All posts by admin

Datafication of Health

I had the unique chance yesterday to hear a talk of Minna Ruckenstein (University of Helsinki) about datafication of health. I think this is one of the most important topics of the last decade – being one of the largely underestimated, largely ignored development, but nevertheless relevant for the future of medicine. It basically means conversion of health into data (like Facebook is converting communication into data) which happens on multiple scales and at multiple levels. Her excellent paper at Annual Review of Anthropology was just posted a month ago and can be downloaded at the journal website (or at SciHub).

Minna Ruckenstein, ChipMe Meeting, Galway, Ireland

Recognizing that the datafication of the traditional health ecosystem is generating new power asymmetries and disrupting traditional regulatory and ethical mechanisms, some scholars have embarked on applied research projects, often collaborating outside their academic spheres. These citizen-centered initiatives appeal to patient organizations, savvy self-trackers, and ordinary people to address issues such as the tension between data openness and data ownership; asymmetries of data usage and distribution; the inadequacy of current informed consent and privacy protections; and the need to reappropriate and rearticulate concepts such as “sharing” and “the public good” that have been co-opted by technology companies seeking free access to their users’ data.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Evangelikale und die AfD

Michael Herbst schreibt im Deutschen Pfarrerblatt

Natürlich gibt es die Liaison zwischen dem theologisch Konservativen und dem politisch eher nach rechts neigenden Lager. Für viele Fromme war und ist die Union politische Heimat, ob es die AfD ist oder wird, kann ich noch nicht einschätzen. Liane Bednarz hatte in der FAZ starke Verbindungen zwischen konservativ-katholischen und evangelikalen Christen und der AfD, insbesondere Beatrix von Storch nachweisen wollen …

Der Nachweis ist doch längst gegeben, nicht nur durch Liane Bednorz oder Michael Schmidt-Salomon, selbst der AfD Fraktionsvorsitzende Jörg Meuten bestätigt dies

Gute Kontakte gibt es Meuthen zufolge dagegen zwischen AfD und konservativen Christen, etwa evangelikalen Strömungen, die eine konservative Bibelauslegung vertreten. Diese Kontakte seien aber nicht institutionalisiert, sagte er.

Was “Christen in der AfD” in ihrem Grundsatzprogramm schreiben, ist nicht nur schwammig areligös sondern haarscharf verfassungsfeindlich

Insofern ist in der Demokratie weniger das technische Regelwerk entscheidend, nach dem Entscheidungen getroffen werden, sondern vielmehr das sittliche Fundament, auf dessen Grundlage die Bürger ihre Entscheidungen treffen. Ohne dieses sittliche Fundament kann auch eine Demokratie unmittelbar in die Barbarei führen.

Bei Schnabel, Vermessung des Glaubens (Blessing 2008) ist unter “Autoritäre Charakter” ab S.138 längst auch der Mechanismus erklärt. Es ist der gleiche bei amerikanischen und deutschen Evangelikalen

