Category Archives: Theology

Die Aufgabe der Theologie

Das theologische Testament Ernst Käsemann’s – die Rede an seinem 90. Geburtstag. Der volle Abdruck bei Jochen Teuffel, Pfarrer in Vöhringen.

Die Aufgabe des spezifischen Theologen ist nach Paulus die Unterscheidung der Geister. Der Fromme soll nicht immer frömmer werden. Er hat nicht „Religion“ unter anderen Religionen zu betreiben und zu demonstrieren. Die Nachfolge des Nazareners ist von ihm verlangt. Der Einzelne mag Modell in der Gemeinschaft sein. Das Priestertum aller Gläubigen ist aber nicht durch erbaulichen Individualismus zu ersetzen. Jeder Christ befindet sich im Gegenüber zur ganzen Welt und hat, selbst wenn er in seiner Umwelt isoliert wird, sowohl dem Idealismus wie dem Materialismus zu widerstehen. Er hat stets seinen Herrn zu bekennen, wo irdisch die Götzen herrschen, sei es im Zeichen der Machtgier oder des Aberglaubens oder des Mam­mons.

Unser Wissen ist Stückwerk

aus dem Testament von Papst Benedikt

Oft sieht es aus, als ob die Wissenschaft – auf der einen Seite die Naturwissenschaften, auf der anderen Seite die Geschichtsforschung (besonders die Exegese der Heiligen Schriften) – unwiderlegliche Einsichten vorzuweisen hätten, die dem katholischen Glauben entgegenstünden. Ich habe von weitem die Wandlungen der Naturwissenschaft miterlebt und sehen können, wie scheinbare Gewißheiten gegen den Glauben dahinschmolzen, sich nicht als Wissenschaft, sondern als nur scheinbar der Wissenschaft zugehörige philosophische Interpretationen erwiesen – wie freilich auch der Glaube im Dialog mit den Naturwissenschaften die Grenze der Reichweite seiner Aussagen und so sein Eigentliches besser verstehen lernte.

Haben Tiere ein Bewusstsein?

 

Ich nehme aus dem Video mit: Fliegen vielleicht nicht (das sieht mehr nach operanter Konditionierung aus) aber Primaten, Elefanten, Delfine, Krähen haben alle im Spiegeltest bestanden.

Spielen Tiere eine Rolle in der Theologie bzw biblischen Überlieferung? Claudia und Simone Paganini haben ein Buch dazu geschrieben: Die Biester der Bibel. Warum es in der Heiligen Schrift keine Katzen, aber eine Killer-Kuh gibt, Gütersloh 2022.

Will man nicht bei der Schöpfungsgeschichte stehenbleiben, stellt man außerdem schnell fest, dass Tiere in der Bibel an vielen Stellen gar als Protagonistinnen in Erscheinung treten. In den Gesetzestexten der Torah werden sie sogar als Rechtssubjekte wahrgenommen, die für ihre Arbeit am Feld mit einem Teil der Ernte belohnt werden und im Fall eines tödlichen Unfalls oder bei sexuellen Vergehen zur Rechenschaft gezogen bzw. – wie ein Mensch – bestraft werden können. Ein Tier zu bestrafen, noch dazu in der Regel mit der Todesstrafe, wirkt auf die heutigen Leser:innen eher grausam, die Idee einer rechtlichen Gleichstellung von Tier und Mensch ist aber dennoch bemerkenswert.
Adam und Eva … Veganer:innen!
Noch bemerkenswerter ist, dass es ohne Stiere, Kühe, Ziegen, Schafen oder Tauben, die als Tieropfer dargebracht wurden, im Alten Testament streng genommen kaum eine Möglichkeit gab, mit der Gottheit in Kontakt zu treten. Das Töten von Tieren war aber nicht nur eine Form des Gebets, die rituelle Handlung am Tempel, welche nur von Priestern vollzogen werden durfte, diente letztlich auch der Gewinnung von Fleisch. Die Erlaubnis, Tierfleisch zu essen, wurde dem Menschen aber erst als Folge der Sintflut erteilt, ursprünglich – so die biblische Vorstellung – ernährten sich Adam und Eva im Garten Eden vegetarische bzw. eigentlich sogar vegan.

