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Wenn Kirchen vorübergehend schliessen müssen

Es passierte nur einmal vor 100 Jahren, dass die Kirchen vorübergehend wegen einer Pandemie schliessen mussten. Dabei geht es eigentlich nicht um Kirchenschliessungen, Gotteshäuser kann man offen lassen, es geht um Veranstaltungen und Gottesdienste, bei der Menschen die Infektion weitergeben können.

Schulen und Kitas in Bayern sind diese Woche geschlossen. Auch der Kirchenvorstand meiner evangelischen Gemeinde setzte letzte Woche alle Veranstaltungen aus, ebenso die katholische Kirche im Ort, nachdem das Erzbistum München Freising in der letzten Woche alle Gottesdienste zentral abgesagt hat.

Nur die evangelischen Dekanate bis hinauf zum Landesbischof und EKD Vorsitzendenden tun sich schwer mit dieser einfachen Entscheidung.

Der Regionalbischof schreibt mir zwar, sie würden die Sorgen der Menschen ernst nehmen, aber die Empfehlung, die dann anschliessend an die Gemeinden verschickt wird, widerspricht nicht nur jeder medizinischen Empfehlung sondern auch dem gesunden Menschenverstand: “Wir empfehlen, wie bisher Gottesdienste anzubieten und dabei auf größeren Sitzabstand zu achten; gegebenenfalls auch eine Beschränkung der Teilnehmendenzahl”.

Der Landesbischof verteilt dazu Durchhalteparolen auf Twitter und ekd.de “Gott hat uns nicht gegeben ein Geist der Furcht”.

 

 

Mein Einwand, auch in Korea wurde die Infektion primär über eine Kirche verbreitet, wird  von @EKD auf Twitter geblockt… Ich finde: Bedford-Strom hätte besser auf dem Tempelberg etwas weniger, dafür jetzt aber etwas mehr Furcht gezeigt..

In dem Zusammenhang auch noch Niebuhr zitieren  als Beleg für Gelassenheit, Mut und Weisheit, ist auch etwas skurill. Reinhold Niebuhr (1892-1971) war 1918 Pfarrer in Detroit / Michigan als die spanische Grippe wütete. Er schreibt in Faith and history, Scribners 1949 auf S.199 ff

This negative attitude toward the structures and institutions of social and political life is integral to a wide tendency in Christian thought … An individualistic and pietistic version of the Christian faith obscures the moral and social meaning of human existence and evades man’s responsibility for achieving a tolerable accord with his neighbors … If Lutheranism gives a classical expression of the error in Christian thought, derived from the fact that the individual transcends every social structure and community and is therefore tempted to regard its moral ambiguities as proof of the unredeemable character of man’s social existence, both Catholicism and Calvinism are safe against this error. They have a lively sense of the individual’s responsibility for the whole of his common life.

Diese negative Haltung gegenüber sozialen, politischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen scheint also in einer gewissen protestantischen Tradition zu liegen.

 

16.3.2020 11:30

https://www.bayern-evangelisch.de/wir-ueber-uns/vorsichtsmassnahmen_corona.php 16/3/20 11:30

Die ELKB hat endlich reagiert, allerdings nicht gestern, wie auf der Webseite steht, sondern erst vor 1 Stunde.

 

19.3.2020

zeit.de

Mulhouse wurde früh zum Zentrum der Corona-Epidemie in Frankreich. Der Grund ist wahrscheinlich, dass sich eine evangelikale Vereinigung der Pfingstgemeinde dort Ende Februar eine Woche lang zum gemeinsamen Fasten und Beten getroffen hat. Zu diesem Zeitpunkt wusste man auch in Frankreich schon gut über das Virus Bescheid, doch Großveranstaltungen waren noch nicht verboten. Mehr als 2.000 Gläubige sind aus Frankreich, der Schweiz, Belgien und Deutschland angereist – und haben dem Virus damit einen Kickstart beschert. Besonders fatal: Es gab keine Teilnehmerlisten. Etwa drei Wochen später sind offiziell bereits 1.820 Menschen in der Region Grand Est rund um die Stadt Mulhouse infiziert.

