Category Archives: Noteworthy

Streeck reloaded

The Heinsberg study made headlines again this week, as according to a not further specified source the authors allegedly missed more deaths after the study period (which I suspected aready 6 months ago from an analysis of local obituarities).

Interestingly, the Streeck study had not been pre-registered although this is being a standard procedure recommended by the ethics committee (the LEK certified the Gangelt study on March 24). Continue reading Streeck reloaded

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

COVID-19 MortalitĂ€t II: Hamburg und MĂŒnchen im Vergleich

Sehen wir uns den Verlauf der an das RKI gemeldeten FĂ€lle (grau), TodesfĂ€lle (rot) sowie in blau die Case Fatality Ratio oder Fall-Verstorbenen-Anteil und zwar als “verzögerungsbereinigter Fall-Verstorbenen-Anteil”, in dem in einem Verschiebefenster die FĂ€lle plus / minus 3 Tage um den Indextag mit den TodesfĂ€llen an Tag 14 plus / minus 3 Tage korreliert werden. Im ersten MĂ€rzdrittel ist die CFR stabil in MĂŒnchen; ĂŒber den gesamten Zeitraum betrĂ€gt sie 219/6526=3.4%.

CFR in MĂŒnchen bis 3.6.2020 (1. Welle). Datenstand RKI 18.11.2020. Eigene Auswertung, Skript auf Anfrage.

Im Vergleich dazu nun Hamburg. Hier ist die CFR im selben Zeitraum mit 264/5090=5.2% höher und hat zusÀtzlich noch einen Peak im letzten MÀrzdrittel.

CFR in Hamburg bis 3.6.2020. Datenstand RKI 18.11.2020. Eigene Auswertung, Skript auf Anfrage.

Das Sterberisiko ist in der Gesamtpopulation signifikant höher in Hamburg mit einem OR von 1.6 (1.3-1.9). Schauen wir uns daher auch noch die Alters- und Geschlechtsverteilung der Verstorbenen an.

SterbefĂ€lle Rohzahlen in Hamburg und MĂŒnchen bis 3.6.2020. Datenstand RKI 18.11.2020. Eigene Auswertung, Skript auf Anfrage.

In Hamburg versterben in allen Altersklassen mehr Menschen. Aus technischen GrĂŒnden kann ich leider nicht fĂŒr Alter und Geschlecht adjustieren weil in den RKI Meldedaten nach IfSchG Todesfall und Erkrankungsfall auf unterschiedlichen Zeilen stehen.

SterbefĂ€lle gegen ErkrankungsfĂ€lle in Land -bzw Stadtkreisen bis 3.6.2020. Datenstand RKI 9.12.2020. Hamburg, Wesel und MĂŒnchen sind markiert. Eigene Auswertung, Skript auf Anfrage.

Wie sieht es auf Intensivstationen aus? Nach den klinischen Studien von Kluge (Hamburg) und den Angaben von Wendtner (MĂŒnchen) wurden in Hamburg 996 und in MĂŒnchen 1300 Patienten hospitalisiert. Hamburg hat davon 261 Patienten auf die Intensivstation verlegt, MĂŒnchen 270.

SterbefĂ€lle auf den Intensivstationen in Hamburg und MĂŒnchen. Quelle: https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S1036731420303349 sowie https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-klinik-corona-patienten-zwischenbilanz-1.5142374. Eigene Zusammenstellung, Skript auf Anfrage.

Von 223 FĂ€llen auf der Intensivstation in Hamburg starben 78, also 35%. Bei 261 FĂ€llen gesamt waren es damit hochgerechnet ca 91 TodesfĂ€lle. In MĂŒnchen starben 28% also 76 Menschen. Hamburg behandelte somit signifikant mehr Patienten auf der Intensivstation (OR 1.4, P=0.002). Auf der Intensivstation sterben mehr Patienten als in MĂŒnchen (ebenfalls OR 1.4, P=0.09) damit ergibt sich ein gepooltes Mantel-Haenszel OR von 1.6 ( 1.2-2.2, P=0.003) in der Klinik.

Dass bei der Auswertung der klinischen Daten nun exakt dasselbe Ergebnis herauskommt wie in den populationsbasierten RKI Daten belegt meiner Ansicht nach, dass die CFR von der klinischen Versorgung bestimmt wird.

Screenshot https://www.muenchen-klinik.de/covid-19/intensivzahlen/

Das wird zwar bisher von den Intensivmedizinern vehement bestritten, ist aber nachvollziehbar da nach RKI Angaben deutschlandweit 73% der InfektionsfÀlle hospitalisiert werden.

Was macht Hamburg nur anders als MĂŒnchen? Ich vermute die Behandlung ist etwas unterschiedlich.

Screenshot https://www.muenchen-klinik.de/covid-19/intensivzahlen/

 

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Testen, testen, testen

Youtube liefert viele Corona Videos zum FremdschĂ€men, zum Beispiel dieses Video “Mansmann vd. Bhakdi”


9:53 Zitat “ich gebe Herrn Bhakdi eigentlich recht, dass diese Massentesterei sinnlos und gefĂ€hrlich ist” (Prof. Dr. Ulrich Mansmann / Volkswirt, LMU, Pseudoexperte).

 

Mal abgesehen, dass das Verfahren “Nowcast” und nicht “Nocast” heisst, war auch die Formel des PPV in der neuen LMU Corona Vorlesung nicht richtig. FĂŒr ein Case-Control Szenario nimmt man eigentlich

auch wenn dann dasselbe Ergebnis herauskommt wie bei Mansmann.

Es ist aber trotzdem falsch, weil die PCR keine 98% SpezifitĂ€t hat. Zitat aus einem frĂŒheren NDR Podcasts:

In China gab es dazu den grössten PCR Massenversuch aller Zeiten: 10 Millionen Tests in Wuhan (Nature 20.11.2020). Dabei wurden 300 asymptomatische FÀlle identifiziert. Selbst wenn alle 300 FÀlle falsch positiv gewesen wÀren (was sie nicht waren) wÀren das gerade mal 0,0003 % und nicht 2%.

