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Bewusstseinsmodelle V

Interessant wäre es, sich dazu einmal die Nahhtod Forschung anzusehen, zumal es ganze Webseiten dazu gibt, wie die Near Death Experience Research Foundation. Hinter dem hochtrabenden Namen verbergen sich allerdings nur Erfahrungsberichte, die wenig objektivierbar sind. Es gibt – wie sollte es auch – keine prospektive Studie und schon gar keine Interventionsstudie.

Long hat mit den Büchern Evidence for the Afterlife und God and the Afterlife allerdings Bestseller geschrieben, so manipogo

Jeffrey Long legt jedem, der eine Nahtod-Erfahrung gemacht hat, 140 Fragen vor. Die Ergebnisse hat er aufgeschlüsselt. Da gibt es zum Beispiel 22 Nahtod-Erfahrung in Vollnarkose. Diese Leute berichteten von Bildern und Dialogen, die sie mitgekriegt hatten. Sollte es nicht geben. »Absolut unerklärlich«, sagt Doktor Long.

Aber das ist alles so eine Sache, vom einfachen Schwindel, bis zur Hypoxie des Gehirns oder dem implantierbaren Gedächtnis.


Nahtod ist eben nicht Tod.  Objektivierbare Verfahren sind jedenfalls gescheitert, so  “Militant Agnostic

In 1907 a Massachusetts physician named Duncan MacDougall tried to find out by weighing six dying patients before and after their death. He reported in the medical journal American Medicine that there was a 21-gram difference. Even though his measurements were crude and varying, and no one has been able to replicate his findings, it has nonetheless grown to urban legendary status.

Genetische Ausnahmslosigkeit?

Peter Dabrock im Deutschen Ärzteblatt

Die Keimbahn als solche ist nicht sakrosankt. Das mag auf den ersten Eindruck erstaunen, weil viele Menschen die Keimbahn als etwas Besonderes einschätzen. Aber der Mensch geht in seiner Keimbahn nicht auf – das wäre eine ethisch unstatthafte Biologisierung menschlichen Daseins.

Die Keimbahn sakrosankt? Es ist ein klassische Strohmann Argument hier: irgendetwas behaupten, widerlegen und einen Schluss zu ziehen, der nicht gerechtfertigt ist.

Ohne hier einen genetischen Exzeptionalismus zu vertreten, ist die Keimbahn natürlich etwas Besonderes – der individuelle Code des Lebens, der Blueprint von drei Milliarden Basenpaaren anhand derer sich durch einen mehrfach abgesicherten Mechanismen jeder Mensch entwickelt hat. Und zwar indivduell, jeder Mensch einzigartig, als Kind seiner Eltern, das schätzen die meisten Menschen auch völlig richtig ein.

In der Keimbahn geht der Mensch nicht auf, er entwickelt sich daraus. Hier ist dann auch noch Ursache und Wirkung vertauscht, um das vernichtende Argument abzugeben – ethisch unstatthaft – mit entsprechenden Konsequenzen.

Die Menschwerdung ist etwas Besonderes, wie es Karl Eibl es wunderbar einmal beschrieben hat.

Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.” (1. Mose 2,7). Diese alte Geschichte gibt knapp und schmeichelhaft Auskunft über die Stellung des Menschen in der Natur, aber sie wird in der Regel nur am Sonntag erzählt. Die andere, neuere und werktagsgeeignete Geschichte trägt so unangenehm plärrende Titel wie “Der nackte Affe” oder “Der dritte Schimpanse” oder “Von Menschen und anderen Tieren”. Sie hat zwar einige Plausibilität, wenn wir das Verhalten unserer Mitmenschen ansehen, aber uns selbst und ein paar Freunde würden wir gerne ausnehmen, sprechen deshalb lieber von Bewusstsein, Emanzipation von Naturzwängen, Emergenz und ähnlichen schwer definierbaren Kostbarkeiten, die uns letzten Endes doch eine Sonderstellung im Kosmos sichern sollen. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Auch der Elefant ist nicht irgendein Dahergelaufener, und wenn er sprechen könnte, würde er uns vielleicht ärgerlich versichern, dass auch er eine Sonderstellung im Kosmos hat. Eigentlich ist jede Gattung oder Art etwas Besonderes, sonst könnten wir sie ja nicht von anderen unterscheiden. Die Frage ist eher, ob das Besondere des Menschen ein besonders Besonderes, ein ganz Anderes ist.

 

Peter Dabrock zu Keimbahneingriffen

O-Ton Peter Dabrock “Apothekenschau” gestern (30.10.2019)  Darf man Erbgut korrigieren?

Herr Professor Dabrock, kürzlich wurden die ersten Menschen mit korrigierten Genen geboren. Was halten Sie davon?
Ich halte das aus mehrerern Gründen für verwerflich. So könnte das Ausschalten dieses speziellen Gens die Lebenserwartung bei den gerade geborenen Mädchen um zehn Jahre verkürzen.
Zudem wissen wir generell zu wenig über die Nebeneffekte von Genscheren. Denn sie schneiden das Erbgut nicht nur an der beabsichtigten Stelle. Niemand kennt die Folgen, die sich daraus ergeben. Auch deshalb hält keiner der führenden Wissenschaftler Genkorrekturen an der Keimbahn für verantwortbar.

Die Antwort enthält mehrere Fehler (wobei es natürlich schwierig ist, für einen evangelischen Theologen über Wissenschaft zu reden, die er nur vom Hörensagen kennt).
1. Die Lebenserwartung wird durch die Ausschaltung von CCR5 nicht verringert. Die einzige Arbeit, die das behauptet hat, wurde am 8.10.2019 zurückgezogen. Das sollte man wissen, wenn man darüber redet.
2. Die zweite Aussage ist auch falsch, denn wir wissen ziemlich genau, was die Genscheren für Nebeneffekte haben. Ich habe das für die Crispr Cas Twins vorgerechnet, sowohl für den Phänotyp als auch für die off-target Effekte. Die Folgen sind katastrophal, vermutlich der Grund, warum keiner die Kinder untersuchen darf.
3. Leider ist die ganze Diskussion Schnee vom letzten Jahr. Neuere prime editing Verfahren sind sehr präzise und können nach aktuellem Hochrechnung 90% der bekannten Mutationen reparieren. Damit ist aus technischer Sicht eine Genkorrektur verantwortbar.

