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Evidence Based Medicine, Ioannidis und Covid-19

Eine kurze Ergänzung zu „Der Fall Ioannidis“ – Schlamperei beim Gralshüter wissenschaftlicher Qualitätsstandards? im Laborjournal 6.2020 …

Dass John Ioannidis, einer der bekanntesten Systemkritiker der Biomedizin, derart hart am Boden aufschlägt, ist eines der verbüffendsten Phänomene der Corona Pandemie. Ioannidis, einer der am meisten zitierten Mediziner, nun plötzlich die treibendende Kraft hinter der desolaten US Politik, der direkte Gegenspieler von Lipsitch und Fauci, in einem Land, das wegen der ignoranten Politik nun unter 5,7 Millionen Fällen und 176.000 Todesfällen leidet?

Bei aller Sympathie, aber dieser Fenstersturz war eigentlich noch schlimmer als von Dirnagl beschrieben. Tragisch natürlich, nachdem es Dirnagl doch gelang, Ioannidis an das BIH Berlin zu holen. Aber selbst Youtube löschte dann doch das Ioannidis Interview (bei Dailymotion ist es noch verfügbar).

Den Platz in der ersten Reihe der Corona Leugner hatte sich Ioannidids mit falschen Aussagen zur “Princess Diamond” ja auch redlich verdient. Natürlich haben uns damals viele Daten gefehlt (und fehlen uns immer noch dank einer desolaten Forschungspolitik) aber den Lockdown als Atombombe zu bezeichnen? Zum Beweis der These von der Ungefährlichkeit der Virusinfektion mit allenfalls ” 10.000  Toten” kam erst die dubiose Santa Clara Studie, dann die unvollständige Meta-Analyse, bis zu dem bereits erwähnten Paper zum Covid-19 Risiko in einer Untergruppe einer Untergruppe, in der das Verkehrsrisiko zur Arbeit als Vergleich diente. Hat Ioannidis, ungeachtet der methodischen Schwächen seiner Studien, aber vielleicht dennoch recht, fragt nun Dirnagl?

Die Begründung für den Lockdown kam nicht nur aus der mathematischen Modellierung oder ersten Daten der Infektionsepidemiologie – es gab viel mehr Argumente aus Virologie, Molekularbiologie, Aerosolphysik, Immunologie und Klinik, die alle für drakonische Massnahmen sprachen (Ioannidis ist im übrigen schon beim nächsten Thema, er interessiert sich gerade für die Frage, wie man den Nobelpreis bekommt).  Sicher, man könnte sagen, ein Egomane eben “so attached to being iconoclast that defies conventional wisdom that he’s uninentionally doing horrible science” wie Wired schrieb. Nach den geleakten Emails bei BuzzFeed stimmt es aber wohl nicht, dass Ioannidis immer betont hat, dass die Politik mit den sofortigen drakonischen Abwehrmaßnahmen richtig gehandelt hat. Im Gegenteil, er hat dagegen opponiert, bis es nicht mehr anders ging.

Ich sehe hier auch nicht so sehr die Preprints als Hauptproblem für die aktuelle Misere von EbM (“Evidence Based Medicine” nicht zu verwechseln mit “Einheitlicher Bewertungsmaßstab”). Die 100 Twitterkommentare eine Stunde nach dem Hochladen des Ioannidies Preprints waren aus epidemiologischer Sicht allemal qualifizierter als es zwei Standard Reviewer jemals hätten sein können. Auch habe ich wenig Angst vor “Research Exceptionalism” –  gute Arbeitsgruppen aus renommierten Institutionen werden genauso gute Preprints wie gute Paper verfassen.

Das Problem scheint mir woanders zu liegen, nämlich wie dogmatisch die EbM-Gemeinde im Fahrwasser von Ioannides reagiert hat. So etwa Antes, in der Badischen Zeitung, Covid-19 sei der “Abschied von der Wissenschaft” und “da will ich Her Drosten widersprechen”. Das deutsche EbM Netzwerk erschöpfte sich in der Wiederholung des Mantras von kontrollierten Studien, etwa “wenig Evidenz, dass NPIs bei Covid-19 tatsächlich zu einer Verringerung der Gesamtmortalität führen” und demonstriert immer wieder ihr Fallschirm Problem. Die Wikipedia schreibt völlig zurecht, dass

bei der Übertragung ins Deutsche [die Gründer] einem falschen Freund erlagen: Während evidence im Englischen je nach Kontext die Bedeutungen ‚Beweis‘, ‚Beleg‘, ‚Hinweis‘ oder ‚Zeugenaussage‘ hat, ist die Bedeutung von Evidenz im Deutschen Offensichtlichkeit (die keines Beweises bedarf) (englisch: obviousness). Deshalb wurde vorgeschlagen, im Deutschen die Bezeichnung “nachweisorientierte Medizin” zu verwenden, was sich jedoch nicht durchgesetzt hat.