Es lohnt sich daher, noch ein wenig bei den schon etwas älteren Untersuchungen zu verweilen. Sie lehren nämlich auch, dass der kurvilinearc Zusammenhang nicht in jedem Falle gilt. Manche
 Korrelationen sind durchaus linear, das heißt: Je frommer (oder religiöser) die betreffenden Personen sind, umso deutlicher tritt eine bestimmte Eigenschaft hervor. Das gilt besonders für jene Charakterzüge, die Forscher unter der Sammelbezeichnung der „autoritären Persönlichkeit“ dargestellt haben. Dieser Begriff, der im Wesentlichen auf Theodor W. Ador­nos Studie „The Authoritarian Personality“, aus dem Jahr 1950 zu­rückgeht, umschreibt ein Set von Persönlichkeitseigenschaf­ten, die ein Potenzial für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen darstellen. Die Ich ­schwa­che, autoritäre Persönlichkeit ist demnach gekennzeichnet durch Unterwürfigkeit gegenüber idealisierten Autoritäten der Eigen­gruppe, durch Misstrauen udn Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden und eine Tendenz, Verstöße gegen die herrschende Moral zu ahnden … Im Zuge solcher Untersuchungen wurden immer wieder Zusammenhänge zwischen Autoritätsgläubigkeit und ausgeprägter Frömmigkeit gefunden. Das gilt vor allem für Gläubige, die als „religiös orthodox“ beschreiben werden können …, die also ein bestimmtes (meist in sich geschlossenes) Glaubenssystem streng vertreten und jegliche Abweichung davon verdammen.
Am deutlichsten hat dies vielleicht der Neuropsychologe Elbert W. Russell formuliert, der Anfang der Siebzigerjahre im Auftrag des Kanadischen Friedensforschungsinstituts sämtliche bis dahin vorliegende (nordamerikanischen) Untersuchungen über den Zusammenhang von christlichen Überzeugungen und politischen Einstellungen analysierte. Sein Ergebnis: „Je strenger religiös und je orthodoxer eine Person oder Gruppe ist, desto militaristischer werden ihre Einstellungen wahrscheinlich sein.“ Strenggläubige Christen erwiesen sich in nahezu allen Studien konservativer als der Durchschnitt; sie befürworten eher harte Strafen für Gesetzesbrecher, engagierten sich seltener in Friedensdiensten und wiesen eine hohe Bereitschaft zu Antisemitismus, Voreingenommenheit (Ethnozentrismus) und anderen Vorurteilen auf. Russell ­ der selbst der pazifistischen Quäker­-Sekte an­gehört , sprach in diesem Zusammenhang gar von einem »autoritär­punitiven« Komplex, dessen Ursache er in jenem strengen, strafenden Gottesbild sieht, das im Alten Testament vermittelt wurde und dem manche Kirchen noch immer an­ hängen. »Die Früchte des Christentums«, so notierte Russell erstaunt, entsprächen »offenbar dem genauen Gegenteil seines Ideals der Liebe.«
Symptomatisch dafür waren zum Beispiel die Kommentare von Pastoren, die nach ihrer Haltung zum Vietnamkrieg be­fragt wurden. Zwar waren 85 Prozent der Geistlichen der Ansicht, dass Krieg gegen den Willen Gottes sei; aber die For­derung, »Christen sollten auf Beendigung der Feindseligkeiten drängen, falls nötig sogar zu den Bedingungen des Feindes« unterstützten nur 15 Prozent. Viele Pastoren erklärten diesen Widerspruch damit, dass Kommunisten ja Atheisten seien, und man daher mit ihnen nicht auf christliche Weise umgehen kön­ne. Man müsse im Gegenteil mit den Kommunisten »in deren eigener Sprache« sprechen (im Klartext: sie in Grund und Boden bomben).

das “Georg Klein Manöver

Auch der kanadische Psychologe Robert Altemeyer, der über einen Zeitraum von zwanzig Jahren die Beziehung zwi­schen Religion und autoritären Einstellungen untersucht hat, gelangt zu dem eindeutigen Ergebnis: »Wer autoritätsgläubig ist, tendiert dazu, religiös zu sein und umgekehrt.« Dass sich dabei die höchsten Korrelationen ausgerechnet bei strenggläu­bigen Christen finden, sei »besonders ironisch«, schreibt Alte­meyer, »da die Evangelien Jesus von Nazareth vor allem als je­mand schildern, der tolerant und vergebungsbereit ist und eine Botschaft universeller Liebe predigt«.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Source of Emil Kraepelins “Manic Depressive-Insanity and Paranoia”

While it is easy to find this English book online, it is much more difficult to find the original source. At least a MPG document says

[1921b] Manic-depressive insanity and paranoia. Translated by R. Mary Barclay from the Eighth Ger- man Edition of the „Text-Book of Psychiatry“, vol. iii, part ii, section on the Endogenous Dementias. Edited by George M. Robertson. E. & S. Livingstone, Edinburgh 1921, Chicago Medical Book Company, Chicago 1921 [Übersetzung von Kapitel XI „Das manisch-depressive Irresein“ aus 1913a und von Kapitel XIV „Die Verrücktheit (Paranoia)“ aus 1915a in eng- lischer Sprache].

1913a refers tp “Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte. Achte, vollständig umgearbeitete Auflage. III. Band. Klinische Psychiatrie. II. Teil. Barth Verlag, Leipzig 1913”. Well, this one is also online.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Bitcoin is a bad idea

Nature today thinks “It’s good to have lots of bad ideas”. Bitcoins are a bad idea as they are traded in for energy consumption.