Und wie steht es um die grundsätzliche Frage, ob man das darf?
Wir erreichen eine Schwelle, an der die Menschheit in der Lage ist, ihre eigenen biologischen Gurndlagen technisch zu manipulieren. Es ist eine Menschheitsfrage zu klären, ob wir das wollen oder nicht. Und darüber müssen wir zunächst eine gesellschaftliche Debatte führen. Deshalb halte ich es für ein ethisch niederes Motiv, wenn einzelne Forscher aus Ruhmsucht vorpreschen.

Der erste Satz antwortet nicht auf die “grundsätzliche” Frage ebensowenig wie der zweite  Satz.
Die “Menschheit” hat im übrigen eine Meinung dazu: Keine der großen Weltreligionen erlaubt solche Eingriffe (wie wir in einer noch nicht veröffentlichten Arbeit zeigen werden).
Und drittens, woher kennt Peter Dabrock idie ethische Motivation von He Jiankui, den er nie getroffen hat? Kollegen, die JK kennen, beschreiben seine Motivationslage als komplex, er ist in einr Gegend aufgewachsen in der ganze Dörfer an AIDS litten.

Der Deutsche Ethikrat fordert aktuell den globalen Stopp solcher Eingriffe. Hält er sie jedoch eventuell in der Zukunft für angemessen?
Ja, angenommen wir erreichen den Punkt, an dem wir solche Korrekturen für verantwortbar halten. Dann wäre es bei schweren Krankheiten sogar geboten, die Keimbahn zu korrigieren, wenn das die Chance bietet, Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen. Diesen Standpunkt vertritt die Mehrheit des Deutschen Ethikrats.

Ethik per Mehrheitsentscheidung hängt davon ab, wo die Mehrheiten gerade liegen. Heute hier, morgen da. Die Entscheidungen sollen zwar unpolitisch sein (§5 Ethikratgesetz) aber da die Mitglieder je zur Hälfte auf Vorschlag des Deutschen Bundestags und der Bundesregierung gewählt sind, ist jedes Statement des Ethikrates auch ein politisches Statement. C F Gethmann kritisiert ja auch unseren Problem-Monismus, dass die jeweiligen Wissenschaften sich jeweils auf ihr Problem konzentrieren müssen, während politisches Handeln bzw ethische Berwertung ein multidimensionales”Problemgefüge” bewältigen muss. Nur leider liegt der Ethikrat an so  vielen anderen Stellen immer wieder daneben, vermutlich weil ihm die Sachkenntnis der “Monisten” fehlt.

Es soll nun also geboten sein, die Keimbahn zu korrigieren? Auch von ethischer Seite sind die Interviewantworten von Dabrock so dubios, wie von medizinisch-biologischer Seite. Liegen hier nicht unüberwindbare Konfliktmöglichkeiten?  Es findet kaum ein Behinderter gut, was der Ethikrat sich hier ausgedacht hat. Es gibt zu viele Gründe, die gegen Keimbahneingriffe sprechen, im übrigen deutlich mehr, als der Ethikrat in seiner Stellungnahme aufgezählt hat.

Rhetorisch ist das Argument zudem schwach, denn um Menschen gravierende Einschränkungen und den frühen Tod zu ersparen, verhindert man auch nicht, dass sie sich schneller als 30 km/h bewegen.

Und spricht Peter Dabrock hier eigentlich für den Ethikrat (sprich, ist das Interview autorisiert?) Spricht er für die evangelische Kirche? Oder für die evangelische Theologie? Oder ist das Thema eigentlich völlig egal und  Dabrock spricht nur für sich selbst?

Und hat er nicht 2017 gesagt, wir sind “meilenweit von einem Designerbaby entfernt”?

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.

Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit

Endlich – nach so viel Querschlägern von evangelischen Theologen, nun endlich ein qualifizierter ökumenischer Beitrag: Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit. Als beispielgebener Ausschnit hier Markus Vogt

Trotz fundierter weltweiter Forschung zu Klimawandel, ökologischer Degra- dation, Armut und Migration gelingt der Weltgesellschaft bisher kein Um- steuern. Auch die weitreichenden Beschlüsse zu einem globalen Gesellschafts- vertrag für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen im Septem- ber 2015 als normative Leitlinie der Weltinnenpolitik bis 2030 beschlossen haben (Sustainable Development Goals), ändern daran wenig. Wider besseres Wissen verharren wir auf den bisherigen Pfaden von Ressourcenübernut- zung, exzessivem Konsum und globaler Ungerechtigkeit. Wir leben in der „Externalisierungsgesellschaft“ (Lessenich) auf Kosten der Zukunft, der Natur sowie zahlloser Menschen im Globalen Süden. In dieser Situation stellt sich die Frage, aus welchen Quellen die Kraft zu gesellschaftlicher Transformation kommen kann. Auch die Kirchen stehen hier in neuer Weise im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit

Die Kirchen sind dabei selbst oft mehr Lernende und Vermittelnde als Wissende. Deshalb sind ökumenische und interreligiöse sowie natur- und sozialwissenschaftliche Dialoge auf der Suche nach den „Minima Moralia“ einer ganzheitlichen Ökologie unverzichtbar.

Tolle, lege! Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen Politik möglich machen.

Bonus Systeme in der Wissenschaft

Schon immer gab es Belohnungs- und Bonussysteme in der Wissenschaft – materielle Anreize (Gehalt, Bonuszahlungen) aber auch immaterielle Zuwendungen (Aufmerksamkeit, Ehrungen). Dabei ist es ja eines der grössten Privilegien überhaupt, mit eigener Vorstellung, Wissenschaft zu betreiben. Warum dann diese Anreize? Und warum einzelne Wissenschaftler besonders herausheben wo vieles nur noch im Team geht? So zu tun, als sei ihre Arbeit mehr wert als die anderer? Selbst wenn sie überhaupt nicht (mehr) mehr leisten, allenfalls ihr Institut? Sowohl was Intelligenz als auch was Motivation angeht, spielt sich hier sowieso alles im oberen Drittel der Gaußverteilung ab, von einigen extremen Outliern abgesehen, die einfach Naturtalente sind.

Robert Merton (1910-2003) hat sich schon 1968 darüber Gedanken gemacht “The Matthew effect in science: The reward and communication systems of science are considered“.

