Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Logisch. Aber es ist ein ziemlich durchsichtiges Manöver, nach der Kritik an der NO2 Studie nun so zu tun, als würde man die Wirkung von Luftschadstoffen generell anzweifeln. Das tut niemand. Ich kann nur wiederholen

  • NO2 ist in hoher Konzentration ein Reizgas.
  • NO2 in niedriger Konzentration ist kein Reizgas.
  • Niedriges NO2 ist ein guter Marker für Abgase direkt an der Strasse.
  • Niedriges NO2 nicht an der Strasse gemessen ist kein guter Marker für Abgasbelastung.

4) Es gibt jedoch keine Methode, die es einem Arzt ermöglichen würde, an einem lungenerkrankten Patienten festzustellen, inwieweit Komponenten der Luftverschmutzung zu der Erkrankung beigetragen haben.

Wir habe eine Studie zur Veröffentlichung abgeschickt, bei der wir  die Zahl der Mutationen / pack year Rauchen gemessen habe. Den Effekt würde ich schon auf Rauchen zurückführen. Es gibt dazu (einige vorläufige Daten) zur Genmethylierung durch einzelne Schadstoffe, es könnte also bald solche Methoden geben.

5) Ausgewählte Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen bewerten in regelmäßigen Abständen den aktuellen Wissensstand in einem internationalen Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die von der WHO auf dieser Basis empfohlenen Richtwerte für die einzelnen Luftschadstoffe haben das Ziel, das Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung so weit wie möglich zu minimieren. Die wissenschaftliche Kompetenz des an der WHO angesiedelten hochkarätig besetzten internationalen Bewertungsgremiums steht außer Frage.

Ein ad hominem Argument, das genauso ins Leere läuft, genauso wie die Kritik an Köhler, er sei ein Exot. Siehe auch die Geschichte des Grenzwertes.

6) Für Stickstoffdioxid, welches gleichzeitig Indikator für weitere Luftverschmutzungskomponenten ist, beträgt dieser Richtwert zurzeit 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Ein solcher Wert muss auch für besonders empfindliche Menschen (u. a. Kinder, ältere Menschen, Patienten mit Lungen- und Herzerkrankungen) im Bereich des Zumutbaren liegen, da sich der Einatmung der Umgebungsluft – 24 Stunden pro Tag – niemand entziehen kann. Dem DZL liegen keinerlei belastbare neue Erkenntnisse vor, die dazu Anlass geben würden, diesen Richtwert gegenwärtig nach oben zu korrigieren.

Das Kinder-Kranke-Alte-Behinderte-Schwangere Argument ist kein wirklich wissenschaftliches Argument sondern Stimmungsmache, solange nicht umfassende Innen- und Aussenraum Expositionsdaten zu diesen Gruppen existieren.

7) Der in Deutschland geltende Grenzwert orientiert sich an den Richtwert-Empfehlungen der WHO, berücksichtigen aber auch zusätzliche Faktoren, wie z. B. die technische Realisierbarkeit. Es ist zudem eine politische Entscheidung, welche Maßnahmen in welchem Umfang und in welcher zeitlichen Abfolge ergriffen werden, um regionalen Überschreitungen der Grenzwerte zu begegnen. Selbstverständlich muss hierbei die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Auge behalten werden.

Isolierte Diesel Aussperrungen wegen Grenzwert Überschreitungen? Ist das verhältnismässig?
– kurzfristig führt das zu Ausweichverkehr mit mehr Stop & Go und mehr Abgasen
– langfristig ist das eine gigantische Ressourcen- und Energieverschwendung
Wenn dann auch (noch höher) motorisierte Benziner gekauft werden, können wir uns auf höhere Partikelzahlen und Treibhausgase einstellen

8) In der gegenwärtigen Stickoxiddiskussion erfuhren wissenschaftspopulistische Aussagen eine rasante mediale Aufwertung. Das „klassische“ Reaktionsmuster der Wissenschaft, Bevölkerung und Entscheidungsträgern wohlüberlegte und ausgewogene Stellungnahmen in ausgesuchten Publikationsorganen anzubieten, geriet demgegenüber vollkommen ins Hintertreffen. Es wird zu überlegen sein, wie die betroffenen Wissenschaftsorganisationen diesem Phänomen in Zukunft besser vorbereitet begegnen können, da politische Entscheidungen auf dem Boden solider wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten.