There are lots of different bitcoin mining computers out there, but in recent months, companies have focused on ASIC miners, which use less energy to conduct their calculations. Mining companies that run lots of ASIC miners as businesses have told me that they use one watt of power for every Gigahash per second of computing that they do when mining for bitcoins.
At this rate, the bitcoin network runs at 342934450 watts, which equates to around 343 megawatts. Calculations based on EIA data reveal that the average US household consumes about 1.2 kilowatts of power, meaning that 343 megawatts would be enough to power 285,833 US homes at the time of writing (May 2015).
That’s quite a lot of energy – about a third of the homes in San Jose. And our 1 watt per Gigahash/second figure is pretty efficient. There will be a large number of residential users who will be taking more power to run their miners.So it’s likely that this is a conservative estimate.

Another estimate by digiconomist.net is 16 TWh per year (Aug 2017). Kilo 10^3, Mega 10^6, Tera 10^9…

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Goldwater Rule

The Goldwater Rule makes sense.

The Goldwater rule is the informal name given to Section 7 in the American Psychiatric Association’s (APA) Principles of Medical Ethics,[1] which states it is unethical for psychiatrists to give a professional opinion about public figures they have not examined in person

But whenever an individual releases more answers than you want to ask him questions, a preliminary diagnosis can be made. So think Sword and Zimbardo

As Trump’s campaign, and his narcissism, gained momentum, so did our efforts. In March 2016, we posted The Narcissistic Personality: How to Spot a Narcissist, in which we shared clinically documented narcissistic behaviors and hoped it would be easy for readers to see that Trump fit every example.

So thinks Lance Dodes

Mr. Trump’s speech and actions demonstrate an inability to tolerate views different from his own, leading to rage reactions. His words and behavior suggest a profound inability to empathize. Individuals with these traits distort reality to suit their psychological state, attacking facts and those who convey them (journalists, scientists).

And so thinks also Robert Lifton along with many others.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

More human embryos edited

technologyreview.com writes

Now Mitalipov is believed to have broken new ground both in the number of embryos experimented upon and by demonstrating that it is possible to safely and efficiently correct defective genes that cause inherited diseases.
Although none of the embryos were allowed to develop for more than a few days—and there was never any intention of implanting them into a womb—the experiments are a milestone on what may prove to be an inevitable journey toward the birth of the first genetically modified humans. […] Reached by Skype, Mitalipov declined to comment on the results, which he said are pending publication. But other scientists confirmed the editing of embryos using CRISPR. “So far as I know this will be the first study reported in the U.S.”

For a few moments of fame, scientists take every risk, even “mass destruction and proliferation”.
It reminds me to the first gene therapy trial by French Anderson who was later stripped of tenure, fired from his faculty position and barred from the campus of his university.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Es sei außerordentlich sinnvoll

Michael Ristow – bekannt durch eigens verfasstem Wikipedia Eintrag zu „Mitohormesis“ aber keinem einzigen Vitamin D Artikel – äussert sich zur Vitamin D Versorgung von Kleinkindern im Deutschlandfunk

Es sei außerordentlich sinnvoll, dass sie regelmäßig diese Präparate bekommen, sagte der Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich Deutschlandfunk. Zuvor hatten kanadische Mediziner eine klinische Studie mit über 700 Kindern im Alter zwischen einem und fünf Jahren durchgeführt. Die eine Hälfte der Kinder bekam in den Wintermonaten eine Standard-Dosis Vitamin D verabreicht – die andere Hälfte der Kinder erhielt eine besonders hohe Dosis Vitamin D. Das Ergebnis der im Fachblatt “JAMA” veröffentlichten Studie: Viel Vitamin D hilft nicht. Zwischen beiden Gruppen gab es demnach keinen statistisch signifikanten Unterschied in Bezug auf die Zahl der Atemwegsinfektionen. Internist Ristow betonte, die Forscher hätten nicht verglichen, wie Kinder ohne zusätzliche Vitamin-D-Versorgung im Vergleich zu jenem mit Supplementierung abschnitten. Das bedeute nicht, dass Vitamin D nicht Einfluss habe auf Erkältungshäufigkeit und -dauer haben könne.