Der Effekt geht zurück auf das Gleichnis der anvertrauten Talente Silbergeld in Mt 25, 29. Drei Angestellte erhalten 5, 2 oder 1 Talent Silber (also bis zu 500.000€) und vermehren beziehungsweise bewahren das Silber auf, mit der Pointe Continue reading Bonus Systeme in der Wissenschaft

Und noch ein evangelischer Theologe zur Klimakrise

Nach Zitaten von Ralf FrischRochus Leonhardt und Bernd Beuscher hier noch die Zitate eines weiteren  evangelischen Theologen, nämlich Ulrich Körtner (Wien), veröffentlicht auf evangelisch.de am 30.9.2019

Greta Thunberg wahlweise als humorlose Prophetin eines neuen Klimagottes oder als moderne Jeanne d’Arc zu etikettieren oder sie, wenn einem, wie Johannes Schneider in der Zeit, Anleihen in der griechischen Mythologie lieber sind, mit dem unverwundbaren Prometheus zu vergleichen, mag nicht ganz aus der Luft gegriffen sein.

nicht ganz aus der Luft gegriffen?

An der Bewegung Fridays for Future fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf. Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien grundsätzlich in Abrede stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr eine quasireligiöse Stellung ein.

Quasireligion? Letztinstanz?

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die hehren Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich hoffentlich einstellenden Erfolge bei Klimaschutz wieder aufzehren.

Hehre Ziele? Aufzehren? Realitätsverlust?

Noch ein evangelischer Theologe zum Klimathema

Neben Ralf Frisch und Rochus Leonhardt gibt es noch einen dritten evangelischen Theologen, Bernd Beuscher (Evangelische Hochschule Rheinland-Pfalz). Der selbsternannte Experte für Kanner/Asperger als auch für Weltklima-Fragen sagt in einem Vortrag auf der Jahreskonferenz für Schulseelsorge der EKKW und EKHN im März 2019, Zitat

.. als politische Anführerin und moralisches Vorbild ist sie eine gefährliche Fehlbesetzung. Hier ist im Gegenteil die besondere Begabung für die Kunst der Diplomatie gefragt. Deren buchstäblich langweilige Instrumente wie Geduld, Kompromiss und Kleinschrittigkeit bringen allerdings auf dem Markt der Aufmerksamkeit und der Demokratie kaum noch Quote. Greta Thunberg ist noch jung. Aber bald schon wird ihr dämmern, dass ihr als Protest gedachter Akt nur aktiver Teil der grassierenden gesellschaftlichen Parentifizierung ist, also der Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen, die sie beklagt. Bisher war dies – zum großen Entsetzen der Vorläufer – noch immer die Vorstufe zu Terrorismus. Gott bewahre uns vor einer Weltrettungskirche der Selbstgerechtigkeit mit einer aspergerbegabten Päpstin… Wie nur Ruhe finden und einmal gründlich ausschlafen zwischen Babel (dem Expertenstimmengewirr der Pros und Contras) und Bubble (dem kulturpessimistischen Technikressentiment im Kerngemeindemilieu)?

Auch hier: ad personam, krawallig, misogyn, wissenschaftsskeptisch und beleidigend.

Über Blockwarte und U-Boote

Zu dem angekündigten Rentzing Rücktritt muss man eigentlich nichts mehr sagen. Evelyn Finger und Wolfgang Thielmann haben in dieser Woche in der ZEIT die Diskussion erschöpfend zusammengefasst “Ein Bischof flieht aus dem Amt“.

Rentzing wurde Bischof im Jahr der Flüchtlingskrise, in einem Bundesland, wo später die blauen Erfolgswahlkreise der AfD genau auf dem Gebiet der frommen Gemeinde lagen: im Erzgebirge, im Vogtland, im evqngelikalen bible belt des Ostens. Wo in manchen Dörfern am Ende der kirchenfeindlichen DDR noch immer neunzig Prozent Kirchenmitglieder leben. … Nein, Rentzing sei absolut kein Rechter gewesen, …., aber er hätte gegen rechts mehr in die Offensive gehen müssen.

Aber dass nun wieder ein systematischer Theologe aufsteht, diesmal Rochus Leonhardt, und das wieder bei zeitzeichen, ja wieder zeitzeichen, das ist nun doch bemerkenswert. Zitat Leonhardt (geboren 1965 in Leipzig)

Wie etlichen anderen Akteuren im gesamtdeutschen kirchenamtlichen Protestantismus ist daher auch den Leipziger Petenten vorzuwerfen, dass sie dazu neigen, ihre – als solche respektablen – politischen Auffassungen religiös zu überhöhen, indem sie die von ihnen affirmierte AfD-Ausgrenzungs-Agenda als alternativlose handlungspraktische Folge des christlichen Glaubens ausgeben.
Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun, eher mit einer denunziatorischen Leitkultur, in der sich kleingeistige Blockwartmentalität als vom Glauben getragene demokratische Gesinnung ausgibt. Und von Klarheit kann erst recht keine Rede sein. Es sei denn, man versteht darunter die filterblasentypische fensterlose Helle einer voll ausgeleuchteten politischen Homogenität. Ich hoffe, dass in dieser Art von Klarheit nicht die Zukunft des evangelischen Christentums in Deutschland liegen wird.

Die AfD scheint also auch für diesen Theologen eine durchaus wählbare Alternative darzustellen, wenn er von Ausgrenzungs-Agenda spricht. Hat er überhaupt die Original Texte Rentzings gelesen?

Ich hoffe jedenfall weiter auf klare Worte der evangelischen Kirche zu Fremdenhass und Homophobie.  Philipp Greifenstein brandmarkt auch umgehend seine Nazirhetorik und fährt fort

Die sächsische Landeskirche befindet sich in einer geistlichen Notlage. Das gilt für Rentzings Gegner wie Freunde. Letztere wähnen den Bischof als Opfer der „political correctness“ und des Furors der Liberalen. Ihre Entrüstung wird von Akteuren der christlichen Rechten wie Helmut Matthies (Idea), Politikern der AfD und CDU und evangelikalen Kulturkämpfern wie Ulrich Parzany geschürt und kanalisiert. Diesen Kräften entgleitet im zurücktretenden Landesbischof eine Symbolfigur für den Kampf gegen die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Besonderen und „den Zeitgeist“ im Allgemeinen. … Andere sehen in Carsten Rentzing ein „U-Boot“ genau dieser rechten Kreise, das nun – angestoßen von einem anonymen Informanten – enttarnt werden konnte. Die Idee ist amüsant, dass es in den evangelischen Kirchen rechter „U-Boote“ bedürfte. Rechte Christen operieren nicht im Verborgenen, ihre Medien und Vereine sind in den evangelischen Kirchen allgegenwärtig – und zwar überall im deutschsprachigen Raum!