Und dann dieser Schlusssatz? Nach einer weitgehend wissenschaftsfreien Argumentation?

Ein Missverständnis (6000 Tote XXVIII)

Alles nur ein großes Missverständnis? Alexander Kekulé schrieb schon im letzten Jahr in der ZEIT

Bei Gesunden hingegen gibt es bis 1000 μg/m3 keinen messbaren Effekt. Die US-Umweltbehörde Epa hat deshalb den Grenzwert für Außenluft auf 100 μg/m3 festgesetzt – damit wäre Deutschland weit im grünen Bereich. Wie kam die EU also auf ihren viel niedrigeren Grenzwert? Die Antwort ist ein Paradebeispiel für Kommunikationsstörungen zwischen Wissenschaft und Politik. Die EU legte erstmals 1985 einen Wert von 200 μg/m3 fest, auf der Basis des damaligen Wissens. Im Jahr 1999 senkte sie ihn plötzlich auf 40 μg/m3. Warum? Die EU-Mitarbeiter hatten die Zahl 40 ungeprüft aus einem Gutachten übernommen, das eine Arbeitsgruppe der amerikanischen EPA gerade für die WHO angefertigt hatte. Dabei ist offensichtlich, dass diese Ziffer nicht taugt, um sie auf den Straßenverkehr zu übertragen. Sie basiert auf älteren Studien mit Gasherden. Darin fanden sich Hinweise, dass Schulkinder häufiger Atemwegsprobleme entwickelten, wenn ein Gasherd im Haushalt stand. Weil es keine Messwerte gab, schätzten die Experten, dass ein Gasherd die mittlere Stickstoffdioxid-Konzentration in Räumen auf 40 μg/m3 erhöht. Diesen Wert schlugen sie mangels besserer Daten als Grenzwert vor. Andere Studien zeigten jedoch, dass die Konzentrationen extrem variieren. Zudem standen Gasherde oft in schlecht sanierten Häusern, deren Bewohner ohnehin häufig Atemwegsleiden haben, und damals wurde in fast jedem Haus geraucht. Wegen dieser und weiterer Mängel ist die Epa der Empfehlung ihrer eigenen Gutachter nicht gefolgt.Den nächsten Fehler machten die EU-Beamten, als sie die für Innenräume geschätzte Ziffer kurzerhand als Grenzwert für Außenluft festlegten.

NO2 Chemie (6000 Tote XXVI)

Es wäre doch mal ganz interessant, wie denn die Verteilung der Luftschadstoffverteilung 1989 in München war.
Damals mussten wir noch mühsam von Hand die Polygonzüge aus einem Falk Stadtplan auf Milimeterpapier abmessen und durften dann auch nur eine Verkehrskarte abbilden.

Mittlerweile gibt es aber die Sprengelgrenzen für alle Schulbezirke im BayernAtlas online, so dass wir nun mir R die Daten einfach plotten können. Der Mittlere Ring ist dabei gut zu erkennen.

Verkehrszählungen in München 1989 (anklicken zum Vergrößern). 24 Sprengel mussten korrigiert werden, entweder weil Daten fehlten oder weil  in den letzten 30 Jahren Sprengel geteilt wurden. Bei fehlenden Sprengeldaten wurden jeweils die Daten des Nachbarsprengels mit der grössten gemeinsamen Grenze genommen

Es folgt die NO2 Karte, jeweils aus Einzelmessungen erstellt.