Kritische Stimmen zu dem Urteil des Bundesverfassunggerichtes

Dass der Sterbehilfe-Paragraph 217 nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, mag rechtstherotisch nachvollziehbar sein, zerstört aber einen mühsam ausgehandelten gesellschaftlichen Kompromiss.

 

 

Bundesärztekammer: Wir brauchen Zeit für Zuwendung

Betont werden muss auch heute, dass die Beteiligung an Selbsttötungen nicht zu den ärztlichen Aufgaben zählt. Es ist vielmehr Aufgabe von Ärzten, das Leben zu erhalten, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Daher sollten ärztliche Handlungen auf eine lebensorientierte Behandlung abzielen und Leiden durch eine geeignete schmerzmedizinische Versorgung lindern. Gerade die Palliativmedizin stellt eine adäquate Form der ärztlichen Sterbebegleitung dar.

 

Ethikrat: Der Lebensschutz wiegt nichts

(Frage) Ein 18-Jähriger mit Liebeskummer, gemobbt und ohne Lehrstelle, sagt: Ich will ernsthaft nicht mehr leben – und sucht sich einen Sterbehilfeverein. Wäre das durch das Urteil gedeckt?
(Antwort) Ja. Es sagt ausdrücklich, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben könne nicht auf schwere Krankheitszustände und bestimmte Lebensphasen eingeschränkt werden, es bestehe “in jeder Phase menschlicher Existenz”. Das Verfassungsgericht legt dann dem Gesetzgeber nahe, Prozeduren zu entwickeln, um die Ernsthaftigkeit eines solchen Wunsches zu prüfen und die Seriosität einer Sterbehilfeorganisation. Aber grundsätzlich gilt: Das Verwirklichungsrecht des jungen Mannes auf assistierten Suizid darf nicht beeinträchtigt werden. Wollen wir, dass unsere Rechtsordnung so schrankenlos ist?

 

Kirchen: Mit großer Sorge

Mit großer Sorge haben wir zur Kenntnis genommen, dass das Bundesverfassungsgericht am heutigen Tag (26. Februar 2020) das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217 StGB) aufgehoben hat. Dieses Urteil stellt einen Einschnitt in unsere auf Bejahung und Förderung des Lebens ausgerichtete Kultur dar. Wir befürchten, dass die Zulassung organisierter Angebote der Selbsttötung alte oder kranke Menschen auf subtile Weise unter Druck setzen kann, von derartigen Angeboten Gebrauch zu machen.

Nahtod (Bewusstseinsmodelle V)

Interessant wäre es, sich dazu einmal die Nahhtod Forschung anzusehen, zumal es ganze Webseiten dazu gibt, wie die Near Death Experience Research Foundation. Hinter dem hochtrabenden Namen verbergen sich allerdings nur Erfahrungsberichte, die wenig objektivierbar sind. Es gibt – wie sollte es auch – keine prospektive Studie und schon gar keine Interventionsstudie.

Long hat mit den Büchern Evidence for the Afterlife und God and the Afterlife allerdings Bestseller geschrieben, so manipogo

Jeffrey Long legt jedem, der eine Nahtod-Erfahrung gemacht hat, 140 Fragen vor. Die Ergebnisse hat er aufgeschlüsselt. Da gibt es zum Beispiel 22 Nahtod-Erfahrung in Vollnarkose. Diese Leute berichteten von Bildern und Dialogen, die sie mitgekriegt hatten. Sollte es nicht geben. »Absolut unerklärlich«, sagt Doktor Long.

Aber das ist alles so eine Sache, vom einfachen Schwindel, bis zur Hypoxie des Gehirns oder dem implantierbaren Gedächtnis.


Nahtod ist eben nicht Tod.  Objektivierbare Verfahren sind jedenfalls gescheitert, so  “Militant Agnostic

In 1907 a Massachusetts physician named Duncan MacDougall tried to find out by weighing six dying patients before and after their death. He reported in the medical journal American Medicine that there was a 21-gram difference. Even though his measurements were crude and varying, and no one has been able to replicate his findings, it has nonetheless grown to urban legendary status.

Genetische Ausnahmslosigkeit?

