Die Ethik von Facebook

Die mangelnde Bewusstsein von Facebook in ethischen Fragen war das immer wiederkehrende Problem von Cambridge Analytics bis zum Filterstream.

Und nun finanziert Facebook plötzlich ein Ethik-Institut? Und niemand redet mehr über die Ethik von Facebook, weder der neue Leiter, noch der amtierende Präsident, und schon gar nicht der Wissenschaftsminister? Und so viel PR für lächerliche  6,5 Millionen?

Jetzt also sollen ethische Regeln in die KI eingebaut werden – mit Wettbewerb als universelle Problemlösung. Ich muss mir nun doch mal das “Experimental Ethics Lab”  genauer ansehen, bisher war mir mehr “Ethics of Experimental Labs” ein Begriff. Details ab S. 163 bei Rusch / Lütge / Voland

Seit einigen Jahren engagiert sich ein kleiner Teil des, vornehmlich US-amerikanischen, philosophischen Nachwuchses in der eigenständigen experimentellen Untersuchung philosophischer Fragestellungen im Bereich von Wahrnehmung, Verhalten und Einstellungen …

Das hört sich irgendwie mehr nach Psychologie Einführungsseminar an. So wird die Kritik daran auch gleich mit geliefert

Kritiker, insbesondere aus der Tradition der analytischen Philosophie, werfen der Experimentellen Philosophie neben Mängeln in experimental-technischen Details vor allem vor, sie könne mit ihrer Methodologie überhaupt keinen philosophischen Erkenntnisgewinn erzielen, gehe es doch in der Philosophie eben nicht darum, was und wie Menschen ganz konkret fühlen, denken, entscheiden oder handeln – also nicht um die Genese philosophischer Überzeugungen –, sondern darum, einen konsistenten Begriffsrahmen zu schaffen, in dem sich Mensch und Natur präzise beschreiben lassen …. Philosophie soll demnach nicht erforschen, was der Fall ist, sondern wie Begriffe und Sprachen angelegt sein könnten, in denen sich dann alle denkmöglichen Sachverhalte widerspruchsfrei und eindeutig widergeben ließen.

Aber vielleicht ist genau das ausser Mode gekommen, Sachverhalte widerspruchsfrei aufzuklären? Weil so vieles stört bei der  Verlagerung der Diskussion über die “Ethik von Facebook”  zu  “Facebook investiert in Ethik” Hype?

Thomas Beschorner sagt, von diesem Deal profitieren beide Partner. Das mag stimmen –  sagt aber nicht, dass die Allgemeinheit etwas davon hätte. Beschorner geht weniger von einem Reputationsgewinn aus, sondern glaubt eher an einen direkten Benefit.

Wer jetzt “gekaufte Wissenschaft” schreit, dürfte allerdings falsch liegen. Die TU München stellte schnell klar, dass es keine Auflagen seitens Facebook gibt, sondern es darum geht “unabhängige Forschung zu finanzieren”… Und was ist der Vorteil für den Geldgeber? Die von Facebook bereitgestellten Mittel sind keine Spende fürs Gemeinwohl, sondern eine Investition ins eigene Geschäft. Es geht weniger um Werbung oder einen Reputationsgewinn für Facebook durch die Kooperation mit der Uni. Der ökonomische Vorteil für Facebook dürfte vielmehr in der anvisierten Forschung an dem neuen Institut liegen.

Carolin Emcke sieht hingegen mehr den “whitewashing” Effekt

Aber mindestens ein Ergebnis steht schon fest, bevor das Institut mit der Forschung begonnen hat: Ethik ist als warenförmiges Accessoire durchsichtiger Image-Kampagnen desavouiert. Das ist ein hoher Preis.

Der Deutsche Hochschulverband hat die Newsletter-Leserinnen und -Leser im Februar gefragt, ob sie die Finanzierung eines Instituts für Ethik in der Künstlichen Intelligenz an der Technischen Universität München durch Facebook für unbedenklich halten.

6,2 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer antworteten mit Ja und 93,8 Prozent mit Nein.

Und jetzt – 5 Monate später – sehe ich eine kurze Notiz in der SZ.

6 Experten von denen niemand  Facebook kritisch sieht. Leider auch nicht der Ethikrat.

Ganz anders hingegen die Gesellschaft für Informatik

Der Vorstand der Gesellschaft für Informatik (GI) hat beschlossen, die Präsenz der Gesellschaft auf Facebook nach zehn Jahren zum 15. Mai 2019 zu schließen. Grund für die Abkehr ist das Verhalten des Konzerns, das seit Monaten immer wieder für negative Schlagzeilen sorgte. Zunehmend sei für die GI das Geschäftsgebaren von Facebook, aber noch viel mehr der fahrlässige Umgang mit Daten, das Ausspionieren und die vermeintliche oder tatsächliche Beeinflussung der Nutzerinnen und Nutzer untragbar geworden, hieß es zur Begründung. “Facebook trägt den Datenschutz als Lippenbekenntnis vor sich her, kann ihn aber nicht ernsthaft umsetzen, weil das dem Geschäftsmodell des Konzerns zuwider laufen würde. Hier ist keine Besserung in Sicht, und ein Zuwarten also vergeblich”, so Alexander von Gernler, Vizepräsident der GI. “Deshalb haben wir uns entschieden, nicht mehr Teil dieses sozialen Netzwerks sein zu wollen. Als Fachgesellschaft von verantwortungsbewussten Informatikerinnen und Informatikern können und wollen wir dieses Verhalten durch unsere Mitgliedschaft nicht weiter unterstützen.”

Buchempfehlung statt Lütge besser Christian Kreiß. Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne.