Siddur, mantra, prayer

The Jewish siddur, the Buddist mantra and Christian prayer all contain repeating elements. Why does our genome also has has so many long and short interdispersed repeats – to give life a stable background on an ever changing environment? Yea, yea.

SQL injection and retrovirus infection

What is similiar to SQL injection (in webforms) and retrovirus infection (of mammals)? I think there is always a vulnerable situation (tainted variable by unexpected data entry – or double strand break and ligation) that allows foreign code to be inserted. What is different? Retrovirus insertion is probably position specific while SQL injection can even determine its own target. Yea, yea.

Avalanche – backstage story

-moblog- The next Lancet will publish my editorial on the b2AR and asthma association – “Has all been said?” This is to honour my favorite comedian Karl Valentin “It has all been said – but not by everybody”.

I have to confess that I wanted a completely different title “Search and rescue after the avalanche” where I described the tedious work to find all buried corpses under tons of snow – in analogy for the many genetic association studies – fearing already the next avalanche of genomewide SNP scans. Renember – very dangerous – steep 45o slopes, North West and new snow. Yea, yea.

Reading behind the lines

-moblog– Eran Segal et al. describe in Nature a genomic code for correct nucleosome attachment of genomic DNA. DNA must be positioned for access to functional sites of gene activity where 147 bases are wrapped around each nucleosome core. AT is favored where phosphodiesterase backbones face inward and GC where it faces outward. Distance between nucleosomes may be variable – as the accompanying editoral by Timothy Richmond explains (the enigmatic histone H1 question). Do genomes use nucleosome DNA preference to target transcription factor towards appropriate sites? This might expain why current transcription factor models are rather poor as they are using only sequence binding matrices. It reminds me to steganograpy, algorithmic procedures that can be used to hide secret messages in in pictures without affecting the visual impression. Yea, yea.

Best of — Heinrich Heine [German]

http://www.heinrich-heine.net

Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland

Die Franzosen glaubten in der letzten Zeit zu einer
Verständnis Deutschlands zu gelangen, wenn sie sich
mit den Erzeugnissen unserer schönen Literatur be-
kannt machten. Hierdurch haben sie sich aber aus
dem Zustande gänzlicher Ignoranz nur erst zur Ober-
flächlichkeit erhoben. Denn die Erzeugnisse unserer
schönen Literatur bleiben für sie nur stumme Blumen,
der ganze deutsche Gedanke bleibt für sie ein unwirt-
liches Rätsel, solange sie die Bedeutung der Religion
und der Philosophie in Deutschland nicht kennen.
Indem ich nun über diese beiden einige erläuternde
Auskunft zu erteilen suche, glaube ich ein nützliches
Werk zu unternehmen. Dieses ist für mich keine
leichte Aufgabe. Es gilt zunächst, die Ausdrücke einer
Schulsprache zu vermeiden, die den Franzosen gänz-
lich unbekannt ist. Und doch habe ich weder die Sub-
tilitäten der Theologie noch die der Metaphysik so tief
ergründet, daß ich imstande wäre, dergleichen nach
den Bedürfnissen des französischen Publikums ganz
einfach und ganz kurz zu formulieren. Ich werde
daher nur von den großen Fragen handeln, die in der
deutschen Gottesgelahrtheit und Weltweisheit zur
Sprache gekommen, ich werde nur ihre soziale Wich-
tigkeit beleuchten, und immer werde ich die
Beschränktheit meiner eigenen Verdeutlichungsmittel
und das Fassungsvermögen des französischen Lesers
berücksichtigen.
Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig
einen Blick in diese Blätter werfen, werden vornehm
die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt alles
dessen, was ich hier vorbringe. Aber sie mögen gefäl-
ligst bedenken, daß das wenige, was ich sage, ganz
klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre eignen
Werke zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich,
sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unver-
ständlich sind. Was helfen dem Volke die verschlos-
senen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat?
Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das
Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.
Ich glaube, es ist nicht Talentlosigkeit, was die
meisten deutschen Gelehrten davon abhält, über Reli-
gion und Philosophie sich populär auszusprechen. Ich
glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen
Denkens, die sie nicht wagen, dem Volke mitzuteilen.
Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Ge-
lehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter,
ich gehöre nicht zu den siebenhundert Weisen
Deutschlands. Ich stehe mit dem großen Haufen vor
den Pforten ihrer Weisheit, und ist da irgendeine
Wahrheit durchgeschlüpft und ist diese Wahrheit bis
zu mir gelangt, dann ist sie weit genug: – ich schreibe
sie mit hübschen Buchstaben auf Papier und gebe sie
dem Setzer; der setzt sie in Blei und gibt sie dem
Drucker; dieser druckt sie, und sie gehört dann der
ganzen Welt.
Die Religion, deren wir uns in Deutschland erfreu-
en, ist das Christentum. Ich werde also zu erzählen
haben, was das Christentum ist, wie es römischer Ka-
tholizismus geworden, wie aus diesem der Protestan-
tismus und aus dem Protestantismus die deutsche Phi-
losophie hervorging.
Indem ich nun mit Besprechung der Religion be-
ginne, bitte ich im voraus alle frommen Seelen, sich
beileibe nicht zu ängstigen. Fürchtet nichts, fromme
Seelen! Keine profanierende Scherze sollen euer Ohr
verletzen. Diese sind allenfalls noch nützlich in
Deutschland, wo es gilt, die Macht der Religion für
den Augenblick zu neutralisieren. Wir sind nämlich
dort in derselben Lage wie ihr vor der Revolution, als
das Christentum im untrennbarsten Bündnisse stand
mit dem alten Regime. Dieses konnte nicht zerstört
werden, solange noch jenes seinen Einfluß übte auf
die Menge. Voltaire mußte sein scharfes Gelächter er-
heben, ehe Sanson sein Beil fallen lassen konnte. Je-
doch wie durch dieses Beil, so wurde auch durch
jenes Lachen im Grunde nichts bewiesen, sondern nur
bewirkt. Voltaire hat nur den Leib des Christentums
verletzen können. Alle seine Späße, die aus der
Kirchengeschichte geschöpft, alle seine Witze über
Dogmatik und Kultus, über die Bibel, dieses heiligste
Buch der Menschheit, über die Jungfrau Maria, diese
schönste Blume der Poesie, das ganze Diktionär phi-
losophischer Pfeile, das er gegen Klerus und Priester-
schaft losschoß, verletzte nur den sterblichen Leib des
Christentums, nicht dessen inneres Wesen, nicht des-
sen tieferen Geist, nicht dessen ewige Seele.
Denn das Christentum ist eine Idee und als solche
unzerstörbar und unsterblich wie jede Idee. Was ist
aber diese Idee?
Eben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen
und Äußerlichkeiten für die Hauptsache gehalten hat,
gibt es noch keine Geschichte des Christentums. Zwei
entgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchenge-
schichte und widersprechen sich beständig, doch die
eine, ebensowenig wie die andere, wird jemals be-
stimmt aussagen, was eigentlich jene Idee ist, die dem
Christentum als Mittelpunkt dient, die sich in dessen
Symbolik, im Dogma wie im Kultus, und in dessen
ganzer Geschichte zu offenbaren strebt und im wirkli-
chen Leben der christlichen Völker manifestiert hat!
Weder Baronius, der katholische Kardinal, noch der
protestantische Hofrat Schröckh entdeckt uns, was ei-
gentlich jene Idee war. Und wenn ihr alle Folianten
der Mansischen Konziliensammlung, des Assemani-
schen Kodex der Liturgien und die ganze Historia
ecclesiastica von Saccharelli durchblättert, werdet ihr
doch nicht einsehen, was eigentlich die Idee des Chri-
stentums war. Was seht ihr denn in den Historien der
orientalischen und der okzidentalischen Kirchen? In
jener, der orientalischen Kirchengeschichte, seht ihr
nichts als dogmatische Spitzfündigkeiten, wo sich die
altgriechische Sophistik wieder kundgibt; in dieser, in
der okzidentalischen Kirchengeschichte, seht ihr
nichts als disziplinarische, die kirchlichen Interessen
betreffende Zwiste, wobei die altrömische Rechtska-
suistik und Regierungskunst, mit neuen Formeln und
Zwangsmitteln, sich wieder geltend machen. In der
Tat, wie man in Konstantinopel über den Logos stritt,
so stritt man in Rom über das Verhältnis der weltli-
chen zur geistlichen Macht; und wie etwa dort über
homousios, so befehdete man sich hier über Investi-
tur. Aber die byzantinischen Fragen: ob der Logos
dem Gott-Vater homousios sei? ob Maria Gottgebäre-
rin heißen soll oder Menschengebärerin? ob Christus
in Ermangelung der Speise hungern mußte oder nur
deswegen hungerte, weil er hungern wollte? alle diese
Fragen haben im Hintergrund lauter Hofintrigen,
deren Lösung davon abhängt, was in den Gemächern
des Sacri Palatii gezischelt und gekichert wird, ob z.
B. Eudoxia fällt oder Pulcheria; – denn diese Dame
haßt den Nestorius, den Verräter ihrer Liebeshändel,
jene haßt den Cyrillus, welchen Pulcheria beschützt,
alles bezieht sich zuletzt auf lauter Weiber- und Häm-
lingsgeklätsche, und im Dogma wird eigentlich der
Mann und im Manne eine Partei verfolgt oder beför-
dert. Ebenso geht’s im Okzident; Rom wollte herr-
schen; “als seine Legionen gefallen, schichte es Dog-
men in die Provinzen”; alle Glaubenszwiste hatten rö-
mische Usurpationen zum Grunde; es galt, die Ober-
gewalt des römischen Bischofs zu konsolidieren. Die-
ser war über eigentliche Glaubenspunkte immer sehr
nachsichtig, spie aber Feuer und Flamme, sobald die
Rechte der Kirche angegriffen wurden; er disputierte
nicht viel über die Personen in Christus, sondern über
die Konsequenzen der Isidorschen Dekretalen; er zen-
tralisierte seine Gewalt durch kanonisches Recht, Ein-
setzung der Bischöfe, Herabwürdigung der fürstlichen
Macht, Mönchsorden, Zölibat usw. Aber war dieses
das Christentum? Offenbart sich uns aus der Lektüre
dieser Geschichten die Idee des Christentums? Was
ist diese Idee?
Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der
Erscheinungswelt manifestiert, ließe sich wohl schon
in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt ent-
decken, wenn wir namentlich in der Geschichte der
Manichäer und der Gnostiker vorurteilsfrei nachfor-
schen. Obgleich erstere verketzert und letztere ver-
schrien sind und die Kirche sie verdammt hat, so er-
hielt sich doch ihr Einfluß auf das Dogma, aus ihrer
Symbolik entwickelte sich die katholische Kunst, und
ihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der
christlichen Völker. Die Manichäer sind ihrer letzten
Gründe nach nicht sehr verschieden von den Gnosti-
kern. Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten
und dem bösen, die sich bekämpfen, ist beiden eigen.
Die einen, die Manichäer, erhielten diese Lehre aus
