Die Logienquelle Q ist ein hypothetisches Dokument: jene rund 235 Verse, welche die Evangelisten Matthäus und Lukas teilen, ohne dass sie bei Markus stehen. Von den 661 Markus-Versen finden sich etwa 600 bei Matthäus und rund 350 bei Lukas wieder, wobei die genauen Zahlen je nach Zählweise (wörtliche Parallele oder inhaltliche Entsprechung) schwanken. Diskutiert wird, ob Q noch vor dem Markusevangelium entstanden und zumindest in seinen Anfängen in Galiläa zusammengestellt worden ist.
Als ich 1979 Theologie studierte, war Q nur als singulärer Corpus bekannt. John Kloppenborg hat dann 1987 eine einflussreiche Schichtenanalyse vorgelegt: Q1 als ältere weisheitliche Unterweisung (Feldrede, Aussendungsrede, Vaterunser, Sorget-nicht-Worte) und Q2 als spätere redaktionelle Gerichtsschicht (Täuferpredigt, Beelzebul, Jonazeichen, Weherufe, Menschensohn-Worte), dazu Q3 als späte Ergänzung mit der Versuchungserzählung. Die These beruht auf literarkritischen Argumenten: charakteristische Formen, charakteristische Motive und impliziertes Publikum. Übereinstimmungsraten zwischen Matthäus und Lukas spielen bei Kloppenborgs Zuordnung keine Rolle, ein Test daran ist also nicht zirkulär.
Eine unabhängige, quantitative Überprüfung fehlt meines Wissens; mir war es immer zu aufwendig, Texte einzulesen, n-gram und Übereinstimmungen zu rechnen. Für Details zum Textbestand siehe das Internationale Q-Projekt im Anhang.
Die überprüfbare Hypothese: Wenn Q1 und Q2 unterschiedliche Entstehungs- oder Überlieferungsgeschichten haben, könnte sich das in der wörtlichen Übereinstimmung zwischen Matthäus und Lukas niederschlagen. Diese Übereinstimmung gilt seit langem als bimodal, manche Perikopen sind im Griechischen fast identisch, andere teilen nur den Inhalt. Verteilt sich diese Bimodalität zufällig über das Material, oder folgt sie den Schichten?
Methode. Textgrundlage ist der SBLGNT (griechischer Text, dekodiert aus einem SWORD-Modul). Klassifiziert wird nach der vers weisen Zuordnung von Kloppenborg: 19 Perikopen Q1, 25 Q2, 1 Q3. Für jede Perikope wurde die Übereinstimmung zwischen dem Lukas- und dem Matthäustext berechnet: längste gemeinsame Teilfolge (LCS) auf Wortebene, normalisiert auf die mittlere Perikopenlänge, sowie der Jaccard-Index gemeinsamer 4-grams. Verglichen wurden die Verteilungen per Mann-Whitney-Test, ergänzt um einen Permutationstest und Kontrollen für Länge, Gattung und Position im Matthäusevangelium.
Als Eichung dient die Dreifachüberlieferung. Dort, wo Matthäus und Lukas nachweislich dieselbe erhaltene schriftliche Quelle kopieren, nämlich Markus, lässt sich mit derselben Metrik messen, wie das Kopieren einer gemeinsamen Schriftquelle quantitativ aussieht. 27 Perikopen, dieselbe Rechnung.
Ergebnis. Die beiden Schichten unterscheiden sich in der Wortlauttreue nicht signifikant. LCS-Übereinstimmung liegt im Median bei 0,34 (Q1) gegen 0,47 (Q2), p = 0,17. Beim 4-gram-Jaccard Test 0,03 gegen 0,12, p = 0,045, also gerade so an der Signifikanzgrenze und ohne Korrektur für multiples Testen. Was in der Doppelüberlieferung bimodal streut, streut nicht entlang der Schichtgrenze.
Die Markus-Baseline liegt bei einem Median von 0,349 (Mt gegen Mk 0,46, Lk gegen Mk 0,43). Die ursprüngliche Erwartung von 0,5 bis 0,6 trifft nicht zu; die Mt-Lk-Übereinstimmung ist die Schnittmenge zweier unabhängiger Redaktionen und liegt damit unter der Wortlauttreue jeder einzelnen Redaktion.
Gemessen daran ist Q1 (0,343) von der Baseline statistisch ununterscheidbar. Q1-Material verhält sich also exakt so, wie zwei Evangelisten eine gemeinsame schriftliche Quelle mit normaler redaktioneller Freiheit kopieren. Die niedrige Q1-Übereinstimmung ist kein Argument gegen eine Schriftquelle. Q2 (0,473) liegt über der Baseline, mit p = 0,043 gerade wieder signifikant.
Interessanter ist eine Grenze quer dazu. Q2 ist intern bimodal. Kurze Orakelsprüche unter 160 Wörtern liegen bei Median 0,62: Rückkehr des unreinen Geistes 0,83, Otterngezücht-Predigt des Täufers 0,82, Jerusalem-Klage 0,81, Jubelruf 0,77, Dieb in der Nacht 0,77, treuer Knecht 0,74.
