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Bewusstseinsmodelle I

Es ist schon lange her, dass ich Eccles & Popper “Das Ich und sein Gehirn” gelesen habe, irgendwann Ende der 70er Jahre?
Den interaktionalen Dualismus fand ich überzeugend, auch wenn es keinen wirklich nachvollziehbaren Mechanismus  dafür gibt, ausser vielleicht die Quantenverschränkung.

Von Verschränkung spricht man in der Quantenphysik, wenn ein zusammengesetztes physikalisches System, z. B. ein System mit mehreren Teilchen, als Ganzes betrachtet einen wohldefinierten Zustand einnimmt, ohne dass man auch jedem der Teilsysteme einen eigenen wohldefinierten Zustand zuordnen kann. Im Bereich der klassischen Physik kann es dieses Phänomen nicht geben. Dort sind zusammengesetzte System stets separabel, d. h. jedes Teilsystem hat zu jeder Zeit einen bestimmten Zustand, der sein jeweiliges Verhalten bestimmt, wobei die Gesamtheit der Zustände der einzelnen Teilsysteme und deren Zusammenwirken das Verhalten des Gesamtsystems vollständig erklärt.

Es gibt somit gute Gründe, das neue Buch von Lagercrantz “Die Geburt des Bewusstseins” anzusehenn. Von den vielen Modellen hat es Lagercrantz vor allem Baars‘ Global Workspace Theory angetan

6.3. Es gibt verschiedene theoretische Modelle des Bewusstseins. Bernard Baars formulierte die Theorie, dass es im Gehirn einen sogenannten globa- len Arbeitsraum für das Bewusstsein gibt (Global Workspace Theory), und bediente sich dabei der Metapher des Theaters. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass es einen globalen „Bühnenbereich“ gibt, in dem eine Art Synthese zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stattfindet. „Derhelle Fleck, den ein Scheinwerfer in einem dunklen Theater auf die Bühne wirft, steht für die Verknüpfung verschiedener Sinneseindrücke zu einem einzigen bewussten Erlebnis“). Alles andere, wie zum Beispiel die Menschen, die im Publikum sitzen oder hinter den Kulissen arbeiten, ist unbewusst. Doch es gibt auch Faktoren wie den Regisseur und das Drehbuch, die „den Inhalt des Bewusstseins formen, indem sie den Schauspielern im Rampenlicht vorgeben, was diese sagen sollen“

Wie das alles zur jüdisch-christlichen Anthropologie und dem Leib-Seele Dualismus passt? Ein fiktives Theaterstück? Das erinnert zunächst mal an Ijob, dem vor allem in der Himmelsszene der Satan immer wieder seine Frömmigkeit bezweifelt.

Auch wenn ich Daniel Dennetts biologistischer Sicht wenig abgewinnen  kann, sein Ausspruch  dass der “menschliche Geist so etwas wie eine sequentielle virtuelle Maschine, die – ineffizient – auf der parallelen Hardware implementiert ist, die uns die Evolution beschert hat“ könnte doch eine gute Umschreibung des Leib-Seele-Problems sein. Sie lässt sowohl Hirnphysiologen Raum zur Exploration, erlaubt gleichzeitig aber auch den Geisteswissenschaften den Freiheitsraum, um ihre Vorstellungen zu entwickeln. Die wichtigste Frage einer Philosophie des Geistes bleibt  allerdings: Wo findet die Verschränkung statt? Bestimmt nicht in der Epiphyse wie Descartes meinte. Aber sie müsste doch nachweisbar sein, irgendwo als biologischer oder physikalischer Ort. Ein Ort, der irgendwann in der Entwicklung des Kindes entsteht – wie bei Lagercrantz beschrieben – dsyfunktional im Schlaf, kurzfristig störbar durch Hypoxie, längerfristig gestört bei Narkose, Manie, Depression oder Schizophrenie und irgendwann abgeschaltet im Tod.