Peter Dabrock im Deutschen Ärzteblatt

Die Keimbahn als solche ist nicht sakrosankt. Das mag auf den ersten Eindruck erstaunen, weil viele Menschen die Keimbahn als etwas Besonderes einschätzen. Aber der Mensch geht in seiner Keimbahn nicht auf – das wäre eine ethisch unstatthafte Biologisierung menschlichen Daseins.

Die Keimbahn sakrosankt? Es ist ein klassische Strohmann Argument hier: irgendetwas behaupten, widerlegen und einen Schluss zu ziehen, der nicht gerechtfertigt ist.

Ohne hier einen genetischen Exzeptionalismus zu vertreten, ist die Keimbahn natürlich etwas Besonderes – der individuelle Code des Lebens, der Blueprint von drei Milliarden Basenpaaren anhand derer sich durch einen mehrfach abgesicherten Mechanismen jeder Mensch entwickelt hat. Und zwar indivduell, jeder Mensch einzigartig, als Kind seiner Eltern, das schätzen die meisten Menschen auch völlig richtig ein.

In der Keimbahn geht der Mensch nicht auf, er entwickelt sich daraus. Hier ist dann auch noch Ursache und Wirkung vertauscht, um das vernichtende Argument abzugeben – ethisch unstatthaft – mit entsprechenden Konsequenzen.

Die Menschwerdung ist etwas Besonderes, wie es Karl Eibl es wunderbar einmal beschrieben hat.

Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.” (1. Mose 2,7). Diese alte Geschichte gibt knapp und schmeichelhaft Auskunft über die Stellung des Menschen in der Natur, aber sie wird in der Regel nur am Sonntag erzählt. Die andere, neuere und werktagsgeeignete Geschichte trägt so unangenehm plärrende Titel wie “Der nackte Affe” oder “Der dritte Schimpanse” oder “Von Menschen und anderen Tieren”. Sie hat zwar einige Plausibilität, wenn wir das Verhalten unserer Mitmenschen ansehen, aber uns selbst und ein paar Freunde würden wir gerne ausnehmen, sprechen deshalb lieber von Bewusstsein, Emanzipation von Naturzwängen, Emergenz und ähnlichen schwer definierbaren Kostbarkeiten, die uns letzten Endes doch eine Sonderstellung im Kosmos sichern sollen. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Auch der Elefant ist nicht irgendein Dahergelaufener, und wenn er sprechen könnte, würde er uns vielleicht ärgerlich versichern, dass auch er eine Sonderstellung im Kosmos hat. Eigentlich ist jede Gattung oder Art etwas Besonderes, sonst könnten wir sie ja nicht von anderen unterscheiden. Die Frage ist eher, ob das Besondere des Menschen ein besonders Besonderes, ein ganz Anderes ist.

 

Peter Dabrock zu Keimbahneingriffen

O-Ton Peter Dabrock “Apothekenschau” gestern (30.10.2019)  Darf man Erbgut korrigieren?

Herr Professor Dabrock, kürzlich wurden die ersten Menschen mit korrigierten Genen geboren. Was halten Sie davon?
Ich halte das aus mehrerern Gründen für verwerflich. So könnte das Ausschalten dieses speziellen Gens die Lebenserwartung bei den gerade geborenen Mädchen um zehn Jahre verkürzen.
Zudem wissen wir generell zu wenig über die Nebeneffekte von Genscheren. Denn sie schneiden das Erbgut nicht nur an der beabsichtigten Stelle. Niemand kennt die Folgen, die sich daraus ergeben. Auch deshalb hält keiner der führenden Wissenschaftler Genkorrekturen an der Keimbahn für verantwortbar.