Damit zur echten Wissenschaft.

49:54 Zitat “wir … testen um Übertragungen zu verhindern und um die Pandemie zu kontrollieren” (Prof. Dr. Christian Drosten / Virologe, echter Experte)

 

Weitere Links zum Nachlesen etwa

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

COVID-19 MortalitÀt I: Wieso ist die MortalitÀt In Deutschland so unterschiedlich?

Wenig diskutiert wurde bislang die sehr unterschiedliche IFR/CFR (Infection Fatality Ratio bzw Case Fatality Ratio) innerhalb der Bundesrepublik Deutschland.

CFR nach Altersgruppen in den einzelnen BundeslÀndern. Datenstand RKI 18.11.2020. Eigene Auswertung. Skript auf Anfrage. Definition der CFR als Fall-Verstorbenen-Anteil https://de.wikipedia.org/wiki/Fall-Verstorbenen-Anteil#Roher_Fall-Verstorbenen-Anteil

Zum einen könnte die Unterschiede ganz einfach methodische GrĂŒnde habe, dass etwa in einem Bundesland hĂ€ufiger getestet wird. Damit steigt der Nenner des Quotienten aus Verstorbenen zu infizierten FĂ€llen und die Ratio sinkt. Oder die Verstorbenen werden nicht vollstĂ€ndig erfasst, dann sinkt der Quotient ebenfalls. FĂŒr beide Annahmen gibt es aktuell wenig Belege.

Gemittelte CFR in den einzelnen Landkreisen. Datenstand RKI 18.11.2020. Eigene Auswertung, Skript auf Anfrage.

Die nĂ€chste Möglichkeit wĂ€re eine unterschiedliche genetische Empfindlichkeit der Bevölkerung. Aber nach allem was wir bisher wissen, etwa den Genomscans, ist diese Möglichkeit praktisch auszuschliessen. Es könnte auch natĂŒrlich auch sein, dass lokal unterschiedliche Virusvarianten (etwa B.1.1.7) grassieren. Leider gibt es in Deutschland trotz 150 Millionen Forschungsetat keine einzige flĂ€chendeckende Untersuchung (gerade mal 800 Sequenzen seit MĂ€rz), obwohl ich das in der molekularen Epidemiologie hĂ€tte leisten können. In der Gesamtschau ist es allerdings unwahrscheinlich, dass hier eine Virusvariante unter dem Radar lĂ€uft.

Möglicherweise gibt es in den einzelnen BundeslĂ€ndern unterschiedlich viele PatientenverfĂŒgung (“DNR” do not resuscitate, “DNI” do not intubate), wofĂŒr es aber auch keine empirischen Beweise gibt. Die CFR wird vor allem von Clustern in den Altersheimen in die Höhe getrieben. Heime sind in der Tat in Bayern mehr betroffen gewesen als in anderen BundeslĂ€ndern, Ursache unbekannt, Pflegemangel könnte eine mögliche Ursache sein. Ohne eine zentrale Sammlung von Überlastungsanzeigen ist das schwer zu beweisen, weil der Pflegemangel vielleicht nur mal eine Woche und nur an einem Ort besonders extrem war. Es könnte durchaus sein, dass eine hohe CFR eine Unterversorgung anzeigt. So wurde in Tirschenreuth die höchste CFR aller Landkreisen im Lauf der Pandemie beobachtet, als alte Menschen ĂŒberhaupt nicht mehr das Krankenhaus erreichten, sondern zuhause oder in Altenheimen starben. Allerdings kreuzen sich die Linien in dem Plot oben praktisch nicht, da die CFR auch bei jĂŒngeren Patienten sehr unterschiedlich ist. Sachsen liegt auch hier am unteren Rand des Spektrums mit 2,0% und Bayern am oberen Rand mit 4,3%. Es muss damit also weitere GrĂŒnde fĂŒr die Unterschiede geben.

Paradoxerweise könnte auch eine Überversorgung durch zu frĂŒhe Intubation die Prognose verschlechtern, so die Annahme von LungenĂ€rzten schon im FrĂŒhjahr. Es ist ja schon ein Unterschied, ob sich die Lunge physiologisch mit Unterdruck oder kĂŒnstlich mit Überdruck bewegt. Eine Studie im Lancet zeigte dann auch eine deutlich bessere Prognose wenn nicht maschinell beatmet wurde. Allerdings kommt hier “confounding by severity” ins Spiel, die Verzerrung durch die schlechtere Ausgangssituation. Das stimmt sicher, aber ist es die ganze Wahrheit?

Karagiannidis et al 2020 https://doi.org/10.1016/S2213-2600(20)30316-7 zeigten schon im Juni eine mehr als dreifach höhere Sterberate in beatmeten Patienten

Die aktuellen Empfehlungen zur Intubation basieren auf Horovitz Quotient ( arterieller Sauerstoffpartialdruck zur Konzentration von Sauerstoff in der eingeatmeten Luft), Atemfrequenz, Lungeninfiltrat und allgemeiner klinischer Situation. Es ist dann aber doch sehr unterschiedlich, was die “DIVI” (DÄ) oder die “LungenĂ€rzte” (Respiration) zu dem Thema veröffentlichen.

Warum gibt es trotz der Kontroverse keine prospektive Studie? Warum ist die MortalitÀt auf Hamburger Intensivstationen 4x höher als in Moers?

Hier ein Vergleich der Leitlinie

Kluge et al. 2020 https://doi.org/10.1007/s00101-020-00833-3 mit der 3. Version der Leitlinie und der Empfehlung “Kommt es unter den durchgefĂŒhrten Maßnahmen zur weiteren Progression der akuten respiratorischen Insuffizienz, sollten ohne zeitliche Verzögerung die Intubation und eine nachfolgende invasive Beatmung erfolgen. Maßgeblich bei dieser Maßnahme ist ausdrĂŒcklich der Patientenwunsch.”

mit der Situation auf der Intensivstation


Roedl et al 2020 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7590821 zeigen nur geringe Unterschiede in den Blutgaswerten bei Aufnahme zwischen beatmeten und nicht beatmeten Patienten, allerdings fĂŒhrt die Beatmung zu einem 10fach höherem Sterberisiko (OR 10.3, 3.5-40.9, p=6.3 *10^-8). Schlusssatz “Different management and therapy strategies of patients with COVID-19 requiring MV … cannot be entirely excluded.”