Wie kann man den Sachverhalt nur so verdrehen?
Die JAMA Studie schreibt doch völlig korrekt in der Einleitung

Although a number of clinical trials have attempted to assess the effect of vitamin D supplementation on the prevention of respiratory tract infections among adults and children, conclusions have been hampered by small sample sizes, short trial duration, and lack of laboratory-confirmed outcomes. Likewise, a meta-analysis of 7 clinical trials found no association between vitamin D and childhood acute respiratory infections, but limitations included a shortage of studies and heterogeneity in terms of populations and end points. To our knowledge, only 1 trial has assessed the effect of vitamin D on laboratory-confirmed upper respiratory tract infections in children specifically. It included 334 children in Japan and found a significant reduction in influenza A, but not influenza B, among children receiving 1200 IU/d of vitamin D supplementation. It remains unclear if vitamin D supplementation can prevent all-cause upper respiratory tract infections among children.

Es gibt also keine wissenschaftliche Begründung, dass Kinder regelmäßig und anlasslos Vitamin D bekommen.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

99.9% of scientists are being forgotten after 20 years

The estimate in the last LJ magazine 07/2017 (Stephan Feller, “Jenseits des Hamsterrads”, p6) was probably too optimistic giving a figure of 90%. But when looking at some scholarly papers my estimate looks more accurate.

Citation amnesia has been described some 6 years ago as “A Systematic Examination of the Citation of Prior Research in Reports of Randomized, Controlled Trials”

In reports of RCTs published over 4 decades, fewer than 25% of preceding trials were cited, comprising fewer than 25% of the participants enrolled in all relevant prior trials. A median of 2 trials was cited, regardless of the number of prior trials that had been conducted. Research is needed to explore the explanations for and consequences of this phenomenon. Potential implica-tions include ethically unjustifiable trials, wasted resources, incorrect conclusions, and unnecessary risks for trial participants.

A more recent paper on “Attention decay in science” showed

this decay can be described by an exponential or a power law behavior, as in ultradi usive processes, with exponential tting better than power law for the majority of cases. The decay is also becoming faster over the years, signaling that nowadays papers are forgotten more quickly.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Ein Besuch in Auschwitz

Und hier stehen wir, gefangen und eingesperrt in ein Paradox: Wenn solche schrecklichen Dinge geschehen, wie können wir an Gott glauben? Aber wenn wir nicht an Ihn glauben als den Maßstab, der unsere menschlichen, bestialischen, animalischen Neigungen übersteigt und von uns verlangt, mehr zu sein als wir sein möchten, warum protestieren wir so sehr? Wir lehnen uns auf, weil wir wissen, dass wir mehr sind als das, als was wir uns sehen, dass wir ständig danach streben müssen, mehr zu sein als wir sind, dass die menschliche Geschichte nicht weitergehen darf wie bisher. (Eugene Borowitz: Facing Up to It, S.16).

Selektion an der Rampe. Historisches Foto am Originalschauplatz, Auschwitz II Birkenau 2017.
Birkenwald hinter Stacheldraht. Nordostgrenze Auschwitz II Birkenau 2017.
Stacheldrahtzäune. Auschwitz I Stammlager 2017.
Arbeit macht nicht frei. Eingang KL Auschwitz 2017.
Geöffnete Cyclon B Dosen. Tesch & Stabenow war ein branchenführendes Unternehmen bei der Schädlingsbekämpfung. Es belieferte das Lager mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B, das zur massenhaften Tötung von Menschen ab Ende 1941 im Stammlager eingesetzt wurde. Auschwitz 2017.

 

 

Wir lehnen uns auf sagt Borowitz, eigentlich im Rückgriff auf Kant

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Kap. 34)