Katzenjammer II

Seltsam, was gerade auf Twitter los ist wenn wir CT Bergstrom glauben, der eine Team Email von Musk geteilt hat.

putative chief twit email as distributed by CT Bergstrom https://archive.ph/ZNWIN

Es sieht so aus als sei Twitter nun in der Gewalt von einem reichen Mann, der einem pseudoreligiösen Mars Kult angehört – nachzulesen in dem aufschlussreichen Artikel von Dave Troy

This is a reference to “longtermism” the heavily marketed philosophy being promoted by Musk and his friend William MacAskill that asserts the only thing that matters is humanity’s future in space, and that the only goal of the living is to maximize the number of future humans alive, as well as the number of artificial intelligence instances that could possibly exist in the future. This mandate is most often used to brush aside calls for improving conditions and alleviating suffering among the living here on Earth now. Because, the theory goes, giving a poor person a blanket isn’t likely to be as useful for the future of humanity as building a rocket to Mars. Longtermism is heavily influenced by “Russian Cosmism” and is also directly adjacent to “Effective Altruism.” Musk’s stated mission, which he intends to fulfill in his lifetime, is to “make humanity a multiplanetary species.” The anti-democratic urge in longtermism is rooted in the belief that “mob rule” will lead to nuclear annihilation; we should, Musk thinks, be guided by “wiser” minds.

 

 

 

Human capital flight

There is an interesting paper on brain drain Why does the U.S. have the best research universities? Incentives, resources, and virtuous circles?

A demand for denominational sorting drove the creation of the nine American colonial colleges. For example, Massachusetts Puritans created Harvard to produce what they saw as a theologically sound education … Connecticut-based Puritans created Yale because they perceived that the Harvard of Massachusetts-based Puritans was too physically distant (in addition to too religiously liberal)

The authors attribute the following U.S. success to “reforms that began after the Civil War and enhanced the incentives and resources the system directs at research” which may be true.  Maybe the overall strategy of the paper is questionable, looking at biographies of Nobel prize winners  only- nevertheless the trend is clear that German impact is decreasing already in 1920 – while I always thought of an exodus of scientists only after 1933.

The U.S. does not spread so much money to  various non-university based “Großforschung” organisations and there is much more private sponsoring of U.S. universities, so monies are more concentrated.

Higher salaries, lower teaching, and enhanced laboratory space illustrate some ways in which professors’ compensation began to reflect research performance. Furthermore, this period saw the emergence of tenure, a salient reward for performance.

The emergence of tenure seems to be important if you can make your living from your work and do not need to start campaigning like #IchbinHanna in Germany.

Glauben heißt: die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten

Es ist lange her, es war wohl 1979 im Marburger Audimax, wo ich in der obersten Reihe direkt neben der Riege der evangelischen Theologieprofessoren, einen Vortrag von Karl Rahner gehört habe. Wenn ich mich richtig erinnere, stellte er sich als Student im 90. Semester vor – könnte hinkommen wenn er 1934 als Start rechnete. Es ging um die Transzendenz wie  so oft.

Für den späten Rahner und dessen Theologie nimmt der Begriff «Geheimnis» eine Schlüsselposition ein. Der Gedanke, der im Wort «Geheimnis» ausgesagt wird, findet sich sachlich schon in den philosophischen Frühwerken. Was Rahner in Geist in Welt und Hörer des Wortes als Woraufhin der Transzendenz andeutet, nennt er später das (heilige) Geheimnis. Seit dem 1959 verfassten Aufsatz Über den Begriff des Geheimnisses in der katholischen Theologie wird der Begriff des Geheimnisses zu einem der zentralsten Begriffe der Rahnerschen Theologie. Rahner setzt praktisch das Geheimnis mit dem Wort «Gott» gleich. (Nedjeljka Kovač)

 

Frieden ist kein Zustand sondern ein Prozess

Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess – so das neue Ethik-Evangelisch Lexikon

Zentral sind vielmehr auch Aspekte wie soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und Sicherheit für alle Menschen. Dennoch bleibt die Frage nach der Anwendung von Waffengewalt auch für den gerechten Frieden zu diskutieren, gilt diese nach wie vor als äußerste Option.

Lesetipp auch der frühere Eintrag zu Antje Schrupp “Der Pazifismus ist nicht gescheitert”.

Wenn die Seele den Körper verlässt

Es gibt zwar viele Fallgeschichten von out of body experience und Nahtoderfahrung. Angeblich soll der Körper auch 21 Gramm leichter werden aber verlässliche Daten gibt es keine. Eine neue Arbeit beschreibt aber nun die Hirnaktivität eines 87jährigen der einen Herzstillstand unter laufendem EEG erleidet.