Die Antwort enthält mehrere Fehler (wobei es natürlich schwierig ist, für einen evangelischen Theologen über Wissenschaft zu reden, die er nur vom Hörensagen kennt).
1. Die Lebenserwartung wird durch die Ausschaltung von CCR5 nicht verringert. Die einzige Arbeit, die das behauptet hat, wurde am 8.10.2019 zurückgezogen. Das sollte man wissen, wenn man darüber redet.
2. Die zweite Aussage ist auch falsch, denn wir wissen ziemlich genau, was die Genscheren für Nebeneffekte haben. Ich habe das für die Crispr Cas Twins vorgerechnet, sowohl für den Phänotyp als auch für die off-target Effekte. Die Folgen sind katastrophal, vermutlich der Grund, warum keiner die Kinder untersuchen darf.
3. Leider ist die ganze Diskussion Schnee vom letzten Jahr. Neuere prime editing Verfahren sind sehr präzise und können nach aktuellem Hochrechnung 90% der bekannten Mutationen reparieren. Damit ist aus technischer Sicht eine Genkorrektur verantwortbar.

Und wie steht es um die grundsätzliche Frage, ob man das darf?
Wir erreichen eine Schwelle, an der die Menschheit in der Lage ist, ihre eigenen biologischen Gurndlagen technisch zu manipulieren. Es ist eine Menschheitsfrage zu klären, ob wir das wollen oder nicht. Und darüber müssen wir zunächst eine gesellschaftliche Debatte führen. Deshalb halte ich es für ein ethisch niederes Motiv, wenn einzelne Forscher aus Ruhmsucht vorpreschen.

Der erste Satz antwortet nicht auf die “grundsätzliche” Frage ebensowenig wie der zweite  Satz.
Die “Menschheit” hat im übrigen eine Meinung dazu: Keine der großen Weltreligionen erlaubt solche Eingriffe (wie wir in einer noch nicht veröffentlichten Arbeit zeigen werden).
Und drittens, woher kennt Peter Dabrock idie ethische Motivation von He Jiankui, den er nie getroffen hat? Kollegen, die JK kennen, beschreiben seine Motivationslage als komplex, er ist in einr Gegend aufgewachsen in der ganze Dörfer an AIDS litten.

Der Deutsche Ethikrat fordert aktuell den globalen Stopp solcher Eingriffe. Hält er sie jedoch eventuell in der Zukunft für angemessen?
Ja, angenommen wir erreichen den Punkt, an dem wir solche Korrekturen für verantwortbar halten. Dann wäre es bei schweren Krankheiten sogar geboten, die Keimbahn zu korrigieren, wenn das die Chance bietet, Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen. Diesen Standpunkt vertritt die Mehrheit des Deutschen Ethikrats.

Ethik per Mehrheitsentscheidung hängt davon ab, wo die Mehrheiten gerade liegen. Heute hier, morgen da. Die Entscheidungen sollen zwar unpolitisch sein (§5 Ethikratgesetz) aber da die Mitglieder je zur Hälfte auf Vorschlag des Deutschen Bundestags und der Bundesregierung gewählt sind, ist jedes Statement des Ethikrates auch ein politisches Statement. C F Gethmann kritisiert ja auch unseren Problem-Monismus, dass die jeweiligen Wissenschaften sich jeweils auf ihr Problem konzentrieren müssen, während politisches Handeln bzw ethische Berwertung ein multidimensionales”Problemgefüge” bewältigen muss. Nur leider liegt der Ethikrat an so  vielen anderen Stellen immer wieder daneben, vermutlich weil ihm die Sachkenntnis der “Monisten” fehlt.

Es soll nun also geboten sein, die Keimbahn zu korrigieren? Auch von ethischer Seite sind die Interviewantworten von Dabrock so dubios, wie von medizinisch-biologischer Seite. Liegen hier nicht unüberwindbare Konfliktmöglichkeiten?  Es findet kaum ein Behinderter gut, was der Ethikrat sich hier ausgedacht hat. Es gibt zu viele Gründe, die gegen Keimbahneingriffe sprechen, im übrigen deutlich mehr, als der Ethikrat in seiner Stellungnahme aufgezählt hat.

Rhetorisch ist das Argument zudem schwach, denn um Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen, verhindert man auch nicht, dass sie sich schneller als 30 km/h bewegen.

Und spricht Peter Dabrock hier eigentlich für den Ethikrat (sprich, ist das Interview autorisiert?) Spricht er für die evangelische Kirche? Oder für die evangelische Theologie? Oder ist das Thema eigentlich völlig egal und  Dabrock spricht nur für sich selbst?

Und hat er nicht 2017 gesagt, wir sind “meilenweit von einem Designerbaby entfernt”?

