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Lutz Frühbrodt “- der Begriff Öffentlichkeitsarbeit ist ein typisch deutscher”

Der Begriff Öffentlichkeitsarbeit ist ein typisch deutscher. Er suggeriert, dass Unternehmen gegenüber der Öffentlichkeit eine Arbeit zu leisten hätten, zu deren Bedingungen. Aber, wenn es denn jemals überhaupt so war, dann stimmt das schon längst nicht mehr …Im Verhältnis von Unternehmen zu Journalisten gibt es seit einiger Zeit einen Umschwung von Pull- zu Push-Kommunikation. Anfragen werden immer später bearbeitet, stattdessen versuchen die Unternehmen, selbst Themen zu setzen. Sie betreiben stärker Content Marketing, also “Unternehmensjournalismus”, etwa mit Online-Magazinen und Web-Themenseiten. Es geht darum, in Abwandlung eines Begriffs des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, kommunikative Hegemonie zu erlangen. Themen zu setzen. Sich eigene Kanäle zu schaffen.

Die Entwicklung gibt es im übrigen auch in der Wissenschaft, allenfalls die amerikanischen Hochschulsport Mannschaften fehlen uns noch. Das Geld dafür ist ja schliesslich da und mit der Privatisierung wird das dann auch noch kommen. Zitat SZ

Vom neuen “Hochschulinnovationsgesetz” versprechen sich Staatsregierung wie Hochschulchefs viel: Weniger Bürokratie soll den Unis Freiheit, Flexibilität, Innovation und Schnelligkeit bringen. So sollen sie mithalten mit Harvard oder Cambridge, eigene Talente fördern und Spitzenforscher nach Bayern locken … Der Staat hätte nur die Rechtsaufsicht inne – und eine lange Leine: Die “Gestaltungsorganisation übergeordneter Art” werde das Ministerium behalten, sagte Sibler. Die Zielvereinbarungen des Freistaats mit jeder Hochschule sollen eine “stärkere Ergebnisorientierung” haben. Themen wie Ökologie, Geschlechtergerechtigkeit oder die Pflege kleiner Fächer werden festgelegt. Sind Ziele nicht erfüllt, gibt es weniger Geld.

Wissenschaft zu wenig ergebnisorientiert? Ich kenne niemand den Ergebnisse nicht interessieren würde. Spitzenforscher? Ich kenne Multifunktionäre die große Arbeitsgruppen haben. Aber was ist daran Spitze, wenn “ergebnisorientiert” immer noch mehr Artikel produziert werden?

Lesenswert auch der Twitter Thread in diesem Zusammenhang

Staatliche Milchwerbung (2 von 2)

Als Alternative zu der staatlichen geförderten Milchwerbung (siehe Teil 1), lohnt es sich, das neue Review von Willett und Ludwig  anzusehen (NEJM 13.2.2020), das Milch ebenfalls auf Gesundheitseffekte untersucht. Der Artikel – von dem wohl bekanntesten Ernährungsepidemiologen der Welt verfasst – kommt zu ganz anderen Aussagen als die staatliche bayrische Milchwerbung.

Wachstum und Entwicklung. Um die Milchproduktion anzukurbeln wurden Tiere gezüchtet, die mehr anabole Hormone und vor allem höhere IGF-1 Spiegel haben. Dazu sind die Muttertiere meist schwanger und haben hohe Progesteron und Östrogenspiegel. In der Summe führt das übr die Milch bei Kindern zu einem vermehrten Grössenwachstum. Leider wird damit aber auch der mTOR Pathway aktiviert, der Zellteilung fördert und damit nicht nur Krebs, sondern auch Schenkelhalsfrakturen und Lungenembolien begünstigt.

Knochenbrüche. Auch wenn die Korrelation mit den Frakturen nicht unbedingt kausal sein muss, so ist der Zusammenhang von wenig Milchtrinken und wenig Frakturen doch gesichert.

Übergewicht. Hier gibt es keine belegten Zusammenhänge.

Blutdruck, Blutfett, KHK. Der relativ hohe Kaliumgehalt der Milch liess vermuten, dass damit der Blutdruck gesenkt werden kann. Leider konnte das nicht gezeigt werden, dagegen scheint Milchtrinken LDL zu erhöhen was seinerseits wieder ein Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit ist. Allerdigs gibt es keinen nachgewiesenen Zusammenhang mit der Häufigkeit von Herzinfarkten oder Schlaganfällen.

Diabetes. Hier sieht es gemischt aus: mehr Antikörper bei Typ 1 Diabetes, weniger Typ2 Diabetes.

Krebs. Sollte man vielleicht wörtlich zitieren (siehe auch 1.) um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen:

In international comparisons, consumption of dairy products is strongly correlated with rates of breast cancer, prostate cancer, and other cancers […] In prospective cohort studies, milk consumption is most consistently associated with a greater risk of prostate cancer, especially aggressive or fatal forms, but not with a greater risk of breast cancer. Total dairy intake has been associated with a greater risk of endometrial cancer, particularly among post- menopausal women who are not receiving hormone therapy, a finding possibly related to the sex-hormone content of dairy products. […] In contrast, in meta-analyses and pooled analyses of primary data, milk consumption was inversely associated with the risk of colorectal cancer, potentially owing to its high calcium content.

Der geringer Vorteil bei Darmkrebs, wird mit einem hohen Krebsrisiko  vieler anderer Organe erkauft.

Allergien. Auch hier am besten wörtliches Zitat:

Scattered reports suggest that milk consumption may exacerbate atopic tendencies, conferring a predisposition to asthma, eczema, and food allergies. Over a period of 10 years, infants with a family history of atopy who were randomly assigned to receive hydrolyzed protein formula had a lower risk of any allergic disease and of eczema than did infants who were randomly assigned to receive cow’s milk. […] Beyond childhood, cow’s milk may precipitate asthmatic exacerbations and related conditions.

Auch wenn ich nicht an den protektiven Effekt hydroysierter Formulanahrungen glaube, so würde es ohne Milch auch keine Milchallergie geben.

Wichtig ist ein weiterer Punkt, den die bayrische Milchwebrung komplett unterschlägt, 5-10x mal mehr Treibhausgase, Wasserverbrauch und Antibiotika Resistenzen.

The effects of dairy production, particularly industrial-scale production, on greenhouse gas production and climate change, water use and pollution, and antibiotic resistance are large — potentially 5 to 10 times greater per unit of protein than the effects from production of soy foods, other legumes, and most grains.

Kein Freispruch!