Cross-frequency coupling revealed modulation of left-hemispheric gamma activity by alpha and theta rhythms across all windows, even after cessation of cerebral blood flow. The strongest coupling is observed for narrow- and broad-band gamma activity by the alpha waves during left-sided suppression and after cardiac arrest.

Die Vorerkrankung schränkt die Aussagekraft zwar ein, aber die Autoren schreiben

The alpha band is thought to critically interfere in cognitive processes by inhibiting networks that are irrelevant or disruptive … Given that cross-coupling between alpha and gamma activity is involved in cognitive processes and memory recall in healthy subjects, it is intriguing to speculate that such activity could support a last “recall of life” that may take place in the near-death state.

Der Pazifismus ist nicht gescheitert

Hier ein Auszug aus einem Artikel von Antje Schrupp ob denn nun mit dem Ukraine Krieg der Pazifismus gescheitert ist.

Diese Frage ist deshalb albern, weil nirgendwo in den vergangenen 20, 30 Jahren gegenüber Putin eine politische Strategie des Pazifismus versucht wurde. Sich aus Konflikten herauszuhalten und nur den eigenen ökonomischen Vorteil zu suchen ist kein Pazifismus, sondern Egoismus und Opportunismus.
Pazifismus bedeutet nicht, nichts zu tun, sondern ist etwas Aktives. Es bedeutet Widerstand und Sabotage. Es bedeutet, sich konsequent selbst nicht an gewaltsamen Strukturen und Aktionen zu beteiligen, auch um den Preis eigener Nachteile oder angesichts von Gefahren. Genau das ist ja gegenüber Putin eben nicht passiert … Putin ist nicht der einzige Despot, den diese Welt je gesehen hat. Pazifismus als politische Theorie (und das stimmt ganz unabhängig davon, ob man sie teilt oder nicht), ist für den Umgang mit Despoten entwickelt worden, also gerade aus einer Position der (militärischen) Ohnmacht heraus. Das kann man kritisieren oder hinterfragen oder auf den Prüfstand stellen. Aber doch nicht, indem man so tut, als hätte Deutschland, Europa, die Nato in der Vergangenheit eine pazifistische Politik betrieben.

Auch hier wie so oft “The danger of a single story”

Haltet euch nicht selbst für klug

Benedicite persequentibus vos : benedicite, et nolite maledicere. 15 Gaudere cum gaudentibus, flere cum flentibus : 16 idipsum invicem sentientes : non alta sapientes, sed humilibus consentientes. Nolite esse prudentes apud vosmetipsos : 17 nulli malum pro malo reddentes : providentes bona non tantum coram Deo, sed etiam coram omnibus hominibus. 18 Si fieri potest, quod ex vobis est, cum omnibus hominibus pacem habentes : 19 non vosmetipsos defendentes carissimi, sed date locum iræ. Scriptum est enim : Mihi vindicta : ego retribuam, dicit Dominus. 20 Sed si esurierit inimicus tuus, ciba illum : si sitit, potum da illi : hoc enim faciens, carbones ignis congeres super caput ejus. 21 Noli vinci a malo, sed vince in bono malum.
ad Romanos 12:16

Mit gemischten Gefühlen

Allgemeine Impfpflicht ja oder nein?

Ich würde sie mir wünschen aber es nicht primär mehr primär eine epidemiologische Fragestellung, die Antwort müssen  Politiker und Juristen finden nachdem auch die Ethikberatung kläglich gescheitert ist.

Theoretisch kann eine Impfpflicht die dringend notwendige Immunität der Bevölkerung herstellen. Pocken konnte man und Masern könnte man damit ausrotten. Bei Corona ist eine allgemeine Impfpflicht aber dann doch ein stumpfes Schwert, so Malte Thießen mit “Auf Abstand. Eine Gesellschaftsgeschichte der Coronapandemie”.

  • Die Impflicht kann praktisch nur mit unverhältnismässigem Mitteln durchgesetzt werden
  • Der Nutzen bei Omikron ist in Bezug auf Transmission zu gering und kommt zu spät. Delta gibt es aber auch noch.
  • Mit Einführung der Impfpflicht kommt es wohl noch zur weiteren Mobilisierung antisemitischer und antiwissenschaftlicher Strömungen – die Impfpflicht überzeugt ja nicht sondern übt Zwang aus, schafft also Distanzierung zum Staat
  • Die Impfpflicht gilt dann immer noch nicht global
  • Sie verbaut auch noch zusätzliche Maßnahmen wenn jetzt alle geimpft sind

Weitere Argumente bei

Ich fürchte daher, eine allgemeine Impflicht könnte sich daher kontraproduktiv auswirken.