NO2 in München 1989: Der Wind transportierte während der Messserie vermutlich das NO2 nach Nordosten.

Und zuletzt die Ozonkarte: In der Abluftfahne entsteht unter UV Einstrahlung atomarer Sauerstoff und daraus wiederum Ozon.

Ozon in München 1989

Merke: NO2 direkt am Strassenrand  istein guter Marker für die Verkehrsemissionen. In der Hintergrundmessung zeigt NO2 allerdings nur bedingt aktuelle Gefährdungslagen an, da der Wert hier stark durch meteorologische Parameter beeinflusst wird.

Falsche Formel (6000 Tote XXV)

ab 8:24

Hörenswerte Interviews u.a. mit Alexander Keule und Peter Morfeld.

Der DLF versucht sich auch an der Frage, wann Studien Hand und Fuß haben, versagt aber dabei kläglich bei der Antwort.

Ist das so schwer zu verstehen? Analog zu den Evidenzklassen der klinischen Studien gilt auch in der Epidemiologie:

* Studien über Regionen können (ohne vollständige individuelle Risikoprofile) nur Vermutungen generieren
* Querschnittsstudien  und Fallkontrollstudien liefern vorläufige Evidenz
* Interventionsstudien (zum Teil auch einige Kohortenstudien) sind beweisend

Mittlerweile wird es immer unsäglicher, was man täglich zum Beispiel in der SZ zu Gesicht bekommt: Journalisten die völligen Unsinn schreiben. Und Rentner die nicht umsonst in Rente geschickt wurden.

Wo der Dreck produziert wird (6000 Tote XXIII)

Stau produziert mehr Abgase als fliessender Verkehr

Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-ueber-stau-auf-deutschen-autobahnen-2018-gab-es-2000-staus-pro-tag-a-1248433.html
Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/stau-report-fuer-deutschland-in-diesen-staedten-stehen-sie-am-laengsten-a-1252357.html

NO2 Merksätze (6000 Tote XXIV)

NO2 ist in hoher Konzentration ein Reizgas.
NO2 in niedriger Konzentration ist kein Reizgas.
Niedriges NO2 ist ein guter Marker für Abgase direkt an der Strasse.
Niedriges NO2 nicht an der Strasse gemessen ist kein guter Marker für Abgasbelastung.
Niedriges NO2 im Innenraum war bisher epidemiologisch uninteressant.
Das Wir-haben-tausend-NO2–Studien-Argument sagt eigentlich nur, dass es keine beweisende Studie gibt.
NO2 Grenzwerte sind politisch, nicht wissenschaftlich festgelegt.
NO2 Grenzwerte für “Kinder, Kranke, Alte, Behinderte und Frauen” sind eine populistische Erfindung.
Die Mortalität wird nicht durch NO2 Vergiftung erhöht.
Epidemiologen sagen bisher nur die halbe Wahrheit über NO2.
Die WHO ist nicht unfehlbar was NO2 angeht.
Die meisten Journalisten blicken bei NO2 nicht mehr durch.
Die Autoindustrie hat bei den NO2 Emissionen betrogen.
Am besten wäre es überhaupt keine Emissionen zu haben wo Menschen leben.
Mit alarmistischen Äusserungen zu NO2 bekommt man im postfaktischen Diskurs viel Aufmerksamkeit.

Wirklich innovative Studien (6000 Tote XXI)

Statt sich in uferlose NO2 Diskussionen zu verheddern, habe andere Forscher wie Junkermann wirklich innovative Projekte gemacht.

Es stellt es sich jedenfalls nun immer mehr heraus, wie groß doch die methodischen Schwächen der NO2 Szene im Outdoor-Bereich sind und welche Defizite es im Indoor Bereich gibt: Nach meiner Information gibt es nicht eine einzige NO2 Mortalitätsstudie, die Gas mit Elektroherd verglichen hätte.

