Ein Missverständnis (6000 Tote XXVIII)

Alles nur ein großes Missverständnis? Alexander Kekulé schrieb schon im letzten Jahr in der ZEIT

Bei Gesunden hingegen gibt es bis 1000 μg/m3 keinen messbaren Effekt. Die US-Umweltbehörde Epa hat deshalb den Grenzwert für Außenluft auf 100 μg/m3 festgesetzt – damit wäre Deutschland weit im grünen Bereich. Wie kam die EU also auf ihren viel niedrigeren Grenzwert? Die Antwort ist ein Paradebeispiel für Kommunikationsstörungen zwischen Wissenschaft und Politik. Die EU legte erstmals 1985 einen Wert von 200 μg/m3 fest, auf der Basis des damaligen Wissens. Im Jahr 1999 senkte sie ihn plötzlich auf 40 μg/m3. Warum? Die EU-Mitarbeiter hatten die Zahl 40 ungeprüft aus einem Gutachten übernommen, das eine Arbeitsgruppe der amerikanischen EPA gerade für die WHO angefertigt hatte. Dabei ist offensichtlich, dass diese Ziffer nicht taugt, um sie auf den Straßenverkehr zu übertragen. Sie basiert auf älteren Studien mit Gasherden. Darin fanden sich Hinweise, dass Schulkinder häufiger Atemwegsprobleme entwickelten, wenn ein Gasherd im Haushalt stand. Weil es keine Messwerte gab, schätzten die Experten, dass ein Gasherd die mittlere Stickstoffdioxid-Konzentration in Räumen auf 40 μg/m3 erhöht. Diesen Wert schlugen sie mangels besserer Daten als Grenzwert vor. Andere Studien zeigten jedoch, dass die Konzentrationen extrem variieren. Zudem standen Gasherde oft in schlecht sanierten Häusern, deren Bewohner ohnehin häufig Atemwegsleiden haben, und damals wurde in fast jedem Haus geraucht. Wegen dieser und weiterer Mängel ist die Epa der Empfehlung ihrer eigenen Gutachter nicht gefolgt.Den nächsten Fehler machten die EU-Beamten, als sie die für Innenräume geschätzte Ziffer kurzerhand als Grenzwert für Außenluft festlegten.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

NO2 Chemie (6000 Tote XXVI)

Es wäre doch mal ganz interessant, wie denn die Verteilung der Luftschadstoffverteilung 1989 in München war.
Damals mussten wir noch mühsam von Hand die Polygonzüge aus einem Falk Stadtplan auf Milimeterpapier abmessen und durften dann auch nur eine Verkehrskarte abbilden.

Mittlerweile gibt es aber die Sprengelgrenzen für alle Schulbezirke im BayernAtlas online, so dass wir nun die Daten einfach plotten können. Der Mittlere Ring ist dabei gut zu erkennen.

Verkehrszählungen in München 1989 (anklicken zum Vergrößern). 24 Sprengel mussten korrigiert werden, entweder weil Daten fehlten oder weil  in den letzten 30 Jahren Sprengel geteilt wurden. Bei fehlenden Sprengeldaten wurden jeweils die Daten des Nachbarsprengels mit der grössten gemeinsamen Grenze genommen

Es folgt die NO2 Karte, jeweils aus Einzelmessungen erstellt.

NO2 in München 1989: Der Wind transportierte während der Messserie vermutlich das NO2 nach Nordosten.

Und zuletzt die Ozonkarte: In der Abluftfahne entsteht unter UV Einstrahlung atomarer Sauerstoff und daraus wiederum Ozon.

Ozon in München 1989

Merke: NO2 direkt am Strassenrand  ist ein guter Marker für die Verkehrsemissionen. In der Hintergrundmessung zeigt NO2 allerdings nur bedingt aktuelle Gefährdungslagen an, da der Wert hier stark durch meteorologische Parameter beeinflusst wird.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Alle bescheissen sich gegenseitig

“Alle bescheißen sich gegenseitig, dass sich die Balken biegen”, so der Titel eines SPIEGEL Artikels über Ärzte.

