Tag Archives: Zensur

Die EKD, die Ethik und der Bundesverband der Musikindustrie

Interessant wäre doch mal zu sehen, wer in dem Echo “Ethikrat” Mitglied ist. Laut nordbayern.de gibt es den Ethikrat seit 2013, Vorsitzender ist der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, *1942, politischer B-Promi, Ex Realschullehrer für Geschichte, Wirtschaft/Politik und Religion. Dann gibt es in dem Beirat noch “sonstige Vertretern des öffentlichen Lebens, von Religionsgemeinschaften, des Deutschen Musikrats, der Lehrerschaft und des Deutschen Kulturrats”, die aber schon etwas schwieriger zu recherchieren sind. Aber da heute der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, zurückgetreten ist, wissen wir nun auch das zweite Mitglied. Damit lassen sich nun über einen Blog auch die restlichen Mitglieder auffinden

Wolfgang Börnsen (Ex MdB)
Klaus-Martin Bresgott (Rat der Evangelischen Kirche Deutschland)
Christian Höppner (Deutscher Kulturrat)
Martin-Maria Krüger (Deutscher Musikrat)
Uta Losem (Katholisches Büro)
Kurt Mehnert (Folkwang-Universität)
Ole Oltmann (Musikpädagoge)

Wer ist Klaus-Martin Bresgott? *1967 in Greifswald, Germanist, an anderer Stelle auch Kunsthistoriker, seit 9 Jahren Kulturmanager bei der EKD.
Und wer ist Uta Losem? Juristische Referentin im Kommmisariat der deutschen Bischöfe, befasst sich ansonsten mit Sozialpolitik, Arbeits- und Dienstrecht, Medien und Datenschutz.
Mehr zu dem Ethikrat bei Thomas Schreiber

Die damalige Position der Musikwirtschaft, das heißt der verantwortlichen Veranstalter des Echos, war: Die Aussagen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt; und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat die Songs nicht indiziert. Mit anderen Worten: Wir verkaufen alles, was sich verkauft, eine Haltung haben wir als Labels nicht. Damals wurde der sogenannte Ethikrat ins Leben gerufen, weil der Verband sich die Hände nicht selber schmutzig machen wollte – allerdings auch erst, nachdem ich als Redakteur damit gedroht hatte, die FreiWild betreffenden Teile der Veranstaltung nicht zu senden.

 

Nachtrag 21.4.
Nur das katholische Mitglied des Ethikrats hat offensichtlich gegen die Entscheidung gestimmt, Kollegah und Farid Bang auszuzeichnen. Der EKD Vertreter Bresgott reagiert nicht auf meine Emails und Dr. habil. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD und Bresgotts Vorgesetzter behauptet dreist, der Ethikrat hätte schließlich die Problematik bekannt gemacht (dabei hatte vorher Frau Knobloch protestiert), er redet das Problem klein “Der Echo ist ein Wirtschaftspreis” (hat niemand bestritten), man würde nicht zensieren wollen (darum ging es nicht sondern um eine Auszeichnung) und flüchtet sich zuletzt in Allgemeinplätze (aus allem schlechten kann etwas gutes entstehen).

 

Nachtrag 22.4.
Warum eigentlich die Unfähigkeit der evangelischen Kirche, sich vom nationalsozialistischen Sumpf zu distanzieren? Ist es die Nähe zu Luthers judenfeindlichen Pamphleten? Die Nähe von protestantischen Fleiß, Disziplin und Pflichtbewusstsein und dem nahtlosen Übergang in die “Arbeit macht frei” Ideologie? Die unsägliche Anbiederung an den NS Staat? Im Luther Gedenkjahr 2017 wurden mehr als ein Dutzend Glocken gefunden, die völlig inakzeptablen Widmungen und Symbolen aus der NS-Zeit hatten. Dabei war aber nur eine einzige katholische Glocke.
Kein Wunder, so Manfred Gailus in der TAZ, gehörten in den evangelischen Landeskirchen etwa 15 bis 20 Prozent der Pfarrer der NSDAP an. Die evangelische Kirche geriert sich heute gerne so, als hätte es nur Bonhoeffer gegeben und nicht auch Müller, Meiser und Hoff. Und in dem berüchtigten “Pfarrerblock” im KZ Dachau sassen 2579 katholische aber nur 109 evangelische Geistliche ein. Der evangelischer Pfarrer Alfred Schemmel  war SS-Kompanieführer im Konzentrationslager Auschwitz.
Und die Stuttgarter Erklärung? Daß wir “nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben”?
Es hätte völlig gereicht, wenn die evangelische Kirche nicht die eigenen Leute ans Messer geliefert hätte. Oder sich nach 1945 bei den Angehörigen entschuldigt hätte.
Und im Jahr 2018 hätte nun mal ein EKD Vertreter sein Veto einlegen. Oder wenn seine Geistesgegenwart dafür nicht reicht, dann könnte sich sein Chef anschliessend für sein komplettes Versagen entschuldigen können. Nichts davon ist passiert.

