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Vorbildlicher Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten

Mittlerweile gibt es Checklisten, wie wissenschaftliches Fehlverhalten schon frühzeitig beim Review erkannt werden kann. Wie gehen Institutionen aber mit bereits zurückliegendem Fehlverhalten um? Allgemeine Richtlinien gibt es bei der DFG, aber wie sieht das Vorgehen dpraktisch aus? An einem Leibnitz Zentrum in Borstel ist in mühsamer persönlicher Erfahrung ein Leitfaden entwickelt worden, der anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen eine Hilfe sein kann [link].
Er bestätigt unter anderem, dass es um so schwieriger ist, Fehlverhalten zu ahnden, je höher in der Hierarchie jemand bereits aufgestiegen ist. Stefan Ehlers:

Die Ahndung wissenschaftlichen Fehlverhaltens bei unbefristet angestellten Gruppenleiter/innen oder gar Beamt/innen erfolgt häufig jedoch durch „Rügen“ oder „Abmahnungen“ oder Geldbußen unterschiedlicher Höhe. Dies ist zwar dem derzeitigen Vertragsrecht bzw. Beamtenrecht geschuldet: bei letzterem sind für eine Enthebung aus dem Amt quasi strafrechtlich relevante Tatbestände Voraussetzung (und hierbei handelt es sich bei wissenschaftlichen Fehlverhalten ohne unmittelbar bezifferbaren wirtschaftlichen Schaden meist nicht).

Das stimmt obwohl es erste Anzeichen gibt daß sich das ändern wird.

Die Ethik von Facebook

Die mangelnde Bewusstsein von Facebook in ethischen Fragen war das immer wiederkehrende Problem von Cambridge Analytics bis zum Filterstream.

Und nun finanziert Facebook plötzlich ein Ethik-Institut? Und niemand redet mehr über die Ethik von Facebook, weder der neue Leiter, noch der amtierende Präsident, und schon gar nicht der Wissenschaftsminister? Und so viel PR für lächerliche  6,5 Millionen?

Jetzt also sollen ethische Regeln in die KI eingebaut werden – mit Wettbewerb als universelle Problemlösung. Ich muss mir nun doch mal das “Experimental Ethics Lab”  genauer ansehen, bisher war mir mehr “Ethics of Experimental Labs” ein Begriff. Details ab S. 163 bei Rusch / Lütge / Voland

Seit einigen Jahren engagiert sich ein kleiner Teil des, vornehmlich US-amerikanischen, philosophischen Nachwuchses in der eigenständigen experimentellen Untersuchung philosophischer Fragestellungen im Bereich von Wahrnehmung, Verhalten und Einstellungen …

Das hört sich irgendwie mehr nach Psychologie Einführungsseminar an. So wird die Kritik daran auch gleich mit geliefert

Kritiker, insbesondere aus der Tradition der analytischen Philosophie, werfen der Experimentellen Philosophie neben Mängeln in experimental-technischen Details vor allem vor, sie könne mit ihrer Methodologie überhaupt keinen philosophischen Erkenntnisgewinn erzielen, gehe es doch in der Philosophie eben nicht darum, was und wie Menschen ganz konkret fühlen, denken, entscheiden oder handeln – also nicht um die Genese philosophischer Überzeugungen –, sondern darum, einen konsistenten Begriffsrahmen zu schaffen, in dem sich Mensch und Natur präzise beschreiben lassen …. Philosophie soll demnach nicht erforschen, was der Fall ist, sondern wie Begriffe und Sprachen angelegt sein könnten, in denen sich dann alle denkmöglichen Sachverhalte widerspruchsfrei und eindeutig widergeben ließen.

Aber vielleicht ist genau das ausser Mode gekommen, Sachverhalte widerspruchsfrei aufzuklären? Weil so vieles stört bei der  Verlagerung der Diskussion über die “Ethik von Facebook”  zu  “Facebook investiert in Ethik” Hype?

Thomas Beschorner sagt, von diesem Deal profitieren beide Partner. Das mag stimmen –  sagt aber nicht, dass die Allgemeinheit etwas davon hätte. Beschorner geht weniger von einem Reputationsgewinn aus, sondern glaubt eher an einen direkten Benefit.