der altpersischen Religion, wo Ormuz, das Licht, dem
Ariman, der Finsternis, feindlich entgegengesetzt ist.
Die anderen, die eigentlichen Gnostiker, glaubten
vielmehr an die Präexistenz des guten Prinzips und
erklärten die Entstehung des bösen Prinzips durch
Emanation, durch Generationen von Äonen, die, je
mehr sie von ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto
trüber verschlechtert. Nach Cerinthus war der Er-
schaffer unserer Welt keineswegs der höchste Gott,
sondern nur eine Emanation desselben, einer von den
Äonen, der eigentliche Demiurgos, der allmählich
ausgeartet ist und jetzt, als böses Prinzip, dem aus
dem höchsten Gott unmittelbar entsprungenen Logos,
dem guten Prinzip, feindselig gegenüberstehe. Diese
gnostische Weltansicht ist urindisch, und sie führte
mit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der
Abtötung des Fleisches, vom geistigen Insichselbst-
versenken, sie gebar das asketisch beschauliche
Mönchsleben, welches die reinste Blüte der christli-
chen Idee. Diese Idee hat sich in der Dogmatik nur
sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe ausspre-
chen können. Doch sehen wir überall die Lehre von
den beiden Prinzipien hervortreten; dem guten Chri-
stus steht der böse Satan entgegen; die Welt des Gei-
stes wird durch Christus, die Welt der Materie durch
Satan repräsentiert; jenem gehört unsere Seele, die-
sem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die
Natur, ist demnach ursprünglich böse, und Satan, der
Fürst der Finsternis, will uns damit ins Verderben
locken, und es gilt, allen sinnlichen Freuden des Le-
bens zu entsagen, unsern Leib, das Lehn Satans, zu
peinigen, damit die Seele sich desto herrlicher empor-
schwinge in den lichten Himmel, in das strahlende
Reich Christi.
Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Chri-
stentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das
ganze römische Reich verbreitet, wie eine anstecken-
de Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten
die Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspan-
nung, und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe
und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von
uns schon genesen, so kann er doch der allgemeinen
Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglück-
lich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen.
Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit
wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und
Seele wiederhergestellt und sie wieder in
ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann
wird man den künstlichen Hader, den das Christen-
tum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen kön-
nen. Die glücklichern und schöneren Generationen,
die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Re-
ligion der Freude emporblühen, werden wehmütig lä-
cheln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Ge-
nüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten und,
durch Abtötung der warmen farbigen Sinnlichkeit,
fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja, ich
sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schö-
ner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an
den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur
Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine grö-
ßere Meinung von der Gottheit als jene frommen
Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum
Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich,
durch die Segnungen freier politischer und industriel-
ler Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach
der Meinung der Frommen, erst am Jüngsten Tage, im
Himmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso
wie dieses eine törichte Hoffnung, und es gibt keine
Auferstehung der Menschheit, weder im politisch-mo-
ralischen noch im apostolisch-katholischen Sinne.
Die Menschheit ist vielleicht zu ewigem Elend be-
stimmt, die Völker sind vielleicht auf ewig verdammt,
von Despoten zertreten, von den Spießgesellen
derselben exploitiert und von den Lakaien verhöhnt
zu werden.
Ach, in diesem Falle müßte man das Christentum,
selbst wenn man es als Irrtum erkannt, dennoch zu er-
halten suchen, man müßte in der Mönchskutte und
barfuß durch Europa laufen und die Nichtigkeit aller
irdischen Güter und Entsagung predigen und den ge-
geißelten und verspotteten Menschen das tröstende
Kruzifix vorhalten und ihnen nach dem Tode, dort
oben, alle sieben Himmel versprechen.
Vielleicht eben weil die Großen dieser Erde ihrer
Obermacht gewiß sind und im Herzen beschlossen
haben, sie ewig zu unserem Unglück zu mißbrauchen,
sind sie von der Notwendigkeit des Christentums für
ihre Völker überzeugt, und es ist im Grunde ein zartes
Menschlichkeitsgefühl, daß sie sich für die Erhaltung
dieser Religion so viele Mühe geben!
Das endliche Schicksal des Christentums ist also
davon abhängig, ob wir dessen noch bedürfen. Diese
Religion war eine Wohltat für die leidende Mensch-
heit während achtzehn Jahrhunderten, sie war provi-
dentiell, göttlich, heilig. Alles, was sie der Zivilisati-
on genützt, indem sie die Starken zähmte und die
Zahmen stärkte, die Völker verband durch gleiches
Gefühl und gleiche Sprache, und was sonst noch von
ihren Apologeten hervorgerühmt wird, das ist sogar
noch unbedeutend in Vergleichung mit jener großen
Tröstung, die sie durch sich selbst den Menschen an-
gedeihen lassen. Ewiger Ruhm gebührt dem Symbol
jenes leidenden Gottes, des Heilands mit der Dornen-
krone, des gekreuzigten Christus, dessen Blut gleich-
sam der lindernde Balsam war, der in die Wunden der
Menschheit herabrann. Besonders der Dichter wird
die schauerliche Erhabenheit dieses Symbols mit Ehr-
furcht anerkennen. Das ganze System von Symbolen,
die sich ausgesprochen in der Kunst und im Leben
des Mittelalters, wird zu allen Zeiten die Bewunde-
rung der Dichter erregen. In der Tat, welche kolossale
Konsequenz in der christlichen Kunst, namentlich in
der Architektur! Diese gotischen Dome, wie stehen
sie im Einklang mit dem Kultus, und wie offenbart
sich in ihnen die Idee der Kirche selber! Alles strebt
da empor, alles transsubstanziiert sich: der Stein
sproßt aus in Ästen und Laubwerk und wird Baum;
die Frucht des Weinstocks und der Ähre wird Blut
und Fleisch; der Mensch wird Gott; Gott wird reiner
Geist! Ein ergiebiger, unversiegbar kostbarer Stoff für
die Dichter ist das christliche Leben im Mittelalter.
Nur durch das Christentum konnten auf dieser Erde
sich Zustände bilden, die so kecke Kontraste, so bunte
Schmerzen und so abenteuerliche Schönheiten enthal-
ten, daß man meinen sollte, dergleichen habe niemals
in der Wirklichkeit existiert und das alles sei ein ko-
lossaler Fiebertraum, es sei der Fiebertraum eines
wahnsinnigen Gottes. Die Natur selber schien sich
damals phantastisch zu vermummen; indessen, ob-
gleich der Mensch, befangen in abstrakten Grübelei-
en, sich verdrießlich von ihr abwendete, so weckte sie
ihn doch manchmal mit einer Stimme, die so schauer-
lich süß, so entsetzlich liebevoll, so zaubergewaltig
war, daß der Mensch unwillkürlich aufhorchte und lä-
chelte und erschrak und gar zu Tode erkrankte. Die
Geschichte von der Baseler Nachtigall kommt mir
hier ins Gedächtnis, und da ihr sie wahrscheinlich
nicht kennt, so will ich sie erzählen.
Im Mai 1433, zur Zeit des Konzils, ging eine Ge-
sellschaft Geistlicher in einem Gehölze bei Basel spa-
zieren, Prälaten und Doktoren, Mönche von allen Far-
ben, und sie disputierten über theologische Streitig-
keiten und distinguierten und argumentierten oder
stritten über Annaten, Exspektativen und Reservatio-
nen oder untersuchten, ob Thomas von Aquino ein
größerer Philosoph sei als Bonaventura, was weiß
ich! Aber plötzlich, mitten in ihren dogmatischen und
abstrakten Diskussionen, hielten sie inne und blieben
wie angewurzelt stehen vor einem blühenden Linden-
baum, worauf eine Nachtigall saß, die in den weich-
sten und zärtlichsten Melodien jauchzte und schluchz-
te. Es ward den gelehrten Herren dabei so wunderse-
lig zumute, die warmen Frühlingstöne drangen ihnen
in die scholastisch verklausulierten Herzen, ihre
Gefühle erwachten aus dem dumpfen Winterschlaf,
sie sahen sich an mit staunendem Entzücken; – als
endlich einer von ihnen die scharfsinnige Bemerkung
machte, daß solches nicht mit rechten Dingen zugehe,
daß diese Nachtigall wohl ein Teufel sein könne, daß
dieser Teufel sie mit seinen holdseligen Lauten von
ihren christlichen Gesprächen abziehen und zu Wol-
lust und sonstig süßen Sünden verlocken wolle, und
er hub an zu exorzieren, wahrscheinlich mit der da-
mals üblichen Formel: adjuro te per eum, qui ventu-
rus est, judicare vivos et mortuos etc. etc. Bei dieser
Beschwörung, sagt man, habe der Vogel geantwortet:
“Ja, ich bin ein böser Geist!” und sei lachend davon-
geflogen; diejenigen aber, die seinen Gesang gehört,
sollen noch selbigen Tages erkrankt und bald darauf
gestorben sein.
Diese Geschichte bedarf wohl keines Kommentars.
Sie trägt ganz das grauenhafte Gepräge einer Zeit, die
alles, was süß und lieblich war, als Teufelei verschrie.
Die Nachtigall sogar wurde verleumdet, und man
schlug ein Kreuz, wenn sie sang. Der wahre Christ
spazierte mit ängstlich verschlossenen Sinnen, wie ein
abstraktes Gespenst, in der blühenden Natur umher.
Dieses Verhältnis des Christen zur Natur werde ich
vielleicht in einem späteren Buche weitläufiger erör-
tern, wenn ich, zum Verständnis der neuromantischen
Literatur, den deutschen Volksglauben gründlich
besprechen muß. Vorläufig kann ich nur bemerken,
daß französische Schriftsteller, mißleitet durch deut-
sche Autoritäten, in großem Irrtume sind, wenn sie
annehmen, der Volksglauben sei während des Mittel-
alters überall in Europa derselbe gewesen. Nur über
das gute Prinzip, über das Reich Christi, hegte man in
ganz Europa dieselben Ansichten; dafür sorgte die rö-
mische Kirche, und wer hier von der vorgeschriebe-
nen Meinung abwich, war ein Ketzer. Aber über das
böse Prinzip, über das Reich des Satans, herrschten
verschiedene Ansichten in den verschiedenen Län-
dern, und im germanischen Norden hatte man ganz
andere Vorstellungen davon wie im romanischen
Süden. Dieses entstand dadurch, daß die christliche
Priesterschaft die vorgefundenen alten Nationalgötter
nicht als leere Hirngespinste verwarf, sondern ihnen
eine wirkliche Existenz einräumte, aber dabei behaup-
tete, alle diese Götter seien lauter Teufel und Teufe-
linnen gewesen, die durch den Sieg Christi ihre Macht
über die Menschen verloren und sie jetzt durch Lust
und List zur Sünde verlocken wollen. Der ganze
Olymp wurde nun eine luftige Hölle, und wenn ein
Dichter des Mittelalters die griechischen Götterge-
schichten noch so schön besang, so sah der fromme
Christ darin doch nur Spuk und Teufel. Der düstere
Wahn der Mönche traf am härtesten die arme Venus;
absonderlich diese galt für eine Tochter Beelzebubs,
und der gute Ritter Tannhüser sagt ihr sogar ins Ge-
sicht:

Oh, Venus, schöne Fraue mein,
Ihr seid eine Teufelinne!

Den Tannhüser hatte sie nämlich verlockt in jene
wunderbare Höhle, welche man den Venusberg hieß
und wovon die Sage ging, daß die schöne Göttin dort
mit ihren Fräulein und Gesponsen, unter Spiel und
Tänzen, das lüderlichste Leben führe. Die arme Diana
sogar, trotz ihrer Keuschheit, war vor einem ähnlichen
Schicksal nicht sicher, und man ließ sie nächtlich mit
ihren Nymphen durch die Wälder ziehen, und daher
die Sage von dem wütenden Heer, von der Wilden
Jagd. Hier zeigt sich noch ganz die gnostische An-
sicht von der Verschlechterung des ehemals Göttli-
chen, und in dieser Umgestaltung des früheren Natio-
nalglaubens manifestiert sich am tiefsinnigsten die
Idee des Christentums.
Der Nationalglaube in Europa, im Norden noch
viel mehr als im Süden, war pantheistisch, seine My-
sterien und Symbole bezogen sich auf einen Natur-
dienst, in jedem Elemente verehrte man wunderbare
Wesen, in jedem Baume atmete eine Gottheit, die
ganze Erscheinungswelt war durchgöttert; das Chri-
stentum verkehrte diese Ansicht, und an die Stelle
einer durchgötterten Natur trat eine durchteufelte. Die
heiteren, durch die Kunst verschönerten Gebilde der
griechischen Mythologie, die mit der römischen Zivi-
lisation im Süden herrschte, hat man jedoch nicht so
leicht in häßliche, schauerliche Satanslarven verwan-
deln können wie die germanischen Göttergestalten,
woran freilich kein besonderer Kunstsinn gemodelt
hatte und die schon vorher so mißmütig und trübe
waren wie der Norden selbst. Daher hat sich bei euch,
in Frankreich, kein so finsterschreckliches Teufelstum
bilden können wie bei uns, und das Geister- und Zau-
berwesen selber erhielt bei euch eine heitere Gestalt.
Wie schön, klar und farbenreich sind eure Volkssagen
in Vergleichung mit den unsrigen, diesen Mißgebur-
ten, die aus Blut und Nebel bestehen und uns so grau
und grausam angrinsen. Unsere mittelalterlichen
Dichter, indem sie meistens Stoffe wählten, die ihr, in
der Bretagne und in der Normandie, entweder erson-
nen oder zuerst behandelt habt, verliehen ihren Wer-
ken, vielleicht absichtlich, soviel als möglich von
jenem heiter altfranzösischen Geiste. Aber in unseren
Nationaldichtungen und in unseren mündlichen
Volkssagen blieb jener düster nordische Geist, von
dem ihr kaum eine Ahnung habt. Ihr habt, ebenso wie
wir, mehrere Sorten von Elementargeistern, aber die
unsrigen sind von den eurigen so verschieden wie ein
Deutscher von einem Franzosen. Die Dämonen in
euren Fabliaux und Zauberromanen, wie hellfarbig
und besonders wie reinlich sind sie in Vergleichung
mit unserer grauen und sehr oft unflätigen Geisterka-
naille. Eure Feen und Elementargeister, woher ihr sie
auch bezogen, aus Cornwallis oder aus Arabien, sie
sind doch ganz naturalisiert, und ein französischer
Geist unterscheidet sich von einem deutschen, wie
etwa ein Dandy, der mit gelben Glacéhandschuhen
auf dem Boulevard Coblence flaniert, sich von einem
schweren deutschen Sackträger unterscheidet. Eure
Nixen, z.B. die Melusine, sind von den unsrigen
ebenso verschieden wie eine Prinzessin von einer Wä-
scherin. Die Fee Morgana, wie würde sie erschrecken,
wenn sie etwa einer deutschen Hexe begegnete, die
nackt, mit Salben beschmiert und auf einem Besen-
stiel nach dem Brocken reitet. Dieser Berg ist kein
heiteres Avalon, sondern ein Rendezvous für alles,
was wüst und häßlich ist. Auf dem Gipfel des Bergs
sitzt Satan in der Gestalt eines schwarzen Bocks. Jede
von den Hexen naht sich ihm mit einer Kerze in der
Hand und küßt ihn hinten, wo der Rücken aufhört.
Nachher tanzt die verruchte Schwesterschaft um ihn
herum und singt: “Donderemus, Donderemus!” Es
meckert der Bock, es jauchzt der infernale Chahut. Es
ist ein böses Omen für die Hexe, wenn sie bei diesem
Tanze einen Schuh verliert; das bedeutet, daß sie noch
im selbigen Jahr verbrannt wird. Doch alle ahnende
Angst übertäubt die tolle echtberliozische Sabbatmu-
sik; – und wenn die arme Hexe des Morgens aus ihrer
Berauschung erwacht, liegt sie nackt und müde in der
Asche, neben dem verglimmenden Herde.
Die beste Auskunft über diese Hexen findet man in
der “Dämonologie” des ehrenfesten und hochgelahr-
ten Doktor Nicolai Remigii, des durchlauchtigsten
Herzogs von Lothringen Kriminalrichter. Dieser
scharfsinnige Mann hatte fürwahr die beste Gelegen-
heit, das Treiben der Hexen kennenzulernen, da er in
ihren Prozessen instruierte und zu seiner Zeit allein in
Lothringen achthundert Weiber den Scheiterhaufen
bestiegen, nachdem sie der Hexerei überwiesen wor-
den. Diese Beweisführung bestand meistens darin:
Man band ihnen Hände und Füße zusammen und warf
sie ins Wasser. Gingen sie unter und ersoffen, so
waren sie unschuldig, blieben sie aber schwimmend
über dem Wasser, so erkannte man sie für schuldig,
und sie wurden verbrannt. Das war die Logik jener
Zeit.
Als Grundzug im Charakter der deutschen Dämo-
nen sehen wir, daß alles Idealische von ihnen abge-
streift, daß in ihnen das Gemeine und Gräßliche ge-
mischt ist. Je plump vertraulicher sie an uns herantre-
ten, desto grauenhafter ihre Wirkung. Nichts ist un-
heimlicher als unsere Poltergeister, Kobolde und
Wichtelmännchen. Prätorius in seinem
“Anthropodemus” enthält in dieser Beziehung eine
Stelle, die ich nach Dobeneck hier mitteile:
“Die Alten haben nicht anders von den Poltergei-
stern halten können, als daß es rechte Menschen sein
müssen, in der Gestalt wie kleine Kinder, mit einem
bunten Röcklein oder Kleidchen. Etliche setzen dazu,
daß sie teils Messer in den Rücken haben sollen, teils
noch anders und gar greulich gestaltet wären; nach-
dem sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument
vorzeiten umgebracht seien. Denn die Abergläubi-
schen halten dafür, daß es derer vorweilen im Hause
ermordeten Leute Seelen sein sollen. Und schwatzen
sie von vielen Historien, daß, wenn die Kobolde
denen Mägden und Köchinnen eine Weile im Hause
gute Dienste getan und sich ihnen beliebt gemacht
haben; daß manches Mensch daher gegen die Kobolde
eine solche Affektion bekommen, daß sie solche
Knechtchen auch zu sehen inbrünstig gewünscht und
von ihnen begehrt haben: worin aber die Poltergeister
niemals gerne willigen wollen, mit der Ausrede, daß
man sie nicht sehen könne, ohne sich darüber zu ent-
setzen. Doch wenn dennoch die lüsternen Mägde
nicht haben nachlassen können, so sollen die Kobolde
jenen einen Ort im Hause benannt haben, wo sie sich
leibhaft präsentieren wollen; aber man müsse zugleich
einen Eimer kaltes Wasser mitbringen. Da habe es
sich denn begeben, daß ein solcher Kobold, etwa auf
dem Boden, in einem Kissen, nackt gelegen und ein
großes Schlachtmesser im Rücken steckend gehabt
habe. Hierüber manche Magd so sehr erschrocken
war, daß sie eine Ohnmacht bekommen hat. Darauf
das Ding alsbald aufgesprungen ist, das Wasser ge-
nommen und das Mensch damit über und über begos-
sen hat, damit sie wieder zu sich selbst kommen
könne. Worauf die Mägde hernach ihre Lust verloren
und lieb Chimgen niemals weiter zu schauen begehrt
haben. Die Kobolde nämlich sollen auch alle beson-
dere Namen führen, insgemein aber Chim heißen. So
sollen sie auch für die Knechte und Mägde, welchen
sie sich etwa ergeben, alle Hausarbeit tun: die Pferde
striegeln, füttern, den Stall ausmisten, alles aufscheu-
ern, die Küche sauber halten und, was sonsten im
Hause zu tun ist, sehr wohl in acht nehmen, und das
Vieh soll auch von ihnen zunehmen und gedeihen.
Dafür müssen die Kobolde auch von dem Gesinde ka-
ressiert werden; daß sie ihnen nur im geringsten
nichts zuleide tun, weder mit Auslachen oder Versäu-
mung im Speisen. Hat nämlich eine Köchin das Ding
zu ihrem heimlichen Gehülfen einmal im Hause ange-
nommen, so muß sie täglich um eine gewisse Zeit und
an einem bestimmten Ort im Hause sein bereitetes
Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen und ihren
Weg wieder gehen; sie kann hernach immer faulen-
zen, auf den Abend zeitig schlafen gehen, sie wird
dennoch frühmorgens ihre Arbeit beschickt finden.
Vergißt sie aber ihre Pflicht einmal, etwa die Speise
unterlassend, so bleibt ihr wieder ihre Arbeit allein zu
verrichten, und sie hat allerhand Mißgeschick: daß sie
sich entweder im heißen Wasser verbrennt, die Töpfe
und das Geschirr zerbricht, das Essen umgeschüttet
oder gefallen ist usw., daß sie also notwendig von der
Hausfrau oder dem Herrn zur Strafe ausgescholten
werden; worüber man auch zum öftern den Kobold
soll kichern oder lachen gehört haben. Und so ein Ko-
bold soll stets in seinem Hause verblieben sein, wenn-
gleich sich das Gesinde verändert hat. Ja, es hat eine
abziehende Magd ihrer Nachfolgerin den Kobold re-
kommandieren und aufs beste anbefehlen müssen, daß
jene seiner auch also wartete. Hat diese nun nicht ge-
wollt, so hat es ihr auch an kontinuierlichem Unglück
nicht gemangelt, und sie hat zeitig genug das Haus
wieder räumen müssen.”
Vielleicht zu den grauenhaftesten Geschichten ge-
hört folgende kleine Erzählung:
Eine Magd hatte jahrelang einen unsichtbaren
Hausgeist bei sich am Herde sitzen, wo sie ihm ein
eignes Stättchen eingeräumt und wo sie sich die lan-
gen Winterabende hindurch mit ihm unterhielt. Nun
bat einmal die Magd das Heinzchen, denn also hieß
sie den Geist, er solle sich doch einmal sehen lassen,
wie er von Natur gestaltet sei. Aber das Heinzlein
weigerte sich dessen. Endlich aber willigte es ein und
sagte, sie möchte in den Keller hinabgehen, dort solle
sie ihn sehen. Da nimmt die Magd ein Licht, steigt
hinab in den Keller, und dort, in einem offenen Fasse,
sieht sie ein totes Kindlein in seinem Blute schwim-
men. Die Magd hatte aber vor vielen Jahren ein un-
eheliches Kind geboren und es heimlich ermordet und
in ein Faß gesteckt.
Indessen, wie die Deutschen nun einmal sind, sie
suchen oft im Granen selbst ihren besten Spaß, und
die Volkssagen von den Kobolden sind manchmal
voll ergötzlicher Züge. Besonders amüsant sind die
Geschichten von Hüdeken, einem Kobold, der, im
zwölften Jahrhundert, zu Hildesheim sein Wesen ge-
trieben und von welchem in unseren Spinnstuben und
Geisterromanen soviel die Rede ist. Eine schon oft
abgedruckte Stelle aus einer alten Chronik gibt von
ihm folgende Kunde:
“Um das Jahr 1132 erschien ein böser Geist eine
lange Zeit hindurch vielen Menschen im Bistum Hil-
desheim in der Gestalt eines Bauern mit einem Hut
auf dem Kopfe: weshalb die Bauern ihn in sächsischer
Sprache Hüdeken nannten. Dieser Geist fand ein Ver-
gnügen daran, mit Menschen umzugehen, sich ihnen
bald sichtbar, bald unsichtbar zu offenbaren, ihnen
Fragen vorzulegen und zu beantworten. Er beleidigte
niemanden ohne Ursache. Wenn man ihn aber
auslachte oder sonst beschimpfte, so vergalt er das
empfangene Unrecht mit vollem Maße. Da der Graf
Burchard de Luka von dem Grafen Hermann von
Wiesenburg erschlagen wurde und das Land des letz-
teren in Gefahr kam, eine Beute der Rächer zu wer-
den, so weckte der Hüdeken den Bischof Bernhard
von Hildesheim aus dem Schlafe und redete ihn mit
folgenden Worten an: >Stehe auf, Kahlkopf! Die Graf-
schaft Wiesenburg ist durch Mord verlassen und erle-
digt und wird also leicht von dir besetzt werden kön-
nen.> Der Bischof versammelte schnell seine Krieger,
fiel in das Land des schuldigen Grafen und vereinigte
es, mit Bewilligung des Kaisers, mit seinem Stift. Der
Geist warnte den genannten Bischof häufig ungebeten
vor nahen Gefahren und zeigte sich besonders oft in
der Hofküche, wo er mit den Köchen redete und ihnen
allerlei Dienste erwies. Da man allmählich mit dem
Hüdeken vertraut geworden war, so wagte es ein Kü-
chenjunge, ihn, sooft er erschien, zu necken und ihn
sogar mit unreinem Wasser zu begießen. Der Geist
bat den Hauptkoch oder den Küchenmeister, daß er
dem unartigen Knaben seinen Mutwillen untersagen
möchte. Der Meisterkoch antwortete: >Du bist ein
Geist und fürchtest dich vor einem Buben!>, worauf
Hüdeken drohend erwiderte: >Weil du den Knaben
nicht strafen willst, so werde ich dir in wenigen Tagen
zeigen, wie sehr ich mich vor ihm fürchte.> Bald
nachher saß der Bube, der den Geist beleidigt hatte,
ganz allein schlafend in der Küche. In diesem Zustand
ergriff ihn der Geist, erdrosselte ihn, zerriß ihn in
Stücken und setzte diese in Töpfen ans Feuer. Da der
Koch diesen Streich entdeckte, da fluchte er dem
Geist, und nun verdarb Hüdeken am folgenden Tage
alle Braten, die am Spieße gesteckt waren, durch das
Gift und Blut von Kröten, welches er darüber aus-
schüttete. Die Rache veranlaßte den Koch zu neuen
Beschimpfungen, nach welchen der Geist ihn endlich
über eine falsche vorgezauberte Brücke in einen tiefen
Graben stürzte. Zugleich machte er die Nacht durch,
auf den Mauern und Türmen der Stadt, fleißig die
Runde und zwang die Wächter zu einer beständigen
Wachsamkeit. Ein Mann, der eine untreue Frau hatte,
sagte einst, als er verreisen wollte, im Scherze zu dem
Hüdeken: >Guter Freund, ich empfehle dir meine
Frau, hüte sie sorgfältig.> Sobald der Mann entfernt
war, ließ das ehebrecherische Weib einen Liebhaber
nach dem andern kommen. Allein Hüdeken ließ kei-
nen zu ihr, sondern warf sie alle aus dem Bette auf
den Boden hin. Als der Mann von seiner Reise zu-
rückkam, da ging ihm der Geist weit entgegen und
sagte zu dem Wiederkehrenden: >Ich freue mich sehr
über deine Ankunft, damit ich von dem schweren
Dienst frei werde, den du mir auferlegt hast. Ich habe
deine Frau mit unsäglicher Mühe vor wirklicher
Untreue gehütet. Ich bitte dich aber, daß du sie mir
nie wieder anvertrauen mögest. Lieber wollte ich alle
Schweine in ganz Sachsenland hüten als ein Weib,
das durch Ränke in die Arme ihrer Buhlen zu kom-
men sucht.>”
Der Genauigkeit wegen muß ich bemerken, daß
Hüdekens Kopfbedeckung von dem gewöhnlichen
Kostüme der Kobolde abweicht. Diese sind meistens
grau gekleidet und tragen ein rotes Käppchen. Wenig-
stens sieht man sie so im Dänischen, wo sie heutzuta-
ge am zahlreichsten sein sollen. Ich war ehemals der
Meinung, die Kobolde lebten deshalb so gern in Dä-
nemark, weil sie am liebsten rote “Grütze” äßen.
Aber ein junger dänischer Dichter, Herr Andersen,
den ich das Vergnügen hatte diesen Sommer hier in
Paris zu sehen, hat mir ganz bestimmt versichert, die
Nissen, wie man in Dänemark die Kobolde nennt,
äßen am liebsten “Brei” mit Butter. Wenn diese Ko-
bolde sich mal in einem Hause eingenistet, so sind sie
auch nicht so bald geneigt, es zu verlassen. Indessen,
sie kommen nie unangemeldet, und wenn sie irgend
wohnen wollen, machen sie dem Hausherrn auf fol-
gende Art davon Anzeige: Sie tragen des Nachts aller-
lei Holzspäne ins Haus, und in die Milchfässer streu-
en sie Mist von Vieh. Wenn nun der Hausherr diese
Holzspäne nicht wieder wegwirft oder wenn er mit
seiner Familie von jener beschmutzten Milch trinkt,
dann bleiben die Kobolde auf immer bei ihm. Dieses
ist manchem sehr mißbehaglich geworden. Ein armer
Jütländer wurde am Ende so verdrießlich über die Ge-
nossenschaft eines solchen Kobolds, daß er sein Haus
selbst aufgeben wollte und seine Siebensachen auf
eine Karre lud und damit nach dem nächsten Dorfe
fuhr, um sich dort niederzulassen. Unterwegs aber, als
er sich mal umdrehte, erblickte er das rotbemützte
Köpfchen des Kobolds, der aus einer von den leeren
Bütten hervorguckte und ihm freundlich zurief: “Wi
flütten!” (Wir ziehen aus.)
Ich habe mich vielleicht zu lange bei diesen kleinen
Dämonen aufgehalten, und es ist Zeit, daß ich wieder
zu den großen übergehe. Aber alle diese Geschichten
illustrieren den Glauben und den Charakter des deut-
schen Volks. Jener Glaube war in den verflossenen
Jahrhunderten ebenso gewaltig wie der Kirchenglau-
be. Als der gelehrte Doktor Remigius sein großes
Buch über das Hexenwesen beendigt hatte, glaubte er
seines Gegenstandes so kundig zu sein, daß er sich
einbildete, jetzt selber hexen zu können; und, ein ge-
wissenhafter Mann, wie er war, ermangelte er nicht,
sich selber bei den Gerichten als Hexenmeister anzu-
gehen, und infolge dieser Angabe wurde er als Hexen-
meister verbrannt.
Diese Greuel entstanden nicht direkt durch die
christliche Kirche, sondern indirekt dadurch, daß
diese die altgermanische Nationalreligion so tückisch
verkehrt, daß sie die pantheistische Weltansicht der
Deutschen in eine pandämonische umgebildet, daß sie
die früheren Heiligtümer des Volks in häßliche Teufe-
lei verwandelt hatte. Der Mensch läßt aber nicht gern
ab von dem, was ihm und seinen Vorfahren teuer und
lieb war, und heimlich krämpen sich seine Empfin-
dungen daran fest, selbst wenn man es verderbt und
entstellt hat. Daher erhält sich jener verkehrte Volks-
glaube vielleicht noch länger als das Christentum in
Deutschland, welches nicht wie jener in der Nationali-
tät wurzelt. Zur Zeit der Reformation schwand sehr
schnell der Glaube an die katholischen Legenden,
aber keineswegs der Glaube an Zauber und Hexerei.
Luther glaubt nicht mehr an katholische Wunder,
aber er glaubt noch an Teufelswesen. Seine “Tischre-
den” sind voll kurioser Geschichtchen von Sa-
tanskünsten, Kobolden und Hexen. Er selber in seinen
Nöten glaubte manchmal mit dem leibhaftigen Gott-
seibeiuns zu kämpfen. Auf der Wartburg, wo er das
Neue Testament übersetzte, ward er so sehr vom Teu-
fel gestört, daß er ihm das Tintenfaß an den Kopf
schmiß. Seitdem hat der Teufel eine große Scheu vor
Tinte, aber noch weit mehr vor Druckerschwärze.
Von der Schlauheit des Teufels wird in den erwähnten
Tischreden manch ergötzliches Stücklein erzählt, und
ich kann nicht umhin, eins davon mitzuteilen.
“Doktor Martin Luther erzählte, daß einmal gute
Gesellen beieinander in einer Zeche gesessen waren.
Nun war ein wild wüstes Kind unter ihnen, der hatte
gesagt: Wenn einer wäre, der ihm eine gute Zeche
Weins schenkte, wollte er ihm dafür seine Seele ver-
kaufen.
Nicht lange darauf kömmt einer in die Stuben zu
ihm, setzet sich bei ihm nieder und zecht mit ihm und
spricht unter anderen zu dem, der sich also viel ver-
messen gehabt:
>Höre, du sagst zuvor, wenn einer dir eine Zeche
Weins gebe, so wollest du ihm dafür deine Seele ver-
kaufen?>
Da sprach er nochmals: >Ja, ich will’s tun, laß mich
heute recht schlemmen, demmen und guter Dinge
sein.>
Der Mann, welcher der Teufel war, sagte ja, und
bald darnach verschlich er sich wieder von ihm. Als
nun derselbige Schlemmer den ganzen Tag fröhlich
war und zuletzt auch trunken wurde, da kommt der
vorige Mann, der Teufel, wieder und setzt sich zu ihm
nieder und fragt die anderen Zechbrüder und spricht:
>Lieben Herren, was dünket euch, wenn einer ein
Pferd kauft, gehört ihm der Sattel und Zaum nicht
auch dazu?> Dieselbigen erschraken alle. Aber letz-
lich sprach der Mann:
>Nun sagt’s flugs.> Da bekannten sie und sagten:
>Ja, der Sattel und Zaum gehört ihm auch dazu.> Da
nimmt der Teufel denselbigen wilden, rohen Gesellen
und führet ihn durch die Decke hindurch, daß nie-
mand gewußt, wo er war hinkommen.”
Obgleich ich für unsern großen Meister Martin Lu-
ther den größten Respekt hege, so will es mich doch
bedünken, als habe er den Charakter des Satans ganz
verkannt. Dieser denkt durchaus nicht mit solcher Ge-
ringschätzung vom Leibe, wie hier erwähnt wird. Was
man auch Böses vom Teufel erzählen mag, so hat
man ihm doch nie nachsagen können, daß er ein Spi-
ritualist sei.
Aber mehr noch als die Gesinnung des Teufels ver-
kannte Martin Luther die Gesinnung des Papstes und
der katholischen Kirche. Bei meiner strengen Unpar-
teilichkeit muß ich beide, ebenso wie den Teufel,
gegen den allzu eifrigen Mann in Schutz nehmen. Ja,
wenn man mich aufs Gewissen früge, würde ich ein-
gestehn, daß der Papst, Leo X., eigentlich weit ver-
nünftiger war als Luther und daß dieser die letzten
Gründe der katholischen Kirche gar nicht begriffen
hat. Denn Luther hatte nicht begriffen, daß die Idee
des Christentums, die Vernichtung der Sinnlichkeit,
gar zu sehr in Widerspruch war mit der menschlichen
Natur, als daß sie jemals im Leben ganz ausführbar
gewesen sei; er hatte nicht begriffen, daß der Katholi-
zismus gleichsam ein Konkordat war zwischen Gott
und dem Teufel, d.h. zwischen dem Geist und der Ma-
terie, wodurch die Alleinherrschaft des Geistes in der
Theorie ausgesprochen wird, aber die Materie in den
Stand gesetzt wird, alle ihre annullierten Rechte in der
Praxis auszuüben. Daher ein kluges System von Zu-
geständnissen, welche die Kirche zum Besten der
Sinnlichkeit gemacht hat, obgleich immer unter For-
men, welche jeden Akt der Sinnlichkeit fletrieren und
dem Geiste seine höhnischen Usurpationen verwah-
ren. Du darfst den zärtlichen Neigungen des Herzens
Gehör geben und ein schönes Mädchen umarmen,
aber du mußt eingestehn, daß es eine schändliche
Sünde war, und für diese Sünde mußt du Abbuße tun.
Daß diese Abbuße durch Geld geschehen konnte, war
ebenso wohltätig für die Menschheit wie nützlich für
die Kirche. Die Kirche ließ sozusagen Wergeld be-
zahlen für jeden fleischlichen Genuß, und da entstand
eine Taxe für alle Sorten von Sünden, und es gab hei-
lige Kolporteurs, welche, im Namen der römischen
Kirche, die Ablaßzettel für jede taxierte Sünde im
Lande feilboten, und ein solcher war jener Tetzel, wo-
gegen Luther zuerst auftrat. Unsere Historiker mei-
nen, dieses Protestieren gegen den Ablaßhandel sei
ein geringfügiges Ereignis gewesen, und erst durch
römischen Starrsinn sei Luther, der anfangs nur gegen
einen Mißbrauch der Kirche geeifert, dahin getrieben
worden, die ganze Kirchenautorität in ihrer höchsten
Spitze anzugreifen. Aber das ist eben ein Irrtum, der
Ablaßhandel war kein Mißbrauch, er war eine Konse-
quenz des ganzen Kirchensystems, und indem Luther
ihn angriff, hatte er die Kirche selbst angegriffen, und
diese mußte ihn als Ketzer verdammen. Leo X., der
feine Florentiner, der Schüler des Polizian, der Freund
des Raffael, der griechische Philosoph mit der dreifa-
chen Krone, die ihm das Konklav vielleicht deshalb
erteilte, weil er an einer Krankheit litt, die keineswegs
durch christliche Abstinenz entsteht und damals noch
sehr gefährlich war… Leo von Medicis, wie mußte er
lächeln über den armen, keuschen, einfältigen Mönch,
der da wähnte, das Evangelium sei die Charte des
Christentums und diese Charte müsse eine Wahrheit
sein! Er hat vielleicht gar nicht gemerkt, was Luther
wollte, indem er damals viel zu sehr beschäftigt war
mit dem Bau der Peterskirche, dessen Kosten eben
mit den Ablaßgeldern bestritten wurden, so daß die
Sünde ganz eigentlich das Geld hergab zum Bau die-
ser Kirche, die dadurch gleichsam ein Monument
sinnlicher Lust wurde, wie jene Pyramide, die ein
ägyptisches Freudenmädchen für das Geld erbaute,
das sie durch Prostitution erworben. Von diesem Got-
teshause könnte man vielleicht eher als von dem Köl-
ner Dome behaupten, daß es durch den Teufel erbaut
worden. Diesen Triumph des Spiritualismus, daß der
Sensualismus selber ihm seinen schönsten Tempel
bauen mußte, daß man eben für die Menge Zuge-
ständnisse, die man dem Fleische machte, die Mittel
erwarb, den Geist zu verherrlichen, dieses begriff man
nicht im deutschen Norden. Denn hier, weit eher als
unter dem glühenden Himmel Italiens, war es mög-
lich, ein Christentum auszuüben, das der Sinnlichkeit
die allerwenigsten Zugeständnisse macht. Wir Nord-
länder sind kälteren Blutes, und wir bedurften nicht
soviel Ablaßzettel für fleischliche Sünden, als uns der
väterlich besorgte Leo zugeschickt hatte. Das Klima
erleichtert uns die Ausübung der christlichen Tugen-
den, und am 31. Oktober 1517, als Luther seine The-
sen gegen den Ablaß an die Türe der Augustinerkir-
che anschlug, war der Stadtgraben von Wittenberg
vielleicht schon zugefroren, und man konnte dort
Schlittschuhe laufen, welches ein sehr kaltes Vergnü-
gen und also keine Sünde ist.
Ich habe mich oben vielleicht schon mehrmals der
Worte Spiritualismus und Sensualismus bedient;
diese Worte beziehen sich aber hier nicht, wie bei den
französischen Philosophen, auf die zwei verschiede-
nen Quellen unserer Erkenntnisse, ich gebrauche sie
vielmehr, wie schon aus dem Sinne meiner Rede
immer von selber hervorgeht, zur Bezeichnung jener
beiden verschiedenen Denkweisen, wovon die eine
den Geist dadurch verherrlichen will, daß sie die Ma-
terie zu zerstören strebt, während die andere die
natürlichen Rechte der Materie gegen die Usurpatio-
nen des Geistes zu vindizieren sucht.
Auf obige Anfänge der lutherischen Reformation,
die schon den ganzen Geist derselben offenbaren,
muß ich ebenfalls besonders aufmerksam machen, da
man hier in Frankreich über die Reformation noch die
alten Mißbegriffe hegt, die Bossuet durch seine “Hi-
stoire des variations” verbreitet hat und die sich sogar
bei heutigen Schriftstellern geltend machen. Die Fran-
zosen begriffen nur die negative Seite der Reformati-
on, sie sahen darin nur einen Kampf gegen den Ka-
tholizismus und glaubten manchmal, dieser Kampf sei
jenseits des Rheines immer aus denselben Gründen
geführt worden wie diesseits, in Frankreich. Aber die
Gründe waren dort ganz andere als hier und ganz ent-
gegengesetzte. Der Kampf gegen den Katholizismus
in Deutschland war nichts anders als ein Krieg, den
der Spiritualismus begann, als er einsah, daß er nur
den Titel der Herrschaft führte und nur de jure
herrschte, während der Sensualismus, durch herge-
brachten Unterschleif, die wirkliche Herrschaft ausüb-
te und de facto herrschte; – die Ablaßkrämer wurden
fortgejagt, die hübschen Priesterkonkubinen wurden
gegen kalte Eheweiber umgetauscht, die reizenden
Madonnenbilder wurden zerbrochen, es entstand hie
und da der sinnenfeindlichste Puritanismus. Der
Kampf gegen den Katholizismus in Frankreich, im
siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert, war hin-
gegen ein Krieg, den der Sensualismus begann, als er
sah, daß er de facto herrschte und dennoch jeder Akt
seiner Herrschaft von dem Spiritualismus, der de jure
zu herrschen behauptete, als illegitim verhöhnt und in
der empfindlichsten Weise fletriert wurde. Statt daß
man nun in Deutschland mit keuschem Ernste kämpf-
te, kämpfte man in Frankreich mit schlüpfrigem
Spaße; und statt daß man dort eine theologische Dis-
putation führte, dichtete man hier irgendeine lustige
Satire. Der Gegenstand dieser letzteren war gewöhn-
lich, den Widerspruch zu zeigen, worin der Mensch
mit sich selbst gerät, wenn er ganz Geist sein will;
und da erblühten die köstlichsten Historien von from-
men Männern, welche ihrer tierischen Natur unwill-
kürlich unterliegen oder gar alsdann den Schein der
Heiligkeit retten wollen und zur Heuchelei ihre Zu-
flucht nehmen. Schon die Königin von Navarra schil-
derte in ihren Novellen solche Mißstände, das Ver-
hältnis der Mönche zu den Weibern ist ihr gewöhnli-
ches Thema, und sie will alsdann nicht bloß unser
Zwerchfell, sondern auch das Mönchstum erschüttern.
Die boshafteste Blüte solcher komischen Polemik ist
unstreitig der “Tartüff” von Molière; denn dieser ist
nicht bloß gegen den Jesuitismus seiner Zeit gerichtet,
sondern gegen das Christentum selbst, ja gegen die
Idee des Christentums, gegen den Spiritualismus. In
der Tat, durch die affichierte Angst vor dem nackten
Busen der Dorine, durch die Worte

Le ciel défend, de vrai, certains contentements,
Mais on trouve avec lui des accomodements -,

dadurch wurde nicht bloß die gewöhnliche Scheinhei-
ligkeit persifliert, sondern auch die allgemeine Lüge,
die aus der Unausführbarkeit der christlichen Idee
notwendig entsteht; persifliert wurde dadurch das
ganze System von Konzessionen, die der Spiritualis-
mus dem Sensualismus machen mußte. Wahrlich, der
Jansenismus hatte immer weit mehr Grund als der Je-
suitismus, sich durch die Darstellung des “Tartüff”
verletzt zu fühlen, und Molière dürfte den heutigen
Methodisten noch immer so mißbehagen wie den ka-
tholischen Devoten seiner Zeit. Darum eben ist Mo-
lière so groß, weil er, gleich Aristophanes und Cer-
vantes, nicht bloß temporelle Zufälligkeiten, sondern
das Ewig-Lächerliche, die Urschwächen der Mensch-
heit, persifliert. Voltaire, der immer nur das Zeitliche
und Unwesentliche angriff, muß ihm in dieser Bezie-
hung nachstehen.
Jene Persiflage aber, namentlich die Voltairesche,
hat in Frankreich ihre Mission erfüllt, und wer sie
weiter fortsetzen wollte, handelte ebenso unzeitgemäß
wie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren
Reste des Katholizismus vertilgen würde, könnte es
sich leicht ereignen, daß die Idee desselben sich in
eine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib flüch-
tet und, sogar den Namen Christentum ablegend, in
dieser Umwandlung uns noch weit verdrießlicher be-
lästigen könnte als in ihrer jetzigen gebrochenen, rui-
nierten und allgemein diskreditierten Gestalt. Ja, es
hat sein Gutes, daß der Spiritualismus durch eine Re-
ligion und eine Priesterschaft repräsentiert werde,
wovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und
letztere mit dem ganzen Freiheitsenthusiasmus unse-
rer Zeit in direkter Opposition steht.
Aber warum ist uns denn der Spiritualismus so
sehr zuwider? Ist er etwas so Schlechtes? Keines-
wegs. Rosenöl ist eine kostbare Sache, und ein
Fläschchen desselben ist erquicksam, wenn man in
den verschlossenen Gemächern des Harem seine Tage
vertrauern muß. Aber wir wollen dennoch nicht, daß
man alle Rosen dieses Lebens zertrete und zerstamp-
fe, um einige Tropfen Rosenöl zu gewinnen, und
mögen diese noch so tröstsam wirken. Wir sind viel-
mehr wie die Nachtigallen, die sich gern an der Rose
selber ergötzen und von ihrer errötend blühenden Er-
scheinung ebenso beseligt werden wie von ihrem un-
sichtbaren Dufte.
Ich habe oben geäußert, daß es eigentlich der Spiri-
tualismus war, welcher bei uns den Katholizismus
angriff. Aber dieses gilt nur vom Anfang der Refor-
mation; sobald der Spiritualismus in das alte Kirchen-
gebäude Bresche geschossen, stürzte der Sensualis-
mus hervor mit all seiner lang verhaltenen Glut, und
Deutschland wurde der wildeste Tummelplatz von
Freiheitsrausch und Sinnenlust. Die unterdrückten
Bauern hatten in der neuen Lehre geistliche Waffen
gefunden, mit denen sie den Krieg gegen die Aristo-
kratie führen konnten; die Lust zu einem solchen
Kriege war schon seit anderthalb Jahrhundert vorhan-
den. Zu Münster lief der Sensualismus nackt durch
die Straßen, in der Gestalt des Jan van Leiden, und
legte sich mit seinen zwölf Weibern in jene große
Bettstelle, welche noch heute auf dem dortigen Rat-
hause zu sehen ist. Die Klosterpforten öffneten sich
überall, und Nonnen und Mönchlein stürzten sich in
die Arme und schnäbelten sich. Ja, die äußere Ge-
schichte jener Zeit besteht fast aus lauter sensuali-
schen Emeuten; wie wenig Resultate davon geblieben,
wie der Spiritualismus jene Tumultuanten wieder un-
terdrückte, wie er allmählich im Norden seine Herr-
schaft sicherte, aber durch einen Feind, den er im ei-
genen Busen erzogen, nämlich durch die Philosophie,
zu Tode verwundet wurde, sehen wir später. Es ist
dieses eine sehr verwickelte Geschichte, schwer zu
entwirren. Der katholischen Partei wird es leicht, nach
Belieben die schlimmsten Motive hervorzukehren,
und wenn man sie sprechen hört, galt es nur, die
frechste Sinnlichkeit zu legitimieren und die Kirchen-
güter zu plündern. Freilich, die geistigen Interessen
müssen immer mit den materiellen Interessen eine Al-
lianz schließen, um zu siegen. Aber der Teufel hatte
die Karten so sonderbar gemischt, daß man über die
Intentionen nichts Sicheres mehr sagen kann.
Die erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichs-
saale zu Worms versammelt waren, mochten wohl al-
lerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Wider-
spruch standen mit den Worten ihres Mundes. Da saß
ein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher Herr-
scherwonne, in seinen neuen Purpurmantel wickelte
und sich heimlich freute, daß der stolze Römer, der
die Vorgänger im Reiche so oft mißhandelt und noch
immer seine Anmaßungen nicht aufgegeben, jetzt die
wirksamste Zurechtweisung gefunden. Der Repräsen-
tant jenes Römers hatte seinerseits wieder die gehei-
me Freude, daß ein Zwiespalt unter jenen Deutschen
entstand, die, wie betrunkene Barbaren, so oft das
schöne Italien überfallen und ausgeplündert und es
noch immer mit neuen Ãœberfällen und Plünderungen
bedrohten. Die weltlichen Fürsten freuten sich, daß
sie mit der neuen Lehre sich auch zu gleicher Zeit die
alten Kirchengüter zu Gemüte führen konnten. Die
hohen Prälaten überlegten schon, ob sie nicht ihre
Köchinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bistümer
und Abteien auf ihre männlichen Sprößlinge vererben
könnten. Die Abgeordneten der Städte freuten sich
einer neuen Erweiterung ihrer Unabhängigkeit. Jeder
hatte hier was zu gewinnen und dachte heimlich an
irdische Vorteile.
Doch ein Mann war dort, von dem ich überzeugt
bin, daß er nicht an sich dachte, sondern nur an die
göttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser
Mann war Martin Luther, der arme Mönch, den die
Vorsehung auserwählt, jene römische Weltmacht zu
brechen, wogegen schon die stärksten Kaiser und
kühnsten Weisen vergeblich angekämpft. Aber die
Vorsehung weiß sehr gut, auf welche Schultern sie
ihre Lasten legt; hier war nicht bloß eine geistige,
sondern auch eine physische Kraft nötig. Eines durch
klösterliche Strenge und Keuschheit von Jugend auf
gestählten Leibes bedurfte es, um die Mühseligkeiten
eines solchen Amtes zu ertragen. Unser teurer Meister
war damals noch mager und sah sehr blaß aus, so daß
die roten, wohlgefütterten Herren des Reichstags fast
mit Mitleid auf den armseligen Mann in der schwar-
zen Kutte herabsahen. Aber er war doch ganz gesund,
und seine Nerven waren so fest, daß ihn der glänzen-
de Tumult nicht im mindesten einschüchterte, und gar
seine Lunge muß stark gewesen sein. Denn nachdem
er seine lange Verteidigung gesprochen, mußte er,
weil der Kaiser kein Hochdeutsch verstand, sie in
lateinischer Sprache wiederholen. Ich ärgere mich je-
desmal, wenn ich daran denke; denn unser teurer Mei-
ster stand neben einem offenen Fenster, der Zugluft
ausgesetzt, während ihm der Schweiß von der Stirne
troff. Durch das lange Reden mochte er wohl sehr er-
müdet und sein Gaumen mochte wohl etwas trocken
geworden sein. >Der muß jetzt großen Durst haben>,
dachte gewiß der Herzog von Braunschweig; wenig-
stens lesen wir, daß er dem Martin Luther drei Kan-
nen des besten Eimbecker Biers in die Herberge zu-
schickte. Ich werde diese edle Tat dem Hause Braun-
schweig nie vergessen.
Wie von der Reformation, so hat man auch von
ihren Helden sehr falsche Begriffe in Frankreich. Die
nächste Ursache dieses Nichtbegreifens liegt wohl
darin, daß Luther nicht bloß der größte, sondern auch
der deutscheste Mann unserer Geschichte ist; daß in
seinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deut-
schen aufs großartigste vereinigt sind, daß er auch
persönlich das wunderbare Deutschland repräsentiert.
Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten ver-
einigt finden und die wir gewöhnlich sogar als feindli-
che Gegensätze antreffen. Er war zugleich ein träume-
rischer Mystiker und ein praktischer Mann in der Tat.
Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern
auch Hände; er sprach und handelte. Er war nicht
bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit.
Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wort-
klauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet.
Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Di-
stinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er
des Abends zu seiner Flöte und betrachtete die Sterne
und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe Mann,
der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte
auch weich sein wie eine zarte Jungfrau. Er war
manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwur-
zelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephir, der
mit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten
Gottesfurcht, voll Aufopferung zu Ehren des Heiligen
Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine
Geisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herr-
lichkeiten dieser Erde und wußte sie zu schätzen, und
aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch:
“Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der
bleibt ein Narr sein Leben lang.” Er war ein komplet-
ter Mensch, ich möchte sagen, ein absoluter Mensch,
in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn
einen Spiritualisten zu nennen wäre daher ebenso
irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll
ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifli-
ches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiel-
len Männern finden, etwas Schauerlich-Naives, etwas
Tölpelhaft-Kluges, etwas Erhaben-Borniertes, etwas
Unbezwingbar-Dämonisches.
Luthers Vater war Bergmann zu Mansfeld, und da
war der Knabe oft bei ihm in der unterirdischen
Werkstatt, wo die mächtigen Metalle wachsen und die
starken Urquellen rieseln, und das junge Herz hatte
vielleicht unbewußt die geheimsten Naturkräfte in
sich eingesogen oder wurde gar gefeit von den Berg-
geistern. Daher mag auch soviel Erdstoff, soviel Lei-
denschaftschlacke an ihm klebengeblieben sein, wie
man dergleichen ihm hinlänglich vorwirft. Man hat
aber unrecht, ohne jene irdische Beimischung hätte er
nicht ein Mann der Tat sein können. Reine Geister
können nicht handeln. Erfahren wir doch aus Jung-
Stillings Gespensterlehre, daß die Geister sich zwar
recht farbig und bestimmt versichtbaren können, auch
wie lebendige Menschen zu gehen, zu laufen, zu tan-
zen und alle möglichen Gebärden zu machen verste-
hen, daß sie aber nichts Materielles, nicht den klein-
sten Nachttisch, von seiner Stelle fortzubewegen ver-
mögen.
Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren
Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter
verdanken und von dessen Wohltaten wir noch heute
leben! Es ziemt uns wenig, über die Beschränktheit
seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den
Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schau-
en als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille auf-
gesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das
hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneig-
nen können. Es ziemt uns noch weniger, über seine
Fehler ein herbes Urteil zu fällen; diese Fehler haben
uns mehr genutzt als die Tugenden von tausend an-
dern. Die Feinheit des Erasmus und die Milde des
Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie
manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.
Ja, der Irrtum in betreff des Beginnes, wie ich ihn
oben angedeutet, hat die kostbarsten Früchte getra-
gen, Früchte, woran sich die ganze Menschheit er-
quickt. Von dem Reichstage an, wo Luther die Auto-
rität des Papstes leugnet und öffentlich erklärt, “daß
man seine Lehre durch die Aussprüche der Bibel
selbst oder durch vernünftige Gründe widerlegen
müsse!”, da beginnt ein neues Zeitalter in Deutsch-
land. Die Kette, womit der heilige Bonifaz die deut-
sche Kirche an Rom gefesselt, wird entzweigehauen.
Diese Kirche, die vorher einen integrierenden Teil der
großen Hierarchie bildete, zerfällt in religiöse Demo-
kratien. Die Religion selber wird eine andere; es ver-
schwindet daraus das indisch-gnostische Element, und
wir sehen, wie sich wieder das judäisch-deistische
Element darin erhebt. Es entsteht das evangelische
Christentum. Indem die notwendigsten Ansprüche der
Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legi-
timiert werden, wird die Religion wieder eine Wahr-
heit. Der Priester wird Mensch und nimmt ein Weib
und zeugt Kinder, wie Gott es verlangt. Dagegen Gott
selbst wird wieder ein himmlischer Hagestolz ohne
Familie; die Legitimität seines Sohnes wird bestritten;
die Heiligen werden abgedankt; den Engeln werden
die Flügel beschnitten; die Muttergottes verliert alle
ihre Ansprüche an die himmlische Krone, und es wird
ihr untersagt, Wunder zu tun. Ãœberhaupt von nun an,
besonders seit die Naturwissenschaften so große Fort-
schritte machen, hören die Wunder auf. Sei es nun,
daß es den lieben Gott verdrießt, wenn ihm die Physi-
ker so mißtrauisch auf die Finger sehen, sei es auch,
daß er nicht gern mit Bosco konkurrieren will: sogar
in der jüngsten Zeit, wo die Religion so sehr gefährdet
ist, hat er es verschmäht, sie durch irgendein eklatan-
tes Wunder zu unterstützen. Vielleicht wird er von
jetzt an, bei allen neuen Religionen, die er auf dieser
Erde einführt, sich auf gar keine heiligen Kunststücke
mehr einlassen und die Wahrheiten der neuen Lehren
immer durch die Vernunft beweisen; was auch am
vernünftigsten ist. Wenigstens beim Saint-Simonis-
mus, welcher die neueste Religion, ist gar kein Wun-
der vorgefallen, ausgenommen etwa, daß eine alte
Schneiderrechnung, die Saint-Simon auf Erden schul-
dig geblieben, zehn Jahr nach seinem Tode von seinen
Schülern bar bezahlt worden ist. Noch sehe ich, wie
der vortreffliche Père Olinde in der Salle Taitbout be-
geistrungsvoll sich erhebt und der er, staunten
Gemeinde die quittierte Schneiderrechnung vorhält.
Junge Epiciers stutzten ob solchem übernatürlichen
Zeugnis. Die Schneider aber fingen schon an zu glau-
ben!
Indessen wenn bei uns in Deutschland, durch den
Protestantismus, mit den alten Mirakeln auch sehr
viele andere Poesie verlorenging, so gewannen wir
doch mannigfaltigen Ersatz. Die Menschen wurden
tugendhafter und edler. Der Protestantismus hatte den
günstigsten Einfluß auf jene Reinheit der Sitten und
jene Strenge in der Ausübung der Pflichten, welche
wir gewöhnlich Moral nennen; ja, der Protestantismus
hat in manchen Gemeinden eine Richtung genommen,
wodurch er am Ende mit dieser Moral ganz zusam-
menfällt und das Evangelium nur als schöne Parabel
gültig bleibt. Besonders sehen wir jetzt eine erfreuli-
che Veränderung im Leben der Geistlichen. Mit dem
Zölibat verschwanden auch fromme Unzüchten und
Mönchslaster. Unter den protestantischen Geistlichen
finden wir nicht selten die tugendhaftesten Menschen,
Menschen, vor denen selbst die alten Stoiker Respekt
