Der chinesische Menschenversuch

Dienstag, 25.12.2018

Kathrin Zinkants Aussage in dem ersten Artikel in der SZ wollte ich noch überprüfen, v.a. die Aussage ob Kathy Niakan wirklich als erste europäische Wissenschaftlerin 2015 die Erlaubnis erhielt, menschliche Embryonen zu Forschungszwecken genetisch zu verändern und es Shoukhrat Mitalipov war, der als erster publizierte. Denn nicht alle “Twitter” Wissenschaftsjournalisten wissen wirklich, worüber sie schreiben

sgRNAs selbst zu gestalten, aber ob sie dann auch funktionieren und nicht gleichzeitig an unerwünschten Stellen im Genom herumschneiden, muss erst in ausgiebigen Vorexperimenten geprüft werden. Dazu kommt, dass nur wenige Gene so gut untersucht sind, dass selbst Fachleute im Voraus sagen können, welche Effekte eine Manipulation im Menschen hätte. Selbst zu jenem Gen, das He Jiankui in den Babys verändert haben will, kommen immer neue Erkenntnisse hinzu. Zum Beispiel jene, dass die Träger eines solchen veränderten Gens schwerer an Influenza erkranken…Eine Menschenzucht, wie sie sich mancher in diesen Tagen ausmalt, ist eben doch alles andere als ein Kinderspiel.

gRNA ist der Oberbegriff, den ich hier verwendet hätte. sgRNA steht für single guide, vereinzelt auch für small oder short guide RNA, und ist in der aktuellen Nomenklatur das Composite aus crispr RNA (crRNA) das an die tracrRNA (das Gerüst für die Cas Nuclease) angeheftet wurde.
Ich verstehe nicht recht, welche “ausgiebige” Experimente sie meint – die aktuelle Situation ist doch so dass nur 1/10 der Doppelstrangbrüche  korrekt repariert wird, man also immer an Tochterzellen überprüfen muss, was passiert ist.
Und natürlich können wir vorhersagen können, welche Auswirkung eine Mutation im menschlichen Genom hat (-> OMIM oder NCBI Clinvar). Ob das , u.a. wegen des genetischen Backgrounds immer stimmt, ist eine andere Frage.
Es ist aber wohl nur für die Journalistin eine neue Erkenntnis ,  dass CCR5 Defekte den Influenza  Verlauf beeinflusst, das Problem kennt man seit 20 Jahren. Nicht umsonst hat die SZ Redaktion auch den grössten Bock schon berichtigt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde behauptet, dass Menschen mit der im Text geschilderten genetischen Veränderung weniger an Grippe erkranken würden. Das Gegenteil ist der Fall. Das veränderte Gen schützt zwar vor einer Infektion mit dem Aidserreger HIV, steht zugleich aber in Zusammenhang mit schwereren Krankheitsverläufen der Grippe. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Ihr neuester SZ Artikel fliegt noch höher “Der Mensch steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters”

Der Mensch ist durch moderne Gentechnik in der Lage, seine Evolution in die eigene Hand zu nehmen. Er kann gezielt tun, was bislang weitestgehend dem Zufall und der natürlichen Auslese überlassen war, er kann sich vorteilhafte Eigenschaften verleihen und unvorteilhafte Merkmale auslöschen, direkt im Erbgut, weil er es will.

Von einem missglückten Gentherapie Versuch zu der Evolution der Menschheit ist es ein weiter Weg. Will man sich wirklich auf so eine Argumentation einlassen? Nach den aktuellen Prognosen wird die  Überbevölkerung oder der Klimawandel doch vorher alle Mutanten ersticken.

Ausgerechnet in der Woche, in der He Jiankui die Welt den Crispr-Baby-Schreck einjagte, fand mitternächtlich sogar eine Bundestagsdebatte zum Thema statt. Die FDP hatte den Antrag gestellt, Chancen vor Risiken zu sehen und die neue Gentechnik politisch zu umarmen. Über ein Antragsbashing ging die Debatte aber nicht hinaus. Was umso bedrückender ist, als dass alle Redner gut informiert erschienen. Sie wussten um die Unterschiede zwischen individuellen Gentherapien und einem vererbbaren Eingriff in die Keimbahn, sie hatten auch die Ereignisse in Hongkong wahrgenommen. Die entscheidende Frage nach einem Umgang mit den Möglichkeiten aber ließen sie aus, sie verwiesen auf die Einigkeit in der Wissenschaft, dass solche Menschenversuche abzulehnen seien. Was so aber nicht stimmt. Der Mehrheit der Wissenschaftler geht es allein um den Zeitpunkt, und wer sich mit Crispr und seinen Fähigkeiten befasst, weiß, was auf die Menschheit zukommt. Man kann es verdammen oder begrüßen: Auch ganz ohne den Einfluss eines außerirdischen Monolithen steht der Mensch an der Schwelle eines neuen Zeitalters, das nicht allein durch künstliche Intelligenz geprägt sein wird, sondern massiv durch die Gentechnik. Es obliegt dem menschlichen Willen, diesen Schritt zu gestalten. Oder, um es mit Harari zu sagen: “Die wichtigste Frage der Menschheit ist nicht: Was dürfen wir nicht? Sondern: Was wollen wir werden?”

Gut, dass Zinkant weiss, worum es der Mehrheit der Wissenschaftler geht, ich weiss es nicht. Und rhetorische Fragen? Dienen nicht dem Informationsgewinn, sondern sind sprachliche Mittel der Beeinflussung, sagt Wikipedia. Lässt der Autorin allerdings jede Freiheit, später zusagen “das habe ich doch nicht gesagt”.

Ich werde im nächsten Jahr in einem Artikel mal den theologischen Hintergrund untersuchen, wie das Menschenbild in der Genesis (als Spiegel des Gottesbildes) zum Menschenbild der Neo-Genesis wurde . Die Neo-Genesis ist eigentlich nichts anderes als Spiegel der technischen Machbarkeit, übermalt mit pseudomedizinischen Argumenten.

Die SZ hat ein nicht repräsentatives Meinungsbild (N=995)

Liebe SZ Redaktion, der Antipode zu “ethisch nicht vertretbar” ist nicht “wichtiger medizinischer Fortschritt”. So ist das intendierte Wahlfälschung.