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Staatliche Milchwerbung (1 von 2)

Das Image der Milch als gesundes Lebensmittel ist beschädigt [link], nicht nur wegen der CO2 Bilanz bei der Herstellung [link], sondern auch weil das Tierwohl keine große Rolle in der Industrie mehr spielt [link]. Zudem gibt es eine wissenschaftliche Neubewertung, welche die Zweckentfremdung der Milch vom ursprünglichen Kälberfutter zum menschlichen Nahrungsmittel beschreibt.

Um so mehr verwundert dann eine Broschüre, herausgegeben von dem Kompetenzzentrum für Ernährung in Freising (KErn). Das KErn gehört zu dem Ressort des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF), der Leiter wird nach online Angaben direkt von der Ministerin Michaela Kaniber ernannt.

Das Heft kostet 5€ im Versand, hat keine Verfasserangabe und den Titel “Freispruch für die Milch” in Großbuchstaben mit Ausrufezeichen. Der Untertitel verspricht einen “Überblick über die aktuelle wissenschaftliche Literatur” zu geben, ist etwas aufgehübscht mit Fotos von der Wikipedia und Stockfotos von Fotolia.

Die Publikation behandelt immer wiederkehrende Fragen zum Thema Milchverzehr und potenzielle Krankheitsrisiken und räumt mit Legenden rund um die Milch auf. Zielgruppe sind alle Personen, die sich wissenschaftlich fundiert über das Lebensmittel Milch informieren möchten.

Leider wird aber keine einzige Behauptungen mit einer Quelle belegt, Gegenteil das Heft dient der Legendenbildung. Verwiesen wird am Ende dlediglich auf eine allgemeine Literaturliste, sowie ein Kooperationsprojekt mit dem Max Rubner-Institut (MRI). Das Projekt sei unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. An dieser Stelle könnte man eigentlich abbrechen, denn die Broschüre ist keine seriöse wissenschaftliche Darstellung, sondern eine pseudowissenschaftliche Werbebroschüre für die Milchwirtschaft.

Die KErn Webseite vermittelt den Eindruck, als sei der Text von StMELF, KErn und MRI verfasst und verantwortet.

https://www.kern.bayern.de/wissenschaft/107510/index.php Screenshot 4.12.2019

Auf Rückfrage sagt aber Bernhard Watzl, der unter dem Bericht auf der Webseite genannt ist, dass der Text vom KErn verfasst ist, nicht von ihm und schickt mir seinen Bericht zu. Wie kam es nun von dem seriösen Watzl Bericht zu der unseriösen Werbebroschüre?

Ich frage nach. Meine Email an den Leiter des KErn Guido Winter wird nicht von ihm selbst, sondern von einer Journalistin Simone Hoerrlein beantwortet (“Online Marketing“, “Ghostwriter für Bachlor- und Master-Arbeiten“) mit cc an Christiane Röger, Bereichsleitung Wissenschaft am KErn (laut Linkedin Dipl oec troph, Marketing Communications Manager, PR-Beratung). Frau Röger ist auf mehrfache telefonische Anfrage nicht zu erreichen, mit der nächsten Email stellt sich heraus, dass Frau Hoerrlein früher mal am KErn angestellt war, aktuell aber dort nicht arbeitet.

http://www.textscientist.com Screenshot 7.12.2019

Der Ton wird schnell aggressiv: Machen Sie sich erstmal mit den Gepflogenheiten vertraut und lesen Sie die Literatur; wenn Sie mit den Tatsachen nicht einverstanden bin, dann ändert das nichts, dass es Tatsachen sind; wenn Sie Studien für Unsinn halte, dann widerlegen sie die Studien. Im übrigen würde sich der Bericht an Laien richten (“versuchen Sie durch die Brille einer Aldi-Kassiererin zu sehen … man nennt das in der Kommunikation Putzfrauentest”); dass wissenschaftliche Fakten vereinfacht dargestellt werden sei üblich. Und dass es den Abschlussbericht nicht gäbe, das sei nicht ihr Problem, sie würde sowieso nicht mehr am KErn arbeiten.

Drei Tage darauf meldet sich dann die Pressesprecherin Eva Dirlinger – und zwar exakt 10 Minuten nachdem der bisher unauffindbare Abschlussbericht online gegangen ist. Ich schicke der Pressesprecherin eine mehrseitige Zusammenstellung aus den mittlerweile drei vorhandenen Dokumenten (ursprüngliche Watzl Bericht, neu aufgetauchte Dirlinger Abschlussbericht und Hoerlein Werbebroschüre) mit der  Bitte, die Werbebroschüre doch wegen der vielen Fehler aus dem Netz zu nehmen. Es kommt eine Abwesenheitsmeldung für einen Tag. Nach 7 Tagen frage ich erneut nach, darauf kommt eine Abwesenheitsmeldung für 4 Wochen. Und nach 4 Wochen kommt: Nichts.

Wie soll ich das nun verstehen – die Institutsleitung schickt meine Behördenanfrage an eine externe Journalistin weiter – gibt es eigentlich keine DSGVO?  Dann gibt es nur eine Zusammenfassung eines Berichtes, den es erst nicht und dann doch gibt? Und eine Pressesprecherin auf Tauchstation?

Schauen wir uns beispielhaft zwei Sätze aus an der Broschüre an (mehr im PDF). Erstes Beispiel:

Potentiell krebsschützende Inhaltsstoffe in Milch ist Kalzium (möglicherweise auch in Verbindung mit Vitamin D, welches in Milch aber nicht in nennenswerter Menge vorkommt)

Wenn Vitamin D in Milch nicht in nennenswerter Menge vorkommt, dann kann es da auch nicht krebsschützend sein, oder? Was soll hier white washing über einen hypothetischen Fall, den es nicht gibt? Ob Vitamin D krebsschützend ist, bleibt auch nach der letzten Meta-Analyse strittig (hier wurden alle Kalziumstudien ausgeschlossen; einen Effekt gabe es nur bei Vitamin D3 und nicht bei D2; zudem widersprach das Ergebnis der letzten Meta-Analyse, die ein erhöhtes Risiko gefunden hatte).

Nächstes Beispiel:

Bestimmte Bruchstücke von Kuhmilchproteinen können eine Allergie auslösen, sie ist aber extrem selten und kommt meist nur bei Kindern vor. Zwischen 0,5 bis 7,0% aller Kinder unter zwei Jahren … sind von einer Milchallergie betroffen.

7% sind also extrem selten? Als Pharmahersteller müssen Nebenwirkungen auf einem Beipackzettel angeben werden.
7% ist danach “häufig”; 0,5% ist “gelegentlich”. Ganz abgesehen davon, dass die Prävalenz auch höher 7% geschätzt wird, je nach Land und diagnostischen Kriterien. Also wieder white washing und nebenbei auch noch biochemischer Unsinn, denn die Hydrolyse im Magen zerstört die meisten Allergene, ß-Lactoglobulin muss intakt sein, um zu sensibilisieren.

Die Broschüre ist ein Fall von plumpem Lobbyismus der Milchwirtschaft und verstösst gegen die staatliche Neutralitätspflicht, Zitat TZ:

Staatliche Neutralität ist ein Prinzip, das nicht nur im Wettbewerb von Parteien eine Rolle spielt. Es ist elementar …, dass Amtsträger die Kommunikationsmacht ihrer Ämter nicht für Propaganda missbrauchen.

(Fortsetzung)