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Die Abteilung für Marketing der Universität Hamburg

Wer hätte das gedacht …  eine Exzellenzuniversität verteilt die Zeitungsrecherche eines Physikprofessor zur Virusphylogenie auf “Briefvorlage -pm-8-21.pdf” an alle Redaktionen in Deutschland…

Screenshot UHH PM 19.2.2021 https://www.uni-hamburg.de/newsroom/presse/2021/pm8/pm-8-21.pdf

Das ist genauso “wissenschaftlich” wie die Talkshowauftritte von Frau Dr. Priesemann. Physiker:innen scheinen einen Drang zur metaphysischen Welterklärung zu haben, der den von Philosophen und Theologen übersteigt. Soll heissen, dass Herr Dr. Wiesendanger natürlich eine private  Meinung zu einem Thema haben kann  und sie auch jederzeit auf Social Media verbreiten kann. Genauso wie auch meine Kommentare hier auf dem Blog, meine (aktuelle) private Meinung wiedergeben, ein Sammelsurium von Gedanken, Materialien und Code sind, von dem einiges in  spätere Studien eingeflossen ist, aber keinen weiteren Anspruch erhebt.

Wenn ich aber hingegen eine Studie veröffentliche, unter Dienstanschrift, über Monate geschrieben, peer-reviewed, mit belegbare Daten und nachvollziehbarer Methodik, bei möglichen Fehlern auch offiziell korrigier- und zurückziehbar, dann ist das ein Beitrag zur Wissenschaft. Quasi Wissenschaft “ex cathedra” und nicht “locker room talk”. Nicht irrtumslos aber mit Anspruch auf Fehlerfreiheit (in München sind wir auch 150 Jahre nach Ignaz Döllinger immer noch der Meinung, dass selbst der Papst nicht irrtumslos sprechen kann).

Der Text der Hamburger PR Abteilung zeigt, wie man mit erfolgreicher PR den Zuschlag zur Exzellenzuniversität bekommen aber auch gleichzeitig akademische Ideale verraten kann, wenn man nicht mehr eine journalistische Recherche von einer wissenschaftlichen Studie unterscheiden kann.

Sie basiert auf einem interdisziplinären wissenschaftlichen Ansatz sowie auf einer umfangreichen Recherche unter Nutzung verschiedenster Informationsquellen. Hierzu gehören unter anderem wissenschaftliche Literatur, Artikel in Print- und Online-Medien sowie persönliche Kommunikation mit internationalen Kolleginnen und Kollegen. Sie liefert keine hochwissenschaftlichen Beweise, wohl aber zahlreiche und schwerwiegende Indizien.

Die inhaltliche Diskussion als Ziel? Wer soll denn alles in der Diskussion über Sequenzhomologien, Virusevolution, etc noch mitreden? Der Text von Wiesendanger ist nicht mehr als eine differenzierte  Situationsbeschreibung. Die Situation sollte durchaus zu weiteren Studien führen, wir brauchen mehr Sequenzdaten und Ausbreitungswege um evolutionäre Prozesse etwa über  Aligment Algorithmen, Rekombination und präferentielle Mutationen zu erklären. Aber das  war – trotz einiger Anstrengung – nicht möglich so dass wir nicht von einem Laborunfall ausgehen. Juristen würden hier von der Beweislast reden-  necessitas probandi incumbit ei qui agit (“die Beweispflicht liegt beim Ankläger”). Und Beweise sehe ich keine (wo ich Wiesendanger aber recht geben würde: die Editor’s Note in Nature 5 Jahre nach Veröffentlichung ist dubios).

(alle Twitterthreads sind archiviert auf https://archive.vn/Qa0G2 und https://archive.vn/nraEu für spätere Auswertungen zur Science PR)

Jonas Schaible hat recht, ich weiß auch nicht, woher das Virus kommt (nehme aber auch zur Kenntnis, dass die WHO nicht von einem Laborunfall ausgeht). Das Wiesendanger Papier ist keine Studie nach wissenschaftlichen Standard die von der Presseabteilung einer Universität verbreitet werden sollte.