Warum wird Überleben nicht in einer Studie nach klinischem Status bei Aufnahme in der Klinik, auf der Intensivstation und zum Intubationszeitpunkt ausgewertet? Mit einer zentralen Auswertung der Kliniken wĂŒssten wir vielleicht, warum die Corona MortalitĂ€t in Deutschland so unterschiedlich ist.

Kleine Anekdote zum Schluss aus dem Pandemia Podcast (43:30): Der erste SARS Patient 2003 in Europa – der Arzt Hoe Nam Leong – wollte damals in Frankfurt auch nicht beatmet werden, er wusste wohl wieso…

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Covid-19 genetics – Any role of MIP1B?

The first GWAS of severe COVID-19 infection was published in the NEJM with the main hit at rs11385942 at locus 3p21.31, a region linked by the authors to LZTFL1. The GWAS catalogue points to MIP1B ( Macrophage Inflammatory Protein 1 beta, MIP-1b, CCL4) level that has been mapped there as well.

https://www.ebi.ac.uk/gwas/genes/LZTFL1
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5223028/

MIP-1B seems to be increased in patients with COVID-19 as a study showed that levels of various CCGFs, including PDGF-BB, CCL5/RANTES, CCL4/MIP-1ÎČ, IL-9, and TNF-ÎČ were upregulated in COVID-19 patients but negatively correlated to disease severity.

Supplement https://www.nature.com/articles/s41392-020-0211-1

Another study measured also MIP-1B but no major effect

Supplement https://insight.jci.org/articles/view/139834/sd/1

A recent Frontiers review discusses the relationship to the cytokine storm in fatal COVID-19 infection but again no isolated effect. Nevertheless I have a gut feeling from a 1995 Science paper that it could be relevant as it was identified as the major HIV-SF produced by CD8+ T cells (which are so important also in COVID-19 recovery).

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Corona – die wichtigsten Videos der Woche

Beginnen wir mit dem Appell der Bundeskanzlerin “Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause”.

 

Dann der wichtigste Corona Experte in Deutschland “So etwas wie eine Meinung gibt es eigentlich in der Wissenschaft nicht“.

 

Ein aktueller Blick in die Schweiz (Zahlen hier) mit einem wunderbaren Musical.

 

Damit zu den Folgen im Spital Schwyz mit Prof. Reto NĂŒesch (Nachfolger des legendĂ€ren Paul Vogt Appell).

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Der nÀchste Tiefpunkt des Wissenschaftsjournalismus

Nach dem Skandal bei der ZEIT versucht sich nun auch der SPIEGEL daran, Wissenschaftler zu diskreditieren…

Was Frau Dipl.biol. Rafaela von Bredow und Frau Dr. med. Veronika Hackenbroch mit solchen Fragen bezwecken wollen? Quotenfrau? Volkshochschule? Quelle BILD?

 

Die Reaktion des amtierenden Leiter Wissenschaft und Technik des SPIEGEL ist genauso respektlos “fragen wird man ja wohl dĂŒrfen”.

 

 

19.12.2020

Mit reichlich langer Leitung (siehe ZEIT 27.7.20) nun auch Jörg Blech heute mit der “Frage”

 

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Masks are working!

CDC recommends them, RKI also while there are still some people who raise doubts, people who are wearing either pseudo-masks or face shields.

So here is another argument by the most contagious airborne disease – measles has a secondary attack rate of >90%. Using masks should have reduced the incidence. And it did – as shown by a recent eurosurveillance.org paper

Average number of measles cases in 2010-2019 and number of measles cases in 2020 reported to TESS (ECDC) by month of statistics during the January to May measles season peaks, EU/EEA and the UK and selected countries. https://www.eurosurveillance.org/content/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.31.2001390#abstract_content

This is fully backed by live European data http://atlas.ecdc.europa.eu

http://atlas.ecdc.europa.eu/public/index.aspx 28Sept20

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Corona Infektionsprophylaxe und HEPA Raumluftfilter

(eigene Stellungnahme vom 23.9.2020)

Schwebstofffilter (HEPA = High-Efficiency Particulate Air Filter) sind Hochleistungs-Partikelfilter zur Trennung von Schwebstoffen aus der Luft. Sie zĂ€hlen zu den Tiefenfiltern, die in der Tiefe des Filtermediums trennen und Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser <1 ”m eliminieren wie Bakterien und Viren, Pollen, Milbeneier, -kot , StĂ€ube, Aerosole und Rauchpartikel. Als Filter können sowohl Einmalfilter, als auch wiederverwendbare Filter eingesetzt werden. Verwendet werden HEPA Filter in hochwertigen Staubsaugern wobei der Haupteinsatz aber spezielle Luftreiniger sind, die ĂŒberall dort eingesetzt werden, wo die Luft von kleinsten Schwebeteilchen gereinigt werden soll. Man findet sie fest eingebaut in OperationssĂ€len, Intensivstationen, ReinrĂ€umen zur Chipherstellung ebenso wie in mobilen GerĂ€ten. Continue reading Corona Infektionsprophylaxe und HEPA Raumluftfilter

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Translationale Forschung

Im aktuellen Laborjournal steht ein phĂ€nomenal guter Artikel zur translationalen Forschung “Von Maus zu Mensch durch das Tal des Todes

Die Translation von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung klappt nicht besonders gut. Dabei ließen sich einige schwache Glieder der Translationskette sehr leicht ersetzen. Dumm nur, dass die neuen Glieder leider nicht so recht in unser akademisches Karriere- und Fördersystem passen würden.

Tolle, lege!