“Tricksen, täuschen, therapieren – in Kliniken werden falsche Diagnosen gestellt, unnötige Eingriffe durchgeführt, Abrechnungen manipuliert. Hier berichten Ärzte und Fahnder, wie das möglich ist.

Dazu passt der Beitrag heute in BMJ Open: Einer von vier Ärzten, die Guidelines verfassen, hat Beziehungen zur pharmazeutischen Industrie, die er aber verschweigt. Wie man das herausbekommen hat? Im einfachen Vergleich mit frühere Artikeln des selben Autors.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Compromised privacy

No One Is Safeguarding Your DNA

A person’s privacy can be compromised if a third or fourth cousin takes a home DNA test … The growing popularity of consumer DNA testing has helped law enforcement make arrests in decades-old crimes that would otherwise have remained cold cases. That may not be entirely good news for the rest of us, because using the technology to trace DNA to suspected criminals requires police to use a whole lot of other people’s genetic data, too. Like cell phone data a decade ago, it’s hard to say how all this information might be employed in the future. Imagine drug companies using it to target ads, life insurers using vast networks of relatedness to determine risk, or a scorned ex-lover employing the technique in some very 21st century stalking.

Yea, yea.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Falsche Formel (6000 Tote XXV)

ab 8:24

Hörenswerte Interviews u.a. mit Alexander Keule und Peter Morfeld.

Der DLF versucht sich auch an der Frage, wann Studien Hand und Fuß haben, versagt aber dabei kläglich bei der Antwort.

Ist das so schwer zu verstehen? Analog zu den Evidenzklassen der klinischen Studien gilt auch in der Epidemiologie:

* Studien über Regionen können (ohne vollständige individuelle Risikoprofile) nur Vermutungen generieren
* Querschnittsstudien  und Fallkontrollstudien liefern vorläufige Evidenz
* Interventionsstudien (zum Teil auch einige Kohortenstudien) sind beweisend

Mittlerweile wird es immer unsäglicher, was man täglich zum Beispiel in der SZ zu Gesicht bekommt: Journalisten die völligen Unsinn schreiben. Und Rentner, die es doch eigentlich wissen müssten

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Corrupted file list in Next Cloud

This seems to happen for whatever reasons – the server file list is not  in sync with the local file list and cannot even be modified manually. This may be a particular problem when you are at 1&1 /ionos with a hosted package. Here is a solution

$path = realpath(dirname(__FILE__));
#exec("php $path/console.php upgrade 2>&1", $out, $result);
exec("php $path/console.php files:scan --all -v 2>&1", $out, $result);
echo "<pre>result: " .$result .PHP_EOL;
print_r($out);

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Jede Wissenschaft ist politisch

Lukas van der Meer (movingart)

Jede Wissenschaft ist politisch, immer und überall. Schon die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes ist politisch, die Begriffswahl, die Abgrenzung von anderen begriffen und Kategorien, die Abgrenzung von anderen “Fachdisziplinen”, die Nicht-Interdisziplinarität und auch die Interdisziplinarität, die Vermischung von Tatsachen und Wertungen, die Unentdecktheit der Wertungen in den vermeintlichen “Tatsachen” usw. und so fort, es kommt darauf an, das Politische in allen Wissenschaften bewusst zu machen, diskutierbar und entscheidbar […], transparent zu machen. In seinen Abhängigkeiten von der Finanzierung, den Drittmitteln, den Kapital- und Profitinteressen, den Staatsinteressen, dem geistigen Horizont der Bildungspolitik und der Bildungspolitiker, dem geistigen Horizont der Landtags- und Bundestags- und EU-Abgeordneten, dem geistigen Horizont der Wähler etc. pp. usw. Das vermeintlich “unpolitische” reiner Wissenschaft dient zu bestimmenden gesellschaftlichen Interessen, meistens eher nicht dem Allgemeinwohl, sondern Partikularinteressen.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Nachrichtenwert

Es wäre mal interessant, den Nachrichtenwert von wissenschaftlichen Ergebnissen zu überprüfen. Ich nehme mal die Wikipedia Liste als Vorlage, wie häufig nach meiner Einschätzung, es ein wissenschaftliches Ergebnis in die Medien schafft.