Zugegeben, die deutsche Covid-19 Forschung war reichlich kopflos, als würde es keine Epidemiolog:innen in Deutschland geben. Wenn die Politik aber auf das systematische Cochrane Review mit EbM Siegel hätte warten müssen, dann hätten wir Schweden locker zweimal in der Mortalität überholt. Mit “Corona-Virus in unseren Pflegeheimen – ein evidenzfreies Drama in drei Akten” war die Nähe von EbM zu Corona Leugnern wie Wodarg, Bonelli, Bhakdi oder Homburg schon unangenehm zu spüren. Und sie ist es weiterhin: Erst wurde gegen den Lockdown wegen der Kollateralschäden argumentiert und danach, der Lockdown wäre ja nicht nötig gewesen – ein klassischer Zirkelschluss. Ich erinnere mich auch noch an pseudorationale Ansagen wie “sollte die Ausbreitung tatsächlich nur aufgrund der NPIs zurückgehen, so ist mit einem erneuten Anstieg zu rechnen, sobald diese gelockert werden”. EbM hat – um die Kritik Achensteins aufzugreifen – in der Tat keinen Sinn für den „erklärenden Zusammenhang“.

Ich halte es mittlerweile für ein systembedingtes Versagen von EbM, die Dynamik des Geschehens formal erfassen zu wollen. Covid-19 hat vielen von uns unbarmherzig die Grenze unserer Argumente aufgezeigt. Gerd Gigerenzer unterscheidet “die Welt die stabil ist, wo man einfach die Statistik anwenden kann. Das ist die Welt von berechenbaren Risiken…”. Nur leider, Covid-19 hat sich bisher mehrfach den berechenbaren Risiken entzogen.

Nothing is definitive

Some congress organizers believe that they can predict the future. So does Cezmi Akdis (Editor-in-Chief of Allergy since 2018) who has been sending out an email this week explaining the future.

And here is – just for the records – the Twitter channel of Eric Topol today

Is this really an invitation to attendees from the US?

After all the Paul R. Vogt letters? While Christian Althaus, another Swiss epidemiologist warns today about a resurgence?

 

Unfortunately, even antibody response doesn’t seem to be stable

This is a unique demonstration of poor science in allergy research. Or is the “invitation” just showing the Davos congress money-making scheme  just like the  Ischgl Après Ski Bar?

Fragensammlung Corona

Welche Rolle haben die Starkbierfeste und Wahlen in Bayern bei Ausbruch gespielt?

Welche Personengruppe/Gewerbe infiziert im Augenblick gerade die meisten anderen Menschen?

Wieviele (nicht ausgewählte) Personen haben die Erkrankung bereits durchgemacht?

Wieviele Kinder? Sind Kinder weniger ansteckend als bei sonstigen Viruserkrankungen?

Gibt es Near Field Tracing Apps ohne massive Datenschutzprobleme?

Kann man die Gesundheitsämter mit besserer Software ausrüsten?

Kann man die Zeit für den Crispr Schnelltest unter 40 Minuten drücken?

Gibt es eine Hintergrund-Immunität durch verwandte Corona Viren?

Gibt es Kreuzreaktionen, die zu schwererem Verlauf führen?

Gibt es genetische Varianten oder altersabhängige Genmethylierung von ACE2, TMPRSS2 oder Cathepsin L oder diversen Interleukinen, die den klinischen Verlauf negativ beeinflussen?

Wie ist die Kinetik von SarsCoV2 und ACE2 Rezeptorbindung?

Ist rekombinantes lösliches ACE2 ein therapeutisches Prinzip? Wirken TMPRSS2 Hemmer?

Was löst die neurologischen Symptome wie Guillain-Barré und Anosmie aus? Warum ist der pO2 oft so niedrig ohne Atemnot?

Was bedingt den Übergang von L und H Typ der Pneumonie?

Gibt es eine lokale pulmonale Hypertonie und Rechts-Links Shunt zB durch Angiotensinogen II Freisetzung?

Warum ist Heparin so gefährlich?

Was ist besser, Tot- oder Lebendimpfstoff?

DNA, RNA oder Protein basierter Impfstoff?

Wie begegnet man am besten fake news?

Corona and vitamin D – astroturf

Vitamin D is a remedy for everything, at least for some people. Right now, there are now already 44 papers that describe an association to corona infection. I have read only a few of them – 100% astroturf.