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Tirschenreuth III: Der RKI Report

Seit gestern ist der RKI Bericht nun online verfĂŒgbar, Luisa Hommerich (ZEIT), Thomas Scharnagl (Frankenpost) und Maximilian Gerl / Matthias Köpf (SZ) haben bereits Kommentare dazu veröffentlicht.

Die Aussage von Ex-Landrat Lippert “dass unsere Maßnahmen gegriffen haben, zeigt auch der Rückgang der Coronazahlen, zeitweise auf Null” ist nicht so ganz nachvollziehbar. Aber schauen wir uns an, was es an Neuigkeiten zu der FrĂŒhphase gibt. Bisher wussten wir, dass

  1. bereits 10 FĂ€lle zur Zeit des Bierfestes in Mitterteich am 7.3. erkrankt waren. Allerdings wurde im Mittel erst nach 13 Tagen gemeldet, also nach der Inkubationszeit von 4-12 Tage.

    Die ersten 293 FĂ€lle des LK Tirschenreuth mit Erkrankungsdatum vor dem 19.3.: Das Gesundheitsamt beginnt erst am 10.3. zu melden wobei die Melde-Intervalle immer lĂ€nger werden. Der Zeitpunkt des Starkbierfestes ist mit einer vertikalen grĂŒnen Linie markiert, die Inkubationszeit von 4 bis 12 Tagen mit einer roten Linie. 74% der FĂ€lle treten in der Inkubationszeit nach dem Starkbierfest am 7.3. auf, 16% bereits vor der Inkubationszeit des Zoigl.
  2. Der Landkreis hatte den höchsten Anstieg von allen Bierfesten in Bayern wobei es schon vor dem Bierfest eine hohe Dunkelziffer gegeben haben muss.

    Alle bayrischen Landkreise, Bierfeste sind als Punkte markiert. LK Tirschenreuth mit Mitterteich ist schwarz markiert. Stand 20.4.2020
  3. Mitterteich ist auch jetzt, mehr als 3 Monate spÀter, immer noch der Hotspot der Region, hier gab es auch die meisten TodesfÀlle.
LK Tirschenreuth, Covid-19 ErkrankungsfÀlle, Stand 19.6.2020

 

Nun zum RKI Bericht “April-Juni 2020” von Regina Selb, Michael Brandl und Sybille Rehmet. S.10 Abbildung 4 enthĂ€lt dabei bisher nicht bekannte Daten

Expositionsfakoren laut RKI Bericht “April-Juni 2020” veröffentlicht am 15.7.2020

 

Der Bericht sagt dazu

Zehn FĂ€lle (9%) besuchten das Starkbierfest am 7.3.2020 in Mitterteich, 12 FĂ€lle (11%) machten einen Skiurlaub in Italien oder Österreich im Februar oder MĂ€rz und 14 FĂ€lle (13%) waren zu Gast beim Zoigl in Mitterteich zwischen dem 3.3. und 7.3.2020. 12 (11%) der FĂ€lle waren zum Zeitpunkt der erneuten Befragung zu möglichen Expositionen (12.-14.05.2020) bereits verstorben … Von den 98 erneut befragten Fallen hatten 33 mindestens eine dieser drei Expositionen. Ein Zusammenspiel dieser drei Faktoren zu einem Zeitpunkt, als noch kein einziger Fall aus dem Landkreis gemeldet war, scheint wahrscheinlich als Ursache fĂŒr die rasante Ausbreitung des neuen Coronavirus in der Stadt Mitterteich.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch die Aussage des Gesundheitsamtes gegenĂŒber der ZEIT Journalistin

DarĂŒber habe das Gesundheitsamt keine Informationen, sagt Grillmeier. Ein Sprecher ergĂ€nzt per E-Mail: “Ob sich auf dem Fest eine bereits mit Covid-19 infizierte Person aufgehalten hat, ist bisher mehr oder weniger eine Vermutung.”

Das Gesundheitsamt weiss also angeblich von keinem einzigen Fall. Das heisst nichts anderes aks dass eine meldepflichtige Erkrankung von den Ärzten nicht gemeldet wurde oder dass das Gesundheitsamt die Meldung erstmal verschwiegen hat. Wie auch immer, Wochen spĂ€ter wurde die Meldung weiter gegeben. Der Bericht sagt das auch verklausuliert

Jedoch gibt es Hinweise darauf, dass zwischen Symptombeginn und Nachweis des SARS-CoV-2 Virus in Tirschenreuth mehr Zeit verging als in den Vergleichsregionen.

Man sieht auf den ersten Blick, wie das Intervall zwischen Erkrankung und Meldung immer lĂ€nger wird, am Ende sind es ĂŒber 6 Wochen! Die RKI ExpertInnen meinen, dass der hohe Anteil der FĂ€lle aus der Gemeinde Mitterteich am Ausbruchsgeschehen im Landkreis mit der Exposition in Mitterteich zusammenhĂ€ngen.

Ausser dem Oberstaatsanwalt in Weiden Opf. hatte bisher daran auch niemand ernsthaft Zweifel.

Der Zoigl Kalender 16.7.2020 http://www.oppl-zoigl.de/Oppl.php

Das RKI will aber (S.11) die Ausbreitung nicht primĂ€r auf das Starkbierfest zurĂŒckfĂŒhren. Ich frage mich, worauf dann? Etwa auf die Zoigl Wirtschaft, die mit wenigen Tischen vom 3.-7.3 geöffnet hatte? Einer einzelnen Wirtschaft kann man kaum viele FĂ€lle zuordnen, solange man nicht auch die Besucherzahlen in anderen Restaurants oder in den Gottesdiensten untersucht hat. Der RKI Bericht hat also wohl nicht nur eine der Hauptinfektionsquellen ĂŒbersehen, es wichtet auch die Zoigl Wirtschaft zu stark im VerhĂ€ltnis zu den 1200 Personen, die am 7.3. beim Singen, Tanzen und Trinken beim Starkbierfest in der Mehrzweckhalle den Virus verbreitet haben. Das Starkbierfest passt sehr viel besser zum Zeitverlauf als die Zoigl Wirtschaft, da eine Woche darauf die meisten FĂ€lle gemeldet wurden.