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.

Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit

Endlich – nach so viel Querschlägern von evangelischen Theologen, nun endlich ein qualifizierter ökumenischer Beitrag: Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit. Als beispielgebener Ausschnit hier Markus Vogt

Trotz fundierter weltweiter Forschung zu Klimawandel, ökologischer Degra- dation, Armut und Migration gelingt der Weltgesellschaft bisher kein Um- steuern. Auch die weitreichenden Beschlüsse zu einem globalen Gesellschafts- vertrag für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen im Septem- ber 2015 als normative Leitlinie der Weltinnenpolitik bis 2030 beschlossen haben (Sustainable Development Goals), ändern daran wenig. Wider besseres Wissen verharren wir auf den bisherigen Pfaden von Ressourcenübernut- zung, exzessivem Konsum und globaler Ungerechtigkeit. Wir leben in der „Externalisierungsgesellschaft“ (Lessenich) auf Kosten der Zukunft, der Natur sowie zahlloser Menschen im Globalen Süden. In dieser Situation stellt sich die Frage, aus welchen Quellen die Kraft zu gesellschaftlicher Transformation kommen kann. Auch die Kirchen stehen hier in neuer Weise im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit

Die Kirchen sind dabei selbst oft mehr Lernende und Vermittelnde als Wissende. Deshalb sind ökumenische und interreligiöse sowie natur- und sozialwissenschaftliche Dialoge auf der Suche nach den „Minima Moralia“ einer ganzheitlichen Ökologie unverzichtbar.

Tolle, lege! Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen Politik möglich machen.

Bonus Systeme in der Wissenschaft

Schon immer gab es Belohnungs- und Bonussysteme in der Wissenschaft – materielle Anreize (Gehalt, Bonuszahlungen) aber auch immaterielle Zuwendungen (Aufmerksamkeit, Ehrungen). Dabei ist es ja eines der grössten Privilegien überhaupt, mit eigener Vorstellung, Wissenschaft zu betreiben. Warum dann diese Anreize? Und warum einzelne Wissenschaftler besonders herausheben wo vieles nur noch im Team geht? So zu tun, als sei ihre Arbeit mehr wert als die anderer? Selbst wenn sie überhaupt nicht (mehr) mehr leisten, allenfalls ihr Institut? Sowohl was Intelligenz als auch was Motivation angeht, spielt sich hier sowieso alles im oberen Drittel der Gaußverteilung ab, von einigen extremen Outliern abgesehen, die einfach Naturtalente sind.

Robert Merton (1910-2003) hat sich schon 1968 darüber Gedanken gemacht “The Matthew effect in science: The reward and communication systems of science are considered“.

Der Effekt geht zurück auf das Gleichnis der anvertrauten Talente Silbergeld in Mt 25, 29. Drei Angestellte erhalten 5, 2 oder 1 Talent Silber (also bis zu 500.000€) und vermehren beziehungsweise bewahren das Silber auf, mit der Pointe Continue reading Bonus Systeme in der Wissenschaft

Und noch ein evangelischer Theologe zur Klimakrise

Nach Zitaten von Ralf FrischRochus Leonhardt und Bernd Beuscher hier noch die Zitate eines weiteren  evangelischen Theologen, nämlich Ulrich Körtner (Wien), veröffentlicht auf evangelisch.de am 30.9.2019

Greta Thunberg wahlweise als humorlose Prophetin eines neuen Klimagottes oder als moderne Jeanne d’Arc zu etikettieren oder sie, wenn einem, wie Johannes Schneider in der Zeit, Anleihen in der griechischen Mythologie lieber sind, mit dem unverwundbaren Prometheus zu vergleichen, mag nicht ganz aus der Luft gegriffen sein.

nicht ganz aus der Luft gegriffen?

An der Bewegung Fridays for Future fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf. Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien grundsätzlich in Abrede stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr eine quasireligiöse Stellung ein.

Quasireligion? Letztinstanz?

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die hehren Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich hoffentlich einstellenden Erfolge bei Klimaschutz wieder aufzehren.

Hehre Ziele? Aufzehren? Realitätsverlust?

