Widmung

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Was ich heute gesehen habe, ist doch etwas ungewöhnlich: Die Widmung einer Doktorarbeit wurde aus Datenschutzgründen entfernt:

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Keine Ahnung was sich I.E.F. aus L. genauer B., dabei wohl gedacht hat. Mal abgesehen von grässlichem Deutsch

Eine verlässliche Vergleichbarkeit der Ergebnisse der verschiedenen Publikationen ist in Gänze nicht möglich

und etwas skurillen Testverfahren, bin ich schon irritiert, mit so etwas in Zusammenhang gebracht zu werden.

Gedemütigt dürfte aber vor allem der Adressat der Widmung sein. Eine Widmung ist nach Auskunft von Wikipedia eine Zueignung, der Ausdruck einer freundlicher Verbundenheit und des Dankes des Autors

eines Werkes an eine Person, die ihm nahesteht. Die Widmung in einem Buch hat ihren Platz auf der Widmungsseite.

Juristen sehen den Begriff Widmung sogar noch weiter reichend

Als „Widmung“ wird ein Rechtsakt bezeichnet, welcher aus einer Sache eine öffentliche Sache macht. Mit der Widmung wird erklärt, dass die betreffende Sache einem bestimmten öffentlichen Zweck dienen soll.

Nun, man kann eine Widmung weglassen, aber aus Datenschutzgründen dann von der Veröffentlichung löschen? Damit ist wohl der der Sinn der Widmung komplett abhanden. Vielleicht ist das dann doch nicht so tragisch, wenn man sich den Rest der Arbeit ansieht.

Wissen und Pseudowissen

Wissen und Pseudowissen sehen von weitem betrachtet ähnlich aus. Pseudowissen kommt im Mantel von anerkanntem Wissen daher, ist allerdings nie wirklich überprüft worden. Traditionelle Überlieferung eben, Hörensagen, alles plausibel, aber doch nie überprüfte Fakten. Auch in der Wissenschaft macht sich zunehmend Pseudowissen breit. Darauf kam auch Al Ani mit einem interessanten Beitrag bereits Anfang des Jahres zu sprechen

ls ich vor einigen Tagen eine Vorlesung abhielt, meldete sich eine anwesende Studentin: Sie hätte sich mit meinem Vortragsthema zwar noch nie beschäftigt, hätte aber schnell zwei von mir zitierte Quellen gegoogelt und befand diese als nicht repräsentativ.
Dieses Beispiel zeigt zwei wesentliche Merkmale des heutigen Lernverhaltens: Dieses erfolgt immer öfter nicht mehr “auf Vorrat”, sondern sozusagen „on demand”: Wenn ich es brauche, weiß ich, wo ich es herbekomme. Ein Verhalten, das sehr gut zur Bewältigung der Herausforderung passt, wie sie schnell aufeinander abfolgende, unterschiedliche Aufgabenstellungen und Projekte im digitalen Zeitalter darstellen. Lernen auf Verdacht erscheint hier nicht immer sinnvoll und möglich, da es selten absehbar ist, was auf einem in der nächsten Zeit an Anforderungen zukommen wird.
Ein solches Verhalten bedingt dann natürlich auch einen anderen Umgang mit einem exponentiell wachsenden und durch soziale Medien fast schon überbordenden angebotenen Wissen oder eher Informationen. Es geht hier zunächst darum, den Überblick zu wahren, zu navigieren…
So rational und sinnvoll ein derartiges Verhalten auch sein mag, es bedeutet offensichtlich einen Bruch mit dem bisherigen Lernverhalten und hat massive Auswirkungen auf unser Verhalten und sogar auf den Zusammenhalt der Gesellschaft als solche.