Zwei Maxima des HĂ€ufigkeitsverlaufes nach dem 7.3.. Werte vor dem 7.3. deuten auf eine Ausbreitung vor Zoigl und Bierfest. Das Maximum der Weibull Funktion wird am 8. Tag nach dem Bierfest erreicht; ca 20% der Werte liegen ausserhalb der Verteilung und machen den ersten Peak aus, der wohl der Zoigl Wirtschaft bzw anderen Faktoren zuzuordnen ist. FĂŒr die Weibull Funktion siehe Daten von https://doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.5.2000062

 

So steht dann auch auf S.14 des Berichtes

Die deutliche ÜberproportionalitĂ€t der Falle in der Gemeinde Mitterteich an der Gesamtfallzahl im Landkreis zu Beginn des Ausbruchs deutet darauf hin, dass die beiden Biertraditionen dort als Katalysator des Geschehens dienten.

Oder auf S.19

Der hohe Anteil an positiven SARS-CoV-2 Befunden trotz der ĂŒberproportional hohen Anzahl an Testungen im Landkreis Tirschenreuth deutet auf ein großes Ausbruchsgeschehen hin.

Dem ZEIT Artikel stimme ich damit in der Wertung zu

Die Studie wirft neue Fragen zum Krisenmanagement im Landkreis auf. Denn anders als nach anderen bekannten Superspreading-Ereignissen in Deutschland stellte das örtliche Gesundheitsamt die Festbesucherinnen und -besucher von Mitterteich nicht systematisch unter Quarantäne, nachdem das Amt von den Infektionen im Zusammenhang mit dem Fest erfuhr. Das Fest wurde auch nicht als Ansteckungsherd kommuniziert. “Man kann ja nicht 1.200 Festbesucher unter Quarantäne stellen oder die alle testen lassen”, begründete Landrat Roland Grillmeier das Vorgehen gegenüber der ZEIT. Andere Landkreise taten jedoch genau das: Der Landkreis Heinsberg schickte etwa nach einer Karnevalsfeier im Februar immerhin rund 300 Besucher in Quarantäne.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Hygiene conspiracy theorists argue at trumplevel

It is quite interesting to see how the proponents of the hygiene hypothesis are reacting to the Covid-19 pandemic, citing only selected BCG and polio studies and are advising (no disinfectant of course :-) but galectin

The fact that trained immunity can be induced raises the prospect of its exploitation to raise the threshold of resistance to COVID-19 infection … Some studies have already shown that communities that still use Bacillus Calmette-Guérin (BCG) as a vaccine against tuberculosis may have lesser instances of severe COVID-19 infection than those countries that do not use BCG. This notion has been complemented by advocating the use of BCG to vaccinate persons in an attempt to protect them against COVID-19. A recent letter by HIV pioneer Bob Gallo advocated using oral polio vaccine for a similar effect. We consider that administration of galectin molecules, some of which can activate the innate immune system might also represent an approach to reduce the consequences of COVID-19 infection. It is also worth noting that galectin therapy also has the potential to reduce the severity of COVID-19 once infected.

NIH grants EY05093 and AI142862. “Microbes & Infection” has an impact factor 2,3. Published by Institute Pasteur.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Why doesn’t the NEJM retract?

In contrast to what the NYT wrote and in contrast to what the SPIEGEL reiterates today – the NEJM letter form Munich wasn’t the first description of an asymptomatic patient – this was already published one week earlier on January 24, 2020.

…one asymptomatic child (aged 10 years) had radiological ground-glass lung opacities.

The wording of the letter was immediately criticized by Kai Kupferschmidt in Science

But now, it turns out that information was wrong. The Robert Koch Institute (RKI), the German government's public health agency, has written a letter to NEJM to set the record straight, even though it was not involved in the paper.

The NEJM tried to rescue the letter with an online supplement giving more details from another phone call to the Chinese lady, making clear that she already had symptoms taking acetaminophen. But also Drosten did not want to retract according to a transcript of the press conference.

https://www.sciencemediacenter.de/fileadmin/user_upload/Press_Briefing_Zubehoer/Transkript_Coronavirus_PressBriefing_13022020.pdf

Maybe it was a somewhat unclear situation if the index case could not be interviewed (which should have been done when writing a case report)… Clearly this wasn’t a dysfunctional social media discussion but a basic scientific question as the following RKI report in the Lancet corrected numerous details. Differences of the two reports

The NEJM Article missed patient #13 who accompanied index #0.
#0 had been well with no signs or symptoms of infection” was wrong already at time of submission.
#0 had no business meeting on 19th (also wrong according to the online supplement).
#1 symptoms on 23rd not 24th.
#2 symptoms on 25th not 24th, meeting also on 20th.
#3 symptoms on 25th not 26th, contacts with #1 only 24th.
#4 symptoms 24th not 26th, met #0 not #1.

And again the Rothe version 0:32 tells version of #1…

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Tirschenreuth II: Dr. med. Peter Deinlein

Dr. med. Peter Deinlein. Geboren 1976 in Bayreuth, aufgewachsen in Kemnath, Wehrdienst in Feldkirchen, Studium in Erlangen ab 1997, 2005 promoviert.

Die Doktorarbeit ist auf Mikrofiche verfĂŒgbar, was man in der Vergangenheit oft machte, um bei belanglosen “Titelarbeiten” das Papier einzusparen. Die Zusammenfassung ist in einer deutschen Zeitschrift erschienen, geschĂ€tzter Zeitaufwand damals 4-6 Wochen, heute ca . 1-2 Wochen. Leider basiert die Veröffentlichung auf einem Zirkelschluss, denn wenn eine Hochrisikogruppe ĂŒber LymphgefaÌˆĂŸeinbruch eines Tumors definiert wird und dann gezeigt wird, dass es just in dieser Gruppe mehr Metastasen gibt, dann ist das doch irgendwie trivial.