Wer jetzt “gekaufte Wissenschaft” schreit, dürfte allerdings falsch liegen. Die TU München stellte schnell klar, dass es keine Auflagen seitens Facebook gibt, sondern es darum geht “unabhängige Forschung zu finanzieren”… Und was ist der Vorteil für den Geldgeber? Die von Facebook bereitgestellten Mittel sind keine Spende fürs Gemeinwohl, sondern eine Investition ins eigene Geschäft. Es geht weniger um Werbung oder einen Reputationsgewinn für Facebook durch die Kooperation mit der Uni. Der ökonomische Vorteil für Facebook dürfte vielmehr in der anvisierten Forschung an dem neuen Institut liegen.

Carolin Emcke sieht hingegen mehr den “whitewashing” Effekt

Aber mindestens ein Ergebnis steht schon fest, bevor das Institut mit der Forschung begonnen hat: Ethik ist als warenförmiges Accessoire durchsichtiger Image-Kampagnen desavouiert. Das ist ein hoher Preis.

Der Deutsche Hochschulverband hat die Newsletter-Leserinnen und -Leser im Februar gefragt, ob sie die Finanzierung eines Instituts für Ethik in der Künstlichen Intelligenz an der Technischen Universität München durch Facebook für unbedenklich halten.

6,2 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer antworteten mit Ja und 93,8 Prozent mit Nein.

Und jetzt – 5 Monate später – sehe ich eine kurze Notiz in der SZ.

6 Experten von denen niemand  Facebook kritisch sieht. Leider auch nicht der Ethikrat.

Ganz anders hingegen die Gesellschaft für Informatik

Der Vorstand der Gesellschaft für Informatik (GI) hat beschlossen, die Präsenz der Gesellschaft auf Facebook nach zehn Jahren zum 15. Mai 2019 zu schließen. Grund für die Abkehr ist das Verhalten des Konzerns, das seit Monaten immer wieder für negative Schlagzeilen sorgte. Zunehmend sei für die GI das Geschäftsgebaren von Facebook, aber noch viel mehr der fahrlässige Umgang mit Daten, das Ausspionieren und die vermeintliche oder tatsächliche Beeinflussung der Nutzerinnen und Nutzer untragbar geworden, hieß es zur Begründung. “Facebook trägt den Datenschutz als Lippenbekenntnis vor sich her, kann ihn aber nicht ernsthaft umsetzen, weil das dem Geschäftsmodell des Konzerns zuwider laufen würde. Hier ist keine Besserung in Sicht, und ein Zuwarten also vergeblich”, so Alexander von Gernler, Vizepräsident der GI. “Deshalb haben wir uns entschieden, nicht mehr Teil dieses sozialen Netzwerks sein zu wollen. Als Fachgesellschaft von verantwortungsbewussten Informatikerinnen und Informatikern können und wollen wir dieses Verhalten durch unsere Mitgliedschaft nicht weiter unterstützen.”

Buchempfehlung statt Lütge besser Christian Kreiß. Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne.

 

Addendum 14.12.2019

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-technische-universitaet-ethik-institut-finanzierung-unabhaengigkeit-1.4723566

 

Die EKD, die Ethik und der Bundesverband der Musikindustrie

Interessant wäre doch mal zu sehen, wer in dem Echo “Ethikrat” Mitglied ist. Laut nordbayern.de gibt es den Ethikrat seit 2013, Vorsitzender ist der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, *1942, politischer B-Promi, Ex Realschullehrer für Geschichte, Wirtschaft/Politik und Religion. Dann gibt es in dem Beirat noch “sonstige Vertretern des öffentlichen Lebens, von Religionsgemeinschaften, des Deutschen Musikrats, der Lehrerschaft und des Deutschen Kulturrats”, die aber schon etwas schwieriger zu recherchieren sind. Aber da heute der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, zurückgetreten ist, wissen wir nun auch das zweite Mitglied. Damit lassen sich nun über einen Blog auch die restlichen Mitglieder auffinden

Wolfgang Börnsen (Ex MdB)
Klaus-Martin Bresgott (Rat der Evangelischen Kirche Deutschland)
Christian Höppner (Deutscher Kulturrat)
Martin-Maria Krüger (Deutscher Musikrat)
Uta Losem (Katholisches Büro)
Kurt Mehnert (Folkwang-Universität)
Ole Oltmann (Musikpädagoge)