mit einer Argumentation die auch Rabbi Schneerson vertritt

Der Holocaust hat entschieden jeden möglichen Glauben an eine nur auf den Menschen gegründete Moral widerlegt. Im Vorkriegs-Europa war es das deutsche Volk, das Kultur, wissenschaftlichen Fortschritt und philosophische Moral verkörperte. Und dieses selbe Volk verübte die schlimmsten bekannten Gräueltaten der menschlichen Geschichte! Spätestens der Holocaust hat uns gelehrt, dass eine moralische und zivilisierte Existenz nur möglich ist durch den Glauben an eine göttliche Macht. Unsere Empörung, unsere unablässige Infragestellung Gottes wegen der Ereignisse – dies ist selbst ein starkes Zeugnis für unseren Glauben und unser Vertrauen in seine Güte. Denn wenn wir nicht in unserem Innersten diesen Glauben besitzen würden, worüber sollten wir uns dann empören? Über das blinde Wirken des Schicksals? Die zufällige Anordnung von Quarks, aus denen das Universum besteht? Nur weil wir an Gott glauben, nur weil wir überzeugt sind, das es Richtig und Falsch gibt, und daß das Richtige am Ende triumphieren muss und wird, nur deswegen rufen wir wie Moses: ‚Warum, mein Gott, hast du deinem Volk Böses getan? (Menachem Mendel Schneerson www.chabad.org/library)

Oder um es mit Job zu sagen (Barth/Gollwitzer oder besser noch Türcke): Jahwe und der Teufel sitzen gemeinsam im Himmelssaal, das Leiden umsonst, vergeblich, zu nichts gut, und unverschuldet obendrein.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026

Alles wird gut?

Brigitta Bernet hat eine exzellente Übersicht über das Positive Denken, die Glücksbewegung, ihre Geschichte, eine Bestandsaufnahme und eine fundierte Kritik.

Noch nie war das Universum so erfüllt von positivem Denken wie heute. Der organisierte Optimismus erreicht uns nicht nur am Kiosk, wo neue Lifestyle-Magazine wie „Happinez“ oder „Flow“ sich für mehr Dankbarkeit und weniger Jammern aussprechen. Auch die Wirtschaft interessiert sich für das Glück. Während die Firmenbelegschaft Coaching- und Motivationskurse besucht, muss das Management in „Positive Leadership“-Seminaren lernen wollen, die Unternehmenskultur auf markttaugliche Selbstbehauptung umzustellen. Im gleichen Mass, wie Stellenabbau, Lohnsenkungen und prekäre Arbeitsverhältnisse um sich greifen, forciert die Unternehmenswelt eine Kultur des Lächelns. Veränderungen bis hin zur Entlassung werden als Chance dargestellt, an der man „wachsen“ kann

Dass die ganze Bewegung etwas tumb ist, versteht sich von von selbst,  da doch die Wirklichkeitsflucht zum Programm erklärt wird. Aber es ist nicht nur die Verwissenschaftlichung des positiven Denkens, das positive Denken selbst greift auch im Wissenschaftsmanagement immer weiter um sich, Programme “nach Massgabe der globalen Marktwirtschaft” zu generieren.

Interessant an dem Essay ist dabei auch der Bezug zu dem New Yorker Pastor Norman Vincent Peale

Seiner Ansicht nach verfügte der Mensch über weit mehr – gottgegebene – Potentiale als die Sozialprogramme des New Deal glauben machen wollten. Und genau diese individuellen Ressourcen wollte sein Christentum stärken. Peale, der den weltlichen Reichtum zum Zeichen göttlicher Segnung hochstilisierte, machte Arme und Unterprivilegierte für ihr Schicksal nicht nur selber verantwortlich, sondern rückte sie im Umkehrschluss gar in den Bereich des Sündigen.

Kein Wunder dass die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen dies nicht so stehen lässt

Die Bibel unterstreicht auch die Macht positiver Überzeugungen: „Alles ist möglich dem, der glaubt“ (Mk 9,23). Aus kreuzestheologischer Sicht kommt aber dem menschlichen Scheitern ein besonderer Stellenwert zu, sodass jeglicher Triumphalismus in seine Schranken gewiesen wird.  …  christliche Grundvorstellungen von Glaube, Gebet oder Heilung [werden] zu angeblich unwiderstehlichen „Erfolgs“-Methoden verfälscht. Weil die Erfüllung christlicher Hoffnungen unter dem eschatologischen Vorbehalt steht, verbietet sich naiv-magisches Positives Denken … Dass ein Leben voller Zufriedenheit auch angesichts von Einschränkungen und Schwächen möglich ist, liegt nicht im Blickfeld der Ideologie des Positiven Denkens.

Diese eschatologische Ausrichtung -von Moltmann begründet von Pannenberg oder Johann Baptist Metz weiter getragen- begründet Hoffnung, sie braucht nicht nur vorgespielt werden im Sinn des “fake it till you make it”.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 25.03.2026