Media query 18/4/2020 at the new NIH interface https://icite.od.nih.gov/covid19/search/#search:searchId=5e9a955c690d75486c676e67

Wie man die Testkapazität in Deutschland verdoppeln könnte

Leider sagt das RKI bis heute nicht wie lange, ein Patient infektiös ist.
Wenn ein Amt so etwas während einer Pandemie nicht weiss, warum stellen sie dann nicht einen Expertenrat zusammen? Und wenn ein externer Experte dass nicht weiss wann 99% nicht mehr ansteckend sind, warum vergibt man dann nicht einen Forschungsauftrag zu der Frage?

Aktuell wird der Großteil der Testkapazität in den Gesundheitsämtern an wiederholte “frei”-Messungen von Patienten verwendet. Nach Ende einer eher großzügigen Quarantäne wäre es wichtiger, die Neuansteckungen zu erfassen, die immer noch aus Kapazitätsgründen abgewiesen werden.

Die WHO fordert zwei negative Tests innerhalb 24 Stunden, so viel ich weiss gibt es aber keine deutsche Vorschrift, ab wann ein Patient als wieder gesund gilt.

Ähnlich konfus sind im Augenblick auch die “Gesund”meldungen der Landkreise.

Was sie gesagt haben ist so wirr, dass ich nicht mal sagen kann, ob es Unsinn ist oder nicht

Das Pauli Zitat ist wunderbar (“What you said was so confused that I could not tell whether it was nonsense or not”) !

Anders als mit Pauli kann man aber auch den neuesten Ioannides Artikel nicht kommentieren, der das absolute Risiko der Mortalität am Beginn der Pandemie rechnet. Es ist so ähnlich, als würde man das Mortalitätsrisiko der Appendizitis am Diagnosetag für die nächsten 24 Stunden berechnen. Das wäre dann auch nur 5% und würde ernsthaft in Frage stellen, ob Blinddarm Operationen wirklich sinnvoll sind denn eine Operation hat ja schliesslich auch Nebenwirkungen (Infektion, Nachblutung, Thrombose). Allerdings würde dieser Denkfehler vielen Menschen das Leben kosten.

Ich sehe hier nicht so sehr das Ende von EBM ( der “evidence-based medicine”) aber sehr wohl das Limit und die Unfähigkeit mit neuen und dynamischen Sachverhalt umzugehen.

 

3.5.2020 2. Anlauf

https://draftable.com/compare/EypQweFxGwmY

Faktencheck “eventuelle Dunkelziffer”

Christian Drosten meinte gestern auf Twitter an seine 232K Follower über “eine eventuelle Dunkelziffer”: “Hier sollten wir zum gegenwärtigen frühen Zeitpunkt der Epidemie nicht allzuviel erwarten.” Drosten räumt ja sonst immer sympathisch ein, wenn er etwas nicht weiss. Leider macht er das nicht immer bei epidemiologischen Fragen…

Schauen wir uns die Fakten an.

Den Begriff Dunkelziffer gibt es eigentlich nicht in der Epidemiologie, ich vermute der Begriff soll das ascertainment bias oder selection bias beschreiben. Auf Deutsch also etwas, was man nicht weiss. Der Zusatz “eventuell” stellt jedenfalls die “Dunkelziffer” in Frage.

DLF-Wissenschaftsredakteur Volkart Wildermuth hat den Sachstand zusammengefasst

Forscherinnen und Forscher der Columbia Universität kommen in einer Simulation zu dramatischen Dunkelziffern. Sie haben die Ausbreitung des Coronavirus mit einem Pandemie-Simulationsprogramm nachgespielt. Die Daten für ihre Berechnungen stammten aus der frühen Phase der Epidemie in China, als es noch keine Kontaktbeschränkungen gab. Demnach kamen auf jeden nachweislich Infizierten etwa sieben unentdeckte Fälle, schreiben die Autoren im Fachmagazin “Science” […]

Das Robert-Koch-Institut geht zwar ebenfalls von einer Dunkelziffer aus. Präsident Wieler sagte, die gebe es bei jeder Infektionskrankheit. Es gebe aber keinen Anlass, von einer besonders hohen Dunkelziffer auszugehen, weil in Deutschland sehr früh am Anfang der Coronakrise mit Tests begonnen worden sei und generell sehr viel getestet werde. Der RKI-Präsident betonte aber, dass nach aktuellem Stand die Hälfte der Infizierten tatsächlich auch an der Krankheit Covid-19 erkrankt. „Die anderen Hälfte sehen wir gar nicht.“

Die Autoren des Science Artikels vermuten, das 86% aller Infektionen unbekannt blieben, Wieler geht von 50%. Ich gehe nach Hochrechnung auf Landkreisebene über die Ärztedichte ebenfalls von 50% bis 90% aus.