Noch ein evangelischer Theologe zum Klimathema

Neben Ralf Frisch und Rochus Leonhardt gibt es noch einen dritten evangelischen Theologen, Bernd Beuscher (Evangelische Hochschule Rheinland-Pfalz). Der selbsternannte Experte für Kanner/Asperger als auch für Weltklima-Fragen sagt in einem Vortrag auf der Jahreskonferenz für Schulseelsorge der EKKW und EKHN im März 2019, Zitat

.. als politische Anführerin und moralisches Vorbild ist sie eine gefährliche Fehlbesetzung. Hier ist im Gegenteil die besondere Begabung für die Kunst der Diplomatie gefragt. Deren buchstäblich langweilige Instrumente wie Geduld, Kompromiss und Kleinschrittigkeit bringen allerdings auf dem Markt der Aufmerksamkeit und der Demokratie kaum noch Quote. Greta Thunberg ist noch jung. Aber bald schon wird ihr dämmern, dass ihr als Protest gedachter Akt nur aktiver Teil der grassierenden gesellschaftlichen Parentifizierung ist, also der Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen, die sie beklagt. Bisher war dies – zum großen Entsetzen der Vorläufer – noch immer die Vorstufe zu Terrorismus. Gott bewahre uns vor einer Weltrettungskirche der Selbstgerechtigkeit mit einer aspergerbegabten Päpstin… Wie nur Ruhe finden und einmal gründlich ausschlafen zwischen Babel (dem Expertenstimmengewirr der Pros und Contras) und Bubble (dem kulturpessimistischen Technikressentiment im Kerngemeindemilieu)?

Auch hier: ad personam, krawallig, misogyn, wissenschaftsskeptisch und beleidigend.

Über Blockwarte und U-Boote

Zu dem angekündigten Rentzing Rücktritt muss man eigentlich nichts mehr sagen. Evelyn Finger und Wolfgang Thielmann haben in dieser Woche in der ZEIT die Diskussion erschöpfend zusammengefasst “Ein Bischof flieht aus dem Amt“.

Rentzing wurde Bischof im Jahr der Flüchtlingskrise, in einem Bundesland, wo später die blauen Erfolgswahlkreise der AfD genau auf dem Gebiet der frommen Gemeinde lagen: im Erzgebirge, im Vogtland, im evqngelikalen bible belt des Ostens. Wo in manchen Dörfern am Ende der kirchenfeindlichen DDR noch immer neunzig Prozent Kirchenmitglieder leben. … Nein, Rentzing sei absolut kein Rechter gewesen, …., aber er hätte gegen rechts mehr in die Offensive gehen müssen.

Aber dass nun wieder ein systematischer Theologe aufsteht, diesmal Rochus Leonhardt, und das wieder bei zeitzeichen, ja wieder zeitzeichen, das ist nun doch bemerkenswert. Zitat Leonhardt (geboren 1965 in Leipzig)

Wie etlichen anderen Akteuren im gesamtdeutschen kirchenamtlichen Protestantismus ist daher auch den Leipziger Petenten vorzuwerfen, dass sie dazu neigen, ihre – als solche respektablen – politischen Auffassungen religiös zu überhöhen, indem sie die von ihnen affirmierte AfD-Ausgrenzungs-Agenda als alternativlose handlungspraktische Folge des christlichen Glaubens ausgeben.
Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun, eher mit einer denunziatorischen Leitkultur, in der sich kleingeistige Blockwartmentalität als vom Glauben getragene demokratische Gesinnung ausgibt. Und von Klarheit kann erst recht keine Rede sein. Es sei denn, man versteht darunter die filterblasentypische fensterlose Helle einer voll ausgeleuchteten politischen Homogenität. Ich hoffe, dass in dieser Art von Klarheit nicht die Zukunft des evangelischen Christentums in Deutschland liegen wird.

Die AfD scheint also auch für diesen Theologen eine durchaus wählbare Alternative darzustellen, wenn er von Ausgrenzungs-Agenda spricht. Hat er überhaupt die Original Texte Rentzings gelesen?

