Die Anhörung vor der Bundestags Kommission (6000 Tote XVII)

2013 wurde die ESCAPE Studie veröffentlicht (Beelen 2014).  Das Hauptergebnis steht in der Tabelle 4 des Artikels: Es gibt keine signifikante Erhöhung der Mortalität weder durch NO2 (P=0.18) noch durch NOx(P=0.08). Nach Adjustieren für multiples Testen (3 Modelle, 8 Parameter) errechnet sich ein P=1.00 (die alte Signifikanzschranke von P=0.05 aus der vor-Computer-Ära ist im übrigen überholt, empfohlen ist P=0.005, vgl dazu auch Gelman’s M Fehler).

Escape Studie (Beelen 2014)

Im Rahmen des Abgasbetruges wird zwei Jahre darauf eine Bundestagskommission eingesetzt. In der Sachverständigen Anhörung am 8.9.2016 (Stenografie Protokoll, Folien) wird die Grafik oben in gekürzter Form gezeigt, allerdings nur das Modell 3 und ohne Angabe der P-Werte.

In der mündlichen Erklärung wird die Aussage bei 39:29 getroffen, dass der NOx Effekt signifikant gewesen sei. Das ist schlicht falsch und konnte so auch nur durchgehen weil die Irrtumswahrscheinlichkeit von der Originaltabelle entfernt wurde.

Escape Studie (Beelen 2014)

In der zweiten vorgestellten Studie zur Mortalität durch NO(mit NO2 Passivsamplern an 78 Messstellen) fehlt die primäre Aussage der Studie, dass die Mortalität nicht signifikant erhöht war. Für die Hauptrisikofaktoren wie Rauchen konnte nicht individuell adjustiert werden. Signifikant waren die Ergebnisse aber plötzlich nach der Adjustierung für Region, wobei es hier zusätzlich Probleme bei den Plots gab (die nur mit einem Fünftel der Daten produziert wurden, aber dann auch prompt im Widerspruch zu den Tabellen stehen).

Cesaroni 2013

Zu dem war der NO2 Effekt in dem adjustierten Modell verschwindend klein. Per 10 µg/m3 Anstieg war der Koeffizient 0.003. Im Verhältnis dazu ist der Regressionskoeffizienten der Beschäftigung 230fach grösser gewesen. Damit lässt sich keine sinnvolle Regression rechnen, zumal es ohne Adjustierung null Effekt gab.

Die Meta-Analyse – dritte vorgestellte Studie – ist unvollständig, beruht  primär auf der bereits vorgestellten Studie, mischt unzulässigerweise Studien auf ökologischer und individueller Basis und geht nicht auf die signifikante Heterogeneität ein. Wann werden sich auch in der Umweltepidemiologie endlich wissenschaftliche Prinzipien durchsetzen? Hohe Heterogeneität heisst Nichtreproduzierbarkeit heisst Widerlegung.

Faustini 2014

Auch ist mir neu – 4. vorgestellte Studie – dass es einen biologischen NO2 Effekt gibt “der mit einer allergischen Verstärkung konsistent” ist. Bisher kannte ich nur eine Boosterung über Allergene.

Das letzte Review zu dem Thema (Hassoun 2019) fasst den Kenntnisstand zusammen “definitive conclusions cannot be made”.

Der Rest der Präsentation erschöpft sich in Mutmassungen. Ganz offensichtlich war die Kommission auch nicht sonderlich von den Ausführungen beeindruckt, denn in den Bundestagsbericht geht folgende Bewertung ein:

“Wissenschaftliche Ergebnisse ließen … eine gesicherte … Expositions-Wirkungs-Beziehung für Stickoxidemissionen und Erhöhung der Sterblichkeit … nicht zu”.

Verkürzt: kein Beweis für NO2 Exposition und Mortalität. Noch einfacher: Niemand stirbt an NO2.

Diese Anhörung war Mitte 2016.

Ich würde die damalige Darstellung der Epidemiologie als typisches Framing bezeichnen – neutrale Fakten werden in den eigenen wertenden Rahmen gesetzt, in dem wesentliche Information verschwiegen werden, mit irrelevanten Ausschmückungen versehen werden und der entscheidende Punkt (Irrtumswahrscheinlichkeit der ESCAPE Studie) wird absichtlich falsch dargestellt.

Im Jahr 2017 geht dann (trotz der massiven Kritik in der Bundestagsanhörung, zB bei 56:23 oder 1:54:40) ungerührt die neue Studie der 6.000 Toten an das UBA, das sie im Februar 2018 als Sensation veröffentlicht.

Unter Verwendung einer unteren Quantifizierungsgrenze von 10 μg/m3 NO2 wurden für das Jahr 2014 für die kardiovaskuläre Mortalität durch NO2-Langzeitexposition (basierend auf Jahresmittelwerten) 5.966 (95 %-Konfidenzintervall: 2.031 bis 9.893) attributable vorzeitige Todesfälle und 49.726 (16.929 bis 82.456) verlorene Lebensjahre geschätzt.

Verkürzt: 6000 vorzeitige Todesfälle 2014 durch NO2.
Noch einfacher: Tausende Tote durch NO2. 

Was für eine Hybris.