Und von der Bestimmung sei nicht “allzuviel zu erwarten”? Obwohl sie die Basis jedes SEIR Modells ist, mit dem S=susceptible, E=exposed, I=infected, R=recovered berechnet wird? Wenn die Dunkelziffer, einmal angenommen bei 90% liegen sollte, dann würden 83 Millionen Deutschen im Augenblick nicht 100.000 Infizierten gegenüber stehen, sondern 1 Million. Ein gewaltiger Unterschied, der eine völlig andere Einschätzung bedeuten würde (die Hotspot Rechnungen in Bergamo und New York sind nochmal eine ganze andere Frage – die meisten Experten gehen hier von self-enforcing loops und tipping points aus).

Es ist zudem wenig hilfreich, den Wert von epidemiologischen Studien zu bezweifeln, wo es immer große Anstrengungen kostet, Teilnehmer von Studien zu überzeugen. Und was meint Drosten mit frühem Zeitpunkt der Pandemie? In Deutschland trat der erste Fall am 28.1. auf, Wieler sagte am 27.2. die Deutschen sollten zu Hause bleiben, Kekulé am 17.3. dass wir die exponentielle Phase erreicht haben. Gestern war der 8.4. also mehr als drei Wochen nach Beginn der exponentiellen Phase? Oder geht Drosten von einem mehrjährigen Verlauf aus?

Fazit: Es gibt eine Dunkelziffer, die nach aktueller Schätzung mindestens bei 50%, eher Richtung 90% liegt. Da die Verläufe in den einzelnen Landkreisen sehr unterschiedlich sind, brauchen wir repräsentative Bevölkerungsstudien in allen Altersgruppen.

Der Blindflug geht also weiter.

PS. Noch zwei Plots zur Dunkelziffer von Viruserkrankungen bei Kindern. Kinder werden aktuell kaum getestet, weder on demand noch bei der extra angelegten Studie in München. Wie wird man die Schulöffnung nach den Osterferien begründen? Bauchgefühl? Druck aus der Wirtschaft? Und woran wird man merken, dass die Schulöffnung doch zu früh kam ( so wie in St Louis 1917  )?

Quelle RKI abgerufen am 9.4.2020 Lagebericht 8.4.2020, S.4. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/2020-04-08-de.pdf?__blob=publicationFile Kinder werden bisher kaum getestet, obwohl sie am ehesten asymptomatische Virusträger sind.

Die Gruppe Kinder bis 14 Jahre ist bei sonstigen Viruserkrankungen immer am häufigsten betroffen. Sollte COVID-19 sich so viel anders ausbreiten?

Quelle RKI abgerufen am 9.4.2020 Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2017/18 2017, S. 28, https://influenza.rki.de/Saisonberichte/2017.pdf KInder im Alter 5-14 Jahre haben die höchste Rate an positiven Influenza Tests.

Die bayrische Staatsregierung äussert sich jedenfalls euphorisch zu der mit Polizeischutz durchgeführten und von Mercedes gesponsorten Studie aus “gebündelter wissenschaftlicher Kompetenz” (Söder).

PS. 14% sind angeblich immun in Gangelt laut der gerade gelaufenen Pressekonferenz (ich hoffe der Antikörper von Streeck ist spezifisch) während wir bisher von 0,5% in dem Landkreis ausgingen.  Der Link zu dem Report war  auf land.nrw ist leider tot.

Wunderwaffe?

“Silver bullet” ist eigentlich übersetzt Wunderwaffe oder Königsweg. Ob die Corona-Epidemie zum Wegbereiter einer Klimawende wird? Mehre Twitter Beiträge heute verlinken auf einen medium Artikel von Brad Zarnett ” Das Problem ist nicht Plastik, nicht die Abholzung, nicht das Auslöschen einer Spezies oder der  Biodiversität, es ist die Art und Weise wie wir unser Zusammenleben gestalten, wie wir Geschäfte machen und wie wir den Fortschritt messen”

https://twitter.com/BradZarnett/status/1245320838963920896

Something changed recently when I saw a map comparing the air over China before and after the country went into lockdown in an attempt to contain the COVID-19 Coronavirus. Slowly over the course of a week, I began to see the issue of climate change in a whole new light. … The path towards a stable climate will need to run through some kind of economic collapse. It will have nothing to do with a more sustainable business model or more progressive government action — both of those approaches have failed. Let’s face it — people just don’t feel the urgency to change how they live their lives and government is too weak and/or corrupt to lead the way.

Task Force Epidemiologie COVID-19

Wir brauchen eine professionelle Priorisierung, Koordinierung und Kommunikation der Forschung zu Nicht-Pharmakologischen Interventionen (NPI).  Ich unterstütze damit den Aufruf des QUEST Center (Quality, Ethics, Open Science, Translation), Berlin Institute of Health (BIH).

In der laufenden Pandemiesituation fehlen uns nach den weitreichenden und erstmal notwendigen Beschränkungen bevölkerungsbezogene Daten, die gebraucht werden, um die laufenden Massnahmen zu evaluieren und zu steuern. Die bisher einzigen populationsbasierten Daten in Deutschland finden sich in den Influenza Wochenberichten des RKI bei den in der 12. KW in 3 von 193 untersuchten Sentinelproben (1,6 %) SARS-CoV-2 identifiziert wurde.

Mein Vorschlag ist eine Ärzte Surveillance Studie, die Vorschläge von Lipsitch aufgreift und auf dem  Konzept von Cowling aufsetzt. Dafür wird randomisiert eine nach Alter, Region und Geschlecht geschichtete Stichprobe von Ärzte:innen Haushalten gezogen. Eine solche Basiserhebung wird im übrigen auch von Cochrane/EBM und anderen Epidemiologen gefordert [1, 2, 3].

Ärzten/Ärztinnen kommt in der Pandemie-Situation eine besondere Bedeutung zu; sie eignen aber auch selbst als Untersuchungsgegenstand, da es unter den aktuellen Bedingungen große logistische Probleme für eine klassische epidemiologische Studie gibt. Nach dem Prinzip der bekannten Physicians’ Health oder British Doctor Studies können in wenigen Tagen verlässliche Basiszahlen generiert werden können, ohne dass hier zusätzlich die Infektion durch Untersuchungsteams verbreitet wird.

Die Landesärztekammer würde dafür eine Zufallsstichprobe von ca 3.000 Ärzten/Ärztinnen in den Landkreisen ziehen und sie in einem Anschreiben bitten, dass sie kurzfristig bei sich selbst und allen in ihrem Haushalt lebenden Personen Abstriche nehmen bzw die Serologie bestimmen. Ergänzt werden kann die Ziehung aus den Ärztehaushalten durch zufällig gezogene Probanden aus der jeweiligen Patientenkartei oder in der Nähe liegenden Adressen aus dem Einwohnermeldeamtsregister. Alle Ergebnisse werden umgehend in eine online Datenbank eingetragen, bei Positivbefund das Tracing an die zuständigen Gesundheitsämter übertragen.

Die Bereitschaft von Ärzten/Ärztinnen für ein solches Projekt dürfte hoch sein, zumal die Teilnehmer den Vorteil haben, ihren Teststatus zu erfahren. Für die epidemiologische Forschung werden die Daten anonymisiert.

Ein solches Survey kann in beliebigen Zeitintervallen wiederholt werden, um die zunehmende Durchseuchung beziehungsweise aufkommende Immunität zu messen. Zu klären bleiben juristische und ethische Fragen, Datenschutz sowie Finanzierung des Projektes.

Hochstapler

Im Zug einer Recherche zu Wolfgang Wodarg habe ich über einen Welt Artikel einen interessanten Wikipedia Eintrag zu Gerd Postel gefunden:

Dennoch bewarb sich der 24-jährige Postel schon kurz darauf im September 1982 als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy um eine ausgeschriebene Stelle als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg.

Unechte Urkunden bestätigten scheinbar seine Angaben zu Prüfungsergebnissen und Berufsweg, Andere Unterlagen fehlten zwar, da Postel aber zuvor Kontakt zu Amtsleiter Wolfgang Wodarg aufgebaut hatte und man sich sympathisch war, wurde er eingestellt.Unter Postel sank die Quote der psychiatrischen Unterbringungen auf Antrag hin von über 95 % auf lediglich 10 %.

Auch seine Leistungen während der Probezeit in der Zschadraßer Psychiatrie wurden vom damaligen Krankenhausleiter Horst Krömker als „überdurchschnittlich“ beurteilt. Postel meinte hierzu „Wer die Dialektik beherrscht und die psychiatrische Sprache, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren und ihn dann in das Gewand des Akademischen stecken“.

Super Spreading Events

Bisher stand ja vor allem das Konzept des/der Super Spreaders im Vordergrund.

Ich denke  aber mittlerweise , dass Super Spreader Events relevanter sind für die Ausbreitung einer Epidemie als eine einzelne Person.