Bonuslink “Der Impfgegner”

Nicht impfen lassen während einer Pandemie ist eine Art biologische Patientenverfügung

Medizinische Entscheidungen wurden schon immer triagiert, am häufigsten natürlich nach Schweregrad der Erkrankung  und wahrscheinlichem Behandlungserfolg. Triageregeln sind immer mit Unrecht verbunden, es ist kein unverrückbares Regelwerk, höchstens ein Mittel der Schadensbegrenzung. Der wichtigste Konflikt liegt  meiner Meinung nach in dem utilitaristischen Bestreben möglichst vielen Menschen zu helfen sowie dem “egalitär deontologischen Aspekt des Hilfe möglichst gerecht verteilen” (Franz-Josef Bormann).

Ein Triage nach Ursache,  selbstverschuldet oder nicht, wurde aber von allen deutschen Medizinethikern unisono abgelehnt. So zuletzt auch wieder die Ethikratsvorsitzende 

So schwer das für die Betroffenen ist: Lebensrettende Maßnahmen vorzuenthalten, weil der Zustand vermeidbar gewesen wäre, widerspricht wichtigen ethischen Prinzipien der Medizin.

Es wird allerdings nicht klar, was denn nun das wirklich vorrangige ethische Prinzip hist. Und vor allem – so die ZEIT –  findet die Triage im Stillen statt. Es spricht nicht für ein vorrangiges medizinethisches Prinzip wenn dann individuell im Stillen entschieden wird. Vielleicht ist die stille Entscheidung gar nicht so schlecht?

Zurück zu den Kriterien. Warum sollten Patienten in der Chirurgie mit Tumoren nach Hause geschickt werden weil zusätzliche internistische Beatmungsbetten für Impfgegner gebraucht werden? Ist das gerecht? Warum es nicht  bei der Kontingentierung von Betten wie in “Friedenszeiten” lassen? Wohlgemerkt wir sind in der 4. Welle wo primär die Impfgegner nun die Beatmung brauchen, nicht die Ungeimpften der 1. Welle.

Die Ursache zu ignorieren, ignoriert die Autonomie der Impfgegner, die sich bewusst und in Kenntnis der möglichen Konsequenz gegen eine Impfung entschieden haben. Wenn dann Georg Marckmann als Vorsitzender der Akademie für Ethik in der Medizin meint

Erstens sei im Einzelfall in der Regel nicht hinreichend sicher nachzuweisen, dass die Erkrankung ursächlich auf ein gesundheitsschädigendes Verhalten des Patienten zurückzuführen ist. Zweitens beruhe das Verhalten häufig nicht auf einer freien, selbstbestimmten und damit selbst zu verantwortenden Entscheidung. Drittens fehlen allgemein akzeptierte Standards, für welche selbst verursachten und frei gewählten gesundheitsgefährdenden Handlungen der Einzelne in welchem Ausmaß Verantwortung tragen soll.

so ist kein einziger stichhaltiger Einwand dabei.

Erstens. Gerade bei COVID-19 ist auch im Einzelfall über den Impfpass die schwere intensivpflichtige Infektion  auf die fehlenden Impfung zurückzuführen (vgl auch  RKI Report S.23).  Ein Argument mit Verweis auf den Einzelfall ist zudem immer ein schwaches Argument.

Zu zweitens. Die Entscheidung der Impfverweigerung ist unstrittig freiwillig und selbstbestimmt, auch wenn sie auf fehlgeleiteten Ratschlägen von Angehörigen (oder dubiosen Ärzten) beruht. Es fehlt bei der Aussage im übrigen das beweiskräftige Argument, die Behauptung einer nicht verantwortenden Entscheidung steht im luftleeren Raum. Keine Verantwortung für die Folgen haben  bei Fehlinformation? Vgl Tatbestandsirrtum mit dem Verhalten von Impfgegnern

Statt sich „zu wenig“ vorzustellen, stellt er sich ein „Zuviel“ vor. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten umgekehrten Tatbestandsirrtum, der als untauglicher Versuch der Versuchsstrafbarkeit unterfällt.