Allein mir fehlt der Glaube, dass die Unterscheidung von vorletzten und letzten Dingen von Greifenstein wirklich weiter hilft, Eure Rede sei nein, nein – ἔστω δὲ ὁ λόγος ὑμῶν ναὶ ναί, οὒ οὔ· τὸ δὲ περισσὸν τούτων ἐκ τοῦ πονηροῦ ἐστιν.

Ach Sachsen, schreibt die ZEIT.

Sachsen sei von Pietismus genauso geprägt wie von der Aufklärung. SED Hochburg und am Ende doch die friedliche Revolution.

Aber “wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten” (Bergmann). Daher also doch noch ein Blick zurück. In den Kommentaren bei der Petition schreibt  Karl Nolle

Rentzing wird wohl in der Dresdner Frauenkirche nicht mehr predigen und dort an die Tradition des von 1933-1945 amtierenden Landesbischof Friedrich Coch, anknüpfen, der seit 1931 Mitglied der NSDAP und Mitglied der NSDAP Gauleitung war (natürlich war das auch reine Privatsache). Coch ist der Landesbischof, der 1934 die Frauenkirche in Dresden zum Dom Deutscher Christen umbenannte. Er durchschritt zu seiner Amtseinführung mit Hitlergruß ein Spalier von vor der Frauenkirche angetretenen Hitlerjugend. Die ehrwürdige Frauenkirche war mit einer riesigen Hakenkreuzfahne geschmückt, als das neue Symbol deutscher Christen, ein Kreuz mit Haken.

Warum die Alliierten auf die Frauenkirche Ihre Bomben abgeworfen haben (das Lutherdenkmal daneben aber stehen liessen) scheint mir nun auch keine große Frage mehr zu sein.

Addendum 12.11.2019

Arnd Henze

Die Debatte um den rechtsnationale Vergangenheit des sächsischen Bischofs Carsten Rentzing hat eine viel dramatischere Nachricht überlagert: bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen hat fast ein Viertel der Kirchenmitglieder die AfD gewählt! Alle Hoffnungen, der christliche Glaube bilde eine immunisierende Kraft gegenüber den Verlockungen völkisch-nationalistischer und autoritärer Ressentiments, sind damit empirisch widerlegt. Im Raum der evangelischen Kirche formiert sich eine Religiöse Rechte, die überall dort Raum greift, wo ihr nicht entschieden Grenzen und überzeugende Alternativen entgegen gesetzt werden.

Bewusstseinsmodelle IV

Ist Sprache nur ein Ein- bzw Ausgangskanal?

Gesprochene Sprache differiert zwar sehr nach Geschwindigkeit, in der SZ Zusammenfassung von Anfang des Monats haben

Sprachforscher haben gemessen, wie viele Silben Menschen in 17 verschiedenen Sprachen pro Sekunde vorlesen. Die Geschwindiglkeit fiel sehr unterschiedlich aus. Doch alle untersuchten Sprachen transportieren Informationen mit nahezu konstant 39 Bit pro Sekunde… Als schnellste Sprache der Welt gilt gemeinhin Japanisch. Fast acht Silben kommen im Durchschnitt pro Sekunde aus den Mündern von Japanern. Spanier sprechen ähnlich schnell, auch Italienisch und Baskisch gelten als schnelle Sprachen, wenn man allein die Zahl der gesprochenen Silben pro Zeiteinheit betrachtet. Deutsch und Mandarin rangieren in diesen Rankings hingegen auf den hinteren Plätzen.

Die 39 bit mittlere Verarbeitungsgeschwindigkeit sein damit sprachunabhängig, Denken funktioniert damit unabhängig von Sprache.

Bewusstseinsmodelle III

Die Gleichsetzung Hirn gleich Hardware oder Geist gleich Software habe ich bewusst in dem letzten Beitrag vermieden. Interessanterweise geht Dirnagl gerade im LJ darauf ein. Er schreibt über das Nonsense Papier “Brain Machine Interface” im LJ

… Zumal das Gehirn Programmierung und Codes auch gar nicht nötig hat. Gefühle, Gedanken, Absichten und so weiter sind die koordinierte Aktivität von Milliarden von Nervenzellen und Fantastillionen von Verbindungen zwischen ihnen – man kann auch sagen, Kognition ist „verkörpert“ (embodied). Der Gedanke an einen Baum ist die elektrische Aktivität und neuronale Konnektivität wie sie beim Betrachten dieses Baumes auftritt. Und die Erinnerung an diesen Baum ist die Wiederherstellung dieses elektrochemischen Zustandes.
Dabei kann das Gehirn durchaus mit Codes umgehen. Nicht nur extern beim Program­mieren, auch intern beim Sprechen und Schreiben. Sprache ist nämlich ein Code, also symbolische Repräsentation. Aber Sprache braucht man nicht für Fühlen, Denken, Handeln – sie ist nur ein Mittel dazu. Da Kognition sich folglich keines Codes oder Programms bedient, gibt es auch nichts auszulesen oder einzuspielen ins Gehirn.
Man könnte zwar versuchen, etwa beim Blick auf einen Baum, die Aktivität jeder einzelnen der 80 Milliarden Nervenzellen gleichzeitig zu messen – und dazu den Zustand der Hunderte von Trillionen Verbindungen zwischen ihnen. Aber dann wäre man immer noch nicht weiter. Denn dann hätte man zwar ein Abbild des elektrischen Gewitters dieses Gehirns beim Blick auf den Baum. Aber die Nervenzellen eines anderen Menschen erzeugen andere Verbin­dungen und andere Aktivitäten beim Blick auf denselben Baum. Auch weil verschiedene Gehirne eine über viele Jahre zurückreichende unterschiedliche Geschichte haben, die jeweils wiederum zu dieser spezifischen Konnektivität und Aktivität beim Blick auf den Baum beigetragen hat. Diese Geschichte müsste man kennen, um aus dem Gewitter Sinn zu machen, also den Inhalt „Baum“ dekodieren zu können.

Das kann man nach aktuellem Wissensstand nicht besser sagen.

In Abwandlung von Descartes “sum quod cogito” ist Denken ein Zustand und zwar der parallelen Aktivität von Milliarden von Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn die Verbindung zur Aussenwelt (Thalamus etc) gestört ist.