0 Frequenz: Je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zur Nachricht.

+ Schwellenfaktor: die Auffälligkeit, die ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird.

0 Eindeutigkeit: Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht.

+ Bedeutsamkeit: Je größer die Tragweite eines Ereignisses, je mehr es persönliche Betroffenheit auslöst, desto eher wird es zur Nachricht.

0 Konsonanz: Je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht.

+ Überraschung: hat die größte Chance, zur Nachricht zu werden, allerdings nur dann, wenn es im Rahmen der Erwartungen überrascht.

0 Kontinuität: Ein Ereignis, das bereits als Nachricht definiert ist, hat eine hohe Chance, von den Medien auch weiterhin beachtet zu werden.

REGIONAL

0 Variation: Der Schwellenwert für die Beachtung eines Ereignisses ist niedriger, wenn es zur Ausbalancierung und Variation des gesamten Nachrichtenbildes beiträgt.

+ Bezug zu Elite-Nationen: Ereignisse, die Elite-Nationen betreffen, haben einen überproportional hohen Nachrichtenwert.

+ Bezug zu Elite-Personen: Ereignisse, die Elite-Personen betreffen, haben einen überproportional hohen Nachrichtenwert.

– Personalisierung: Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.

+ Negativität: Je „negativer“ ein Ereignis, je mehr es auf Konflikt, Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod bezogen ist, desto stärker beachten es die Medien.

+ Initialzündung: Nur wenn ein Ergebnis früh wahrgenommen wird, ist es interessant

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Wo der Dreck produziert wird (6000 Tote XXIII)

Stau produziert mehr Abgase als fliessender Verkehr

Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-ueber-stau-auf-deutschen-autobahnen-2018-gab-es-2000-staus-pro-tag-a-1248433.html
Quelle: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/stau-report-fuer-deutschland-in-diesen-staedten-stehen-sie-am-laengsten-a-1252357.html

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

NO2 Merksätze (6000 Tote XXIV)

NO2 ist in hoher Konzentration ein Reizgas.
NO2 in niedriger Konzentration ist kein Reizgas.
Niedriges NO2 ist ein guter Marker für Abgase direkt an der Strasse.
Niedriges NO2 nicht an der Strasse gemessen ist kein guter Marker für Abgasbelastung.
Niedriges NO2 im Innenraum war bisher epidemiologisch uninteressant.
Das Wir-haben-tausend-NO2–Studien-Argument sagt eigentlich nur, dass es keine beweisende Studie gibt.
NO2 Grenzwerte sind politisch, nicht wissenschaftlich festgelegt.
NO2 Grenzwerte für “Kinder, Kranke, Alte, Behinderte und Frauen” sind eine populistische Erfindung.
Die Mortalität wird nicht durch NO2 Vergiftung erhöht.
Epidemiologen sagen bisher nur die halbe Wahrheit über NO2.
Die WHO ist nicht unfehlbar was NO2 angeht.
Die meisten Journalisten blicken bei NO2 nicht mehr durch.
Die Autoindustrie hat bei den NO2 Emissionen betrogen.
Am besten wäre es überhaupt keine Emissionen zu haben wo Menschen leben.
Mit alarmistischen Äusserungen zu NO2 bekommt man im postfaktischen Diskurs viel Aufmerksamkeit.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Der Schiedsrichter (6000 Tote XXII)

Das also glauben die Deutschen, Stand 10.2. 17:30. Zweifel an der Datenbasis habe ich wenig, aber massive Zweifel an der Auswertung und an der Interpretation der Studien.