 

Nachtrag 23.4.
Mein kritischer Kommentar auf Chrismon wird zensiert.

 

Nachtrag 24.4.
Johann Hinrich Claussen wirbt gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea erneut für eine faire Beurteilung der Entscheidung des Gremiums und wiederholt die Falschdarstellung, dass der Ethikbeirat als erster das Rapperduo kritisiert und damit eine Debatte angestoßen habe. Ausserdem kommt wieder das unsägliche Argument “müsse man sich fragen, ob man mit einem Ausschluss das eigentliche Problem aus der Welt geschafft hätte oder ob man solche Provokationen dadurch nicht noch befördere”. Das ist eine Verdrehung der Tatsachen, denn der Echo Beirat hat für den Auftritt und für die Auszeichnung gestimmt (und damit unzähligen anderen Echo Preisträgern große Probleme geschaffen). So braucht es also weiterhin eine Katholikin, um dem EKD Repräsentanten protestantische Ethik zu erklären. Der Rest ist Rückzugsgefecht, wenn sich Claussen sich dann über die Zukunft eines Musikpreises auslässt, den niemand interessiert. Die Selbstabschaffung des Ethikrates ist die einzig sinnvolle Äusserung von Claussen in der Diskussion, denn ein solcher Ethikrat ist in der Tat verzichtbar.

 

Nachtrag 25.4.
Der Sonntag aus Sachsen schreibt

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist das eine Blamage, die Konsequenzen haben muss: Der Vertreter der EKD im Beirat des Musikpreises Echo hat für die Zulassung der Skandalrapper Farid Bang und Kollegah zur Preisverleihung gestimmt – trotz übelster antisemitischer Texte auf deren Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3«. Eigentlich ist das unvorstellbar. Denn hatte sich die EKD nicht gerade im Vorfeld des Reformationsjubiläums auf ihr besonderes Verhältnis zu Israel und dem jüdischen Volk besonnen? Hatte man nicht in unzähligen Erklärungen Luthers Antisemitismus und die christliche Judenmission verurteilt? Wie kann es sein, dass ein Mitarbeiter des EKD-Kulturbüros dann trotzdem so ein Votum abgibt? Eines ist klar: Die bescheidenen Erklärungsversuche, die der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen … überzeugen nicht.

Der Spiegel meldet kurz darauf, dass der Musikpreis Echo abgeschafft wird.

 

Nachtrag 26.4.
jetzt.de Zitat:

Die Zensurkreischer mögen jetzt gerne ihre Troll-Kommentare vorformulieren. Uns als Gesellschaft aber sollte daran gelegen sein, dass beim wichtigsten deutschen Musikpreis keine Musik prämiert wird, die mit Antisemitismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit oder Rassismus spielt. Natürlich sollte dabei jedem Vorwurf zunächst ausgiebig nachgegangen werden … Wer soll das beurteilen? Hier am besten direkt zum nächsten Punkt: Nicht irgendeine Jury!

Die EKD wird da bestimmt nicht mehr gefragt werden. Dennoch vermeldet der evangelische Pressedienst heute

Der Kulturbeauftragte der evangelischen Kirche, Johann Hinrich Claussen, hat die Abschaffung des Musikpreises Echo begrüßt. Ein solche Auszeichnung sollte aufgrund von „Preiswürdigkeit“, ästhetischer Qualität und Grundeinstellung der Künstler vergeben werden, aber nicht aufgrund von Verkaufszahlen mit ein „bisschen Jury-Brimborium“ drumherum, sagte Claussen dem epd am 25. April in Berlin. Insofern sei die Entscheidung des Bundesverbands Musikindustrie sinnfällig, sagte der Beauftragte der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

Vielleicht sollte man nicht nur den Echo abschaffen, sondern auch das EKD Kulturbüro neu besetzen? Aber was ist von einem EKD Funktionär auch zu erwarten über den der Tagesspiegel schreibt

Talar und weiße Halskrause müssen sein, wenn Johann Hinrich Claussen auf die Kanzel von St Nicolai in Harvestehude steigt. Beides sind Relikte aus früheren Jahrhunderten, … Anders als Pfarrerkollegen, die in den 80er Jahren über Friedensmärsche und Anti-Atomkraft-Debatten in die evangelische Kirche hineinsozialisiert wurden und wenig auf Äußerlichkeiten achten, legt der 51-jährige Claussen Wert auf traditionelle Formen.

Ein Kommentar darunter bezweifelt die Sinnhaftigkeit eines Postens “Kulturbeauftragter der evangelischen Kirche” die vielen nicht ohne weiteres zu vermitteln ist.

Nachtrag 23.10.19
katholisch.de

Der Historiker Michael Wolffsohn und der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, kritisieren die Nicht-Einladung von AfD-Vertretern zum Evangelischen Kirchentag.