Ich hoffe jedenfall weiter auf klare Worte der evangelischen Kirche zu Fremdenhass und Homophobie.  Philipp Greifenstein brandmarkt auch umgehend seine Nazirhetorik und fährt fort

Die sächsische Landeskirche befindet sich in einer geistlichen Notlage. Das gilt für Rentzings Gegner wie Freunde. Letztere wähnen den Bischof als Opfer der „political correctness“ und des Furors der Liberalen. Ihre Entrüstung wird von Akteuren der christlichen Rechten wie Helmut Matthies (Idea), Politikern der AfD und CDU und evangelikalen Kulturkämpfern wie Ulrich Parzany geschürt und kanalisiert. Diesen Kräften entgleitet im zurücktretenden Landesbischof eine Symbolfigur für den Kampf gegen die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Besonderen und „den Zeitgeist“ im Allgemeinen. … Andere sehen in Carsten Rentzing ein „U-Boot“ genau dieser rechten Kreise, das nun – angestoßen von einem anonymen Informanten – enttarnt werden konnte. Die Idee ist amüsant, dass es in den evangelischen Kirchen rechter „U-Boote“ bedürfte. Rechte Christen operieren nicht im Verborgenen, ihre Medien und Vereine sind in den evangelischen Kirchen allgegenwärtig – und zwar überall im deutschsprachigen Raum!

Allein mir fehlt der Glaube, dass die Unterscheidung von vorletzten und letzten Dingen von Greifenstein wirklich weiter hilft, Eure Rede sei nein, nein – ἔστω δὲ ὁ λόγος ὑμῶν ναὶ ναί, οὒ οὔ· τὸ δὲ περισσὸν τούτων ἐκ τοῦ πονηροῦ ἐστιν.

Ach Sachsen, schreibt die ZEIT.

Sachsen sei von Pietismus genauso geprägt wie von der Aufklärung. SED Hochburg und am Ende doch die friedliche Revolution.

Aber “wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten” (Bergmann). Daher also doch noch ein Blick zurück. In den Kommentaren bei der Petition schreibt  Karl Nolle

Rentzing wird wohl in der Dresdner Frauenkirche nicht mehr predigen und dort an die Tradition des von 1933-1945 amtierenden Landesbischof Friedrich Coch, anknüpfen, der seit 1931 Mitglied der NSDAP und Mitglied der NSDAP Gauleitung war (natürlich war das auch reine Privatsache). Coch ist der Landesbischof, der 1934 die Frauenkirche in Dresden zum Dom Deutscher Christen umbenannte. Er durchschritt zu seiner Amtseinführung mit Hitlergruß ein Spalier von vor der Frauenkirche angetretenen Hitlerjugend. Die ehrwürdige Frauenkirche war mit einer riesigen Hakenkreuzfahne geschmückt, als das neue Symbol deutscher Christen, ein Kreuz mit Haken.

Warum die Alliierten auf die Frauenkirche Ihre Bomben abgeworfen haben (das Lutherdenkmal daneben aber stehen liessen) scheint mir nun auch keine große Frage mehr zu sein.

Addendum 12.11.2019

Arnd Henze

Die Debatte um den rechtsnationale Vergangenheit des sächsischen Bischofs Carsten Rentzing hat eine viel dramatischere Nachricht überlagert: bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen hat fast ein Viertel der Kirchenmitglieder die AfD gewählt! Alle Hoffnungen, der christliche Glaube bilde eine immunisierende Kraft gegenüber den Verlockungen völkisch-nationalistischer und autoritärer Ressentiments, sind damit empirisch widerlegt. Im Raum der evangelischen Kirche formiert sich eine Religiöse Rechte, die überall dort Raum greift, wo ihr nicht entschieden Grenzen und überzeugende Alternativen entgegen gesetzt werden.

Sprache (Bewusstseinsmodelle IV)

Ist Sprache nur ein Ein- bzw Ausgangskanal?