Die langen Gleichnisse derselben Schicht liegen bei 0,42 und darunter: Gastmahl 0,15, verschlossene Tür 0,17, Pfunde 0,22. Derselbe Gradient findet sich in Q1 (kurz 0,38, lang 0,29) und in der Markus-Baseline, wo die spruchlastigsten Perikopen die Liste anführen (Feigenbaum-Gleichnis 0,57, Vollmachtsfrage 0,54, Leidensankündigung 0,53) und reine Erzählung bei nur 0,2 bis 0,4 liegt.
Interpretation. Die Überlieferungstreue folgt mehr Form und Länge, nicht der Schicht. Kurze, stark strukturierte prophetische Rede mit Parallelismen und Reihungen lässt sich wohl nicht gut paraphrasieren, ohne sie zu zerstören – sie wird also zitiert, nicht nacherzählt. Lange Erzählgleichnisse und Mahnrede werden dagegen umformuliert. Beide Evangelisten haben denselben Reflex, und deshalb bleibt die Schnittmenge bei formelhaftem Kurzmaterial hoch, unabhängig davon, aus welcher Schicht es stammt. Dass die Weherufe gegen die Pharisäer, ein Kernstück von Q2, mit 0,26 zu den niedrigsten Werten überhaupt gehören, passt auch dazu, denn es ist der längste Block im ganzen Material.
Damit stützt die Messung die Zwei-Schichten-Hypothese nicht unbedingt. Sie widerlegt sie auch nicht, denn Kloppenborgs Argumente sind literarkritisch und stehen oder fallen nicht an Wortlautstatistik. Sie hätte aber eine Signatur haben können, die hier nicht gefunden wurde. Unter der Farrer-Hypothese (Lukas benutzt Matthäus, kein Q) lesen sich dieselben Zahlen ohnehin genauso: Lukas zitiert kurze Gerichtsworte wörtlich und baut lange Erzählstücke um. Die Messung diskriminiert nicht zwischen gemeinsamer Quelle und direkter Abhängigkeit, sie ist kein Existenzbeweis für Q, keine Datierung und auch keine Richtungsentscheidung.
Bemerkenswert bleibt aber der Q1-Befund. Q1 ist fast reines Spruchmaterial, liegt aber auf dem Niveau, das Matthäus und Lukas dem Markus-Erzählstoff angedeihen ließen, also niedrig für Spruchgut. Ob das an einer variantenreicheren Vorgeschichte liegt, an divergenten Rezensionen, an unabhängigen Übersetzungen aramäischer Vorlagen oder schlicht daran, dass Paränese Gebrauchstext ist, das lässt sich hier nicht entscheiden.
Weitere Einschränkungen. Die Baseline setzt voraus, dass beiden Evangelisten ein Markustext nahe dem kanonischen vorlag. Die Diskussion um Proto- und Deuteromarkus und die minor agreements stellt das in Frage. Die Metrik setzt schließlich eine gemeinsame griechische Vorlage voraus.
Anzumerken ist, dass Markus Tiwald in seiner Einführung von 2016 die Kloppenborg-Stratigraphie nicht übernimmt. Er spricht von Wachstumsringen in Q, von schriftlichen Vorstufen und von “secondary orality” und löst die Unterscheidung weisheitlich gegen prophetisch als zwei Aspekte derselben Sichtweise auf, nicht als zwei Schichten. Die Prämisse dieses Tests ist also im deutschsprachigen Schrifttum auch nicht Konsens.
Alle Analyse Skripte (SWORD-Dekoder, Analysepipeline, Markus-Baseline) stehen hier zur Verfügung.
- Arnal, William E., “The Rhetoric of Marginality: Apocalypticism, Gnosticism, and Sayings Gospels”, Harvard Theological Review 88 (1995) 471-494. Enthält in Anm. 12 die hier verwendete versweise Tabellierung der Kloppenborg-Schichten. Cambridge Core
- Carlston, Charles E. / Norlin, Dennis A., “Once More: Statistics and Q”, Harvard Theological Review 64 (1971) 59-78.
- Carlston, Charles E. / Norlin, Dennis A., “Statistics and Q: Some Further Observations”, Novum Testamentum 41 (1999) 108-123.
- Goodacre, Mark, The Case Against Q: Studies in Markan Priority and the Synoptic Problem, Harrisburg 2002.
- Holmes, Michael W. (Hg.), The Greek New Testament: SBL Edition, Society of Biblical Literature / Logos Bible Software 2010. Einleitung unter sblgnt.com/about/introduction
- Howes, Llewellyn, “Make an Effort to Get Loose: Reconsidering the Redaction of Q 12:58-59”, Pharos Journal of Theology 98 (2017). Volltext (PDF)
- Ingolfsland, Dennis, “Kloppenborg’s Stratification of Q and Its Significance for Historical Jesus Studies”, Journal of the Evangelical Theological Society 46/2 (2003) 217-232. Volltext (PDF)
- Kloppenborg, John S., The Formation of Q: Trajectories in Ancient Wisdom Collections, Philadelphia 1987. Google Books
- Kloppenborg Verbin, John S., Excavating Q: The History and Setting of the Sayings Gospel, Minneapolis 2000.
- Robinson, James M. / Hoffmann, Paul / Kloppenborg, John S. (Hg.), The Critical Edition of Q, Leuven / Minneapolis 2000.
- Tiwald, Markus, Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie, Stuttgart 2016. doi:10.17433/978-3-17-025628-6
- Q-Bibliographie mit Volltextnachweisen: reconstructingq.com