Two major checkpoints of development in cerebral cortex are the acquisition of continuous spontaneous activity and the modulation of this activity by behavioral state. Despite the critical importance of these functions, the circuit mechanisms of their development remain unknown. Here we use the rodent visual system as a model to test the hypothesis that the locus of circuit change responsible for the developmental acquisition of continuity and state dependence measured in sensory cortex is relay thalamus, rather than the local cortical circuitry or the interconnectivity of the two structures. … Together our results indicate that cellular or circuit changes in relay thalamus are critical drivers for the maturation of background activity, which occurs around term in humans.

Wie aber passt nun das Konzept einer “Beseelung” des Menschen zu Beginn seiner Existenz? Einer bei Null startenden neuronalen Aktivität? Nehmen wir die Warnung wahr, daß “jeder auf den Neuro Zug aufspringen will” und schauen uns trotzdem die Dissertation von Scheyda an: “Die theologische Lehre von der unsterblichen Seele vor dem Hintergrund der Diskussion in den Neurowissenschaften“.

Nach dem Kirchenvater Justin  würde es nicht mal eine Beseelung brauchen, weil die Seele zusammen mit dem Körper entsteht

Damit lehnt Justin eine präkosmische Existenz der Seele ab und betont so ihre wesentliche Beziehung zum Leib. Die Seelen wurden um der Menschen willen. Möglicherweise seien sie erst „mit ihren eigenen Leibern“ erschaffen worden. Die Seele ist nicht Leben, sondern sie hat Leben.

(wird fortgesetzt)

 

Ein bundesweiter Konflikt?

Wissenschaft ist immer weniger frei in Wahl von Themen und Methoden – daher auch das jüngste Abschlussmemorandum der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Die Unzufriedenheit zeigt sich nun auch im Aufbegehren von Hochschullehrern in Göttingen (SZ von heute)

Eine Gruppe Professoren rebelliert gegen die Wahl des neuen Uni-Chefs – und meint eigentlich die moderne Hochschulkultur. … Thomas Kaufmann hat sich gerade erst hingesetzt, da bricht es aus ihm heraus. “Es geht um unser Ethos als Hochschullehrer”, ruft der Kirchenhistoriker. “Unser Beruf genoss einmal großes Ansehen. Wir müssen uns den Respekt zurückholen. Vor allem aber unsere Selbstachtung.” … “Wir begehren gegen ein System auf, das uns Professoren zu Empfängern von Managementvorgaben macht”, sagt Kaufmann. Über Zielvereinbarungen etwa, mit denen Professoren versprechen müssten, eine bestimmte Menge an Fördergeldern einzuwerben. “Das sind für mich Prostituierungsphänomene der Wissenschaft!”

Ralf Frisch und sein “Fuck you Greta” Artikel auf Zeitzeichen

Sogar Amazon hatte ein Einsehen und entfernte die unsäglichen Greta Aufkleber von der Webseite, nachdem Timo Stein den US Konzern darauf aufmerksam gemacht hatte. Auch der europäische Gerichtshof kennt kein Pardon mit dieser Art von beleidigenden Sprüchen. Ganz im Gegensatz dazu hat Ralf Frisch, evangelischer Theologe aus Nürnberg, Ex-Militärdekan, Science fiction Fan, keine Hemmungen, sich über die letzten drei Aufkleber auszulassen, die er noch bei Amazon ergattern konnte. Alles im Detail nachzulesen auf www.zeitzeichen.de/node 7759.

Was soll man dazu sagen? Ein evangelischer Theologe als Klimatroll? Gedruckt von einem Magazin, bei dem der EKD Ratspräsident Herausgeber ist? Rainer Oechslen hatte Frisch schon früher als Populist bezeichnet, auch das Resume von Karl Eberlein  war wenig wohlwollend. Und nun – ein 49jährige Mann, der sich an einem 16jährigen Mädchen abarbeitet? Allerdings nur platonisch, denn der Ausspruch “Fick Dich” ist für ihn eine Geste “frei von jeglicher sexuellen Konnotation”. “Darf ich?”,  “Könnte ich”,  “Nehmen wir an”, “Mit dem Gedanken spielen” – der ganze Artikel scheint in der Angst redigiert worden zu sein, wie denn Staatsanwaltschaft Nürnberg oder EVHN Präsidentin das ganze wohl rezipieren könnte.

Frisch ist ja generell der Meinung, die evangelische Kirche sei im dauerhaften Zustand der Verblendung. Sein eigenes Credo am Fahrzeugheck „Unterwegs im Auftrag des Herrn“ ist allerdings mehr Tote-Hosen-Klamauk als echtes Glaubensbekenntnis. Jedenfalls hat er keine Berührungsängste mit den klassischen Argumenten der rechten Szene “man wird das ja mal noch sagen dürfen”. Im Original liest sich das dann so:

Und so erlaube ich mir an dieser Stelle anzumerken, ob nicht auch und gerade das Feld des Klimaschutzes ein Ort für jene theologisch gebotene Ideologiekritik sein könnte.

Wieder so ein “könnte”. Und was ist schon t h e o l o g i s c h geboten, frei nach Anaïs Nin “we don’t see things as they are, we see them as we are”?

Aber nun sapere aude geschieht ein Wunder direkt vor unseren Augen: Ein Theologe, Experte für Glauben und Jenseitiges, befindet sich in der Metamorphose zum Experten für Fakten und Diesseitiges. Dabei lässt er keine Peinlichkeit aus, geriert sich auch noch als warmherziger Fürsprecher von AfD Wählern. Das ist entgegen jeder anderslautenden Beteuerung die permanente Provokation des Artikels, um über Nürnberg hinaus etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

Demokratie wird als “Kompromisserzeugungsmaschinerie” verhöhnt, Frisch schwafelt von “Ökodiktatur”und “sogenanntem” herrschaftsfreien gesellschaftlichen Dialog. Greta Thunberg wird als “Jeanne d’Arc” oder “Prophetin” gehänselt – ist das aus Compact, der Sezession oder einer sonstigen rechten Postille abgeschrieben? Der “totaler Verdacht” hört sich auch mehr nach Nazirhetorik an und wer immer noch Zweifel hat: Die Greta Aufkleber wurden im Sortiment mit Stickern wie “Lieber Kernkraft als Flüchtlingsstrom” verkauft.