Aber nehmen wir Dennetts Idee auf und schauen wir uns die Implementierung einer virtuellen Maschine (VM) auf einer beliebigen Hardware an

Typischerweise können Gastbetriebssysteme und Programme nicht erkennen, ob sie auf einer virtuellen Plattform ausgeführt werden – solange sie von der virtuellen Maschine unterstützt werden. Die Software kann genauso eingesetzt werden, als ob sie auf einer physischen Serverhardware installiert wäre. Zum Beispiel kann an das Gastbetriebssystem eine physische Festplatte erkennen. Die tatsächlichen I/O-Anfragen werden aber durch die Virtualisierungs-Schicht übersetzt und in eine Datei umgeleitet, auf die das Host-OS Zugriff hat.Virtuelle Maschinen bieten zahlreiche Vorteile gegenüber der direkten Installation von Betriebssystemen und Software auf der physischen Hardware. Die Isolation gewährleistet, dass Anwendungen und Dienste, die innerhalb einer VM laufen, das Host-OS oder andere VMs nicht beeinträchtigen. Virtuelle Maschinen können problemlos verschoben, kopiert und zwischen Host-Servern neu zugeteilt werden, um die Hardware-Ressourcen-Auslastung zu optimieren.

Wo könnte die Virtualisierungsschicht des biologischen Virtual-Machine-Monitors sein? Wenn dieser software basiert ist, dann erübrigt sich die Suche nach den Kontaktpunkten. Allerdings käme  man darüber sehr schnell zu Seelenwanderung und anderen parapsychologischen Phänomenen. Wenn das VVM Interface allerdings hardware basiert ist – dann wäre ein VVM Konzept des Bewusstseins testbar. Etwa Halothan einatmen und dann mit Femtosekunden-Spektroskopie nachsehen, ob es vielleicht Ähnlichkeiten mit dem einzig bisher biologisch bekannte Verschränkungssystem, dem  Lichtsammelkomplex,  gibt. Anatomisch scheint mir aber alles aber noch recht unklar, nochmal Lagercrantz, S.93

Pennfield und Jackson hatten jedoch bereits angezweifelt, dass sich das Bewusstsein nur im zerebralen Cortex befindet. Sie fanden heraus, dass auch Patienten ohne Cortex zu einem gewissen Grad über ein Bewusstsein ver- fügen. Seit einigen Jahren wird diese These von Björn Merker unterstützt, der Kinder mit Hydranenzephalie und Anenzephalie untersuchte

 

Was ist daran evangelisch?

Schon die Einstiegsseite zeigt die schrille Dissonanz  eines “evangelisch-protestantischer Zwischenrufs”, der den letzten Lebensabschnitt von “jeglichem kirchlich-theologischen Diktat” freihalten will.

https://www.feinschwarz.net/sterben-duerfen-ein-evangelisch-protestantischer-zwischenruf-teil-1/

Der Text steht auf https://www.feinschwarz.net/sterben-duerfen-ein-evangelisch-protestantischer-zwischenruf-teil-1

Dabei reicht Teil 1 völlig aus, um zu verstehen mit welch faden Argumenten hier  eine ideologische Debatte befeuert wird. Warum fühlen sich ex Religionspädagogen (wie Ritter) und ex EKD Ratsvorsitzende (wie Schneider…) nun plötzlich berufen, sich zur Euthanasie zu äussern?

Barths zentrale These war doch immerhin

Gott ist der ganz Andere, den der Mensch nicht von sich aus erkennen kann. Deshalb führt die Analyse religiöser Bedürfnisse oder menschlicher Erwartungen nicht zu Gott. Und deshalb sollen Kirche und Theologie nicht vorrangig von der menschlichen Religiosität reden.

Aber genau das macht Ritter hier. Über (seine) Bedürfnisse und seine Erwartungen reden. Damit kommt er zu skurrilen Aussagen zum Beispiel über das 5. Gebot “Du sollst nicht töten“. Zu dem Einwand sagt Ritter

Es geht bei Sterbehilfe heute ja nicht darum, dass ein vitaler Mensch getötet wird, sondern darum, dass schwer kranke Menschen, die sich im finalen Sterbeprozess befinden und ihr Leben – christlich gesprochen – in Gottes Hand zurückgeben möchten, dies auch tun dürfen.

Sein Trick: Nehmen wir einfach kranke oder lebensmüde Menschen von dem Gebot aus.

Zum Einwand “Das kommt einem Dammbruch gleich” sagt Ritter

Haben wir – ein erster Einwand – nicht schon in der Schule gelernt: abusus non tollit usum? Also Missbrauch einer Sache hebt doch nicht zwangsläufig deren sinnvollen und guten Gebrauch auf!