Wer ist Klaus-Martin Bresgott? *1967 in Greifswald, Germanist, an anderer Stelle auch Kunsthistoriker, seit 9 Jahren Kulturmanager bei der EKD.
Und wer ist Uta Losem? Juristische Referentin im Kommmisariat der deutschen Bischöfe, befasst sich ansonsten mit Sozialpolitik, Arbeits- und Dienstrecht, Medien und Datenschutz.
Mehr zu dem Ethikrat bei Thomas Schreiber

Die damalige Position der Musikwirtschaft, das heißt der verantwortlichen Veranstalter des Echos, war: Die Aussagen sind durch die Meinungsfreiheit gedeckt; und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat die Songs nicht indiziert. Mit anderen Worten: Wir verkaufen alles, was sich verkauft, eine Haltung haben wir als Labels nicht. Damals wurde der sogenannte Ethikrat ins Leben gerufen, weil der Verband sich die Hände nicht selber schmutzig machen wollte – allerdings auch erst, nachdem ich als Redakteur damit gedroht hatte, die FreiWild betreffenden Teile der Veranstaltung nicht zu senden.

 

Nachtrag 21.4.
Nur das katholische Mitglied des Ethikrats hat offensichtlich gegen die Entscheidung gestimmt, Kollegah und Farid Bang auszuzeichnen. Der EKD Vertreter Bresgott reagiert nicht auf meine Emails und Dr. habil. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD und Bresgotts Vorgesetzter behauptet dreist, der Ethikrat hätte schließlich die Problematik bekannt gemacht (dabei hatte vorher Frau Knobloch protestiert), er redet das Problem klein “Der Echo ist ein Wirtschaftspreis” (hat niemand bestritten), man würde nicht zensieren wollen (darum ging es nicht sondern um eine Auszeichnung) und flüchtet sich zuletzt in Allgemeinplätze (aus allem schlechten kann etwas gutes entstehen).

 

Nachtrag 22.4.
Warum eigentlich die Unfähigkeit der evangelischen Kirche, sich vom nationalsozialistischen Sumpf zu distanzieren? Ist es die Nähe zu Luthers judenfeindlichen Pamphleten? Die Nähe von protestantischen Fleiß, Disziplin und Pflichtbewusstsein und dem nahtlosen Übergang in die “Arbeit macht frei” Ideologie? Die unsägliche Anbiederung an den NS Staat? Im Luther Gedenkjahr 2017 wurden mehr als ein Dutzend Glocken gefunden, die völlig inakzeptablen Widmungen und Symbolen aus der NS-Zeit hatten. Dabei war aber nur eine einzige katholische Glocke.
Kein Wunder, so Manfred Gailus in der TAZ, gehörten in den evangelischen Landeskirchen etwa 15 bis 20 Prozent der Pfarrer der NSDAP an. Die evangelische Kirche geriert sich heute gerne so, als hätte es nur Bonhoeffer gegeben und nicht auch Müller, Meiser und Hoff. Und in dem berüchtigten “Pfarrerblock” im KZ Dachau sassen 2579 katholische aber nur 109 evangelische Geistliche ein. Der evangelischer Pfarrer Alfred Schemmel  war SS-Kompanieführer im Konzentrationslager Auschwitz.
Und die Stuttgarter Erklärung? Daß wir “nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben”?
Es hätte völlig gereicht, wenn die evangelische Kirche nicht die eigenen Leute ans Messer geliefert hätte. Oder sich nach 1945 bei den Angehörigen entschuldigt hätte.
Und im Jahr 2018 hätte nun mal ein EKD Vertreter sein Veto einlegen. Oder wenn seine Geistesgegenwart dafür nicht reicht, dann könnte sich sein Chef anschliessend für sein komplettes Versagen entschuldigen können. Nichts davon ist passiert.

 

Nachtrag 23.4.
Mein kritischer Kommentar auf Chrismon wird zensiert.