Zweifel habe ich auch an Journalisten, die eindeutig für oder gegen Personen Stellung beziehen. In dem Fall Ulrich Schnabel, der in der ZEIT meint, dass die Fachleute unsichtbar sind. Das sind sie natürlich nur für jemanden, der selbst blind ist. Am besten liest man deshalb auch nur die Kommentare unter seinem Artikel

Leider haben es die Wissenschaft und die Medien nicht geschafft, eine differenzierte und nachvollziehbare Argumentation in die öffentliche Diskussion zu bringen.
Es wird z.B. fast nie zwischen NOx und Feinstaub unterschieden. Der Zielkonflikt zwischen einer Reduktion des CO2-Ausstosses und der Verringerung der NOx-Belastung wurde nicht thematisiert. Die Diskrepanz zwischen den Grenzwerten am Arbeitsplatz und an der Strasse wurde nicht nachvollziehbar erläutert. Ebenso wurde nie erklärt, warum die Messwerte so weit auseinanderklaffen. In München liegen zwischen der offiziellen Statistik und den Messungen der Stadt Unterschiede von ca. 50%. Ein weiterer Widerspruch entsteht, weil vergleichbare Länder völlig unterschiedliche Grenzwerte fordern. Diese Faktenlage ist unstimmig. Anstelle dies sachlich aufzuklären, überwiegen leider auch in Qualitätsmedien ad-hominem Argumente. Warum soll ein Lungenfacharzt nicht qualifiziert sein, eine Aussage zu Lungenerkrankungen zu machen? Die Vielschichtigkeit des Themas erfordert doch gerade, dass Epidemiologen, Mathematiker, Ärzte, und Ingenieure zusammen wirken müssen.

Ist nun die Mortalität in München und Stuttgart erhöht oder erniedrigt? Quelle: https://rp-online.de/leben/gesundheit/news/menschen-aus-stuttgart-und-muenchen-werden-am-aeltesten_aid-15609479

Es hat lange gedauert, aber nun geht es endlich mit einer sinnvollen Strategie weiter.

Die Kritik von mehr als 100 deutschen Lungenärzten an den geltenden Stickoxid- Grenzwerten im Kontext mit Dieselfahrverboten hat hierzulande heftige Diskussionen ausgelöst. Die Wissenschaft hat zunächst nur zögerlich Stellung bezogen, und geblieben ist bei vielen das ungute Gefühl, nicht zu wissen, was denn richtig ist. In solchen Fällen ist die Autorität der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) gefragt. Ihr kommt die Rolle des Politikberaters zu. Vergangene Woche hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Leopoldina um Stellungnahme in Sachen Dieselgrenzwerte (/wirtschaft/article184435460/Fahrverbote-Diesel-Grenzwerte- auf-wackliger-Grundlage.html) gebeten. Professor Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie in Halle und von 2008 bis 2010 Präsident des Robert-Koch-Instituts, erklärt im Interview, wie und bis wann die Leopoldina zu einem Ergebnis kommen wird.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026

Wirklich innovative Studien (6000 Tote XXI)

Statt sich in uferlose NO2 Diskussionen zu verheddern, habe andere Forscher wie Junkermann wirklich innovative Projekte gemacht.

Es stellt es sich jedenfalls nun immer mehr heraus, wie groß doch die methodischen Schwächen der NO2 Szene im Outdoor-Bereich sind und welche Defizite es im Indoor Bereich gibt: Nach meiner Information gibt es nicht eine einzige NO2 Mortalitätsstudie, die Gas mit Elektroherd verglichen hätte.

Die ganze NO2 Diskussion ist so akademisch, wie Rollenprüfstand und tatsächliche Emission am Auspuffrohr. Ein Gegensatzpaar wie NO2 Immissionsmessung und Radfahren in der Stadt. Zum Glück gibt es allerdings immer wieder Wissenschaftlern, die ihre Zeit nicht primär in Talkshows verbringen.

Es sind sogar Studien ganz ohne NOMessung, erst diese Woche Cole 2018.

Methods: Participants (n = 38) bicycled for 1 h along a Downtown and a Residential designated bicycle route in a randomized crossover trial. Heart rate, power output, particulate matter air pollution (PM10, PM2.5, and PM1) and particle number concentration (PNC) were measured. Lung function, endothelial function (reactive hyperemia index, RHI), C-reactive protein, interleukin-6, and 8-hydroxy-2′-deoxyguanosine were assessed within one hour pre- and post-trial.

“Wenn Du irgendwo einatmest, denke immer daran wo die Luft vorher war”

Das ist zwar nur eine Kurzzeitstudie, aber man könnte bei Radkurieren jederzeit Langzeitstudien machen…

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 27.03.2026