Sein Trick: Tun wir einfach mal so, als bräuchten wir keinen Damm, Wasser  ist doch etwas lebensnotwendiges.

Zum Einwand “Es gibt doch Palliativversorgung” sagt Ritter

Eine erste kapitale Frage lautet: Wer soll das bezahlen? … Palliativversorgung und Sterbehilfe liegen nicht einfach Meilen weit auseinander, sondern sind in der Praxis oft nicht wirklich zu unterscheiden.

Sein Trick: Die Kosten von Pentobarbital gegen den Tagessatz in einer Palliativstation hochrechnen und dazu eine schon justiziable  Verunglimpfung der Palliativversorgung.

Den Einwand “Schau auf das Kreuz…” tut er ab

Leidensmystik kann heute keine theologische Empfehlung mehr für Jedermanns Sterben sein.

Das ist kein Trick mehr, denn hier gibt er nun zentrale evangelische Positionen auf.

Krieg? Nicht hier

Lohnt es sich auf die neuere Atheisten-Literatur einzugehen wie Yes, there is a war between science and religion?

Eigentlich nicht, denn es ist doch immer das gleiche. Gott ist vorstellbar ( Lesetipp Der Sinn des Sinns oder zuletzt “Der plausible Gott“) und für manche auch erfahrbar( Ästhetik, Immersion,…)

Die erste und wichtigste Frage, die sogleich zu einer notwenigen Abgrenzung führt, lautet daher: Von welcher Welt ist hier die Rede? Da sich die neuzeitliche objektivierende Wissenschaft von ihren Anfängen an, d.h. seit Descartes, methodisch von Gott getrennt, ihn aus ihren Verfahrensregeln und Argumentationsgängen als einen zulässigen Faktor ausgeschlossen hat, kann man nicht erwarten, dass er sich am Ende doch noch mit ihrem Instrumentarium aufweisen ließe. Er verbirgt sich in dem „toten Winkel“, den sie mit ihren experimentellen Methoden und ihrer Erfahrungskontrolle sozusagen ex definitione gar nicht erreichen und ausleuchten kann.

Warum aber  jetzt auch noch von einem Krieg zu sprechen?

But different religions make different – and often conflicting – claims, and there’s no way to judge which claims are right. There are over 4,000 religions on this planet, and their “truths” are quite different. (Muslims and Jews, for instance, absolutely reject the Christian belief that Jesus was the son of God.) Indeed, new sects often arise when some believers reject what others see as true. Lutherans split over the truth of evolution, while Unitarians rejected other Protestants’ belief that Jesus was part of God.

Diese Differenzen hätte es nun auch nicht nötig gemacht, den Aufsatz von Jerry Coyne nachzudrucken. Das Ganze ist ein Strohmannargument denn Religion beruht allzuoft nicht auf dem Glauben (der dahinterstehenden Allmacht Gottes), sondern auf dem Unglauben der politische, soziale oder individuelle Partikularinteressen höher stellt als Religion.

Als Bonus noch ein Video…

Fundamentalismus. Was mich schon immer daran gestört hat.

In einem Repost heute (Original vom 20. Juni 2016) erkärt feinschwarz/René Buchholz, was mich schon immer, seitdem ich denken kann, an dem religiösen Fundamentalismus gestört hat –  das ist die Verbindung von Religion mit einer unangreifbaren Offenbarungslegitimation mit reaktionärer, politisch rechter Identität.

Von diesem Ausverkauf der Religionen setzt sich die strong religion entschieden ab. Sie inszeniert sich nicht nur in den USA als Bollwerk gegen Relativismus, Modernismus, Werteverfall und Auflösung der Gesellschaft. Familie, Autorität – die Bibel im Sinne der Verbalinspiration und wörtlichen Inerranz eingeschlossen –, Bekenntnis zum freien Markt und zum Eigentum verschmelzen im protestantischen Fundamentalismus, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts gleichsam die Copyrights für den Begriff hat, zu einem geschlossenen System nationaler und religiöser Identität. … Die katholische Variante der strong religion teilt mit dem protestantischen den antimodernen Affekt, betont aber weniger die Autorität der Schrift, sondern legt den Akzent auf Tradition, Lehramt und eine streng hierarchische Ordnung. Die Unterwerfung unter die Autorität – nicht nur unter die kirchliche – tritt im katholischen Fundamentalismus noch offener hervor.