 

Nachtrag 24.4.
Johann Hinrich Claussen wirbt gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea erneut für eine faire Beurteilung der Entscheidung des Gremiums und wiederholt die Falschdarstellung, dass der Ethikbeirat als erster das Rapperduo kritisiert und damit eine Debatte angestoßen habe. Ausserdem kommt wieder das unsägliche Argument “müsse man sich fragen, ob man mit einem Ausschluss das eigentliche Problem aus der Welt geschafft hätte oder ob man solche Provokationen dadurch nicht noch befördere”. Das ist eine Verdrehung der Tatsachen, denn der Echo Beirat hat für den Auftritt und für die Auszeichnung gestimmt (und damit unzähligen anderen Echo Preisträgern große Probleme geschaffen). So braucht es also weiterhin eine Katholikin, um dem EKD Repräsentanten protestantische Ethik zu erklären. Der Rest ist Rückzugsgefecht, wenn sich Claussen sich dann über die Zukunft eines Musikpreises auslässt, den niemand interessiert. Die Selbstabschaffung des Ethikrates ist die einzig sinnvolle Äusserung von Claussen in der Diskussion, denn ein solcher Ethikrat ist in der Tat verzichtbar.

 

Nachtrag 25.4.
Der Sonntag aus Sachsen schreibt

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist das eine Blamage, die Konsequenzen haben muss: Der Vertreter der EKD im Beirat des Musikpreises Echo hat für die Zulassung der Skandalrapper Farid Bang und Kollegah zur Preisverleihung gestimmt – trotz übelster antisemitischer Texte auf deren Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3«. Eigentlich ist das unvorstellbar. Denn hatte sich die EKD nicht gerade im Vorfeld des Reformationsjubiläums auf ihr besonderes Verhältnis zu Israel und dem jüdischen Volk besonnen? Hatte man nicht in unzähligen Erklärungen Luthers Antisemitismus und die christliche Judenmission verurteilt? Wie kann es sein, dass ein Mitarbeiter des EKD-Kulturbüros dann trotzdem so ein Votum abgibt? Eines ist klar: Die bescheidenen Erklärungsversuche, die der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen … überzeugen nicht.

Der Spiegel meldet kurz darauf, dass der Musikpreis Echo abgeschafft wird.

 

Nachtrag 26.4.
jetzt.de Zitat:

Die Zensurkreischer mögen jetzt gerne ihre Troll-Kommentare vorformulieren. Uns als Gesellschaft aber sollte daran gelegen sein, dass beim wichtigsten deutschen Musikpreis keine Musik prämiert wird, die mit Antisemitismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit oder Rassismus spielt. Natürlich sollte dabei jedem Vorwurf zunächst ausgiebig nachgegangen werden … Wer soll das beurteilen? Hier am besten direkt zum nächsten Punkt: Nicht irgendeine Jury!

Die EKD wird da bestimmt nicht mehr gefragt werden. Dennoch vermeldet der evangelische Pressedienst heute

Der Kulturbeauftragte der evangelischen Kirche, Johann Hinrich Claussen, hat die Abschaffung des Musikpreises Echo begrüßt. Ein solche Auszeichnung sollte aufgrund von „Preiswürdigkeit“, ästhetischer Qualität und Grundeinstellung der Künstler vergeben werden, aber nicht aufgrund von Verkaufszahlen mit ein „bisschen Jury-Brimborium“ drumherum, sagte Claussen dem epd am 25. April in Berlin. Insofern sei die Entscheidung des Bundesverbands Musikindustrie sinnfällig, sagte der Beauftragte der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

Vielleicht sollte man nicht nur den Echo abschaffen, sondern auch das EKD Kulturbüro neu besetzen? Aber was ist von einem EKD Funktionär auch zu erwarten über den der Tagesspiegel schreibt

Talar und weiße Halskrause müssen sein, wenn Johann Hinrich Claussen auf die Kanzel von St Nicolai in Harvestehude steigt. Beides sind Relikte aus früheren Jahrhunderten, … Anders als Pfarrerkollegen, die in den 80er Jahren über Friedensmärsche und Anti-Atomkraft-Debatten in die evangelische Kirche hineinsozialisiert wurden und wenig auf Äußerlichkeiten achten, legt der 51-jährige Claussen Wert auf traditionelle Formen.

Ein Kommentar darunter bezweifelt die Sinnhaftigkeit eines Postens “Kulturbeauftragter der evangelischen Kirche” die vielen nicht ohne weiteres zu vermitteln ist.

Nachtrag 23.10.19
katholisch.de

Der Historiker Michael Wolffsohn und der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, kritisieren die Nicht-Einladung von AfD-Vertretern zum Evangelischen Kirchentag.