Jede Kritik wird vorsorglich schon mal als intolerant gebrandmarkt – Frisch gibt ja schliesslich laut Homepage auch “Rhetoriktrainings für Menschen, die etwas zu sagen haben”. Leugnet er nun die Klimaänderung? Ich bin mir nicht sicher. Einerseits räumt er ein, dass sich der Tanker der “biosphäregefährdeten Zivilisation” zu wenden habe, andererseits redet er von “kognitiver Dissonanz”, “Wutbürgertum”, “Klimaschutzsemantik”, “Szenario”,  “neuer Glaube” und “Klimahysterie”. Ziehen wir einen Strich und addieren auf,  dann ist Frisch ohne Zweifel Klima(wandel)leugner.

Habermas ging in seiner Friedenspreisrede auf die Reflexion der Gläubigen zu ihre Stellung in einer pluralistischen Gesellschaft ein.

Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen Konfessionen und anderen Religionen verarbeiten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben. Schließlich muss es sich auf die Prämissen des Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer profanen Moral begründen. Ohne diesen Reflexionsschub entfalten die Monotheismen in rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potenzial.

Das destruktives Potential ist offensichtlich da. Aber schauen wir uns die theologischen Aussagen an. Frisch meint, im Windschatten Karl Barths unterwegs zu sein. Angeblich hätte Karl Barth hat im ersten Band seiner „Kirchlichen Dogmatik“ Häresie als Unglaube in Gestalt des Glaubens definiert. Nur, Originalzitat Barth,

Wir verstehen unter Häresie eine solche Gestalt des christlichen Glaubens, der wir zwar formell (weil auch sie sich auf Jesus Christus, auf seine Kirche, auf die Taufe, auf die Heilige Schrift, auf gemeinsame christliche Bekenntnis-formeln usw. bezieht) ihre Eigenschaft als Gestalt des christlichen Glau-bens nicht abstreiten können, ohne doch in der Lage zu sein, zu verstehen, was wir damit tun, wenn wir sie als solche anerkennen, weil wir ihren Inhalt (die in ihr stattfindende Interpretation dieser gemeinsamen Voraussetzungen) nur als Widerspruch gegen den Glauben verstehen können.

ist Häresie eine systemimmanente Abweichung. Eine physikalische Beschreibung der Erdatmosphäre fällt aber nicht wirklich in die “Gestalt des christlichen Glaubens”, sie ist ohne Zweifel  der Physik zuzuordnen. Es ist – und das mein eigentlicher Einwand gegen Frisch – kein neuer Glaube, sondern eine wissenschaftliche Erkenntnis. Diese Erkenntnis hätte er überall nachlesen können, ein einziger populärwissenschaftlichen Artikel hätte gereicht. Mit den Worten von Hannah Arendt “Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.”

https://www.jetzt.de/glotzen/klimaaktivistin-greta-thunberg-in-der-daily-show-mit-trevor-noah

So wirft sein Elaborat dann auch kein “erhellendes Licht” auf die theologische Problematik, sondern zeigt nur, dass er nicht mal korrekt zitiert. Kann Barth wirklich als Legitimation für Kritik an Fridays for Future herhalten? Barth, der die theoretische Grundlage “für den Widerspruch gegen Krisenphänomene der Moderne wie wirtschaftliche Ungleichheit, völkische und nationalsozialistische Ideologie und atomares Wettrüsten” gelegt hat wie kein anderer?

Die “malträtierte Welt gelassen und heiter der Fügung und Vorsehung Gottes überlassen”, er wird sich schon erbarmen? Auschwitz spricht dagegen, wenn sich Gott nicht mal seines auserwählten Volkes erbarmt.

Der Auftrag an Adam war im übrigen Bewahren der Schöpfung und nicht Zerstörung. Und selbst Paulus weiss: was ein Mensch sät, das wird er auch ernten. Oder ist das etwa alles sowieso egal, da  mit den evangelikalen Untergangsbeschwörern die Endzeit nun angebrochen ist, in der Himmel und Erde vergehen werden? Frisch’s Unterscheidung von “vorletzten” und “letzten” Dingen und die Unterscheidung der zwei Regimenter erinnert fatalerweise erneut an die „christliche Weltflucht“ des deutschen Luthertums.

Dabei würde ich das Thema nicht einmal Barth, sondern eher Bonhoeffers Ethik zuordnen, der die Spannung von Vorletztem und Letztem als extreme Formen beschreibt, aber weder die „radikale“ Lösung (mit Christus als Feind des Vorletzten und  Gott als letztem Richter) noch die “Kompromiss”-Lösung (das Letzte als metaphysischer Glaubensinhalt und Gott als Schöpfer) akzeptieren kann.

Beide Lösungen sind in gleicher Weise extrem und enthalten in gleicher Weise wahres und falsches… Beides sind unerlaubte Verabsolutierungen an sich gleich richtiger und notwendiger Gedanken. Die radikale Lösung denkt vom Ende aller Dinge, von Gott dem Richter und Erlöser, her, die Kompromißlösung denkt vom Schöpfer und Erhalter her; die einen setzen das Ende absolut, die anderen das Bestehende. So gerät Schöpfung und Erlösung, Zeit und Ewigkeit in einen unauslösbaren Widerstreit, und so wird die Einheit Gottes selbst aufgelöst, der Glaube an Gott zerbricht.

Ralf Frisch bleibt in seiner Argumentation davon unangefochten – frei nach Wittgenstein “daß die Sonne morgen aufgehen wird, ist auch nur eine Hypothese”. Irgendwann geht ihm aber bei seinem “Spiel mit dem Feuer” dann doch der Mut aus. Zeitzeichen hat in einem Postskriptum schon eingeräumt, daß der Text zunächst mit anderer Überschrift und in einer anderer Fassung erschien. (Zeitzeichen befasst sich ansonsten gerade mit Heidi Klums Hochzeit und hat mich auf den Autor verwiesen, der aber nicht auf Emails antwortet. Auch bei archive.org, idea.de und kath.net war die zuerst veröffentlichte Version nicht zu bekommen).

Das ist vielleicht auch besser so. Bleibt nur noch die Frage zu klären, warum ich überhaupt diesen Text kommentiere. Besser wäre es sicher gewesen, ihn zu ignorieren. Aber erstens ist Frisch in Tateinheit auch noch theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Würde sein Beitrag ohne Widerspruch bleiben, wäre das ein triftiger Austrittsgrund. Zweitens fürchte ich, daß in der evangelischen Kirche noch sehr viel mehr narzisstisch gekränkte alte weisse Männer regieren. Denn nach Ferdinand Otto ist der anthropogen verursachte Klimawandel nun bereits die vierte Attacke auf ihr Weltbild.