Es ist einer der besten Texte zu dem Thema, wenn nicht sogar d e r ultimative Text dazu.

Auch der Fundamentalismus kennt eine Ökonomie des Tausches; er ist gnadenlos und selbst bei Gott scheint es nichts gratis zu geben: Als Gegenleistung für die Submission, die Auslöschung des Ich und die Übernahme einer geistfeindlichen, dualistischen Weltanschauung, wird die Mitgliedschaft in einer Gruppe mit bedeutender Mission gewährt … Das sacrificium intellectus ist ein autodestruktiver Gewaltakt, der alle Fundamentalismen … verbindet. Er führt aber nicht notwendig zur Gewalt gegen andere. Nur ein relativ kleiner Teil der Fundamentalisten überschreitet diese Grenze, denn menschliche Handlungen folgen nur selten einem einzigen Motiv; sie unterliegen unterschiedlichen Kriterien und Motivationen, die nicht in eine einzige Richtung deuten. Erst wo das Tötungstabu mit Blick auf vermeintlich höhere Ziele oder umgelenkte Aggression außer Kraft gesetzt wird, wendet sich die destruktive Seite des Fundamentalismus sichtbar und medienwirksam nach außen.

Ich habe lange vergeblich versucht, ein Interview mit dem Ratzeburger Kindesmörder zu führen (Karl K.), der mir aber über die Staatsanwaltschaft nur ein Bibelvers ausrichten liess (in dem Fall Lukas 9:62 – Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes). Ich kann nur hoffen, dass diese Uneinsichtigkeit zur Sicherheitsverwahrung führt.

Buchholz nimmt in seinem Essay jedenfalls auch meine geplante Schlussfolgerung vorne weg

Von der Nichtigkeit des Fundamentalismus überzeugen kaum Argumente; wie beim Vorurteil werden Argument und Erfahrung ähnlich dem Kantischen Schematismus vorab auf den Wahn bezogen und so neutralisiert. Aus dem Fundamentalismus erwacht man gleichsam schockartig, wie aus Benjamins Traumschlaf der Moderne. Ob Religion während der unvermeidlichen Katerstimmung nach dem Rausch verworfen oder, mit Kritik fusioniert, erwachsen wird, lässt sich nicht voraussagen.

Ich habe beides gesehen – leider mehr die Verwerfung als das Erwachsenwerden. Die einzige Strategie, damit umzugehen? Subversion. Sagt jedenfalls  Hubert Schleichert in “Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren”.

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Oder wie wird der Mensch zum Mensch? Hugo Lagercrantz, ein schwedischen Pädiater, versucht sich an der Antwort „Die Geburt des Bewusstseins“, das gerade erschienen ist.

Am 19. Tag bildet sich die Neuralplatte, aus der sich Rückenmark und Gehirn entwickeln werden. Aber während Organe wie Herz, Nieren, Leber nach drei Monaten fertig sind, gehen die Arbeiten am Gehirn auch noch nach der Geburt weiter. Hundert Milliarden Nervenzellen müssen erst durch Zellteilung entstehen, an den richtigen Platz wandern und sich miteinander vernetzen, um das Gehirn – und somit den menschlichen Geist – zu formen…
Ein wichtiger Schritt findet in der 24. Schwangerschaftswoche statt: Dann erreicht eine Gruppe von Nervenzellfortsätzen aus dem Zwischenhirn das, was einmal die Großhirnrinde sein wird. Ihr Anfang liegt im sogenannten Thalamus, eine Schaltstelle, die Wahrnehmungen unserer Sinne sammelt, sortiert und in Regionen weiterschickt, die damit weiterarbeiten sollen. „Erst wenn sich diese Bahnen bilden, können die Kinder bemerken, was ihre Sinnesorgane aufzeichnen. Und reagieren“, sagt Lagercrantz. Vorher erreichen Informationen aus dem Körper den Cortex gar nicht, und es kann eigentlich auch nichts geben, was der Fötus als Ich bemerken könnte.

Ja und nein, denn es kann natürlich auch ohne äusserlich wahrnehmbare Anzeichen Bewusstsein geben. Das Bewusstsein kann bei Narkose ausgeschaltet werden, aber es ist trotzdem jederzeit reaktivierbar und damit existent.

Sollte man daher Bewusstsein statt als etwas Eigenständiges mehr als die biologische Schnittstelle ansehen, das Interface  des eigenen Selbst oder der Seele mit der Umgebung?