  • Ischgl Apres Ski Bar Kitzloch
  • Champions League Spiel Atalanta Bergamo
  • Gangelt (Heinsberg) Faschingssitzung
  • Kirchenkonzert Kupferzell
  • Club Trompete Berlin
  • Mulhouse Pfingstgemeindetreffen
  • Starbierfest Mitterteich
  • Restaurant der Princess Diamond
  • Ärztebesprechung Wuchang, China
  • Shincheonji Kirche, Südkorea
  • Beerdigung in Esslingen
  • Posaunenfest in Eschental
  • Chor in Hohenberg
  • Familienfeier Greiz

Eine weitere Liste

Finde den Fehler

Daniel Matt

In der Provinz Hubei leben rund 60 Millionen Menschen. Der totale Shut-Down hat das Schlimmste verhindert, nach einem Vierteljahr Quarantäne kann dort nun Schritt für Schritt zum Normalzustand zurückgekehrt werden. Statt Shut-Down strebt Deutschland an, die Kurve flach zu halten. Um die Zahl der Intensivpatienten unter der Zahl der Beatmungsgeräte zu halten, muss sich die flache Kurve über vier Jahre erstrecken. Das wird von Anfang an nicht gelingen. Die “Kurve flach halten” ist eine Todesfalle, die Zehntausende mit ihrem Leben bezahlen werden.
Deutschland macht so ziemlich alles falsch:
– In China wurden 3/4 der Coronapatienten von Familienangehörigen infiziert. Nachdem dies erkannt wurde, trennte man sofort Infizierte von ihren Familien und brachte sie in Großlazarette. Dort kamen sie nur voll genesen wieder raus, oder tot.
– Hierzulande werden Infizierte in “häusliche Quarantäne” geschickt. Konkret sieht das so aus: Papa liegt mit Corona auf der Couch, der Sohnemann hängt mit Kumpels in der City ab. Finde den Fehler. Zudem: manchen halten sich nicht an die “häusliche Quarantäne”.
– tausende Ärzte und Pfleger wurden in China infiziert, weil anfangs nicht klar war, womit man es zu tun hatte. Das ungeschützte medizinische Personal hat es voll erwischt, aber schon wenn einfache Masken getragen wurden, gab es beim medizinischen Personal weniger Infizierte. Erst recht vermindert eine einfache Gesichtsmaske oder ein Schal das Risiko, dass ein bereits Infizierter, der noch nichts von seinem Pech weiß, andere ansteckt. Noch immer verbreiten RKI, BMG und Medien die FAKE NEWS, Gesichtsmasken würden nicht schützen. Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem Gesichtsmasken als überflüssig verspottet werden.
– in China und den anderen asiatischen Ländern wurde massiv getestet. Hierzulande rutschen zehntausende Infizierte unter dem Radar hindurch, weil Testkapazitäten fehlen.
– noch bis gestern landeten in Frankfurt tägliche mehrere Flugzeugen aus Teheran. Den aus durchseuchten Regionen Geflüchteten wurde lediglich eine “Fluggast-Aussteigekarte” ausgehändigt, mehr nicht. Keine weiteren Kontrollen.

Die holländisch-britische Herdimmunität war von Anfang an ein schlechter Witz, die europäische #FlattenTheCurve Strategie muss bis zur Verfügbarkeit von Impfstoff oder Spontandegeneration des Virus durchgehalten werden. Mit einem radikalen Shutdown wäre der Alptraum allerdings in 4 Wochen vorbei.

 

https://twitter.com/EricTopol/status/1241094172074885120 21/3/20

https://twitter.com/EricTopol/status/1241094172074885120 21/3/20
https://twitter.com/BerlandaScorza/status/1240682043748405248/photo/1 21/3/2020

weitere Szenarios

Wenn Kirchen vorübergehend schliessen müssen

Es passierte nur einmal vor 100 Jahren, dass die Kirchen vorübergehend wegen einer Pandemie schliessen mussten.

Dabei geht es eigentlich nicht um Kirchenschliessungen – Gotteshäuser kann man offen lassen – es geht um Veranstaltungen und Gottesdienste, bei der Menschen die Infektion weitergeben können.

Schulen und Kitas in Bayern sind diese Woche geschlossen worden. Auch der Kirchenvorstand meiner evangelischen Gemeinde setzte letzte Woche alle Veranstaltungen aus, ebenso die katholische Kirche im Ort, nachdem das Erzbistum München Freising in der letzten Woche alle Gottesdienste zentral abgesagt hat.