Staatliche Milchwerbung (2 von 2)

Als Alternative zu der staatlichen geförderten Milchwerbung (siehe Teil 1), lohnt es sich, das neue Review von Willett und Ludwig  anzusehen (NEJM 13.2.2020), das Milch ebenfalls auf Gesundheitseffekte untersucht. Der Artikel – von dem wohl bekanntesten Ernährungsepidemiologen der Welt verfasst – kommt zu ganz anderen Aussagen als die staatliche bayrische Milchwerbung.

Wachstum und Entwicklung. Um die Milchproduktion anzukurbeln wurden Tiere gezüchtet, die mehr anabole Hormone und vor allem höhere IGF-1 Spiegel haben. Dazu sind die Muttertiere meist schwanger und haben hohe Progesteron und Östrogenspiegel. In der Summe führt das übr die Milch bei Kindern zu einem vermehrten Grössenwachstum. Leider wird damit aber auch der mTOR Pathway aktiviert, der Zellteilung fördert und damit nicht nur Krebs, sondern auch Schenkelhalsfrakturen und Lungenembolien begünstigt.

Knochenbrüche. Auch wenn die Korrelation mit den Frakturen nicht unbedingt kausal sein muss, so ist der Zusammenhang von wenig Milchtrinken und wenig Frakturen doch gesichert.

Übergewicht. Hier gibt es keine belegten Zusammenhänge.

Blutdruck, Blutfett, KHK. Der relativ hohe Kaliumgehalt der Milch liess vermuten, dass damit der Blutdruck gesenkt werden kann. Leider konnte das nicht gezeigt werden, dagegen scheint Milchtrinken LDL zu erhöhen was seinerseits wieder ein Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit ist. Allerdigs gibt es keinen nachgewiesenen Zusammenhang mit der Häufigkeit von Herzinfarkten oder Schlaganfällen.

Diabetes. Hier sieht es gemischt aus: mehr Antikörper bei Typ 1 Diabetes, weniger Typ2 Diabetes.

Krebs. Sollte man vielleicht wörtlich zitieren (siehe auch 1.) um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen:

In international comparisons, consumption of dairy products is strongly correlated with rates of breast cancer, prostate cancer, and other cancers […] In prospective cohort studies, milk consumption is most consistently associated with a greater risk of prostate cancer, especially aggressive or fatal forms, but not with a greater risk of breast cancer. Total dairy intake has been associated with a greater risk of endometrial cancer, particularly among post- menopausal women who are not receiving hormone therapy, a finding possibly related to the sex-hormone content of dairy products. […] In contrast, in meta-analyses and pooled analyses of primary data, milk consumption was inversely associated with the risk of colorectal cancer, potentially owing to its high calcium content.

Der geringer Vorteil bei Darmkrebs, wird mit einem hohen Krebsrisiko  vieler anderer Organe erkauft.

Allergien. Auch hier am besten wörtliches Zitat:

Scattered reports suggest that milk consumption may exacerbate atopic tendencies, conferring a predisposition to asthma, eczema, and food allergies. Over a period of 10 years, infants with a family history of atopy who were randomly assigned to receive hydrolyzed protein formula had a lower risk of any allergic disease and of eczema than did infants who were randomly assigned to receive cow’s milk. […] Beyond childhood, cow’s milk may precipitate asthmatic exacerbations and related conditions.

Auch wenn ich nicht an den protektiven Effekt hydroysierter Formulanahrungen glaube, so würde es ohne Milch auch keine Milchallergie geben.

Wichtig ist ein weiterer Punkt, den die bayrische Milchwebrung komplett unterschlägt, 5-10x mal mehr Treibhausgase, Wasserverbrauch und Antibiotika Resistenzen.

The effects of dairy production, particularly industrial-scale production, on greenhouse gas production and climate change, water use and pollution, and antibiotic resistance are large — potentially 5 to 10 times greater per unit of protein than the effects from production of soy foods, other legumes, and most grains.

Kein Freispruch!