Argumente gegen das Zwangszölibat und für die Frauenordination

Ein Studie, abgedruckt im deutschen Ärzteblatt, zeigt das Ausmass der Missbrauchs durch katholische Geistliche. Mal abgesehen von der furchtbar hohen Zahl, zeigt schon die erste Tabelle einen frappierenden Unterschied zwischen Diakonen (Männer, die heiraten dürfen), Priestern (Männer, die nicht heiraten dürfen) und Pastoralreferenten (u.a. Frauen).

Priester werden fast fünfmal häufiger beschuldigt als Diakone (OR 4.8, 3.2-7.2, P<=0.0001). Auch wenn es noch mehr Unterschiede zwischen Diakonen und Priestern gibt als das Zölibat, so ist dies doch ein starkes Argument, das Zwangszölibat abzuschaffen. Da Frauen offensichtlich auch nicht beschuldigt werden, liefert die Studie auch ein Argument, die Frauenordination  in der katholischen Kirche zuzulassen, statt durch eine Selektion auf Männer mit offensichtlich zweifelhafter Persönlichkeitsstruktur zu bauen.

Aber stimmt das so wirklich? Die Studie untersucht 1946 bis 2014, also in 68 Jahren 1.670 Beschuldigte aus einer Grundgesamtheit von 38.156 Personen. Da die Grundgesamtheit aber nicht die ganzen 68 Jahre bestand, sondern nur kumulativ zur Zeit der Erhebung und ausserdem Beschuldigungen nicht mit Taten gleichzusetzen sind, nehmen wir großzügigerweise nur 40 Jahre und 19.000 Tateinheiten in die Modellrechnung und kommen damit auf 760.000 Personenjahren. Mit 1.670/760.000 errechnet sich eine Inzidenz von 0,22% pro Personenjahr.

Nun zum Vergleich die allgemeine Bevölkerung. Pro Jahr gibt es ca 15.000 Opfer bei geschätzt 82 Millionen Einwohner in Deutschland. Ziehen wir davon 15 Millionen Menschen unter 18 ab, und nehmen vom Rest nur die 50% Männer, so kommen wir auf eine jährliche Inzidenz von 15.000/33.000.000 oder 0,045%. Das bedeutet eine 4,8 mal höhere risk ratio (RR) als in der Normalbevölkerung und ist identisch mit dem odds ratio (OR) zwischen Diakonen und Priestern. Diakone unterscheiden sich also nicht von der allgemeinen Bevölkerung, das Risiko eines Übergriffs durch zölibatäre Priester ist dagegen sehr hoch. Um zukünftigen Missbrauch in der katholischen Kirchen zu verhindern, schafft man also in der Tat am besten das Zwangszölibat ab.

Allerdings steht schon bei Mt 19,27 (wo es um das Heiraten geht), dass dies nicht alle verstehen werden.  Das Zweite Vatikanische Konzil fordert dennoch „religiösen Gehorsam“ für die „mit der Autorität Christi ausgerüsteten“ Bischöfe und für den Papst „ehrfürchtige Anerkennung“ (Konstitution über die Kirche, Nr. 25).

Seit Paul VI. versichern die Päpste, Christus habe „es so festgelegt“. Er habe die erwählt, „die er wollte“ (Mk 3,13), „gemäß dem ewigen Plan Gottes“. So sagte es auch Papst Johannes Paul II. in der Erklärung „Ordinatio Sacerdotalis“ von 1994. Ebenso bestätigte sein Nachfolger, dass die Kirche für die Priesterweihe von Frauen „keine Vollmacht vom Herrn erhalten“ habe. Zuletzt beklagte eine auf Mai 2018 datierte Erklärung von Kardinal Luis Ladaria, dem Präfekten der Glaubenskongregation, die noch immer aufflackernden Zweifel an der „endgültigen“ Ablehnung der Ordination von Frauen durch die letzten Päpste. Summarisch heißt es, Christus habe zum Aposteldienst nur Männer berufen; das Mann-Sein der Priester sei unverzichtbar, da sie Christus als „Bräutigam der Kirche“ durch die Sakramente vergegenwärtigen.