Gesprochene Sprache differiert zwar sehr nach Geschwindigkeit, in der SZ Zusammenfassung von Anfang des Monats haben

Sprachforscher haben gemessen, wie viele Silben Menschen in 17 verschiedenen Sprachen pro Sekunde vorlesen. Die Geschwindiglkeit fiel sehr unterschiedlich aus. Doch alle untersuchten Sprachen transportieren Informationen mit nahezu konstant 39 Bit pro Sekunde… Als schnellste Sprache der Welt gilt gemeinhin Japanisch. Fast acht Silben kommen im Durchschnitt pro Sekunde aus den Mündern von Japanern. Spanier sprechen ähnlich schnell, auch Italienisch und Baskisch gelten als schnelle Sprachen, wenn man allein die Zahl der gesprochenen Silben pro Zeiteinheit betrachtet. Deutsch und Mandarin rangieren in diesen Rankings hingegen auf den hinteren Plätzen.

Die 39 bit mittlere Verarbeitungsgeschwindigkeit sein damit sprachunabhängig, Denken funktioniert damit unabhängig von Sprache.

Denken als Zustand (Bewusstseinsmodelle III)

Die Gleichsetzung Hirn gleich Hardware oder Geist gleich Software habe ich bewusst in dem letzten Beitrag vermieden. Interessanterweise geht Dirnagl gerade im LJ darauf ein. Er schreibt über das Nonsense Papier “Brain Machine Interface” im LJ

… Zumal das Gehirn Programmierung und Codes auch gar nicht nötig hat. Gefühle, Gedanken, Absichten und so weiter sind die koordinierte Aktivität von Milliarden von Nervenzellen und Fantastillionen von Verbindungen zwischen ihnen – man kann auch sagen, Kognition ist „verkörpert“ (embodied). Der Gedanke an einen Baum ist die elektrische Aktivität und neuronale Konnektivität wie sie beim Betrachten dieses Baumes auftritt. Und die Erinnerung an diesen Baum ist die Wiederherstellung dieses elektrochemischen Zustandes.
Dabei kann das Gehirn durchaus mit Codes umgehen. Nicht nur extern beim Program­mieren, auch intern beim Sprechen und Schreiben. Sprache ist nämlich ein Code, also symbolische Repräsentation. Aber Sprache braucht man nicht für Fühlen, Denken, Handeln – sie ist nur ein Mittel dazu. Da Kognition sich folglich keines Codes oder Programms bedient, gibt es auch nichts auszulesen oder einzuspielen ins Gehirn.
Man könnte zwar versuchen, etwa beim Blick auf einen Baum, die Aktivität jeder einzelnen der 80 Milliarden Nervenzellen gleichzeitig zu messen – und dazu den Zustand der Hunderte von Trillionen Verbindungen zwischen ihnen. Aber dann wäre man immer noch nicht weiter. Denn dann hätte man zwar ein Abbild des elektrischen Gewitters dieses Gehirns beim Blick auf den Baum. Aber die Nervenzellen eines anderen Menschen erzeugen andere Verbin­dungen und andere Aktivitäten beim Blick auf denselben Baum. Auch weil verschiedene Gehirne eine über viele Jahre zurückreichende unterschiedliche Geschichte haben, die jeweils wiederum zu dieser spezifischen Konnektivität und Aktivität beim Blick auf den Baum beigetragen hat. Diese Geschichte müsste man kennen, um aus dem Gewitter Sinn zu machen, also den Inhalt „Baum“ dekodieren zu können.

Das kann man nach aktuellem Wissensstand nicht besser sagen.

In Abwandlung von Descartes “sum quod cogito” ist Denken ein Zustand und zwar der parallelen Aktivität von Milliarden von Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn die Verbindung zur Aussenwelt (Thalamus etc) gestört ist.

Two major checkpoints of development in cerebral cortex are the acquisition of continuous spontaneous activity and the modulation of this activity by behavioral state. Despite the critical importance of these functions, the circuit mechanisms of their development remain unknown. Here we use the rodent visual system as a model to test the hypothesis that the locus of circuit change responsible for the developmental acquisition of continuity and state dependence measured in sensory cortex is relay thalamus, rather than the local cortical circuitry or the interconnectivity of the two structures. … Together our results indicate that cellular or circuit changes in relay thalamus are critical drivers for the maturation of background activity, which occurs around term in humans.

Wie aber passt nun das Konzept einer “Beseelung” des Menschen zu Beginn seiner Existenz? Einer bei Null startenden neuronalen Aktivität?