Drittens. Natürlich gibt es Standards etwa Empfehlungen der STIKO. Auch wenn sie rechtlich nicht bindend sind, entscheiden Gesundheitsbehörden danach zB bei Entschädigungsfragen.  Das Argument  der Beliebigkeit von Standards, wen wundert es, ist auch nur ein Strohmann Argument. Wir reden hier nicht über Adipositas oder Fallschirmspringen, sondern über die konkrete Situation von COVID-19 bei Impfgegnern..

Wir halten fest: Sich nicht impfen zu lassen  trotz der vielen Appelle ist damit eine Art biologische Patientenverfügung, die implizit und  – in einigen Fällen auch explizit – die Verzichterklärung auf intensivmedizinische Massnahmen beinhaltet. Theologen kennen dies im übrigen schon lange als Tun-Ergehen-Zusammenhang, Ethik ist eben doch ein junges Fach.

Interessanterweise betont nun auch eine Juristin die individuelle Verantwortung der individuellen Entscheidung, so Tatjana Hörnle vor einer Woche “Warum der Impfstatus bei der Corona-Triage doch eine Rolle spielen darf” – immer vorausgesetzt natürlich, wir haben eine extreme Ressourcenknappheit.

Mein Argument, warum der Impfstatus kein von vornherein unzulässiges Kriterium ist, behält den Bezug zu betroffenen Individuen. Es geht hier nicht um utilitaristisch zu begründende Gesamtnutzenmaximierung. Dies ist deshalb zu betonen, weil Weyma Lübbe in einem Beitrag zum Verfassungsblog auf utilitaristische Modelle eingeht, die aggregierte Effekte hervorheben, d.h. die größere Zahl rettbarer Leben, wenn Intensivstationen nicht Patienten mit erwartbar langer Behandlungsdauer aufnehmen … Eine rationale Begründung für unabwendbare Priorisierungsentscheidungen ist, dass eine entscheidungsfähige, volljährige Person wesentlich oder gar ausschließlich durch eigenes Verhalten ihre Notlage verursacht hat.

Die Impfentscheidung sollte natürlich nicht das einzige und auch nicht das vorrangige Kriterium bei der Triage sein. Ich meine aber, der Impfstatus sollte mit in die Entscheidung mit einfliessen — also Veto zu Uwe Janssens (Leiter der Arbeitsgruppe Ethik in der DIVI) und  Alena Buyx (Vorsitzende des Ethikrates). Es wird spannend werden, was denn nun das Bundesverfassungsgericht in 5 Tagen dazu sagen wird, insbesondere weil Behindertenverbände gegen die Regeln geklagt haben, die für sie natürlich ein Nachteil darstellen.

 

Nachtrag 29.12.21

Der erste Senat hat entschieden

Mit heute veröffentlichtem Beschluss hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts entschieden, dass der Gesetzgeber Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG verletzt hat, weil er es unterlassen hat, Vorkehrungen zu treffen, damit niemand wegen einer Behinderung bei der Zuteilung überlebenswichtiger, nicht für alle zur Verfügung stehenden intensivmedizinischer Behandlungsressourcen benachteiligt wird.

Ich interpretiere das so, dass der Behandlungserfolg nicht das einzige Kriterium sein kann wie von der DIVI gefordert. Und es steht ja auch explizit da

Dieses Risiko wird auch durch die fachlichen Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) für intensivmedizinische Entscheidungen bei pandemiebedingter Knappheit nicht beseitigt. Die Empfehlungen sind rechtlich nicht verbindlich und auch kein Synonym für den medizinischen Standard im Fachrecht, sondern nur ein Indiz für diesen.

Es ist nun also das zweite große Ethik Fiasko der DIVI nach ihrer Weigerung klinische Daten zu erfassen (“wir behandeln schwerkranke Menschen – alles andere ist für uns unerheblich! Geschlecht, Herkunft, sozialer Status: Das interessiert uns nicht”) oder die Daten zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Unvergessen sind auch die wissenschaftlichen DIVI Flops, etwa bei den Leitlinien oder der Auswertung.

Da das BVerfG nicht genau sagt, welche Form der Diskriminierung nun verboten ist, und wie die Diskriminierung praktisch verhindert werden soll, steht der Gesetzgeber vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Dazu kommt dass die immer weiter ausufernde Verrechtlichung und Bürokratisierung der medizinischen Versorgung  mehr schadet als nützt.