Wo die am Ende angesprochene “eigene, noch nicht publizierten Studie” wohl blieb? Hat sie sein Doktorvater Michael Vieth ohne ihn verwertet? Oder war sie schlicht zu uninteressant? Es eine Statistik ĂŒber 218 koloraktale Karzinome, die in Bayreuth 1987-2000 diagnostiziert wurden. Die bevorzugte Darstellung sind schraffierte! 3-D! Balkendiagramme (Abbildungen 12-23). Wie das nicht kategorisierte Alter oder die nicht kategorisierte Karzinomgrösse auf Lymphknotenmetastasen im Chiquadrat Test ausgewertet wurde (S.45) bleibt schleierhaft, ebenso die grenzwertig positiven Ergebnisse der multivariaten Analyse (ohne Geschlecht im Modell, ohne ß SchĂ€tzer, nur das Intervall ist angegeben). Nirgendwo findet sich auch die AUC, die Arbeit hĂ€tte vielleicht doch jemand Korrektur lesen sollen.

Leider stimmt in der Veröffentlichung dann aber der erste Eintrag in der Tabelle des “Pathologen” nicht, Christie et al 1984 hatte 83 FĂ€lle, nicht wie angegeben 101. Bei Morson 1984 stimmen zwar die 60 FĂ€lle, aber nicht die 0 bei den Metastasen. Coverlizza 1989 hatte 8 statt 5 Metastasen. Völlig unklar ist auch, warum die Tabellen in Dissertation und Veröffentlichung nicht ĂŒbereinstimmen? Nun ja, vergessen wir die Art von “Dissertationen”.

 

Auf das Studium folgt eine kurze Weiterbildung in einem kleinen Krankenhaus, ein Jahr chirurgische Praxis und Übernahme der Praxis seines Vaters. Neben den ĂŒblichen Landfreundschaften (Feuerwehr, Tennisclub), GeschĂ€ftstĂŒchtigkeit (Raiffeisenbank, Architekturwettbewerb, weitere Praxis) und ĂŒblicher FunktionĂ€rslaufbahn (Bayrischer HausĂ€rzteverband, Bezirksdelegierter Oberpfalz) ist nicht viel online heraus zu finden.

Die Beziehungen zur Politik sind gut, sogar sehr gut, der Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert kommt Mitte Juni 2019 in seine Praxis. Dr. Deinlein nutzt die Gelegenheit, eine Professur fĂŒr Allgemeinmedizin zu fordern

Es ist … für die gesamte Oberpfalz bedauerlich, dass die Universität Regensburg als einzige Hochschule mit medizinischer Fakultät in ganz Bayern noch keinen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin hat oder plant. Darüber hinaus müssen wir aber auch in unserem Landkreis aktiver werden und jungen Medizinern in unseren Kliniken und Praxen eine hervorragende Aus- und Weiterbildung bieten, um diese so für unsere Region zu begeistern.

Dann kommt Corona. Und alles geht schief. Damit wĂ€hrend der aktuellen Lage auch die ambulante Arztversorgung im aktuellen Katastrophenfall sichergestellt ist, wurde in Bayern ab dem 27.3. von den LandrĂ€ten sogenannte “VersorgungsĂ€rzte” eingesetzt. VersorgungsĂ€rzte sollen die Ă€rztliche Versorgung sicherstellen, SchutzausrĂŒstung zuteilen, Testzentren einrichten, Schwerpunktpraxen einrichten und die Politik beraten. Und Landrat Lippert wĂ€hlt Deinlein. Der/die LokalreporterIn stellt dann auch gleich die richtige Frage, ob Deinlein die öffentliche Kritik an der EinfĂŒhrung des Versorgungsarztes verstehen kann, die ja eine Entmachtung der kassenĂ€rztlichen Vereinigung und des Gesundheitsamtes bedeutet?

Ich verstehe, dass jede Körperschaft das Heft des Handelns selbst in der Hand haben möchte. Doch das Krisenmanagement der Bayerischen Staatsregierung ist absolut richtig und die einzelnen BeschlĂŒsse hĂ€tten keinen Tag spĂ€ter kommen dĂŒrfen. Die kritische Lage, in der sich unser Landkreis jetzt befindet, kann man nicht zentral steuern. Sie muss tĂ€glich vor Ort neu bewertet werden. Es liegen zu viele bĂŒrokratische HĂŒrden zwischen Berlin und Tirschenreuth und selbst der Weg von MĂŒnchen nach Tirschenreuth ist lang … Das persönliche GesprĂ€ch und der “kurze Dienstweg” sind unsere StĂ€rke … Ich habe den Kollegen die Entscheidung abgenommen und fĂŒr den gesamten Landkreis sieben regionale Sprecher festgelegt.

Das ist nun die zweite bemerkenswerte Tatsache, dass hier ein Arzt ohne besonderer Ausbildung in Infektionskrankheiten oder Epidemiologie weitreichende Entscheidungen trifft. Leider hat dann Tirschenreuth die meisten TodesfÀlle in Deutschland. Deinlein ist damit auch der Arzt, der es in die ZEIT Reportage von Luisa Hommerich schafft.

Der Versorgungsarzt von Tirschenreuth möchte nicht, dass aus dem einstündigen Telefonat mit ihm zitiert wird. Nach dem Gespräch schickt er eine E-Mail an einen Verteiler mit Ärzten aus dem Landkreis: Er droht allen, die die ZEIT bei der Spurensuche unterstützen, sie der Ärztekammer zu melden. Diese Fragen sollten “intern aufgearbeitet und geklärt werden”. Es bringe nichts, solche Angelegenheiten nach außen zu tragen - “aber so dumm sind die Oberpfälzer nicht, wir halten zusammen und klären intern auf “.

Seine Reaktion auf den ZEIT Artikel muss man zwei Mal lesen:

Außerdem habe Hommerich ihn gebeten, ihre Nummer an Covid-Patienten weiterzureichen, um so an Gesprächspartner zu kommen. “Ich hatte Bedenken, dass dies eventuell gegen die ärztliche Berufsordnung verstoßen könnte.” Deshalb habe er seine Kollegen darauf hingewiesen. Inzwischen habe er herausgefunden, dass es kein Verstoß ist, wenn man die Nummer einer Journalistin an Patienten weitergibt..