hätten. Man muß zu Fuß, als armer Student, durch
Norddeutschland wandern, um zu erfahren, wieviel
Tugend, und damit ich der Tugend ein schönes Bei-
wort gebe, wieviel evangelische Tugend manchmal in
so einer scheinlosen Pfarrerwohnung zu finden ist.
Wie oft, des Winterabends, fand ich da eine gastfreie
Aufnahme, ich, ein Fremder, der keine andere Emp-
fehlung mitbrachte, außer daß ich Hunger hatte und
müde war. Wenn ich dann gut gegessen und gut ge-
schlafen hatte und des Morgens weiterziehen wollte,
kam der alte Pastor im Schlafrock und gab mir noch
den Segen auf den Weg, welches mir nie Unglück ge-
bracht hat; und die gutmütig geschwätzige Frau Pa-
storin steckte mir einige Butterbröte in die Tasche,
welche mich nicht minder erquickten; und in schwei-
gender Ferne standen die schönen Predigertöchter mit
ihren errötenden Wangen und Veilchenaugen, deren
schüchternes Feuer, noch in der Erinnerung, für den
ganzen Wintertag mein Herz erwärmte.
Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine
Lehre nur durch die Bibel selber oder durch vernünfti-
ge Gründe widerlegen müsse, war der menschlichen
Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären,
und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in
allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch ent-
stand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit
oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit.
Das Denken ward ein Recht, und die Befugnisse der
Vernunft wurden legitim. Freilich, schon seit einigen
Jahrhunderten hatte man ziemlich frei denken und
reden können, und die Scholastiker haben über Dinge
disputiert, wovon wir kaum begreifen, wie man sie im
Mittelalter auch nur aussprechen durfte. Aber dieses
geschah vermittelst der Distinktion, welche man zwi-
schen theologischer und philosophischer Wahrheit
machte, eine Distinktion, wodurch man sich gegen
Ketzerei ausdrücklich verwahrte; und das geschah
auch nur innerhalb den Hörsälen der Universitäten
und in einem gotisch abstrusen Latein, wovon doch
das Volk nichts verstehen konnte, so daß wenig Scha-
den für die Kirche dabei zu befürchten war. Dennoch
hatte die Kirche solches Verfahren nie eigentlich er-
laubt, und dann und wann hat sie auch wirklich einen
armen Scholastiker verbrannt. Jetzt aber, seit Luther,
machte man gar keine Distinktion mehr zwischen
theologischer und philosophischer Wahrheit, und man
disputierte auf öffentlichem Markt und in der deut-
schen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die
Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben
diese Denkfreiheit legitimisiert, und eine wichtige,
weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philoso-
phie.
In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der
menschliche Geist sich so frei aussprechen können
wie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts bis zur französischen Invasion. Namentlich
in Preußen herrschte eine grenzenlose Gedankenfrei-
heit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen,
daß er, der nur durch das protestantische Prinzip ein
legitimer König von Preußen sein konnte, auch die
protestantische Denkfreiheit aufrechterhalten mußte.
Seitdem freilich haben sich die Dinge verändert,
und der natürliche Schirmvogt unserer protestanti-
schen Denkfreiheit hat sich, zur Unterdrückung
derselben, mit der ultramontanen Partei verständigt,
und er benutzt oft dazu die Waffe, die das Papsttum
zuerst gegen uns ersonnen und angewandt: die Zen-
sur.
Sonderbar! Wir Deutschen sind das stärkste und
das klügste Volk. Unsere Fürstengeschlechter sitzen
auf allen Thronen Europas, unsere Rothschilde be-
herrschen alle Börsen der Welt, unsere Gelehrten re-
gieren in allen Wissenschaften, wir haben das Pulver
erfunden und die Buchdruckerei; – und dennoch, wer
bei uns eine Pistole losschießt, bezahlt drei Taler
Strafe, und wenn wir in den “Hamburger Korrespon-
dent” setzen wollen: “Meine liebe Gattin ist in Wo-
chen gekommen, mit einem Töchterlein, schön wie
die Freiheit!”, dann greift der Herr Doktor Hoffmann
zu seinem Rotstift und streicht uns “die Freiheit”.
Wird dieses noch lange geschehen können? Ich
weiß nicht. Aber ich weiß, die Frage der Preßfreiheit,
die jetzt in Deutschland so heftig diskutiert wird,
knüpft sich bedeutungsvoll an die obigen Betrachtun-
gen, und ich glaube, ihre Lösung ist nicht schwer,
wenn man bedenkt, daß die Preßfreiheit nichts ande-
res ist als die Konsequenz der Denkfreiheit und
folglich ein protestantisches Recht. Für Rechte dieser
Art hat der Deutsche schon sein bestes Blut gegeben,
und er dürfte wohl dahin gebracht werden, noch ein-
mal in die Schranken zu treten.
Dasselbe ist anwendbar auf die Frage von der aka-
demischen Freiheit, die jetzt so leidenschaftlich die
Gemüter in Deutschland bewegt. Seit man entdeckt zu
haben glaubt, daß auf den Universitäten am meisten
politische Aufregung, nämlich Freiheitsliebe,
herrscht, seitdem wird den Souveränen von allen Sei-
ten insinuiert, daß man diese Institute unterdrücken
oder doch wenigstens in gewöhnliche Unterrichtsan-
stalten verwandeln müsse. Da werden nun Plane ge-
schmiedet und das Pro und Kontra diskutiert. Die öf-
fentlichen Gegner der Universitäten, ebensowenig wie
die öffentlichen Verteidiger, die wir bisher vernom-
men, scheinen aber die letzten Gründe der Frage nicht
zu verstehen. Jene begreifen nicht, daß die Jugend
überall und unter allen Disziplinen für die Interessen
der Freiheit begeistert sein wird und daß, wenn man
die Universitäten unterdrückt, jene begeisterte Jugend
anderswo und vielleicht in Verbindung mit der Jugend
des Handelsstands und der Gewerbe sich desto tat-
kräftiger aussprechen wird. Die Verteidiger suchen
nur zu beweisen, daß mit den Universitäten auch die
Blüte der deutschen Wissenschaftlichkeit zugrunde
ginge, daß eben die akademische Freiheit den Studien
so nützlich sei, daß die Jugend dadurch so hübsch
Gelegenheit finde, sich vielseitig auszubilden usw.
Als ob es auf einige griechische Vokabeln oder einige
Roheiten mehr oder weniger hier ankomme!
Und was gölte den Fürsten alle Wissenschaft, Stu-
dien oder Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer
Throne gefährdet stünde! Sie waren heroisch genug,
alle jene relativen Güter für das einzig Absolute, für
ihre absolute Herrschaft aufzuopfern. Denn diese ist
ihnen von Gott anvertraut, und wo der Himmel gebie-
tet, müssen alle irdischen Rücksichten weichen.
Mißverstand ist sowohl auf seiten der armen Pro-
fessoren, die als Vertreter, wie auf seiten der Regie-
rungsbeamten, die als Gegner der Universitäten öf-
fentlich auftreten. Nur die katholische Propaganda in
Deutschland begreift die Bedeutung derselben, diese
frommen Obskuranten sind die gefährlichsten Gegner
unseres Universitätssystems, diese wirken dagegen
meuchlerisch mit Lug und Trug, und gar wenn sich
einer von ihnen den liebevollen Anschein gibt, als
wollte er den Universitäten das Wort reden, offenbart
sich die jesuitische Intrige. Wohl wissen diese feigen
Heuchler, was hier auf dem Spiel steht, zu gewinnen.
Denn mit den Universitäten fällt auch die protestanti-
sche Kirche, die seit der Reformation nur in jenen
wurzelt, so daß die ganze protestantische Kirchenge-
schichte der letzten Jahrhunderte fast nur aus den
theologischen Streitigkeiten der Wittenberger, Leipzi-
ger, Tübinger und halleschen Universitätsgelehrten
besteht. Die Konsistorien sind nur der schwache Ab-
glanz der theologischen Fakultät, sie verlieren mit
dieser allen Halt und Charakter und sinken in die öde
Abhängigkeit der Ministerien oder gar der Polizei.
Doch laßt uns solchen melancholischen Betrach-
tungen nicht zuviel Raum geben, um so mehr, da wir
hier noch von dem providentiellen Manne zu reden
haben, durch welchen so Großes für das deutsche
Volk geschehen. Ich habe oben gezeigt, wie wir durch
ihn zur größten Denkfreiheit gelangt. Aber dieser
Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Be-
wegung, sondern auch das Mittel der Bewegung, dem
Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedan-
ken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache.
Dieses geschah, indem er die Bibel übersetzte.
In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buchs
scheint es ebensogut wie wir andere gewußt zu haben,
daß es gar nicht gleichgültig ist, durch wen man über-
setzt wird, und er wählte selber seinen Ãœbersetzer und
verlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten
Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine
andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht
lebte.
Man besaß zwar die Vulgata, die man verstand,
sowie auch die Septuaginta, die man schon verstehen
konnte. Aber die Kenntnis des Hebräischen war in der
christlichen Welt ganz erloschen. Nur die Juden, die
sich, hie und da, in einem Winkel dieser Welt verbor-
gen hielten, bewahrten noch die Traditionen dieser
Sprache. Wie ein Gespenst, das einen Schatz be-
wacht, der ihm einst im Leben anvertraut worden, so
saß dieses gemordete Volk, dieses Volk-Gespenst, in
seinen dunklen Gettos und bewahrte dort die hebräi-
sche Bibel; und in diese verrufenen Schlupfwinkel sah
man die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen,
um den Schatz zu heben, um die Kenntnis der hebräi-
schen Sprache zu erwerben. Als die katholische Geist-
lichkeit merkte, daß ihr von dieser Seite Gefahr droh-
te, daß das Volk auf diesem Seitenweg zum wirkli-
chen Wort Gottes gelangen und die römischen Fäl-
schungen entdecken konnte, da hätte man gern auch
die jüdische Tradition unterdrückt, und man ging
damit um, alle hebräischen Bücher zu vernichten, und
am Rhein begann die Bücherverfolgung, wogegen
unser vortrefflicher Doktor Reuchlin so glorreich ge-
kämpft hat. Die Kölner Theologen, die damals agier-
ten, besonders Hoogstraeten, waren keineswegs so
geistesbeschränkt, wie der tapfere Mitkämpfer Reuch-
lins, Ritter Ulrich von Hutten, sie in seinen “Litteris
obscurorum virorum” schildert. Es galt die Unter-
drückung der hebräischen Sprache. Als Reuchlin sieg-
te, konnte Luther sein Werk beginnen. In einem
Briefe, den dieser damals an Reuchlin schrieb, scheint
er schon zu fühlen, wie wichtig der Sieg war, den
jener erfochten, und in einer abhängig schwierigen
Stellung erfochten, während er, der Augustinermönch,
ganz unabhängig stand; sehr naiv sagt er in diesem
Briefe: “Ego nihil timeo, quia nihil habeo.”
Wie aber Luther zu der Sprache gelangt ist, worin
er seine Bibel übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde
unbegreiflich. Der altschwäbische Dialekt war, mit
der Ritterpoesie der Hohenstaufenschen Kaiserzeit,
gänzlich untergegangen. Der altsächsische Dialekt,
das sogenannte Plattdeutsche, herrschte nur in einem
Teile des nördlichen Deutschlands und hat sich, trotz
aller Versuche, die man gemacht, nie zu literärischen
Zwecken eignen wollen. Nahm Luther zu seiner Bi-
belübersetzung die Sprache, die man im heutigen
Sachsen sprach, so hätte Adelung recht gehabt, zu be-
haupten, daß der sächsische, namentlich der meißen-
sche Dialekt unser eigentliches Hochdeutsch, d.h. un-
sere Schriftsprache sei. Aber dieses ist längst wider-
legt worden, und ich muß dieses hier um so schärfer
erwähnen da solcher Irrtum in Frankreich noch immer
gäng und gäbe ist. Das heutige Sächsische war nie ein
Dialekt des deutschen Volks, ebensowenig wie etwa
das Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch
slawische Färbung. Ich bekenne daher offenherzig,
ich weiß nicht, wie die Sprache, die wir in der
Lutherischen Bibel finden, entstanden ist. Aber ich
weiß, daß durch diese Bibel, wovon die junge Presse,
die schwarze Kunst, Tausende von Exemplaren ins
Volk schleuderte, die Lutherische Sprache in wenigen
Jahren über ganz Deutschland verbreitet und zur all-
gemeinen Schriftsprache erhoben wurde. Diese
Schriftsprache herrscht noch immer in Deutschland
und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten
Lande eine literärische Einheit. Ein solches unschätz-
bares Verdienst mag uns bei dieser Sprache dafür ent-
schädigen, daß sie, in ihrer heutigen Ausbildung,
etwas von jener Innigkeit entbehrt, welche wir bei
Sprachen, die sich aus einem einzigen Dialekt gebil-
det, zu finden pflegen. Die Sprache in Luthers Bibel
entbehrt jedoch durchaus nicht einer solchen Innig-
keit, und dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der
Verjüngung für unsere Sprache. Alle Ausdrücke und
Wendungen, die in der Lutherischen Bibel stehn, sind
deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch ge-
brauchen; und da dieses Buch in den Händen der ärm-
sten Leute ist, so bedürfen diese keiner besonderen
gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen
zu können.
Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische
Revolution ausbricht, gar merkwürdige Erscheinun-
gen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall spre-
chen können, und ihre Sprache wird biblisch sein.
Luthers Originalschriften haben ebenfalls dazu bei-
getragen, die deutsche Sprache zu fixieren. Durch ihre
polemische Leidenschaftlichkeit drangen sie tief in
das Herz der Zeit. Ihr Ton ist nicht immer sauber.
Aber man macht auch keine religiöse Revolution mit
Orangenblüte. Zu dem groben Klotz gehört manchmal
ein grober Keil. In der Bibel ist Luthers Sprache, aus
Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Geist Gottes, immer
in eine gewisse Würde gebannt. In seinen Streitschrif-
ten hingegen überläßt er sich einer plebejischen Ro-
heit, die oft ebenso widerwärtig wie grandios ist.
Seine Ausdrücke und Bilder gleichen dann jenen rie-
senhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder
ägyptischen Tempelgrotten finden und deren grelles
Kolorit und abenteuerliche Häßlichkeit uns zugleich
abstößt und anzieht. Durch diesen barocken Felsenstil
erscheint uns der kühne Mönch manchmal wie ein re-
ligiöser Danton, ein Prediger des Berges, der, von der
Höhe desselben, die bunten Wortblöcke hinabschmet-
tert auf die Häupter seiner Gegner.
Merkwürdiger und bedeutender als diese prosai-
schen Schriften sind Luthers Gedichte, die Lieder, die,
in Kampf und Not, aus seinem Gemüte entsprossen.
Sie gleichen manchmal einer Blume, die auf einem
Felsen wächst, manchmal einem Mondstrahl, der über
ein bewegtes Meer hinzittert. Luther liebte die Musik,
er hat sogar einen Traktat über diese Kunst
geschrieben, und seine Lieder sind daher außerordent-
lich melodisch. Auch in dieser Hinsicht gebührt ihm
der Name: Schwan von Eisleben. Aber er war nichts
weniger als ein milder Schwan in manchen Gesängen,
wo er den Mut der Seinigen anfeuert und sich selber
zur wildesten Kampflust begeistert. Ein Schlachtlied
war jener trotzige Gesang, womit er und seine Beglei-
ter in Worms einzogen. Der alte Dom zitterte bei die-
sen neuen Klängen, und die Raben erschraken in ihren
obskuren Turmnestern. Jenes Lied, die Marseiller
Hymne der Reformation, hat bis auf unsere Tage seine
begeisternde Kraft bewahrt.

Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein’ gute Wehr und Waffen,
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd’ ist nicht sein’sgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren,
Es streit’t für uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Fragst du, wer es ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollten uns verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen;
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht’t,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn,
Und keinen Dank dazu haben,
Es ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr’, Kind und Weib,
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.

Ich habe gezeigt, wie wir unserm teuern Doktor
Martin Luther die Geistesfreiheit verdanken, welche
die neuere Literatur zu ihrer Entfaltung bedurfte. Ich
habe gezeigt, wie er uns auch das Wort schuf, die
Sprache, worin diese neue Literatur sich aussprechen
konnte. Ich habe jetzt nur noch hinzuzufügen, daß er
auch selber diese Literatur eröffnet, daß diese und
ganz eigentlich die schöne Literatur mit Luther be-
ginnt, daß seine geistlichen Lieder sich als die ersten
wichtigen Erscheinungen derselben ausweisen und
schon den bestimmten Charakter derselben kundge-
ben. Wer über die neuere deutsche Literatur reden
will, muß daher mit Luther beginnen und nicht etwa
mit einem Nüremberger Spießbürger, namens Hans
Sachs, wie aus unredlichem Mißwollen von einigen
romantischen Literatoren geschehen ist. Hans Sachs,
dieser Troubadour der ehrbaren Schusterzunft, dessen
Meistergesang nur eine läppische Parodie der frühe-
ren Minnelieder und dessen Dramen nur eine tölpel-
hafte Travestie der alten Mysterien, dieser pedantische
Hanswurst, der die freie Naivität des Mittelalters
ängstlich nachäfft, ist vielleicht als der letzte Poet der
älteren Zeit, keineswegs aber als der erste Poet der
neueren Zeit zu betrachten. Es wird dazu keines wei-
teren Beweises bedürfen, als daß ich den Gegensatz
unserer neuen Literatur zur älteren mit bestimmten
Worten erörtere.
Betrachten wir daher die deutsche Literatur, die vor
Luther blühte, so finden wir:
1. Ihr Material, ihr Stoff ist, wie das Leben des
Mittelalters selbst, eine Mischung zweier heterogener
Elemente, die in einem langen Zweikampf sich so ge-
waltig umschlungen, daß sie am Ende ineinander ver-
schmolzen, nämlich: die germanische Nationalität und
das indisch-gnostische, sogenannte katholische Chri-
stentum.
2. Die Behandlung oder vielmehr der Geist der Be-
handlung in dieser älteren Literatur ist romantisch.
Abusive sagt man dasselbe auch von dem Material
jener Literatur, von allen Erscheinungen des Mittelal-
ters, die durch die Verschmelzung der erwähnten bei-
den Elemente, germanische Nationalität und katholi-
sches Christentum, entstanden sind. Denn wie einige
Dichter des Mittelalters die griechische Geschichte
und Mythologie ganz romantisch behandelt haben, so
kann man auch die mittelalterlichen Sitten und Legen-
den in klassischer Form darstellen. Die Ausdrücke
“klassisch” und “romantisch” beziehen sich also nur
auf den Geist der Behandlung. Die Behandlung ist
klassisch, wenn die Form des Dargestellten ganz
identisch ist mit der Idee des Darzustellenden, wie
dieses der Fall ist bei den Kunstwerken der Griechen,
wo daher in dieser Identität auch die größte Harmonie
zwischen Form und Idee zu finden. Die Behandlung
ist romantisch, wenn die Form nicht durch Identität
die Idee offenbart, sondern parabolisch diese Idee er-
raten läßt. Ich gebrauche hier das Wort “parabolisch”
lieber als das Wort “symbolisch”. Die griechische
Mythologie hatte eine Reihe von Göttergestalten,
deren jede, bei aller Identität der Form und der Idee,
dennoch eine symbolische Bedeutung bekommen
konnte. Aber in dieser griechischen Religion war eben
nur die Gestalt der Götter bestimmt, alles andere, ihr
Leben und Treiben, war der Willkür der Poeten zur
beliebigen Behandlung überlassen. In der christlichen
Religion hingegen gibt es keine so bestimmte Gestal-
ten, sondern bestimmte Fakta, bestimmte heilige Er-
eignisse und Taten, worin das dichtende Gemüt des
Menschen eine parabolische Bedeutung legen konnte.
Man sagt, Homer habe die griechischen Götter erfun-
den; das ist nicht wahr, sie existierten schon vorher in
bestimmten Umrissen, aber er erfand ihre Geschich-
ten. Die Künstler des Mittelalters hingegen wagten
nimmermehr, in dem geschichtlichen Teil ihrer Religi-
on das mindeste zu erfinden; der Sündenfall, die
Menschwerdung, die Taufe, die Kreuzigung u. dgl.
waren unantastbare Tatsachen, woran nicht gemodelt
werden durfte, worin aber das dichtende Gemüt der
Menschen eine parabolische Bedeutung legen konnte.
In diesem parabolischen Geist wurden nun auch alle
Künste im Mittelalter behandelt, und diese Behand-
lung ist romantisch. Daher in der Poesie des
Mittelalters jene mystische Allgemeinheit; die Gestal-
ten sind so schattenhaft, was sie tun, ist so unbe-
stimmt, alles ist darin so dämmernd, wie von wech-
selndem Mondlicht beleuchtet; die Idee ist in der
Form nur wie ein Rätsel angedeutet, und wir sehen
hier eine vage Form, wie sie eben zu einer spirituali-
stischen Literatur geeignet war. Da ist nicht wie bei
den Griechen eine sonnenklare Harmonie zwischen
Form und Idee; sondern manchmal überragt die Idee
die gegebene Form, und diese strebt verzweiflungs-
voll, jene zu erreichen, und wir sehen dann bizarre,
abenteuerliche Erhabenheit: manchmal ist die Form
ganz der Idee über den Kopf gewachsen, ein läppisch
winziger Gedanke schleppt sich einher in einer kolos-
salen Form, und wir sehen groteske Farce; fast immer
sehen wir Unförmlichkeit.
3. Der allgemeine Charakter jener Literatur war,
daß sich in allen Produkten derselben jener feste, si-
chere Glaube kundgab, der damals in allen weltlichen
wie geistlichen Dingen herrschte. Basiert auf Autori-
täten waren alle Ansichten der Zeit; der Dichter wan-
delte, mit der Sicherheit eines Maulesels, längs den
Abgründen des Zweifels, und es herrscht in seinen
Werken eine kühne Ruhe, eine selige Zuversicht, wie
sie später unmöglich war, als die Spitze jener Autori-
täten, nämlich die Autorität des Papstes, gebrochen
war und alle anderen nachstürzten. Die Gedichte des
Mittelalters haben daher alle denselben Charakter, es
ist, als habe sie nicht der einzelne Mensch, sondern
das ganze Volk gedichtet; sie sind objektiv, episch
und naiv.
In der Literatur hingegen, die mit Luther empor-
blüht, finden wir ganz das Gegenteil:
1. Ihr Material, der Stoff, der behandelt werden
soll, ist der Kampf der Reformationsinteressen und
Ansichten mit der alten Ordnung der Dinge. Dem
neuen Zeitgeist ist jener Mischglaube, der aus den er-
wähnten zwei Elementen, germanische Nationalität
und indisch-gnostisches Christentum, entstanden ist,
gänzlich zuwider; letzteres dünkt ihm heidnische Göt-
zendienerei, an dessen Stelle die wahre Religion des
judäisch-deistischen Evangeliums treten soll. Eine
neue Ordnung der Dinge gestaltet sich; der Geist
macht Erfindungen, die das Wohlsein der Materie be-
fördern; durch das Gedeihen der Industrie und durch
die Philosophie wird der Spiritualismus in der öffent-
lichen Meinung diskreditiert; der dritte Stand erhebt
sich; die Revolution grollt schon in den Herzen und
Köpfen; und was die Zeit fühlt und denkt und bedarf
und will, wird ausgesprochen, und das ist der Stoff
der modernen Literatur.
2. Der Geist der Behandlung ist nicht mehr roman-
tisch, sondern klassisch. Durch das Wiederaufleben
der alten Literatur verbreitete sich über ganz Europa
eine freudige Begeisterung für die griechischen und
römischen Schriftsteller, und die Gelehrten, die einzi-
gen, welche damals schrieben, suchten den Geist des
klassischen Altertums sich anzueignen oder wenig-
stens in ihren Schriften die klassischen Kunstformen
nachzubilden. Konnten sie nicht, gleich den Griechen,
eine Harmonie der Form und der Idee erreichen, so
hielten sie sich doch desto strenger an das Äußere der
griechischen Behandlung, sie schieden, nach griechi-
scher Vorschrift, die Gattungen, enthielten sich jeder
romantischen Extravaganz, und in dieser Beziehung
nennen wir sie klassisch.
3. Der allgemeine Charakter der modernen Litera-
tur besteht darin, daß jetzt die Individualität und die
Skepsis vorherrschen. Die Autoritäten sind niederge-
brochen; nur die Vernunft ist jetzt des Menschen ein-
zige Lampe, und sein Gewissen ist sein einziger Stab
in den dunkeln Irrgängen dieses Lebens. Der Mensch
steht jetzt allein seinem Schöpfer gegenüber und singt
ihm sein Lied. Daher beginnt diese Literatur mit
geistlichen Gesängen. Aber auch später, wo sie welt-
lich wird, herrscht darin das innigste Selbstbewußt-
sein, das Gefühl der Persönlichkeit. Die Poesie ist
jetzt nicht mehr objektiv, episch und naiv, sondern
subjektiv, lyrisch und reflektierend.