Vergessen wir für einen Augenblick, wie skurill es ist, dass dieser Beitrag auf der Huffington Post erschienen ist.
Dass Wissen stirbt, finden aber auch andere Autoren, zuletzt Knauß in der Wirtschaftswoche, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel:

In seinem sehr lesenswerten aktuellen Werk „Die Explosion des Wissens“ erzählt der britische Ideenhistoriker Peter Burke die Geschichte des Wissens von der Epoche der Aufklärung bis zur Gegenwart nach…
Die Geschichte des Wissens wird üblicherweise als eine große Geschichte des Fortschritts gesehen, die in der „Wissensgesellschaft“ mündet, in der wir nun angeblich leben – und die immer schneller fortschreitet. Eine ewige Aufwärtsbewegung von immer mehr wissenden Menschen.
Burke aber erzählt sein Werk gerade nicht als eine solche eindimensionale Fortschrittsgeschichte. Er widmet auch dem „Wissen verlieren“ ein eigenes Kapitel. Die Geschichte des Wissens ist – wenn man weit genug zurückblickt – eine des Auf und Ab. Und es gibt gute Gründe dafür, die Gegenwart eher auf dem absteigenden Ast zu sehen.

In der Tat, wo Wissen zur Ware wird,  da stirbt Wissen. Ware vergibt eben. Da nimmt nun eine ganze Generation Wissen mit, die wirklich noch etwas von der Welt wusste.  Die alle keinen Wissenskanon a la Ganten oder Schwanitz brauchten, die noch eine umfassende Schulbildung und Studium vor der Massenuniversitäten genossen haben.
Und nochmal, wo Wissen nur noch als “Impact” gezählt wird, da stirbt das Wissen. Es geht hier nicht mehr um das Wissenwollen, sondern um die industrielle Datenproduktion. Wissen in den Postgraduierten Schools wird ersetzt durch “Kompetenzen”, nachrangigen Fertigkeiten (wie zum Beispiel “goggeln” oder Bewerbungskursen). Nur dumm, dass alle dieselben Bewerbungskurse machen und nur dumm, daß Googeln nicht viel nützt, wenn der Sachverhalt im erstbesten Link falsch dargestellt ist. Dass das eigentlich relevante Ergebnis erst auf Seite 10 kommt, oder überhaupt nicht im Internet steht. Wie Paul Liessmann es auf den Punkt gebracht hat “Wer keine Ahnung von Geschichte hat, dem hilft auch Wikipedia nicht weiter”.  Die Fragmentierung des Wissens bedeute leider auch, dass immer weniger wirklich überprüft ist. Pseudowissen eben. Und wer es dann trotzdem noch schafft, Zusammenhänge zu erkennen, der ist weise. Meine ich jedenfalls.

Prof. Dr. Dr. Dr. hc (mult)

Es sieht beeindruckend aus. Ich bekomme nicht wenig Emails, die alle möglichen akademischen Titel im Namensfeld und Boss, Chair, Chief, Director, CEO in der Signatur haben.
Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr, das wusste schon die Generation meiner Großmutter.
Und weder individualpsychologisch noch gruppensoziologisch hat Bescheidenheit noch einen besonders guten Ruf.
Ich meine allerdings, daß unser Privileg, als Wissenschaftler einen Eindruck von der Größe der Welt zu haben, einem dann doch die eigene Leistung reichlich klein erscheinen lässt.
Und wenn jemand wie der große Johann Sebastian Bach über seine Noten nur SDG (“soli deo gloria”) schreibt, dann beeindruckt mich das mehr, als jede Häufung akademischer Titel. Und wo wir schon bei Bach sind, in der Motette “Jesu, meine Freude” heisst es dann auch in der vierten Strophe

Weg ihr eitlen Ehren,
Ich mag euch nicht hören,
Bleibt mir unbewußt!

Nietzsche hat schon genau beobachtet „Lucas 18,14 verbessert: Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.“ Echte Bescheidenheit reicht völlig, Erniedrigung muss nicht sein.

I think this manic desperation to endlessly extend life is misguided and potentially destructive

A quote from the ethicist Ezekiel J. Emanuel

But here is a simple truth that many of us seem to resist: living too long is also a loss. It renders many of us, if not disabled, then faltering and declining, a state that may not be worse than death but is nonetheless deprived. It robs us of our creativity and ability to contribute to work, society, the world. It transforms how people experience us, relate to us, and, most important, remember us. We are no longer remembered as vibrant and engaged but as feeble, ineffectual, even pathetic.

Mors certa, hora incerta.