Warum Jesus nur Männer als Jünger ausgewählt hat? Ich vermute mal, die Männer hatten es besonders nötig, von ihm Nachhilfe zu bekommen, der jähzornige Petrus, der ungläubige Thomas, der kriegerische Simon Zelotes und der verräterische Judas.
Das Argument, dass Priester Männer sein müssen, weil Christus ein Mann ist, verstehe ich nicht ganz. Oder allenfalls mit der genau entgegengesetzten Intention.

Ein Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre versteigt sich noch höher wenn man seine Predigt vom 14.6. nach liest:

Jesus hat bewusst nur Männer als Apostel berufen, als Stammväter des neuen Israel, die ihn dann zu vergegenwärtigen hatten auch im christlichen Kult. Das hat nichts zu tun damit, dass man sich in der Antike weibliches Priestertum nicht vorstellen konnte. Im Gegenteil: Die Religionen und Kulte Griechenlands und Roms kannten vor allem ein weibliches Priestertum. Ihr Dienst war oft verbunden mit der Tempelprostitution als Darstellung der Fruchtbarkeit der Erde im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Davon setzt sich gerade die in der Bibel bezeugte Offenbarung ab mit ihrem Verweis auf die Geschichtsmächtigkeit Gottes…

Wegen der Prostitutionsneigung von Frauen in der Antike dürfen sie auch heute nicht zum Priesteramt zugelassen werden?? Das sagt tatsächlich ein Bischof eine Woche nachdem die Studie erschienen ist.

Nota bene: Die Diskussion ist natürlich nicht auf die katholische Kirche beschränkt, es gibt sie auch bei Baptisten in den USA mit aktuell 700 Fällen, aber auch in der evangelischen Kirche Deutschland wurden bisher 600 Missbrauchsfälle gemeldet. Beim DOSB (der Dachorganisation des deutschen Sportes liegen 1700 Meldungen vor.

Addendum 15/72019

https://www.sueddeutsche.de/kultur/zoelibat-kirche-hubert-wolf-1.4522081
Der Theologe Hubert Wolf hat ein Buch mit 16 Thesen geschrieben, die den Zölibat sehr alt aussehen lassen. Dabei geht er auch auf die historische Dimension des ewigen Streitfalls ein. Er illustriert die Dringlichkeit der Debatte auch am Priestermangel in europäischen Diözesen und zeigt den Zölibatsverteidigern ihre selbstfabrizierten Widersprüche auf.

Ein entschlossenes “Möglicherweise”: der Ethikrat zu Genome Editing

Wie andere verstehe nicht, warum der Ethikrat Grundsätzliches von sich geben will? Um die eigene Unsterblichkeit in der ansonsten säkularen Welt zu behaupten? Und warum suggeriert er einen Konsens, wo sich hier doch schier unüberwindbare Konflikte auftun?

Nachdem ich nun das ganze Dokument gelesen habe, frage ich mich

1) für wen spricht der Ethikrat eigentlich – für die Politiker/innen, die ihn berufen hat? Für die Wissenschaft, wo die meisten Mitglieder herkommen? Oder spricht doch jeder Rat nur für sich selbst bzw seine Peer Group – Medizin, Soziologie, Theologie, Jura? Dann ist er nicht so wichtig, wie er genommen wird, denn seine Meinung wechselt mit der wechselnden Zusammensetzung des Rates.

2) was Dokument eigentlich will? Ein Moratorium habe andere auch schon gefordert (zB Leopoldina & DFG bereits 2015) und das nicht nur früher, sondern auch deutlich eloquenter. In der eindeutigen Uneindeutigkeit des Ethikrates, alles aneinander reihen zu wollen, liegt die Stellungnahme auf der Linie des Nuffield Reports oder des US Academy Reports, bei denen sich He Jiankui das Passende herausgepickt hat.

Ich halte es da mehr mit Wolfgang Huber (bei dem ich 1979 in Marburg mein allererstes Seminar an der Alten Uni besucht habe). Er

… sprach sich dafür aus, die Bereiche der Pluralität von ethisch geprägten Lebensformen und einer allgemein geltenden Moral zu unterscheiden, sie jedoch nicht beziehungslos nebeneinanderzustellen. Mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach dem Guten verblasse auch die Frage nach den Motiven und Antrieben, die Menschen dazu veranlassen können, sich auch gegen Widerstände an solchen Regeln zu orientieren. Die bloße Kenntnis universaler Regeln reiche nicht aus. Man benötige auch die Bereitschaft, sich für sie einzusetzen. “Wer in einer pluralen Welt an gemeinsamen moralischen Normen interessiert ist, muss deshalb fragen, wie diese sich an unterschiedliche ethische Grundhaltungen zurückbinden lassen.” Notwendig sei, eine “Kultur der Verantwortung”…

 

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The mutant says there is no God

There was an article already already some time ago “The Mutant Says in His Heart <There Is No God>: the Rejection of Collective Religiosity Centred Around the Worship of Moral Gods Is Associated with High Mutational Load”.

