Der chinesische Menschenversuch

Freitag, 10.5.2019

Deutsche Ärzteblatt mit Kritik

Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zu Möglichkeiten, in das Genom menschlicher Embryonen oder in Keimzellen einzugreifen, ist auf ein geteiltes Echo gestoßen. Allgemeine Zustimmung fand die Forderung des Rates nach einem Mora­torium für die klinische Anwendung von Keimbahneingriffen. Vertreter der Union begrüßten die Stellungnahme als „guten Ausgangspunkt“. Deutlich kritisch äußerten sich hingegen SPD, FDP und die katholische Kirche zu Teilen des Papiers.

Dabrock weiter:

Ein Eingriff in die menschliche Keimbahn ist uns derzeit absolut zu risikoreich, derzeit unverantwortlich, aber kein Mitglied des Deutschen Ethikrates hat gesagt, dass man sich das grundsätzlich überhaupt nicht vorstellen könnte. Also wir sagen nicht, es ist kategorisch verboten, in die menschliche Keimbahn einzugreifen, aber es müssen bestimmte Voraussetzungen, wenn überhaupt, erfüllt sein … Es muss natürlich so sein, dass es hinreichend sicher ist – uns ist beiden klar, dass das ein durchaus offener Begriff ist – und hinreichend wirksam sein. Dann kann man überhaupt nur darüber nachdenken, einen solchen Eingriff durchzuführen … Der Deutsche Ethikrat debattiert diese Fragestellung, aber auch unter der Maßgabe, dass es derzeit sehr unwahrscheinlich ist, dass so etwas – gerade wenn man so an Superman denkt – realisiert wird, aber wir debattieren es unter der Maßgabe, dass das sehr unwahrscheinlich ist, dennoch, weil uns ja doch die Entwicklung, die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Gebiet in den letzten Jahren, wenn man ehrlich ist, doch zum Teil alle nicht nur überrascht hat, sondern überrollt hat.

Man könnte fast glauben mit dem Presse-Echo, dass der Ethikrat mehrere Dokumente veröffentlicht hat

Hajo Zenker kommentiert

So einleuchtend klingt, was das Gremium aufgeschrieben hat: Die Voraussetzung für solch einen geregelten Weg ist ein weltweites Moratorium. In Zeiten, wo multilaterale Verträge aus der Mode zu kommen, scheinen und immer mehr Staaten vor allem an den eigenen Vorteil denken, ist es aber alles andere als klar, dass es dazu kommt. Zudem: Für die Gen-Schere braucht man keine riesigen Labore. Es gibt genug ehrgeizige Wissenschaftler, die sich selbst bei Verkündung eines offiziellen Moratoriums von einem drohenden Publikationsverbot nicht schrecken lassen. Der chinesische Professor, der die beiden ersten „Designer-Babys“ zu verantworten hat, nutzte zur Unterrichtung der geschockten Weltöffentlichkeit ja auch Youtube. Ob die neue Menschheitsepoche Fluch oder Segen bedeutet, ist längst noch nicht ausgemacht.

Rene Röspel (SPD Bundestagsabgeordneter) hat einen sehr treffenden Kommentar auf seiner Webseite

Die Forderung des Deutschen Ethikrates nach einem internationalen Moratorium für die klinische Anwendung von Keimbahneingriffen an Menschen ist, auch vor dem Hintergrund der in China möglicherweise durchgeführten Experimente an mittlerweile geborenen Kindern, ausdrücklich zu begrüßen. Die SPD-Bundestagsfraktion wird diesen Vorschlag aufgreifen und prüfen, inwieweit er realisierbar ist. Erstaunlich ist, dass der DER Eingriffe in die menschliche Keimbahn unter bestimmten Bedingungen für zulässig hält und maßgeblich die technische Machbarkeit als zu erfüllende Voraussetzung sieht. Leider lässt der DER die zentralen Fragen – neben der selbstverständlichen Bedingung, dass ein solches Verfahren medizinisch sicher sein muss –, wer mit welchem Recht und nach welchen Maßstäben das Genom bzw. die Eigenschaften eines noch nicht geborenen Menschen verändern darf, im Wesentlichen unbeantwortet. Die große Mehrheit des Ethikrates hält Keimbahneingriffe zur Vermeidung monogen bedingter Erkrankungen für zulässig, ohne aber vorzuschlagen, wie dies eingegrenzt werden kann. Warum dann nicht auch sogenanntes Enhancement (sinnvoll erscheinende Verbesserungen) gemacht werden dürfte, wird ebenso offen gelassen. Damit weckt die Stellungnahme eher Hoffnungen, die nicht erfüllt werden können, als dass sie eine hilfreiche Grundlage für eine inhaltlich breite Debatte darstellt, wie sie der Bundestag und die Gesellschaft zu ethischen Fragen der Forschung bereits geführt haben. Die SPD-Bundestagsfraktion wird sich unter Einbeziehung dieser Stellungnahme weiterhin mit diesem Thema befassen.

Das Wall Street Journal (paywall) hat einen längeren Artikel der einige bisher nicht bekannte Details enthält

The twins had a secret almost no one at the hospital knew. One man who did know was there, waiting—a U.S.-educated researcher, Dr. He Jiankui, who had flown into town to see them. The twins were his creations, the world’s first known gene-edited human babies. He had worked toward this for two years, altering their genes as embryos to try making them resistant to their father’s HIV infection. Dr. He (pronounced “huh”) gave them pseudonyms, Lulu and Nana. “I’m 70% happy and 30% uncertainty,” he said in an English voice message to a colleague that night. A picture of just how far the scientist went to fulfill his dream emerges from a Wall Street Journal examination of his notes, emails, voice memos, clinical-trial documents and from interviews with people who knew him, some of whom were familiar with his trial, and the birth of the babies. His drive and interests were hardly secret: A small group of highly regarded Western peers watched from the sidelines, offering advice and urging caution… His team found 22 couples eager to conceive, some with fertility issues. The men were HIV-positive; the women weren’t. Visiting their homes, Dr. He’s team used PowerPoint slides to show how they would develop the couples’ embryos and edit genes to cause a mutation that research showed made it possible to resist HIV. The embryos would be implanted in the mothers. Some slides noted potential risks, such as unintended consequences. Others showed a woman saying: “I want a child.”