So sei das schon gelaufen, als Nikolaus Kopernikus herausfand, dass sich die Erde um die Sonne dreht – seinerzeit eine Ungeheuerlichkeit. Charles Darwin konfrontierte seine Zeitgenossen dann mit der Tatsache, dass der Mensch nicht Gottes Ebenbild ist, sondern ein hochentwickelter, haarloser Affe. Die dritte Kränkung des Menschen schließlich machte sich der Wiener Psychoanalytiker ganz unbescheiden selbst zu eigen: Die Erkenntnis nämlich, dass der Mensch nicht einmal Herr über sich selbst ist, dass da nämlich noch Es und Über-Ich unter unserem Bewusstsein schlummern.

Für manche Christen ist diese Kränkung besonders schmerzhaft – der Mensch, obwohl “Krone der Schöpfung”, ist offensichtlich so wenig intelligent, dass er dabei ist, die Schöpfung zu vernichten.

 

 

Addendum 7Sep19

chb = Christoph Breit  hat unter dem Account der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern am 16.8.19 den Frisch Artikel auf Facebook verbreitet. Er verlinkt dazu auch noch zu idea, wo 21 der aktuell 25 Kommentare Frisch zustimmen (und nur am Rande, die “evangelische Nachrichtenagentur idea” zensiert gerne mal kritische Kommentare, allerdings nur wenn sie nicht auf idea Linie liegen).

Screenshot facebook

 

Ganz im Gegensatz zu der offiziellen Reaktion der ELKB stehen die Anmerkungen der Theologen Mertin und Diebel-Fischer.

Andreas Mertin. Ein Bekenntnis zur Umwelt-Häresie. Not-wendige Anmerkungen zu Ralf Frischs umstrittenen Text zur Klimahysterie. https://zeitzeichen.net/node/7784

Zur Diskurskultur gehört auch, dass man mediale Zuschreibungen nicht den handelnden Figuren zurechnet. Greta Thunberg kann nichts dafür, dass einige Medien sie zur Ikone oder zur Zielscheibe erklärt haben. Sie muss in ihrem Sachanliegen wahrgenommen und diskutiert werden. …Nicht einmal im Ansatz erkenne ich ein Bemühen um ein Verständnis dessen, was Greta Thunberg und die Bewegung „Fridays for Future“ antreibt – ganz im Gegenteil, ich würde es als Hetze bezeichnen. Auch so etwas ist indiskutabel.

Hermann Diebel-Fischer. Theologische Brandstiftung. Ein Kommentar zu Frischs Klimakrisenkritik. https://netzwerktheologie.wordpress.com/2019/08/18/theologische-brandstiftung/ und https://zeitzeichen.net/node/7773

Von Frisch als problematisch Wahrgenommenes wird von ihm zur Religion theologisiert und dann zur Häresie erklärt. Das ist eine perfide Abwehrstrategie, die man sich genauer ansehen muss. Sie dürfte politisch nicht neu sein und lässt protestantismustheoretisch alle Alarmglocken ob einer unbotmäßigen Inanspruchnahme theologischer Topoi schrillen.
Und dann meint auch noch ein Theologe, er sei Schiedsrichter. Stephan Schaede. Sine ira et studio. Zu Ralf Frischs Klimahäresie-Vorwurf und seinen Kritikern. https://zeitzeichen.net/node/7815

Die Gewissheit dieser Bewegung ist eine weltliche. Sie ist insofern für geistliche Kontexte ein immer nur tönerner Gewissheitsproduzent…

Also noch ein Irrlicht. Thomas Assheuer meint daher nicht ohne Grund  diese Woche “der Teufel trägt Öko

In tiefer Sorge um die Freiheit blicken viele konservative Geister auf grüne Politiker, sie warnen vor Buß- und Wanderpredigern, vor klimareligiösen Selbsterlösern und Menschen, die es genießen, das Genießen zu verbieten.

Matthias Drobinski “der Protest hat eigene Rituale entwickelt

Eine säkulare Klimareligion sei da entstanden, sagen vor allem jene, denen das alles zu weit geht, die gar behaupten, es gäbe kein Problem mit dem Klima – und wer in der Welt nasse Füße bekomme, solle halt die Beine hochziehen. Das ist infam, weil es die Erkenntnis der Wissenschaftler, dass die Erderwärmung menschengemacht und menschheitsgefährdend ist, in den Bereich des Irrationalen verlagert: Kann man glauben oder nicht, was die Klimapfaffen predigen. Es gibt aber trotzdem eine säkularreligiöse Dimension der Klimaproteste, die man diskutieren kann.

Andreas Mertin “Vom Elend heutiger Theologie” Theomag 2019; 120

Ich nenne das, was hier von Ralf Frisch zelebriert wird, die intellektuelle Verwahrlosung deutscher Theologie… Man muss sich das wirklich einmal vor Augen halten: am Anfang des 21. Jahrhunderts bezeichnet ein lutherischer Theologe eine junge Klima-Aktivistin zumindest sprichwörtlich als Teufel.

Bei Twitter herrscht die Fassungslosigkeit vor.

Bewusstseinsmodelle II

Edge

So, here’s a potential operational criterion in something like expressed puzzlement about consciousness of the kind that we do. Once you’ve got an AI system that says, “I know on principle I’m just a bunch of silicon circuits, but from the first-person perspective, I feel like so much more,” then maybe we might be onto something in understanding the mechanisms of consciousness. Of course, if that just happens through somebody programming a machine to imitate superficial human behavior, then that’s not going to be so exciting. If, on the other hand, we get there via trying to figure out the mechanisms which are doing the job in the human case and getting an AI system to implement those mechanisms, then we find via some relatively natural process, that it A) finds consciousness in itself and B) is puzzled by this fact. That would at least be very interesting.

And the interview details

GERSHENFELD: What do you think about the mirror tests on elephants and dolphins for sense of self?
CHALMERS: Those are potential tests for self-consciousness, which, again, is a high bar. There are plenty of animals that don’t pass them. So, are they not self-conscious? No. They’re probably just not very good with mirrors.
GERSHENFELD: But do you think that’s a falsifiable test of sense of self?
CHALMERS: That’s pretty good evidence that the animals who pass it have certain kinds of distinctive self-representations, yes. I don’t think failing it is any sign that you don’t. I would also distinguish self-consciousness, which is a very complicated phenomenon that humans and a certain number of mammals may have, from ordinary conscious experience of the world, which we get in the experience of perception, of pain, of ordinary thinking. Self-consciousness is just one component of consciousness.