Nur die evangelischen Dekanate bis hinauf zum Landesbischof und EKD Vorsitzendenden tun sich schwer mit dieser einfachen Entscheidung. Der Regionalbischof schreibt mir zwar, sie würden die Sorgen der Menschen ernst nehmen, aber die Empfehlung, die dann anschliessend an die Gemeinden verschickt wird, widerspricht nicht nur jeder Empfehlung sondern auch dem gesunden Menschenverstand: “Wir empfehlen, wie bisher Gottesdienste anzubieten und dabei auf größeren Sitzabstand zu achten; gegebenenfalls auch eine Beschränkung der Teilnehmendenzahl”.

Der Landesbischof verteilt dazu Durchhalteparolen auf Twitter, ekd.de und eine Kanzelabkündigung “Gott hat uns nicht gegeben ein Geist der Furcht”.

Mein Einwand, auch in Korea wurde die Infektion primär über eine Kirche verbreitet wird von @EKD auf Twitter geblockt… Dabei habe ich nicht einmal gesagt, daß Bedford-Strom auf dem Tempelberg besser etwas weniger, dafür jetzt aber etwas mehr Furcht gezeigt hätte.

In dem Zusammenhang auch noch Niebuhr zitieren  als Beleg für Gelassenheit, Mut und Weisheit, ist auch etwas geschichtsvergessen. Reinhold Niebuhr war 1918 Pfarrer in Detroit / Michigan als die spanische Grippe wütete. Er schreibt in Faith and history, Scribners 1949 auf S.199 ff

This negative attitude toward the structures and institutions of social and political life is integral to a wide tendency in Christian thought … An individualistic and pietistic version of the Christian faith obscures the moral and social meaning of human existence and evades man’s responsibility for achieving a tolerable accord with his neighbors … If Lutheranism gives a classical expression of the error in Christian thought, derived from the fact that the individual transcends every social structure and community and is therefore tempted to regard its moral ambiguities as proof of the unredeemable character of man’s social existence, both Catholicism and Calvinism are safe against this error. They have a lively sense of the individual’s responsibility for the whole of his common life.

Die negative Haltung gegenüber sozialen, politischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen scheint also doch eine längere protestantischen Tradition zu haben gegen die der Katholizismus nicht ganz so anfällig ist.

Corona Leugner Wodarg: “Bleiben Sie besonnen”
Bayern evangelisch:  “Landesbischof ruft zu Besonnenheit auf”

Inkubationszeit des Coronavirus

Mit Inkubationszeit wird üblicherweise der Zeitraum zwischen dem Kontakt mit dem Krankheitserreger bis zum Auftreten der ersten Krankheitsanzeichen bezeichnet.

Nur Kontakt löst keine Inkubation aus. Erst wenn sich der Erreger vermehrt, startet die Inkubationszeit (incubare, lat. brüten). Die Inkubationszeit hängt primär von vier Faktoren ab – erstens Konstitution bzw primäre Immunabwehr des Infizierten, zweitens Eintrittstelle, drittens Zahl der initialen Viruspartikel und viertens die Pathogenität, Virulenz oder Infektiosität des Virus. Wikipedia hat unterschiedliche Beispiele

Das Poliovirus vermehrt sich in den lymphatischen Geweben des Verdauungstrakts. Nach einer bis zwei Wochen kann es dann zu unspezifischen Symptomen wie Fieber und Gliederschmerzen kommen… etwa eine halbe Woche später kann dann das volle Krankheitsbild der Kinderlähmung folgen.
Bei der Tollwut hängt die Dauer der Inkubationszeit von der Lokalisation des Bisses ab, mit dem das Virus übertragen wurde. Je länger sein Weg entlang der peripheren Nerven ins Gehirn, desto länger die Inkubationszeit.

Die Inkubationszeit bei 2019-nCOV beträgt 3 bis 14 Tage, deshalb werden Verdachtsfälle auch zwei Wochen isoliert. Die 14 Tage sind allerdings nicht sicher.

Die Inkubationszeit beim neuen Coronavirus könnte Analysen zufolge in seltenen Fällen sogar bis zu 24 Tage betragen und damit 10 Tage mehr als bisher angenommen. Im Schnitt betrage der Zeitraum zwischen Ansteckung und ersten Symptomen wohl drei Tage und damit weniger als die bisher angenommenen gut fünf Tage, ergab eine Auswertung des Experten Zhong Nanshan nach Angaben der China Daily. Der Leiter des nationalen Expertengremiums zur Eindämmung der Lungenkrankheit hatte mit seinem Team 1099 Fälle aus 552 Krankenhäusern in China untersucht. … Ohne genaue Kenntnis der Methode lasse sich zunächst nicht sagen, wie gesichert die neuen Erkenntnisse seien, kommentiert der Coronavirus-Experte Christian Drosten von der Berliner Charité die Analyse in China. „Eine häufige Fehlerquelle bei scheinbar sehr langen Inkubationszeiten ist eine unbemerkte zwischenzeitliche Exposition.“ Nur unter sehr kontrollierten Bedingungen lasse sich ausschließen, dass Betroffene dem Erreger mehrfach hintereinander ausgesetzt waren.