Ein Verstoß gegen die Berufsordnung? Der ehemalige Mitterteicher BĂŒrgermeister (wir kennen ihn von dem Starkbierfest) und jetzige Landrat Grillmeier, springt Deinlein bei, nicht ganz uneigennĂŒtzig:

Der Journalistin sei es um Schuldzuweisungen gegangen, sagt Grillmeier, der bis Mai BĂŒrgermeister in der besonders betroffenen Stadt Mitterteich gewesen war. Dabei lasse sich nicht sicher sagen, weshalb der Landstrich so hart getroffen wurde. “Auch dieser Artikel wiederholt doch nur bekannte Spekulationen.” Und die Frage, weshalb ein so hoher Anteil der positiv getesteten auch verstorben sei, könne der Beitrag gar nicht erklĂ€ren.

Lehrbuch der Rhetorik-Tricks: erst kommt die Unterstellung (sogenannte “moralische Argument”), dann stellt er sich dumm (“Argument aus Nichtwissen”) bevor dann endlich das Strohmann-Argument folgt (“angeblich hohe IFR”).

Wie die Arbeit von Deinlein einzuschĂ€tzen ist, steht auch auf S.23 des RKI Berichtes, wie Mitarbeiter des Heim 3 die Infektion einschleppen und damit die TodesfĂ€lle verursachen. S.19 des RKI Berichtes zeigt die chaotische Strategie des Versorgungsarztes, dem Schutzkleidung und Testmaterial ausgehen und nicht mal mehr in den Pflegeheimen getestet werden kann. DafĂŒr werden aber “Sonderarbeitsgenehmigungen fĂŒr symptomloses Personal” ohne Testergebnis ausgestellt.

Heim 3 war dabei das erste betroffene Heim. Der erste COVID-19 Fall unter den Mitarbeitenden dieses Heimes wurde am 16. MĂ€rz getestet und am 19.3.2020 gemeldet. Symptombeginn war am 8.3.2020 … Auf Grund der milden respiratorischen Symptomatik arbeitete der Fall noch bis zum 16.3.2020 in der Einrichtung.

Nach dem RKI Bericht hat man die Patienten nicht mal mehr in die Klinik in Weiden gebracht, da sie bis zur KapazitÀtsgrenze belegt war (und hat nicht Bayern sogar Patienten aus Italien eingeflogen?)

Ein dubioser Möchtegernprofessor mit dubioser Promotion, dem das Testmaterial ausgeht. Ärzte, die eine meldepflichtige Krankheit nicht melden und eine Praxis, die ihre Patientinnen infiziert. Ein Landrat, der einBierfest nicht absagt und dann auch noch zur Datenherausgabe verklagt werden muss, ein ĂŒberfordertes Gesundheitsamt, dem auch mit zusĂ€tzlichem Personal nicht zu helfen ist wie vorgeschrieben zu melden, eine Klinik, in die nicht mehr eingewiesen werden kann, ein Staatsanwalt, der die Infektionskette leugnet, RKI Experten, die auch nicht die Quellen identifizieren – langsam wird klar “weshalb der Landstrich so hart getroffen wurde”.

Es gibt viele andere Kommunen in Bayern, die mit derselben Ausgangslage konfrontiert wurden. Es ist aber kein Zufall, daß in Tirschenreuth so viele Menschen gestorben sind.

 

Nachtrag 21.10.2022

Der geschĂ€ftstĂŒchtige Allgemeinarzt hat wieder zugeschlagen diesmal mit dem “Projekt: Die innovative Hausarztschmiede“.

Inzwischen ist der Förderbescheid des Bayerischen Gesundheitsministeriums eingetroffen. 50 Prozent der 240.000 Euro Kosten in den kommenden drei Jahren werden vom Freistaat getragen. Ziel der Hausarztschmiede ist es, die Ă€rztliche Grundversorgung sicherzustellen. Schon jetzt gĂ€be es zum Beispiel im östlichen Teil des Landkreises eine Unterversorgung bei den KinderĂ€rzten, so Dr. Deinlein. Beinahe 50 Prozent der Ärzte sind zudem ĂŒber 60 Jahre alt. In den kommenden sechs Monaten soll die Situation sondiert und eine Bestandsaufnahme durchgefĂŒhrt werden. Anschließend geht es an die Umsetzung der Projekte. Arztpraxen sollen zum Beispiel Lehrpraxen werden. Die Gesundheitsökonomin Laura Ott soll dafĂŒr Studenten gewinnen.

und ja, Dr. med. Peter Deinlein macht jetzt auch Werbung fĂŒr Fahrrad Flickzeug.

"FĂŒr mich ist das Wheelie Wrench Pro ein gut durchdachtes, sehr kompaktes, leichtes Multitool fĂŒr sĂ€mtliche Abenteuer auf dem Gravelbike", sagt Peter nach seinem Test.

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026

Tirschenreuth I: Das Bierfest

Alle Welt redet ĂŒber die Gangelt Studie, nicht zuletzt durch die mediale Begleitung. Tirschenreuth ist aber mit Abstand der wichtigste Hotspot in Deutschland. Luisa Hommerich hat in der ZEIT beschrieben, dass die Todesrate in Tirschenreuth die höchste im Bundesdurchschnitt war. Es ist im Augenblick schwer zu sagen, was wirklich in dem Landkreis Tirschenreuth passierte, solange man nicht die individuellen Kontaktdaten einsehen kann. Zitat aus der ZEIT

Und noch etwas ist seltsam: Es gab in Tirschenreuth nicht nur extrem viele Corona-Kranke - ganze elf Prozent von ihnen starben auch, obwohl die Todesrate im Bundesdurchschnitt bei nicht einmal fĂŒnf Prozent liegt.

Schauen wir also nach der CFR in Deutschland nun auch noch den Zeitverlauf der CFR fĂŒr Tirschenreuth an.