Bewusstseinsmodelle I

Es ist schon lange her, dass ich Eccles & Popper “Das Ich und sein Gehirn” gelesen habe, irgendwann Ende der 70er Jahre?
Den interaktionalen Dualismus fand ich überzeugend, auch wenn es keinen wirklich nachvollziehbaren Mechanismus  dafür gibt, ausser vielleicht die Quantenverschränkung.

Von Verschränkung spricht man in der Quantenphysik, wenn ein zusammengesetztes physikalisches System, z. B. ein System mit mehreren Teilchen, als Ganzes betrachtet einen wohldefinierten Zustand einnimmt, ohne dass man auch jedem der Teilsysteme einen eigenen wohldefinierten Zustand zuordnen kann. Im Bereich der klassischen Physik kann es dieses Phänomen nicht geben. Dort sind zusammengesetzte System stets separabel, d. h. jedes Teilsystem hat zu jeder Zeit einen bestimmten Zustand, der sein jeweiliges Verhalten bestimmt, wobei die Gesamtheit der Zustände der einzelnen Teilsysteme und deren Zusammenwirken das Verhalten des Gesamtsystems vollständig erklärt.

Es gibt somit gute Gründe, das neue Buch von Lagercrantz “Die Geburt des Bewusstseins” anzusehenn. Von den vielen Modellen hat es Lagercrantz vor allem Baars‘ Global Workspace Theory angetan

6.3. Es gibt verschiedene theoretische Modelle des Bewusstseins. Bernard Baars formulierte die Theorie, dass es im Gehirn einen sogenannten globa- len Arbeitsraum für das Bewusstsein gibt (Global Workspace Theory), und bediente sich dabei der Metapher des Theaters. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass es einen globalen „Bühnenbereich“ gibt, in dem eine Art Synthese zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stattfindet. „Derhelle Fleck, den ein Scheinwerfer in einem dunklen Theater auf die Bühne wirft, steht für die Verknüpfung verschiedener Sinneseindrücke zu einem einzigen bewussten Erlebnis“). Alles andere, wie zum Beispiel die Menschen, die im Publikum sitzen oder hinter den Kulissen arbeiten, ist unbewusst. Doch es gibt auch Faktoren wie den Regisseur und das Drehbuch, die „den Inhalt des Bewusstseins formen, indem sie den Schauspielern im Rampenlicht vorgeben, was diese sagen sollen“

Wie das alles zur jüdisch-christlichen Anthropologie und dem Leib-Seele Dualismus passt? Ein fiktives Theaterstück? Das erinnert zunächst mal an Ijob, dem vor allem in der Himmelsszene der Satan immer wieder seine Frömmigkeit bezweifelt.

Auch wenn ich Daniel Dennetts biologistischer Sicht wenig abgewinnen  kann, sein Ausspruch  dass der “menschliche Geist so etwas wie eine sequentielle virtuelle Maschine, die – ineffizient – auf der parallelen Hardware implementiert ist, die uns die Evolution beschert hat“ könnte doch eine gute Umschreibung des Leib-Seele-Problems sein. Sie lässt sowohl Hirnphysiologen Raum zur Exploration, erlaubt gleichzeitig aber auch den Geisteswissenschaften den Freiheitsraum, um ihre Vorstellungen zu entwickeln. Die wichtigste Frage einer Philosophie des Geistes bleibt  allerdings: Wo findet die Verschränkung statt? Bestimmt nicht in der Epiphyse wie Descartes meinte. Aber sie müsste doch nachweisbar sein, irgendwo als biologischer oder physikalischer Ort. Ein Ort, der irgendwann in der Entwicklung des Kindes entsteht – wie bei Lagercrantz beschrieben – dsyfunktional im Schlaf, kurzfristig störbar durch Hypoxie, längerfristig gestört bei Narkose, Manie, Depression oder Schizophrenie und irgendwann abgeschaltet im Tod.

Aber nehmen wir Dennetts Idee auf und schauen wir uns die Implementierung einer virtuellen Maschine (VM) auf einer beliebigen Hardware an

Typischerweise können Gastbetriebssysteme und Programme nicht erkennen, ob sie auf einer virtuellen Plattform ausgeführt werden – solange sie von der virtuellen Maschine unterstützt werden. Die Software kann genauso eingesetzt werden, als ob sie auf einer physischen Serverhardware installiert wäre. Zum Beispiel kann an das Gastbetriebssystem eine physische Festplatte erkennen. Die tatsächlichen I/O-Anfragen werden aber durch die Virtualisierungs-Schicht übersetzt und in eine Datei umgeleitet, auf die das Host-OS Zugriff hat.Virtuelle Maschinen bieten zahlreiche Vorteile gegenüber der direkten Installation von Betriebssystemen und Software auf der physischen Hardware. Die Isolation gewährleistet, dass Anwendungen und Dienste, die innerhalb einer VM laufen, das Host-OS oder andere VMs nicht beeinträchtigen. Virtuelle Maschinen können problemlos verschoben, kopiert und zwischen Host-Servern neu zugeteilt werden, um die Hardware-Ressourcen-Auslastung zu optimieren.

Wo könnte die Virtualisierungsschicht des biologischen Virtual-Machine-Monitors sein? Wenn dieser software basiert ist, dann erübrigt sich die Suche nach den Kontaktpunkten. Allerdings käme  man darüber sehr schnell zu Seelenwanderung und anderen parapsychologischen Phänomenen. Wenn das VVM Interface allerdings hardware basiert ist – dann wäre ein VVM Konzept des Bewusstseins testbar. Etwa Halothan einatmen und dann mit Femtosekunden-Spektroskopie nachsehen, ob es vielleicht Ähnlichkeiten mit dem einzig bisher biologisch bekannte Verschränkungssystem, dem  Lichtsammelkomplex,  gibt. Anatomisch scheint mir aber alles aber noch recht unklar, nochmal Lagercrantz, S.93

Pennfield und Jackson hatten jedoch bereits angezweifelt, dass sich das Bewusstsein nur im zerebralen Cortex befindet. Sie fanden heraus, dass auch Patienten ohne Cortex zu einem gewissen Grad über ein Bewusstsein verfügen. Seit einigen Jahren wird diese These von Björn Merker unterstützt, der Kinder mit Hydranenzephalie und Anenzephalie untersuchte.