Die sehr unterschiedliche Zeitangaben zur Inkubationszeit hängt von der Variation dieser vier Faktoren ab. Wenn wir davon ausgehen, dass die aktuelle Virusvariante dieselbe Virulenz hat wie in Wuhan, dann bestimmen wohl die ACE2 Oberflächenstrukturen auf unseren Zellen Infektiosität und initiale Vermehrung.

Quelle https://medium.com/@edwardnirenberg/sars-cov-2-and-the-lessons-we-have-to-learn-from-it-e2017fd5d3c 9/3/2020

Wer allerdings nur nach Krankheitsbeginn Quarantäne verordnet, kommt zu spät, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhinden.

Bei Reisenden aus Coronavirus-Endemie-Gebieten reicht ein symptom- und kontaktbasiertes Screening alleine offenbar nicht aus, um eine Infektion auszuschließen. Das zeigen die Erfahrungen der Passagiere, die am 1. Februar aus Wuhan nach Deutschland evakuiert wurden. Zwei der Patienten hätten ohne Rachenabstrich und ohne Quarantäne in Deutschland möglicherweise weitere Personen angesteckt.

Leider sieht das Robert Koch Institut bisher keine flächendeckende, wiederholte Tests ausserhalb von Arztpraxen vor, während Baden Württenberg aber bereits Drive In Tests eingeführt hat. Das RKI (Stand 9.3.2020) bleibt dazu vage

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als mäßig eingeschätzt. Diese Gefährdung variiert aber von Region zu Region und ist in „besonders betroffenen Gebieten“ höher. … Die Belastung des Gesundheitswesens hängt maßgeblich von der regionalen Verbreitung der Infektion, den vorhandenen Kapazitäten und den eingeleiteten Gegenmaßnahmen (Isolierung, Quarantäne, soziale Distanzierung) ab und kann örtlich sehr hoch sein. … Die massiven Anstrengungen auf allen Ebenen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) verfolgen weiterhin das Ziel, die Infektionen in Deutschland so früh wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus so weit wie möglich zu verzögern. Sie sollten durch gesamtgesellschaftliche Anstrengungen wie die Reduzierung von sozialen Kontakten mit dem Ziel der Vermeidung von Infektionen im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich sowie eine Reduzierung der Reisetätigkeit ergänzt werden.

Infektionen möglichst früh erkennen, ohne dass ein flächendeckender PCR Nachweis angeboten wird? Es ist zu befürchten, dass eine  Pandemie so nicht eingedämmt werden kann. In Korea scheinen Tests ein wichtiger Faktor zur Steuerung gewesen zu sein.

Quelle https://twitter.com/JohannaMaska/status/1237186360265469952 vom 10/3/20

Das Ziel aller Massnahmen ist es, die Zahl der gleichzeitig Erkrankten so gering wie möglich zu halten und Zeit zu gewinnen, um Maßnahmen für besonders gefährdete Gruppen aufzubauen, Behandlungskapazitäten in Kliniken zu erhöhen und die Entwicklung antiviraler Medikamente und von Impfstoffen zu ermöglichen.

Das RKI erklärt 3 Klassen von Kontaktpersonen, aber auch hier ist immer nur von Erkrankten, aber nicht infizierten Personen in der Inkubationsphase die Rede. Bleibt die Frage, wie ansteckend Personen in der Inkubationszeit sind. Leider gibt es darauf bisher keine  Antwort, sondern nur Abschätzungen.

Die Basisreproduktionszahl R0* liegt bei 2.25, dh 1 Infizierter steckt 2.25 Personen an (eine noch nicht überprüfte Arbeit sagt allerdings 4.7). Zur Eindämmung muss R0 aber unter 1 gesenkt werden. Simulationen zeigen, dass in den meisten Szenarien “contact tracing and case isolation” innerhalb 3 Monaten COVID-19 stoppen kann; offensichtlich gelingt das gerade in China.

In Deutschland war “contact tracing” bei den Webasto Fällen noch möglich, mit zunehmenden Erkrankungsfällen unterbleibt die Rückverfolgung aber immer mehr aus logistischen Gründen und macht zudem die Risikoabschätzung über Herkunft aus Endemiegebiet immer weniger sinnvoll, wenn die Erkrankung schon vor Ort endemisch auftritt.