Best of — Karl Kraus [German]

/Ich/
/lese keine Manuskripte und keine Drucksachen,/
/brauche keine Zeitungsausschnitte,/
/interessiere mich für keine Zeitschriften,/
/begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine,/
/bespreche keine Bücher, sondern werfe sie weg,/
/prüfe keine Talente,/
/gebe keine Autogramme…/
/besuche keine Vorlesungen ausser den eigenen…/
/erteile keinen Rat und weiss keinen,/
/mache keinen Besuch und empfange keinen,/
/schreibe keinen Brief und will keinen lesen und/
/verweise auf die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuchs, mich zu
irgendeiner der hier angedeuteten oder wie immer beschaffenen, schon
in ihrer Vorstellung meine Arbeit störenden, mein Missbehagen an der
Aussenwelt mehrenden Verbindungen mit eben dieser bestimmen zu
wollen, und habe nur noch die Bitte, die auf alle derlei
Unternehmungen vergeudeten Porto- und sonstigen Kosten von jetzt an
der Gesellschaft der Freunde Wien I, Singerstrasse 16, zuzuwenden.”/

The Cluetrain Manifesto…

You probably know these 95 theses. If not replace “market” with “science”. World rights granted for non-commercial use on condition that this page remains intact. Rip it, steal it, web it, mail it, post it. This message wants to MOVE!

1. Markets are conversations.
2. Markets consist of human beings, not demographic sectors.
3. Conversations among human beings sound human. They are conducted in a human voice.
4. Whether delivering information, opinions, perspectives, dissenting arguments or humorous asides, the human voice is typically open, natural, uncontrived.
5. People recognize each other as such from the sound of this voice.
6. The Internet is enabling conversations among human beings that were simply not possible in the era of mass media.
7. Hyperlinks subvert hierarchy.
8. In both internetworked markets and among intranetworked employees, people are speaking to each other in a powerful new way.
9. These networked conversations are enabling powerful new forms of social organization and knowledge exchange to emerge.
10. As a result, markets are getting smarter, more informed, more organized. Participation in a networked market changes people fundamentally.
11. People in networked markets have figured out that they get far better information and support from one another than from vendors. So much for corporate rhetoric about adding value to commoditized products.
12. There are no secrets. The networked market knows more than companies do about their own products. And whether the news is good or bad, they tell everyone.
13. What’s happening to markets is also happening among employees. A metaphysical construct called “The Company” is the only thing standing between the two.
14. Corporations do not speak in the same voice as these new networked conversations. To their intended online audiences, companies sound hollow, flat, literally inhuman.
15. In just a few more years, the current homogenized “voice” of business—the sound of mission statements and brochures—will seem as contrived and artificial as the language of the 18th century French court.
16. Already, companies that speak in the language of the pitch, the dog-and-pony show, are no longer speaking to anyone.
17. Companies that assume online markets are the same markets that used to watch their ads on television are kidding themselves.
18. Companies that don’t realize their markets are now networked person-to-person, getting smarter as a result and deeply joined in conversation are missing their best opportunity.
19. Companies can now communicate with their markets directly. If they blow it, it could be their last chance.
20. Companies need to realize their markets are often laughing. At them.
21. Companies need to lighten up and take themselves less seriously. They need to get a sense of humor.
22. Getting a sense of humor does not mean putting some jokes on the corporate web site. Rather, it requires big values, a little humility, straight talk, and a genuine point of view.
23. Companies attempting to “position” themselves need to take a position. Optimally, it should relate to something their market actually cares about.
24. Bombastic boasts—”We are positioned to become the preeminent provider of XYZ”—do not constitute a position.
25. Companies need to come down from their Ivory Towers and talk to the people with whom they hope to create relationships.
26. Public Relations does not relate to the public. Companies are deeply afraid of their markets.
27. By speaking in language that is distant, uninviting, arrogant, they build walls to keep markets at bay.
28. Most marketing programs are based on the fear that the market might see what’s really going on inside the company.
29. Elvis said it best: “We can’t go on together with suspicious minds.”
30. Brand loyalty is the corporate version of going steady, but the breakup is inevitable—and coming fast. Because they are networked, smart markets are able to renegotiate relationships with blinding speed.
31. Networked markets can change suppliers overnight. Networked knowledge workers can change employers over lunch. Your own “downsizing initiatives” taught us to ask the question: “Loyalty? What’s that?”
32. Smart markets will find suppliers who speak their own language.
33. Learning to speak with a human voice is not a parlor trick. It can’t be “picked up” at some tony conference.
34. To speak with a human voice, companies must share the concerns of their communities.
35. But first, they must belong to a community.
36. Companies must ask themselves where their corporate cultures end.
37. If their cultures end before the community begins, they will have no market.
38. Human communities are based on discourse—on human speech about human concerns.
39. The community of discourse is the market.
40. Companies that do not belong to a community of discourse will die.
41. Companies make a religion of security, but this is largely a red herring. Most are protecting less against competitors than against their own market and workforce.
42. As with networked markets, people are also talking to each other directly inside the company—and not just about rules and regulations, boardroom directives, bottom lines.
43. Such conversations are taking place today on corporate intranets. But only when the conditions are right.
44. Companies typically install intranets top-down to distribute HR policies and other corporate information that workers are doing their best to ignore.
45. Intranets naturally tend to route around boredom. The best are built bottom-up by engaged individuals cooperating to construct something far more valuable: an intranetworked corporate conversation.
46. A healthy intranet organizes workers in many meanings of the word. Its effect is more radical than the agenda of any union.
47. While this scares companies witless, they also depend heavily on open intranets to generate and share critical knowledge. They need to resist the urge to “improve” or control these networked conversations.
48. When corporate intranets are not constrained by fear and legalistic rules, the type of conversation they encourage sounds remarkably like the conversation of the networked marketplace.
49. Org charts worked in an older economy where plans could be fully understood from atop steep management pyramids and detailed work orders could be handed down from on high.
50. Today, the org chart is hyperlinked, not hierarchical. Respect for hands-on knowledge wins over respect for abstract authority.
51. Command-and-control management styles both derive from and reinforce bureaucracy, power tripping and an overall culture of paranoia.
52. Paranoia kills conversation. That’s its point. But lack of open conversation kills companies.
53. There are two conversations going on. One inside the company. One with the market.
54. In most cases, neither conversation is going very well. Almost invariably, the cause of failure can be traced to obsolete notions of command and control.
55. As policy, these notions are poisonous. As tools, they are broken. Command and control are met with hostility by intranetworked knowledge workers and generate distrust in internetworked markets.
56. These two conversations want to talk to each other. They are speaking the same language. They recognize each other’s voices.
57. Smart companies will get out of the way and help the inevitable to happen sooner.
58. If willingness to get out of the way is taken as a measure of IQ, then very few companies have yet wised up.
59. However subliminally at the moment, millions of people now online perceive companies as little more than quaint legal fictions that are actively preventing these conversations from intersecting.
60. This is suicidal. Markets want to talk to companies.
61. Sadly, the part of the company a networked market wants to talk to is usually hidden behind a smokescreen of hucksterism, of language that rings false—and often is.
62. Markets do not want to talk to flacks and hucksters. They want to participate in the conversations going on behind the corporate firewall.
63. De-cloaking, getting personal: We are those markets. We want to talk to you.
64. We want access to your corporate information, to your plans and strategies, your best thinking, your genuine knowledge. We will not settle for the 4-color brochure, for web sites chock-a-block with eye candy but lacking any substance.
65. We’re also the workers who make your companies go. We want to talk to customers directly in our own voices, not in platitudes written into a script.
66. As markets, as workers, both of us are sick to death of getting our information by remote control. Why do we need faceless annual reports and third-hand market research studies to introduce us to each other?
67. As markets, as workers, we wonder why you’re not listening. You seem to be speaking a different language.
68. The inflated self-important jargon you sling around—in the press, at your conferences—what’s that got to do with us?
69. Maybe you’re impressing your investors. Maybe you’re impressing Wall Street. You’re not impressing us.
70. If you don’t impress us, your investors are going to take a bath. Don’t they understand this? If they did, they wouldn’t let you talk that way.
71. Your tired notions of “the market” make our eyes glaze over. We don’t recognize ourselves in your projections—perhaps because we know we’re already elsewhere.
72. We like this new marketplace much better. In fact, we are creating it.
73. You’re invited, but it’s our world. Take your shoes off at the door. If you want to barter with us, get down off that camel!
74. We are immune to advertising. Just forget it.
75. If you want us to talk to you, tell us something. Make it something interesting for a change.
76. We’ve got some ideas for you too: some new tools we need, some better service. Stuff we’d be willing to pay for. Got a minute?
77. You’re too busy “doing business” to answer our email? Oh gosh, sorry, gee, we’ll come back later. Maybe.
78. You want us to pay? We want you to pay attention.
79. We want you to drop your trip, come out of your neurotic self-involvement, join the party.
80. Don’t worry, you can still make money. That is, as long as it’s not the only thing on your mind.
81. Have you noticed that, in itself, money is kind of one-dimensional and boring? What else can we talk about?
82. Your product broke. Why? We’d like to ask the guy who made it. Your corporate strategy makes no sense. We’d like to have a chat with your CEO. What do you mean she’s not in?
83. We want you to take 50 million of us as seriously as you take one reporter from The Wall Street Journal.
84. We know some people from your company. They’re pretty cool online. Do you have any more like that you’re hiding? Can they come out and play?
85. When we have questions we turn to each other for answers. If you didn’t have such a tight rein on “your people” maybe they’d be among the people we’d turn to.
86. When we’re not busy being your “target market,” many of us are your people. We’d rather be talking to friends online than watching the clock. That would get your name around better than your entire million dollar web site. But you tell us speaking to the market is Marketing’s job.
87. We’d like it if you got what’s going on here. That’d be real nice. But it would be a big mistake to think we’re holding our breath.
88. We have better things to do than worry about whether you’ll change in time to get our business. Business is only a part of our lives. It seems to be all of yours. Think about it: who needs whom?
89. We have real power and we know it. If you don’t quite see the light, some other outfit will come along that’s more attentive, more interesting, more fun to play with.
90. Even at its worst, our newfound conversation is more interesting than most trade shows, more entertaining than any TV sitcom, and certainly more true-to-life than the corporate web sites we’ve been seeing.
91. Our allegiance is to ourselves—our friends, our new allies and acquaintances, even our sparring partners. Companies that have no part in this world, also have no future.
92. Companies are spending billions of dollars on Y2K. Why can’t they hear this market timebomb ticking? The stakes are even higher.
93. We’re both inside companies and outside them. The boundaries that separate our conversations look like the Berlin Wall today, but they’re really just an annoyance. We know they’re coming down. We’re going to work from both sides to take them down.
94. To traditional corporations, networked conversations may appear confused, may sound confusing. But we are organizing faster than they are. We have better tools, more new ideas, no rules to slow us down.
95. We are waking up and linking to each other. We are watching. But we are not waiting.

See no evil, hear no evil, …

See no evil, hear no evil, do not evil: The lessons of immune privilege” is the title of an excellent paper by Jerry Niederkorn in nature immunology. He basically says that there are only 3 human organs that allow foreign tissue grafts: eye, brain and pregnant uterus. If we leave the special situation of the uterus aside, and see the yes as an extension of the brain – there is only the brain that is no attcked by the immune self. Being still under influence of the Popper/Eccles discussion of the brain and its self , here is my back on the envelope picture of social self < -> immune self < -> conscious mind. Yea, yea.

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Magic tooth

David Wang from the school of Dentistry of UCLA makes an astonishing claim in a company interview about the 1.5 l saliva that we produce every day: “…Real-time changes in our body could be monitored by having sensors to sense changes … implant a tooth with a sensor … that comes into the astronaut’s oral cavity…”. Even genomic and proteomic analytes are possible if we think of recent lab on a chip developments. Yea, yea.

Informed consent – what else?

Ian Chalmers pointed me to a paper on “Rethinking research ethics” by Rosamond Rhodes. She basically argues that protection of the vulnerabale (as a major rationale of informed consent) has been leading over the past decades to a “tangled web of research policies that are sometimes at cross-purposes with the goals that they should actually promote” with current research policies “too often limit research … and therefore promote practices that are unethical and unreasonable by being harmful, wasteful or both”. She tries to make this clear with footnote 9 “Parents should certainly protect their children. But, consider the bicycle riding policy that parents would adopt if they took protection to be their primary parental responsibility. Children would not be allowed to ride bicycles because it would subject them to risk of harm” and so on.
While I am always be willing to discuss dogmas, I think that current research policies on informed consent are well developed for many reasons. Voluntary consent in a democratic society is undispensable. Full information is also vital and not only a matter of protecting vulnerables but also of respect of autonomy. Self-determination leaves the proband the choice to participate e.g. sharing the investigators goals or not. Of course we should recognize when “informed consent” is perverted by just filling in another form. With a few exceptions there is no excuse for not having asked for full informed consent.
I am even shivering by her view “if the Nazi doctors’ only ethical failure in their treatment of human subjects involved lack of informed consent, their behaviour would have been no worse than that of their fellow scientists around the world”. Does she really want to affront scientist around the world? Or does she want to downplay the atrocities of the Nazis?
Coming back to her example – has she ever heard about bike helmets? It is my responsibility to minimize harm for the individual, while allowing movement forward. Yea, yea.

Analyzing the log files for this site, I found this page is retrieved frequently every day. Maybe I should expand on this topic?

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