Der chinesische Menschenversuch

Dienstag 27.11.2018

So verurteilen deutsche Ethiker unisono den Versuch als Grenzüberschreitung. Christiane Woopen im Tagesanzeiger.

Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt. Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, in der FAZ

Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von Crispr genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die
Wissenschaft ein Super-Gau. Dass ausgerechnet am Tag vor dem weltweiten Wissenschaftsgipfel in Hongkong, der über den verantwortlichen Umgang mit genome editing beim Menschen berät, ein solches Experiment bekannt wird, kann ja fast nur als Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft gewertet werden.

Und die Welt fasst die erste chinesische Reaktion zusammen

Nicht nur international reagieren Forscher entsetzt, auch in China scheint der Versuch höchst umstritten: 122 chinesische Wissenschaftler haben in einem Protestbrief mit scharfer Kritik auf die Ankündigung ihres Kollegen He Jiankui reagiert. „Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden“, heißt es darin. Es sei zwar möglich, dass die Kinder, die diesmal geboren wurden, für einen bestimmten Zeitraum gesund sind. „Aber die potenziellen Risiken und Schäden für die gesamte Menschheit, die durch einen ungerechtfertigten Einsatz des Verfahrens in der Zukunft entstehen können, sind unermesslich.“

Technology Review “Die CRISPR-Babys sind da”

Der Versuch, Kinder vor HIV zu schützen, fällt in eine ethische Grauzone zwischen Behandlung und Verbesserung. Das Verfahren heilt keine Krankheit oder Störung im Embryo, sondern will einen Gesundheitsvorteil schaffen, so wie ein Impfstoff vor Windpocken schützt […] In der chinesischen Gesellschaft ist der Gedanke stark, dass ein großen Vorteil für die Gemeinschaft schwerer wiegt als die Ethik des Individuums.

Technology Review liegt da etwas daneben, das ist keine ethische Grauzone, Enhancement ist keine Behandlung, sondern Eugenik.

Die Forderung nach einer Gentherapie Überwachungsbehörde (analog zur Internationalen Atomenergie-Organisation) ist berechtigt, aber naiv. Für die Urananreicherung braucht man Anlagen mit große Gaszentrifugen, das geht nicht im Hinterhof.  Zum Genome Editing braucht man ausser einem Ultraschallgerät, Brutschrank und Mikroskop für die IVF/PID und ein paar molekularbiologische Kits noch eine Firma, die einem das Genom sequenziert (Die GRÜNEN wollten in dem ersten Entwurf für das deutschen Gendiagnostikgesetz auch PCR Reagenzien unter Überwachung stellen, worüber aber heute niemand mehr reden will). Ich finde hier ist die Legislative gefordert und zwar weltweit.

Verge

If someone wants to create gene-edited babies, who would stop them? The legal framework around gene-editing babies is murky at best.

Interessant sind die unzähligen Kommentare unter den Artikeln, die in einer Stunde akkumulieren, beispielsweise

Das mit Begeisterung aufgenommene, erstes geklonte Schaf ,Dolly‘ musste nach 6 Jahren eingeschläfert werden. Über die Ursachen wird bis heute nur spekuliert. Die beiden Chinesinnen würden in dieser Relation nach 25 Jahren nicht mehr lebensfähig. … Das ganze Risiko ist in dieser Situation einfach unkalkulierbar. Das wiederum kümmert aber die Wissenschaft nur selten. Kurz vor dem ersten Atomtest im Alamogordo 1945, wurde der führende Physiker E. Teller gefragt: gäbe es irgendwelche Risiken bei der unvorstellbaren Konzentration an Energie nach der Zündung? Ja, doch … sagte der zukünftige Vater der Wasserstoffbombe: wenn wir Pech haben, können wir die Atmosphäre anzünden und in paar Minuten gibt es keinen Sauerstoff mehr auf Erden. Es war nicht sehr plausibel, aber unmöglich war das nicht. Nicht mal annähernde Experimente wurden vorher auf diesem Gebiet durchgeführt. Sie haben [sie] trotzdem gezündet.