 

Nachtrag 4.1.22

Prantl, wie so häufig in der Pandemie, ergeht sich  in schönen aber leeren Sätzen, denen man nicht widersprechen kann. Sie gehen aber komplett an der Realität vorbei, solange sie keine Alternativen anbieten.

Nein, der Wert eines Lebens kann und darf nicht gemessen werden. Nein, die medizinische Behandlung darf nicht vom Lebenswandel des Kranken abhängig gemacht werden. Nein, das Lebensrecht darf nicht von politischen Einstellungen des Kranken oder von sonstigen utilitaristischen Erwägungen abhängig gemacht werden. Nein, das Krankenhaus darf kein Ort werden, an dem Sanktionen vollzogen werden.

Ein gescheitertes christliches Experiment – die integrierte Gemeinde in München

Eine interessante Dokumentation beim BR über die integrierte Gemeinde.

 

BR Screenshot 4.12.21 Doku “Geknechtet unterm Kreuz – Leben in einer katholischen Sekte”

 

Ein Artikel bei Herder über das Experiment

Es braucht also ein heutiges Experiment und heutige Wunder (…), und zwar das originale Experiment mit einem Volk echter Jesusjünger, die als Werkzeug Gottes etwas in der Gesellschaft ändern und heilen können, um zumindest dem Vorwurf der Erfindung eines wirkungslosen Gottes zu antworten. Der heute gefragte Gottesbeweis kann nur der Verweis auf eine Geschichte und eine Praxis sein, die überzeugen, also ein Experiment der Überprüfung“ (Ludwig Weimer).

Verschwundene Videos im Internet, ein Papst auf Distanz, eine eigenartige Stiftung, immer mehr pikante Details und nicht zuletzt auch noch Webseiten von ehemaligen Mitgliedern – sic transit gloria populi dei.

 

12.12.2022

Wikipedia hat diverse Updates zu dem Experiment. Es gibt dazu eine weitere BR Dokumentation über die steigende Unzufriedenheit der ehemaligen Mitglieder.

Mediathek Screenshot 13.12.2022

Weimer spricht auf Youtube über Ratzinger.

Sein Buch über das eine Volk Gottes als Sakrament für die Welt endet als Ramschware für 1,61€.

Screenshot medimops 13.12.22

und er bettelt um Geld

Screenshot 13.12.2022 https://plw-stiftung.de

 

4.1.2023

P.  Greifenstein in der Eule erwähnt die IG in seinem Nekrolog von Papst Benedikt

Als Mensch war Joseph Ratzinger auf der Suche nach einer Kirche, die ihm ein Zuhause werden sollte, und unterschied sich darin nicht von Menschen, die auch heute nach einem authentischen Glaubensort suchen. Deshalb begeisterte er sich früh für die sog. neuen geistlichen Gemeinschaften (NGG). Wie Doris Reisinger und Christoph Röhl in ihrem Buch „Nur die Wahrheit rettet“ (Rezension in der Eule) erklären, lernte Ratzinger „eine ganze Reihe von ihnen in einer für ihn schwierigen Periode nach dem Konzil kennen“. Damals waren die Gemeinschaften, die heute in vielen katholischen Bistümern aktiv sind, noch „klein und unbedeutend“. Wachstum und Machtzuwachs dieser Gemeinschaften sind ohne Ratzingers ausgiebige Förderung nicht zu verstehen…
In den NGG fand Ratzinger das für ihn attraktive Zusammentreten einer der Welt entrückten Lebensgemeinschaft und einer emphatisch gelebten Frömmigkeit vor, die sich vorbehaltlos auf Christus als Sieger bezieht, der die so oft als feindlich wahrgenommene Welt „überwunden“ hat. Das Aggiornamento der Kirche hingegen, ihre Öffnung zur Welt hin, nahm Ratzinger direkt im Anschluss an das Konzil als Bedeutungsverlust der Kirche wahr…

Tolle, lege.

Pathologies in religion and science

excerpt from the Ratzinger and Habermas meeting 19. Januar 2004  (translated by Tham 2018, p5)

We have seen that there exist pathologies in religion that are extremely dangerous and that make it necessary to see the divine light of reasons as “controlling organ”. Religion must continually allow itself to be purified and structured by reason … There are also pathologies of reason, although mankind in general is not as conscious of this fact today. There is a hubris of reason that is no less dangerous. This why reason, too, must be warned to keep within its proper limits, and it must learn a willingness to listen to the great religious tradition of mankind.