Industrialisation leads to relaxed selection and thus the accumulation of fitness-damaging genetic mutations. We argue that religion is a selected trait that would be highly sensitive to mutational load. We further argue that a specific form of religiousness was selected for in complex societies up until industrialisation based around the collective worship of moral gods. With the relaxation of selection, we predict the degeneration of this form of religion and diverse deviations from it. These deviations, however, would correlate with the same indicators because they would all be underpinned by mutational load. We test this hypothesis using two very different deviations: atheism and paranormal belief.

My first point is – where does the strange idea originate that only fools do not believe in God?

My first association from the bible was “The fool hath said in his heart, there is no God” (Ps 14:1) But there is  more: Job 12:7 but also Rom 3:11  (citing Ps 14) and maybe also Eph 4:18. On the other hand  (Mt 1,3) thinking is not a condition of belief – making the assertion of the psalm  more the exception the rule.

Which leads to the second strange point: Is there really a higher mutational load? No – it is just a speculation.

https://www.psychologytoday.com/us/blog/unique-everybody-else/201803/the-fool-says-in-his-heart-atheists-are-mutants

There’s an even bigger problem with Dutton et al.’s claims. Many studies show that atheists are more intelligent, on average, than religious believers … . Edward Dutton published a paper on this himself.

http://blogs.discovermagazine.com/neuroskeptic/2019/03/16/are-atheists-genetically-damaged/

Although Dutton et al. argue that atheism is an “aberration,” others have argued that atheism might be adaptive in certain environments. For example, atheism tends to be associated with certain individual characteristics such as preference for logical reasoning and scepticism over intuition, along with less sociality and higher individualism.

 

Komplizierte biologische Familienverhältnisse

Adam: de novo synthetische Biologie. Eva: Transgender iPS Klon, Kains Kinder durch ödipale Inzucht, dann Riesen durch Genmutationen und ein genetisches Bottleneck in der Sintflut, bis hin zur heterologen Insemination zu Beginn unserer Zeitrechnung – komplizierte biologische Familienverhältnisse, die an die Geschichte des Zaddik erinnern.

Ein alter, frommer Jude, ein Zaddik, verließ eines Tages diese verrückte Welt und kam in jener, der wirklichen Welt, vor den Engel, der das Buch des Gedenkens, in welchem die Lebensgeschichte eines jeden verzeichnet ist, hütet und öffnet. Ein Blick ins Buch genügte, und gleich standen zwei Engel bereit, den Zaddik ins Paradies zu führen. Aber der Zaddik steht still und will nicht weggehen. Denkt sich der Engel: er hat recht. Zwei Engel sind zu wenig Ehre, und gleich war ein Engelschwarm bereit, den Zaddik ins Paradies zu führen. Aber der Zaddik geht nicht von der Stelle und sagt schlicht und einfach: ? Ich verdiene es nicht!? Entsteht eine Aufregung; Ah! Ein wahrer Zaddik! Man will ihn ins Paradies führen, und er will nicht!
Als der Herr der Welt von der Sache hört, ruft er den Zaddik zu sich und will wissen, was los ist. Sagt der Zaddik; “Rebojne Schelolam! Du kennst doch die Wahrheit! Ich habe zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Ein Unglück hat mich getroffen: Meine Tochter ist gestrauchelt und hat vor der Hochzeit ein Kind geboren und mein Sohn hat sich taufen lassen!”
Da tröstete ihn der Herr der Welt!: “Mein Lieber, es hätte, Gott behüte, noch Ärgeres passieren können! Meine Tochter Miriam hat auch ein Kind, einen Sohn, vor der Hochzeit geboren, und als der groß war, hat er sich taufen lassen. Aber das ist noch nicht alles! Nachher hat man sogar behauptet, daß ich der einzige Vater von dem Kind bin!”