Die ganze NO2 Diskussion ist so akademisch, wie Rollenprüfstand und tatsächliche Emission am Auspuffrohr. Ein Gegensatzpaar wie NO2 Immissionsmessung und Radfahren in der Stadt. Zum Glück gibt es allerdings immer wieder Wissenschaftlern, die ihre Zeit nicht primär in Talkshows verbringen.

Es sind sogar Studien ganz ohne NOMessung, erst diese Woche Cole 2018.

Methods: Participants (n = 38) bicycled for 1 h along a Downtown and a Residential designated bicycle route in a randomized crossover trial. Heart rate, power output, particulate matter air pollution (PM10, PM2.5, and PM1) and particle number concentration (PNC) were measured. Lung function, endothelial function (reactive hyperemia index, RHI), C-reactive protein, interleukin-6, and 8-hydroxy-2′-deoxyguanosine were assessed within one hour pre- and post-trial.

“Wenn Du irgendwo einatmest, denke immer daran wo die Luft vorher war”

Das ist zwar nur eine Kurzzeitstudie, aber man könnte bei Radkurieren jederzeit Langzeitstudien machen…

NO2 Effekte von aussen betrachtet (6000 Tote XX)

Sozialstatus und Mortalität (nach RKI Angaben)

Es ist ja schon verblüffend, welchen großen Effekt der Sozialstatus (gemessen am Haushaltseinkommen) auf die Lebenserwartung bzw. Mortalität hat – hier demonstriert an RKI Daten. Was auch immer die Gründe sind – es ist wohl die Kombination verhaltenskorrelierter Risikofaktoren, von billiger Nahrung, Alkohol, Rauchen, sportliche Inaktivität, Übergewicht, Stress durch Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe oder Niedrigeinkommen – ein Teufelskreis.

Mortalitätsstudien, die den Sozialstatus aber nicht auf individueller Ebene berücksichtigen, sind nicht sonderlich beweiskräftig. Schaut man sich die Supplement Tabelle von Cesaroni 2013 an und plottet hier Sozialstatus, dann gibt es hier enorme Effekte für die nur gruppenweise adjustiert wird (da es eine ökologische Studie ist).

ds = data.frame( matrix(
  c(7.4,20.2,23.1,27.3,21.0,
    12.6,17.9,21.2,22.6,27.5,
    17.8,17.9,19.0,20.0,25.6,
    30.9,19.3,19.0,15.6,17.1,
    31.2,24.8,17.7,14.4,8.8),
  nrow=5, ncol=5, byrow = TRUE), 
  stringsAsFactors=FALSE)
names(ds) = c("<37","<43","<46","<50","50+")
ds = cbind(stack(ds),rep( c("1 very high", "2 high", "3 medium", "4 low", "5 very low"), 5))
names(ds) = c("pct","NO2","SES")
fill = c("#5F9EA0", "#E1B378")
ggplot(aes(x=NO2,y=pct, fill=SES), data = ds) + geom_col() + clean_theme(base_size = 25) + scale_fill_brewer()
Auffällig an den Cesaroni 2013 Daten: Der sozioökonomische Status nimmt mehr oder weniger ab in Gegenden mit höheren Verkehrsströmen. Ist das ein Datenfehler?

Das Hautproblem der Umweltepidemiologie auf einen Punkt gebracht: die Evidenz der ganzen ökologischen Studien ist gering.

Die neuesten Meta-Analyse von NO2 und Mortalität ist zum Glück nicht ganz so oberflächlich. Was passiert, wenn man die Studien nach Qualität auftrennt – sprich ob sie individuell adjustieren oder nicht?

Das Ergebnis ist eindeutig: Mit individuelle Adjustierung löst sich der NOEffekt in Luft auf.

Dazu kommt: die Assoziation ist sehr heterogen zwischen den Studien, sprich sie ist nicht reproduzierbar.

Und das ist die neueste Datenbasis, neuer als REVIHHAAP.