Case Fatality Rate CFR, rot) definiert als kumulative Sterblichkeit innerhalb eines 7 Tage Zeitfensters das 14 Tage auf das symmetrische 7 Tagesfenster um den Indextag folgt. Fallzahlen hinterlegt in grau fĂŒr den jeweiligen Indextag. TodesfĂ€lle schwarz. Loess Smoother mit span=0.5. Datenstand: RKI 4.6.2020

Die CFR geht ab dem 1.4. in ein Plateau und steigt danach sogar wieder an. Die CFR ist dabei höher als im ĂŒbrigen Bayern, wohl durch eine hohe Zahl von asymptomatisch Infizierten, weniger eine ungĂŒnstigere Überlebensrate. Nach RKI Daten ist jedenfalls die Aussage fraglich, die der neue Landrat und ehemalige BĂŒrgermeister von Mitterteich gegenĂŒber der ZEIT gemacht hat, dass es zum damaligen Zeitpunkt (7.3.) noch keine Corona-FĂ€lle im Landkreis gab. Zehn FĂ€lle gab es definitiv schon laut RKI Datensatz, ich schĂ€tze es waren 20-30 FĂ€lle allein aus dem spĂ€teren Verlauf.

Die ersten Corona FĂ€lle im Landkreis Tirschenreuth aus dem RKI Datensatz passen dabei besser zu der ZEIT Darstellung. Allerdings wurden weder der 50jĂ€hrige “Brunner” noch der “Musiker” getestet, obwohl sie an dem Fest Symptome hatten. Zwei der bekannten 10 FĂ€lle sind mittlerweile verstorben.

Weltweit gab es am 7.3. aber bereits 35.000 FĂ€lle laut Worldometer, die ersten FĂ€lle in Deutschland waren sechs Wochen zuvor aufgetreten, sicher keine harmlose Situation um noch am 7.3. zu einer “Massen-Schluckimpfung” einzuladen.

Starkbierfest Mitterteich Mitterteich war bisher mehr als AtommĂŒll Zwischenlager bekannt als fĂŒr die Brauerei Hösl

Eigenartigerweise wurden die ersten ErkrankungsfÀlle des Landkreises alle erst nach dem Fest gemeldet. Der Landkreis hat 73.000 Einwohner, Mitterteich 7.000, die meisten der 1200 Teilnehmer kam aus dem Umland. Warum wurde der erste Fall im Landkreis 23 Tage lang nicht gemeldet? Und der zweite Fall auch erst 21 Tage spÀter? Eigenartig ist die zeitliche Reihung der Meldungen von FÀllen, die aber mehr oder weniger gleichzeitig aufgetreten sind. Die einschlÀgige Vorschrift dazu ist eigentlich klar

Die namentliche Meldung muss unverzĂŒglich erfolgen und dem zustĂ€ndigen Gesundheitsamt spĂ€testens 24 Stunden, nachdem der Meldende Kenntnis erlangt hat, vorliegen. Eine Meldung darf wegen einzelner fehlender Angaben nicht verzögert werden (vgl. § 9 Abs. 3 IfSG)….

Zum Vergleich ein anderer Zeitablauf: In MĂŒnchen traten am 24.1. die ersten Symptome auf, drei Tage spĂ€ter war die erste PCR positiv, ein Tag spĂ€ter wurde gemeldet und am 5.3. ist der Artikel im New England Medical Journal erschienen.

Leider kam es in dem Landkreis nach offiziellen RKI Daten auch zu einem Exzess an Erkrankungen bei Frauen, zuerst ein geringerer im letzten MÀrz Drittel, und dann ein zweiter in den ersten Aprilwochen, die beide sicherlich unabhÀngig von dem Starkbierfest waren und trotz Ausgangssperre ab 18.3. aufgetreten sind.

RKI Daten Tirschenreuth: Signifikanter Anstieg der Inzidenz bei Frauen auch noch nach der Ausgangssperre

Es wurde also nicht nur die Fallmeldung an das Gesundheitsamt versĂ€umt, es wurde auch noch eine Großveranstaltung erlaubt, die man zu dem Zeitpunkt nicht hĂ€tte erlauben dĂŒrfen. Und es wurde wohl in einer oder zwei Frauenarztpraxen gegen Infektionsschutzmassnahmen verstoßen, ohne dass das bis heute bekannt wĂ€re.

Leider gibt es bisher in Deutschland kaum backward tracing wie in anderen LĂ€ndern. Was die drei RKI Experten herausgefunden haben, die ab dem 27.4. vor Ort waren, wird interessant sein. Der Bericht steht noch aus. Ich vermute, es gibt noch mehr GrĂŒnde, warum die Tirschenreuth so stark betroffen war. In Tirschenreuth lag im ĂŒbrigen eine Strafanzeige gegen unbekannt vor, allerdings sagt der Oberstaatsanwalt Gerd SchĂ€fer der lokalen Tageszeitung am 16.4.

“Die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer Infektion auf dem Starkbierfest in Mitterteich reicht nicht zur BegrĂŒndung dieses strafrechtlichen Vorwurfs einer fahrlĂ€ssigen Körperverletzung aus”, erklĂ€rt SchĂ€fer. Es gebe keine sicheren Erkenntnisse ĂŒber eine solche Infektion.”

Ob die VorfĂ€lle strafrechtlich relevant sind, sei dahingestellt, die BegrĂŒndung ist sicher falsch. Es gab mehrere infizierte Teilnehmer auf dem Fest und im Anschluss daran gab es den höchsten Anstieg an Infektionen in Bayern.

Mit der ĂŒblichen Ermittlungsmethoden (die auch sonst an Tatorten ĂŒblich sind) hĂ€tte man die Infektionskette zweifelsfrei nachweisen können und zwar in unter 24 Stunden. Auch hĂ€tte man alle Festteilnehmer am 8.3. oder 9.3. unter QuarantĂ€ne stellen können. Man hĂ€tte nur wollen mĂŒssen. Und nicht erst am 18.3. eine Ausgangssperre verhĂ€ngen dĂŒrfen als bereits 15 Patienten im Krankenhaus lagen.

Nachtrag 6.6.2020

 

CC-BY-NC Science Surf , accessed 20.09.2026